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Jüdische Rundschau · 1935-04-09 · Heft 29 (9.4.1935) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 29 (9.4.1935)
Date
1935-04-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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11- 4. V33S fi7 ftt.ji/ Jahrgang 40 Preis 25 Rpl JÜDISCHE RUNDSCHAU f^iifttollnfiVanlai n. AnidcaavarwaltaBf ■ Berlin W15, Metneka»**.H fmrai: Samraal-Nr.J 1 Bismarck 3181/82,7165/70.7240/«. - BeiURsprei. f. MonM 2,-, I« Viartal|ahr RM S.7S - PoMtchcck-Kontcn dar Vertriebi - Abteilung ßcfftia 71571 (»r GroS-Berlin), Berlin 17392 (für du Bbriga Reich). Auslandsttiag l» ieweilig« Landatwibrung. - Erscheint Jeden Dlenite2 »ad Fraltaf. BERLIN rrsnn )D^i n DIENSTAG, 9. APRIL 1935 AnialfMipralallit« Nr. 3 gttltif• Die 12ga*p. mm-Zeile 20 Rpt, für Stell ens«. 10 RpU für Femillemiachrlchten 15 Rpf- Elruelnueigen nur gegen Vorauszahlung an Schalter oder aui Poetacheck-Konto Berlin 71618 Montag bia Donnentag 9-18 Uhr, Freitag 9-16 Uhr. AnnahmeachluS für die Dienatag-Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag-Ausgabe Mittwoch 13 Uhr (Familicnarueigen bis Donnerstag 10 Uhr) Oer Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) DEM ANDENREN DES RABBI MOSCHE BEN MAIMON in der Ueberlieferung RAM BAM genannt Achthundert Jahre nach seiner Geburt Von Maimonides kennen die meisten „aufgeklärten" Juden nur den IS amen. Man miß, daß er der repräsentative Jude des Mittelalters ist. Ob seine Werke den Juden unserer Zeit viel zu sagen haben, darüber wagen wir keine Entscheidung zu treffen; Berufene sprechen in unserer heutigen Ausgabe auch über diese Frage. Bialik, gewiß eine Autorität ersten Ranges, war der Meinung, daß für das werdende jüdische Palästina die Erneuerung der Ranibam-Kennlnis von entscheidender Wichtigkeit sä. Die neuen, leicht zugänglichen Ausgaben mögen auch viele deutsehe Juden veranlassen, sich mit dem Wesen des Denkers vertraut zu machen. Aber wir verschließen nicht die Augen vor der Tatsache, daß der sogenannte moderne Mensch, ier im Lebenslempo unserer Zeit steht, kein direktes Verhältnis za den Schriften des Maimonides hat. Dennoch feiern wir alle, feiert das ganze jüdische Volk das Andenken dieses Mannes. Ein Jude wurde vor 800 Jahren geboren, der eine geistige Wende zu befördern mithalf. Dies gibt gerade in dieser Zeil, die in gewaltigem Ringen vor unseren Augen geistige Entwicklungen von Jahrhunderten zu revidieren versucht, ein Gefühl des Zusammenhangs über die Grenzen von Zeit und Raum hinweg. Wir erleben z. B. in Deutschland, wie das historisch Gewordene, das in ruhiger Zeit als selbstverständlich unproblematisch hingenommen worden war, kritisch zergliedert wird: ein neues Lebensgefühl wendet sich gegen Einwirkungen, die Jahrhunderte zurückliegen, versucht artfremde Einflüsse auszuschalten, z. B. die Rezeption des Römischen Rechts rückgängig zu machen. Riesige Zeiträume und Kullurepochen liegen mit einem Mal wieder offen vor uns. Auch für uns Juden ist die Vergangenheit nähergcrückl. Ahnen werden Zeitgenossen. Darum fühlen auch die Juden, die die Schriften des Bamham nicht lesen, die Größe des Tages, und die Talsache, daß wir, gemeinsam mit den jüdischen Brüdern überall in der Welt, ihn feiern, ist ein Phänomen, das uns zum Bewußtsein unserer Verbundenheit und unseres geschichtlichen Wesens bringt. Mehl in der Ablehnung anderer wollen wir unser Judentum finden, sondern in diesem gemeinsamen Erleben. Der 800. Geburtstag des Rambam, der ein „Emigrant" war, füllt in eine Schicksalszeit des Judentums. Um so stärker empfinden wir alle, Gelehrte und Laien, die Pflicht, uns Rechenschaft über einen Weg des Geistes durch die Jahrhunderte zu geben. In diesem Sinne ist die heulige Ausgabe der „Jüdischen Rundschau" fast ausschließlich der Figur des Rambam gewidmet. Das cinsige überNe/rrtc (in seiner Echtheit angezwtijelte) Bild des Maimomdts Der Aufklärer und der Gläubige Von- Professor Dr. David Baumgardt Friedrich Nietzsche hat in seiner späteren Entwicklung trotz seiner Feindschaft gegen Christen- und gegen Juden- Christentum oft eine überraschend hohe Schätzung des originären Judentums bekundet. So findet sich z. B. in seinem „Jenseils von Gut und Böse" (Aphorismus 25!) neben anderem auch die Bemerkung, die Juden als „die reinste Hasse, die jetzt in Europa lebt", dankten ihre „Tugenden, die man heule gern zu Lastern slempcln möchte'', vor allem „einem resolulen Glauben, der sich vor den modernen Ideen nicht zu schämen" brauche. Es wäre sehr gefährlich und bereits ein Zeichen bedenklicher religiöser Erschlaffung, wenn wir uns in einem solchen Lob bequem sonnen Wollten. Aber das dürfen wir wohl sagen, daß das Judentum in Mendelssohn und Cohen, in Philo, Bubcr und Rosenzweig immer wieder diese Fälligkeit des Standhaltcns auch vor dem jeweils iptieuslen Denken" gewagt hat, und daß ihm dies Standhalten 3m leuchtendsten und führendsten wohl einst in der Gestalt Beines Moses ben Maimon gelang. Die europäische Menschheit lebt seit fast drei Jahrtausenden geistig in einer gefährlichen Spannung. Aus dem östlichen Millelniccrbccken' erhielt sie in dem Jahrtausend vor Christi Geburt zwei urmächtige, aber gegenteilige Impulse durch Griechen- und Judentum. Die Grundbegriffe der europäischen Wissenschaft sind enIscheidend von den Griechen, das religiöse Leben Europas ist entscheidend von den Juden 'nsnirierl worden. Die ersten nachchristlichen Jahrhunderic Wien zunächst noch vielfach eine rasche Verschmelzung von Rricchischein und jüdischem Geist für möglich. Erst das frühe Mittelalter hat den Kontrast tiefer empfunden. Aber wohl keiner hat damals den Widerstreit zwischen 'ussen und Glauben, um den es hier geht, bewußter fixiert U|Kl glücklicher ülrerwunden als Maimonides. Seine islamihen und seine jüdischen Vorläufer haben entweder einstiger für die Offenbarung Partei genommen oder sie haben °ch den harten Gegensatz zwischen Glauben und Wissen nur ^gestumpfter gefühlt. Maimonides aber hat mit ganz gleicher faft als Aufklärer und als Gläubiger gewirkt. Er allein ist nter allen seinen Zeitgenossen zugleich Wissenschaftler — [•rch seinen Morch Newuchim — und geradezu religiöser •Reformator" — durch seinen Mischnch Tliora — gewesen. ret aus dieser Doppellcistung ist es zu verstehen, wie gerade ^in Name sich dem Gedächtnis seiner jüdischen Mit- und achwclt und auch dem christlichen Denken so unvergänglich '«prägen konnte. , Die Originalität des Maimonides darf im buchstäblichen, >n stofflichen Sinne nicht überschätzt werden. Er baut wie» * die jüdischen, die mohammedanischen und die christlichen Denker seiner- Zeit besonders breit auf der Arbeit Beiner Vorgänger auf. Und die erbitterten Gedankenkämpfe jener Epoche: ist die Welt als ewig anzusehen (wie dies im Anschluß an Aristoteles gelehrt wurde) oder ist sie (wie die Offenbarung fordert) durch den freien Schöpfungsakt eines persönlichen Gottes entstanden, können wir Eigenschaften Gottes erkennen oder nicht —, alle solche Streitfragen liegen uns heute viel ferner als etwa die Hauptprobleme Piatos oder die Gedankenwelt der Bibel, obwohl unsere Bibel und die platonischen Dialoge fast zwei Jahrtausende vor Maimonides entstanden sind. Was also soll uns dies noch? Diese Frage der Pcßach-llgadah dürfen, ja müssen wir an dem heurigen l'eßaeh auch an das Gedankenwerk des Maimonides richten. Maimonides zeigt uns, wie mir scheint, auch heute noch denkwürdig, daß die großen Aufklärer nur die sind, die auch die Grenzen des bloßen Wissens, des wissenschaftlichen Erkenneiis sehen können. Und die großen Gläubigen sind nur die, die auch dem strengen kritischen Forschen seinen Platz zu sichern verstehen. Aber viel mehr noch: die Gegenstände unseres heutigen Wissens und auch weithin der Gehalt unseres heutigen Glaubens ist zwar nicht mehr der des Maimonides und seiner Zeit. Aber in schwersten Konflikten zwischen Glauben und Wissen leben auch wir noch. Es sind andere, doch zugleich sehr verwandte Konflikte. Ganz allgemein hat sioh im großen und ganzen in den letzten Jahrhunderten die gewichtigste Arbeit der Metaphysik von der Kosmologie auf die Moralnroblemalik verlagert. Bei Spinoza, bei Kant wie bei Fichte, hei Schopenhauer wie bei Heidegger. Aber nicht nur auf diesen Höhen des Geistes, auch in seinen Niederungen wird heute überall erregt über Glauben und Wissen in unserer Metaphysik und in unserer Sittlichkeit gestritten. Haben wir ernstlich exakte, wissenschaftliche Einsicht in das Wesen sittlicher Werte? Oder vertrauen wir hier nur gläubig? Können wir präzise, wissenschaftliche Zusammenhänge aufdecken zwischen Macht und Recht, Stärke und Güte, zwischen Moralilät und Glücksstreben, zwischen dunklem, natürlichem Trieb und sittlichem Geist? Welches ist die wahrhaft vorbildliche Staatsordnung? Welches ist die gerechte Wirtschaftsglicderimg? Das können auch wir nicht exakt wissenschaftlich ausmachen, sondern hier müssen auch wir mehr oder minder „glauben". Unsere streng kritische Wissenschaft bleibt da stumm. Physik und Chemie, Biologie und Astronomie können uns hier nicht antworten — trotz der einzigartigen Triumphe, die sie uns in den letzten Jahrhunderten in der Durchforschung der Natur bringen konnten. In allen ernstesten Fragen des menschlichen Ethos herrscht heute noch ein meist unerträgliches Durcheinander von Glauben und Wissen. Auch uns täte daher ein neuer Maimonides bitter not, ein neuer Führer der Schwankenden, der uns klar sehen lehrte, wie weit wir in den entscheidensten Fragen unseres Lebens wissen können, und wie weit wir hier glauben dürfen. Die Berliner Universitäts-Feier Die vom Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde veranstaltete Feier anläßlich des zehnjährigen Jubiläums der Universität Jerusalem findet am Mittwoch, dem 10. April, 20'/» Uhr, in der Neuen Synagoge, Oranienburger Str. 30, statt. Redner: Direktor Stahl, Ministerialrat Hirsch, Prof. Elboßen, Dr. Prinz, Dr. Klee, Dr. Salli Hirsch. Hie heutige Kummer enthält u. a. Beiträge mul Aenßernngen von Achad IIa am Leo Baeek Prof. Baumgardt Hugo Bergmann ( Ii. \. Bialik Hermann Cohen Ismar Elbogen Ahron Sandler Max Wiener Oskar Wolfsberg Von der Freiheit des Menschen Jedem Menschen ist Freiheit gegeben: will er sich dem guten Wege zuwenden und ein Gerechter sein, so hat er die Freiheit dazu; will er sich dem schlechten Wege zuwenden und ein Frevler sein, so hat er die Freiheit, dazu. Nicht komme es dir in den Sinn, was die Toren unter den Völkern der Well und die meisten «Ier Hohlköpfe unter den Juden sagen: daß der Heilige, gesegnet sei er, mit der Gehurl des Menschen über ihn beschließt, ob er ein Gerechter oder ein Frevler werden soll. So ist es nicht, sondern jeder Mensch kann ein Gerechter werden, wie Mosche, unser Lehrer, oder ein Frevler, wie Jarobam, er kann weise werden oder beschränkt, barmherzig oder grausam, geizig oder vornehm, und so ist es mit all den Eigenschaften. Doch niemand ist da, der ihn zwänge, niemand, der's über ihn lxssehlösse, niemand; der ihn hinzöge nach dem einen von zwei Wegen; sondern aus sich selbst und seiner Erkenntnis wendet er sich dem Wege zu, den er wilL Welches ist die vollendete Umkehr? Wenn einer an ein Ding gerät, an dem er sich einmal vergangen hat, und er die Möglichkeit hat, es wieder zu tun, doch sich absondert und es nicht tut, um der Umkehr willen, nicht aus Furcht und nicht aus Schwäche. (Aus dem „Mischne Thora" des Rambam) Der Rambam-Monat ausgerufen Am 4. April, 3.1 S Uhr nachmittags, wurde vom Amphitheater der Hebräischen Universität auf dem Skopusberg in Jerusalem aus der „Rambam-Monat" feierlich proklamiert. Der Zeremonie wohnten die Mitglieder der Zionistischen Exekutive und des Aktions-Comites, Vertreter des Oberrabbinats und der jüdischen Gemeinden sowie führende Persönlichkeiten aus allen Ländern bei. Den Vorsitz führte Ben Zwi. Sokolow hielt eine Ansprache, in der er >agte, unserer verwaisten Generation tue eine Rückkehr zum Geist des Rambam not, der eine unermeßliche Quelle jüdischer Ethik ist. Der Vertreter des Waad Leumi, Elmaieh, kündigte an, daß die große Feier, die auch eine Wallfahrt zum Grabe des Rambam in Tiberias einschließt, zu Peßach beginnt; nähere Einzelheiten gab Ben Zwi bekannt. Die Oberrabbiner Kuk und Meir sandten Begrüßungsschreiben. Namens der Universität sprach Rabbi As sah

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