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Jüdische Rundschau · 1935-04-02 · Heft 27 (2.4.1935) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 27 (2.4.1935)
Date
1935-04-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 27, 2. IV. 1935 Briefe an die Redaktion Nürnberg, den 28. März 1935 Redaktion der „Jüd. Rundschau" Auf das Eingesandt in Ihrer Nr. 25: „Warum vergißt man Waschti Y" möchte ich folgendes bemerken: Gewiß sträubte sich das Anstandsgefühl Waschtis, der Enkelin des Babylonierkönigs Ncbukadnezar dagegen, vor Volk und Fürsten Per>iens vollkommen nackt nur mit der Krone auf dem Haupte, zu erscheinen. Doch der Midrasch lehrt, daß diese Zumutung Achasehweroschs - und nodi Frankfurt-Main, 27. März 1935 Sehr geehrte Herren! Ihrem Einsender „Gershon Ben'' mörhte ich folgendes entgegnen: auch unseren Talmudweisen fiel es schon auf, daß die Königin \\ a - h!i vorn Verfasser des Estherbuches .schlecht behandelt wird. Ihr jmli-ches Gerechtigkeitsgefühl ließ sie nach einem Grund dalür im Text suchen und in dem Satz finden: Esth, I, 9: „Auch die Konig.n Waschti veranstaltete ein Gastmahl für dir: Erauen im königlichen Paln>t. der dem König Ahasvcro«. gehölte." Dieses soiUe doch im Fraueiipatast stattüiidc». Die Königin Waschti eine göttliche Strafe für sie war, weil sie jüdische Mädchen am Schabbat nackt für sich arbeiten ließ. Eine Andeutung finden wir in den Worten: Bajom haschwi'i (Vers 10), worunter der Schabbat zu verstehen sei. Raschi deutet das: Watemaen hamalka mit: Sie begann aussätzig zu werden, so daß ihr nichts anderes übrig blieb, als dem Befehl des Königs zu trotzen, und ihr Tod war eine Sühne für ihre Unbarniherzigkeit. Mit Zionsgruß David Warszawski eine ErklSruug Raba erwiderte: Beide hatten sündhafte Absichten. An diese Stelle von Baroli, Megillah 12 a und b anschli ßend deutet Raba die Vers« Esth. I, 10 und II, 1 dahin, daß schwere Uebergrilfc der Königin gegen Wehrlose vorausgegangen seien; denn Gott verfahre so gegen die Menschen, wie sie sich betragen haben. — Die immanente Gerechtigkeit der Weltlciiung ist der Tradition selbst ve r >t änd I icl le G rund Voraussetzung. I.ielx-volles Versenken in den Text läßt sie die Stellen finden, aus denen sie ihren Standpunkt im Einzellall belegen kann. Elijahu ben Jaakow Auf drei Dingen sieht die Welt Kleve, Schabbatau-gang, 30. 3. 35 Verehrte Redaktion' In Nr. 26 der ,,J. R." setzen Sie an den Kopf der S. 3 ein Wort des R. Schimm) h. Gamliel: „Auf drei Dingen steht die Welt, auf Reiht, Wahrheit und Frieden". Dies geschieht, wahrend Sie den Aivang einer Erzählung von Ges-on Stern abdrucken, die er nennt: „Auf drei Dingen steht die Welt." Ich möchte die Le-er der „J. R." darauf hinweisen, dali die „Pirke Alwth'' (Sprüche d-r Väter) in Kap. I. 2 folgenden Satz bringen: ..Schimon der Gerechte (hazzadik) ... pflegte zu sagen: auf drei Dingen steht die Welt: auf der Tlmra, auf der 'Awoda (was mit Dienst, Tun u. ä. übersetzt wird) und auf dem Erweisen von Liebestaten." Vergleicht man diesen Satz mit dem des Schimon ben Gamliel, I, 18, so findet man, daß im Satz des Schimon hazzadik das hebr. Wort für stehen ,.omed" heißt, in dem Satz des S. b. G. aber „kajjam". Der Unterschied laßt sich etwa so ausdrücken: omed meint das „Stehen auf etwas", also: ,,die Welt ruht auf Thora u. s. f.", kajjam aber: „wird erhalten durch", ,,hat Bestand, Dauer durch" ..... also: „die Welt wird erhalten durch Recht, Wahrheit und Frieden". Näheres darüber findet sich u. a. im Kommentar zum Gebetbuch von S. R. llir.sch (Siddur t'tiiloth Jtsrael). Es kommt mir nur darauf an, daß den Lesern der ,,J. R." und der Sterifecheri Erzählung die Heiden Fassungen, wie sie als Anfang und Abschluß eines Kapitels unseres Schrifttums um zum Nachdenken zwingen, vorgestellt, werden. Welche der beiden Sätze Stern meinte, als er den Titel seiner Erzählung wählte — ich sprach mit ihm darüber, als er vor 8 Tagen bei uns m Gast weilte —, das möchte ich nicht vorwegnehmen, die Erzählung wird es zu erweisen haben. Schalom! Emil Mannheimer, Lehrer In Antwerpen fand im März eine große Palästina- Ausstellung mit Bazar unter dem Protektorat der belgischen Königin statt. Die Einnahmen sind fiir die Errichtung eines König-Albert I.-Wa!d in Palästina bestimmt. Im Rahmen der Aussteilung gab Josef Schwarzmer-Lengyel einen Liederabend. Im Jüdischen Altersheim von Montreal ist der älteste Jude Kanadas, Leib Weichowski, im Alter von 109 Jahren gestorben. Schach Dr. Abrewaja der erste jüdische Abgeordnete des türkischen Parlaments. Vgl. dazu den Artikel über das türkische Judentum in Nr. 25 der „Jüd. Rundschau". Dr. Abrewaja ist 1881 in Smvrna geboren, 1909 bis 1920 war er erst Assistent und dann Professor der Pathologie an der Universität Stambul. Die Maimonidesf eier in Madrid Eine Enttäuschung Die Maimonidesf eier in Madrid ist beendet. Es wäre verfehlt, sich über ihren Verlauf und über ihr Ergebnis Illusionen zu machen. Von fern sieht alles größer aus, und das Programm wird für die Tat gehalten. Was ist geschehen? Ein Komitee, von Journalisten und Schriftstellern vor allem, hat sich gebildet; es hat einige Vorträge veranstaltet, zu denen sich wenige Hörer einfanden, und hat endlich den sogenannten „Staatsakt" organisiert: eine Feier vor knapp 100 Menschen, bei der einige Herren aus dem Komitee, die Abgeordneten von zwei Akademien und zum -Schluß der Unterrichtsminister sprachen. Sie erzählten das Leben des Maimonides, sie sprachen von seinem Einfluß auf die Philosophie des Abendlandes, von seinem vorbildlichen Wirken als Arzt im Dienst an Juden und Nichtjuden; von den verschiedensten Blickpunkten aus sahen sie den Menschen und sein Werk. Aber in einein Irrtum waren sich alle Redner des Abends einig: sie leiteten die Berechtigung der Jahrhundertfeier aus dem „Spaniertum" des Rarnbam her. Die Feier konnte in keiner Weise befriedigen. Das Festkomitee hatte nicht den Anschluß an die Kreise gefunden, die interessiert werden mußten. So kam es, daß die Universität, an der ein Lehrstuhl für Hebräische Sprache und ein weiterer für Rabbinische Literatur besteht, nicht vertreten war, und ebensowenig das Centro de Estudios Histöricos, das eine eigene arabische Sektion hat. So kam es auch, daß unter den Zuhörern kein Student zu sehen war. Zu diesem äußeren Grund für das Versagen der Veranstaltung kommt ein innerer Grund: ist es möglich, heute weitere Kreise in Spanien an Maimonides zu interessieren? Was können den Spaniern seine Schriften bedeuten? Wie soll ihnen der Mensch lebendig werden? Alle diese Fragen können nur negativ beantwortet werden. Und auch die Versuche, Maimonides als Spanier jüdischen Glaubens herauszustellen, müssen seheitern: in den dreizehn Jahren von seiner Geburt bis zur Flucht nach Afrika, auf spanischer Erde zwar, aber unter arabischer Herrschaft, mitten in arabischer Lebensart, kann er nennenswertes spanisches Geistesgut nicht in sich aufgenommen haben. So blieb es bei einer eindrucksloscn Feter, die gewiß von gutem Willen getragen war, die aber trotz ihres staatlichen Charakters nicht einmal von der Presse erwähnt wurde. Wie wenig auch hier die Leistung eines großen Juden mit seinem Volk identifiziert wird, bezeugt eine große Madrider Zeitung, die unmittelbar unter dem Bild der Synagoge von Cördoba, in der, wie fälschlich behauptet wird, Maimonides gelehrt haben soll, einen scharf antisemitischen Artikel brachte. Es scheint, daß die Festlichkeiten in Cördoba einen weitaus zufriedenstellenderen Verlauf nehmen werden. Dort kann durch die Berührung von Spaniern und jüdischen Gelehrten die Atmosphäre geschaffen werden, die der Erinnerung und der Wertung des großen Menschen günstig ist. Dr. Georg Sachs, Madrid tu Bearbeitet von 1. Mieses Die nachstehende Partie wurde im internationalen Turnier Moskau am 27. Februar gespielt. Französische Eröffnung. Capablanca Schwarz Lasker Weiß 1. e2—e4 «7—c6 2. d2—d4 d7—d5 3. Sbl— c3 Lf8—b4 4. S gl c2 ..... Eine interessante, noch nicht völlig durchforschte Variante. 4...... d5Xe4 5. a2— a3 L b4—e7 In einer Partie A lechin—Nimzowitsch (Veldes 1931) geschah hier: 5........ Lb4Xc3t, 6. Se2-c3. f7—f5, 7. f2—(3, e4X13, 8. DdlXO. wobei Weiß für den geopferten Bauern gute Angriffschancen bekommt. — Capablanca läßt sich nicht gern auf so riskante Spielweisen ein, aber wahrscheinlich hätte er es im vorli g nden Falle doch tun sollen, denn, wie der weitere Verlauf der Partie zeigt, erlangt Weiß nunmehr das bessere Spiel. 6. Sc3Xc4 Sg8—f6 7. Sc2—c3 Sb8—d7 8. Lei—f4! ..... Ein sehr guter Zug: er verhindert sowohl c7—c5 (wegen S c3—b5), wie auch c6—e5. 8...... S f6Xe4 9. S c3Xc4 S d7—f6 10. Lfl—d3 0—0 11. Se4X'6f Le7Xf6 12. c2—c3 Dd8—d5 Das ist kein gesunder Zug; Schwarz sollte lieber L c8—d7 ziehen. Ein Fehler aber wäre: 12. b7—b8 wegen 13. D dl—h5, g7—g6, 14. D h5 —f3, Ta8—b8, 15. Lf4Xc71 usw. 13. Ddl—e2 c7—c6 Auf 13. ..., D dSXg2, 14. O—O (oder auch L d3—e4) darf sich Schwarz nicht einlassen. 14. 0—0 Tf8—e8 15. T al—dl L c3—d7 16. T fl—el D d5—aS Eis drohte D e2—c2 nebst Tel —e5. 17. De2—c2 g7—g6 18. L f4—e5 L f8—g7 19. h2—h4! ..... Lasker geht nun ebenso geschickt wie energisch zum Angriff über. »19...... D a5—dB Die schwarze Dame ist nun mit Tempoverlust von ihrer verfehlten Expedition zurückgekehrt 2a h4—h5 Dd8—g5 21. Le5Xg7 Kg8Xg7 22. Tel—eS D g5—e7 23. Tdl—el Te8—g8 24. Dc2—cl Ta8—d8 25. Tel—«3 Ld7—c8 Der Läufer würde besser nach' r% von wo aus er den Baudeckt. r c3—h3 ..... der Drohung h5Xg6 nchtf 4i6f. ziehen, ern g6 26. ~ Mit D cl- 26...... 27. Del—h6f 28. h5Xg6 Stellung nach dem 28. Zuge Schwarz K g7—f8 T g8—g7 h7Xg6 —Ii' i | Ztw.* iE.' IfV i V' * * *i W- , 'V t,,* * *£M WM Wm mm ,4 \ ®.,&tp ni §R •?) ä % m 29. Ld3Xg6l ..... Dieses Opferangebot, das nicht angenommen werden darf, ist von entscheidender Wirkung. 29...... D e7~(8 Falls 29. . . . ., f7Xg6?, m 30. Dh6—h8f nebst 3L T h3 —-f3f usw. 30. Te5—g5 K f8—e7 Es gibt keinen besseren Zug füt Schwarz. 31. Th3—13 32. g2Xf3 33. Kgl—fl 34. T göXgö 35. D h6—h2 Am besten ist D hfl—f4. 35...... 36. D h2—14 37. c3—c4 38. D f4—h4 39. Dh4—h7f 40. Dh7—h8f 4L Dhsxfa D f6Xf3 Td8—g8 T g7Xg8 T gsxge * ■ hier sofortige! Ke7—d7 f7—f6 a7—a6 T g6-g5 K d7—d8 K d8—c7 T g5 t5 Das für Schwarz hoffnungslos« Endspiel wurde nach weiteren etwa 30 Zügen von Lasker gewonnen. Der Weg zum Gewinn bestand darin, daß Weiß seine Dame nach g3 brachte, dann c4—c5 zog und schließlich mit seinem König auf b6 eindrang, Eine spannende und gehaltvoll« Partie. Aus der Schachwelt Aus Kopenhagen kommt die betrübende Nachricht, daß der Scharrt, meistcr Aron Nimzowitsch an einem Lungenleiden gestorben ist. Er gehörte zu den größten und erfolgreichsten Spielern der letzten Jahrzehnte. Im Turnier zu Dresden 1926 errang er den ersten Preis vor Alechin. In Karlsbad wurde er 1929 erster Sieget vor Capablanca und Spielmann. Auch auf dem Gebiete der Schach, theorie hat er Hervorragendes geleistet und vielfach neue, sehr beachtenswerte Ideen entwickelt. Der Schachmeister J. Miese« hat wegen einer durch einen Autounfall verursachten körperlichen Indisposition seine geplante Palastina-Rcise auf den nächsten Herbst verschoben. 4. KAPITEL Bessinger war übler Laune. Er ging in seinem Büro auf ti»rl ab. Vor ihm saß Herr Lp vi, I^ehrer der Israelitisch«! Kiiltiisgcnicindn. Bessinger hatte die Türen sorgfältig geschlossen; die Angestellten brauchten nicht alles zuhören. „Was wollen Sic?", sagte Ressinger. „Tue ich nicht meine Schuldigkeit? Zahle ich nicht meine Kultus-Steuer? Zahle ich nicht mehr als fünfzig Andere zusammen?" „Ich weiß, ich weiß", seufzte Levi. „Ich kenne die Zahlen, Sie brauchen mir nichts zu sagen. Jeder zahlt nach seinem Einkommen, und, Göll sei gepriesen, Sie zahlen viel." „Nun, also!" rief Bessinger. Levi wurde verlegen. Aber er war hartnäckig. Er drehte den Hut, den er in seinen Händen hielt, und fuhr mit seinem Aermel über ihn hin. Er mußte hartnäckig sein. Fast hätte er geweint. Aber da» hätte Herr Bessinger kaum verstanden. „Es handelt sich um die Erhaltung des Gottesdienstes, Herr Bessingen Wir haben kein Minjan mehr am Schabbat Herr Bessinger, wie steht geschneiten?" „Sie brauchen mir keinen Vortrag zu halten. Ich weiß genug. Du sollst und du sollst und du sollst Du sollst den Schalibat heiligen. Wer soll ihn heiligen? Der Rabbiner, Sie, die Leute, die Zeit haben. Alle sollen ihn heiligen, meinetwegen. Aber auch der, der mit der Arbeit stellt und fällt? Hab ich Zeit, in den Tempel zu gehen? Hab ich es so gut wie Sie? Sie werden dafür bezahlt und gut bezahlt." „Ja, Herr Hetlinger. Ich werde dafür bezahlt. Vielleicht ist es traurig, für das bezahlt zu werden, was die Heiligkeit eines Lettens bedeutet." „Wir wollen es kurz machen, Herr Levi. Ich bin ein guter Mensch. Und wenn ich ein guter Mensch bin, bin ich ein guter Jude. Das ist auch Religion." Levi rief: „Und die Gemeinde? Wissen Sie, wer einst hier gesessen und studiert und eine Jeschiwa unterhalten hat?" Bessinger unterbrach den Lehrer: „Sie müssen mir nicht mit Worten wie Jeschiwa kommen. Wir sind moderne Menschen. Ich kenne die Gebräuche, mein Vater war orthodox. Ich habe Pietät. Aber es hat Grenzen. Ich bete auch zu meinem Gott. Manchmal, wenn ich nachsinne, was ist das Leben?, wenn ich sehe, wie die Jahre fliehen — bedecke ich mit meinern Arm den Kopf, ich habe doch kein Käppchen in der Tasche — und bete leise in mich hinein: Höre Israel... Ja, ich bin auch fromm." „Aber der Gottesdienst", stöhnte Levi, „heiliger Vater im Himmel", und es traten nun trotz allem Widerstreben Tränen in seine Augen. „Haben wir so gesündigt, daß wir zugrunde gehen sollen?" Eine Träne fiel auf den Hut von Levi, der sie rasch fortzuwisclien suchte. Diese Trane fiel auch in das Herz von Bessinger. Sie lag dort wie eine Last. Bessinger hätte auch stöhnen können. „Was heißt ziigniridcgehcn?", sagle Bessinger. „Sie sollen recht haben, Levi. Ich zahle für einen halben Minjanmann." Die großen, feuchten Augen von Levi blickten auf. Als Bessinger in diese Augen sah, die Augen dieses Levi, der so schmal war und so unbeholfen, der in seinen bescheidenen Kleidern in dem vornehmen Stuhl saß, und dessen Blick so viel Un gesprochenes aussprach, da konnte Bessinger nicht anders, er rief: „Ich zahle einen Minjanmann, einen ganzen Minjanmann. Und wenn ich Zeit hab, komme ich in den Tempel, wenn ich Zeit hab. Sie sind stärker als ich, Herr Levi." Diese letzten, scherzhaften Worte schwebten im Raum. Sie rührten an die Kraft heiliger Hingabe. Aber das konnte Bessinger nicht wissen. Und auch Levi nicht. Er lächelte nur. Und das sah eigentlich traurig aus. Berthelien war an das Krankenlager der Mutter gerufen worden. Sie traf dort mit ihrer Schwester zusammen. Und beide pflegten die Mutter. Berthchen atmete in dem Haus mit den kleinen Zimmern die Luft ihrer Kindheit An einem Vormittage war sie allein mit der Mutter. Die Schwester hatte die Nacht durchwacht und schlief nun. „Setz Dich zu mir", sagte die Mutter leise und langsam. Berthchen setzte sich auf das Bett, und die Mutter nahm Berthebens eine Hand und umschloß sie mit den blassen, knöchrigen Fingern ihrer beiden Hände. Berthchen sah voller Ehrfurcht auf die Hände, aus deren Rücken die Adern blau und stark hervortraten. Berthchen Iiitte aufschreien können: Mutter, Mutter, ich habe Dir nie gesagt, wie lieb ich Dich habe. Gott, mein Gott, seufzte Berthchen in sich hinein. Wir sündigen. Wir vergessen uns über unserer Arbeit. Wir vergessen, daß wir nie genug lieben können. Berthchen« Kopf senkte sich mehr und mehr, und schließlich lagen ihre Lippen auf dem Handrücken der Mutter. „Hör mir zu, mein Kind", sagte die Mutter. Aber Berthchen war zu ergriffen. Ihr Kopf lag auf dem Handrücken, „Hör mir zu, mein Kind", wiederholte die Mutter, „ich werde sterben." Berthchen richtete sich mit einem Ruck auf. „Nein, nein, Mutter, Du mußt bei uns bleiben. Du sollst es schön haben, Mutter." Berthchen mußte weinen und konnte nicht weitersprechen. Die Mutter wartete. Dann sagte sie: „Mein Kind, ich hab es schön gehabt all mein Leben. Vielleicht nicht so, wie Ihr es schön nennt. Ich war geborgen all mein Leiten. Ich hab Schmerz und Leid gehabt Ich hab immer Trost Befunden. Ich war nie verzagt. Ich war nie allein. Ich hab rieden in mir gehabt. Ich war glücklich, Berthchen." Die Mutter mußte sich zurücklegen. Sie schloß die Augen. Berthchen sah in das furchendurchzogene Gesicht und sah, daß es ein Lächeln trug. Berthchen preßte die Lippen auf* einander, um nicht aufheulen zu müssen. Es war ihre Mutier, die da lag, schwach, kaum atmend, die Augen in liefen Höhlen. Und sie wollte sterben und lag da in Frieden und lächelte. Die Lider der Augen hoben sich ein wenig. Sie suchte"* erst im Raum, bis sie Berthchen fanden. Berthchen legte ihren Kopf auf den Bettrand. Da hob die Mutter die Hände, daß sie in Berthchens Haar einsanken, und die Mutter sprach den Segen über ihre Tochter. Die Worte waren nicht ganz die üblichen. Berthchen stockte das Herz, als sie den leichten Druck der Hände fühlte und die Worte hörte, die langsam und »lockend verhauchten: „Der Herr segne Dich. Er lasse Dir sein Angesicht leuchten, daß Du ihn findest Er gebe Dir Frieden von nun an bis in Ewigkeit" Die Trauerzeit schien Berthchen verändert zu haben. Einschnitte zogen sich um ihren Mund. Sie hörte zu oft: Friede0 von nun an bis in Ewigkeit Von wann an? Von heute? > "n morgen? Das Heute stand wieder vor ihr. Berthchen wehrte sich* Aber sie wurde hineingezogen in die Arbeit Das Herz krarnpf •« sich manchmal. Die Arbeit fragte nicht darnach. Berthchen sagte nichts, sie schluckte alles in sich hinein, bis es eine Tages nicht mehr ging. , , .» 8 56 (Fortsetzung folgt)

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