Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 27 (2.4.1935)
- Date
- 1935-04-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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mmmm JODISCHE RUNDSCHAU Palästinensische Umschau NR. 27, 2. APRIL 1935 :Pfi Das erneuerte Volksfest Purim In Tel - Awlw Von Manfred Geis Im Anschluß an die von uns veröffentlichten telegraphischen Berichte Ober die Purimtage in Tel-Awiw (vgl. auch die Bilder in Nr. 26) geben wir nachstehend noch eine zusammenfassende Reportage. Red. Tel-Awiw, 21. März Drei Tage pulsierenden Lebens, farbigster Bewegtheit krönten Vorbereitungen von Wochen und Monaten. Von den Veranstaltungen des Vorjahres unterschieden sich die diesjährigen im wesentlichen dadurch, daß der Festzug der „Adlojada" nicht am Purim selbst, sondern am Tage später, am Schuschan-Purim, stattfand, und daß breitesten Massen insofern Gelegenheit gegeben wurde, den Aufführungen der Purim-Spiele beizuwohnen, als man den Festspiel-Platz auf ein großes noch unbebautes Terrain verlegte, auf das der Rothschild-Boulevard und die Achad-Haam-Straße münden und wo in Kürze der Bau des neuen Stadtverwaltungs-Gcliäudes und des neuen Habima-Theaters beginnen sollen. Der Platz vor der Oper Mograbi, ein Kernpunkt des Wagen- und Fußgänger-Verkehrs, war also frei, eine begrüßenswerte Aenderung. Massenbesuch. Tel-Awiw dürfte noch niemals eine so große Zahl von Gästen beherbergt haben. Man schätzt die Besucherzifferauf 250 000. Das bedeutet eine Verdoppelung der städtischen Einwohnerzahl, wenn man die Vororte mit hinzurechnet. Bezeichnend für den ungeheuren Zustrom ist die Tatsache, daß die Autobusgesellschaft „Egged" von Jerusalem nach Tel-Awiw einen Drei- Minuten-Verkehr eingerichtet hatte und sämtliche Wagen bis auf den letzten Platz gefüllt waren. Die Tel-Awiwer Taxi-Chauffeure arbeiteten an den Festtagen durchweg etwa 19 Stunden täglich und es war trotz außerordentlicher Preise kaum möglich, einen freien Wagen aufzufinden. Auch das Geschäft der arabischen Autobus-Kooperative florierte und besonders am Tage des Festzuges konnte man in zeitlich ganz kurzen Abständen einen übervollen Wagen nach dem anderen in Tel-Awiw einlaufen sehen, denen buntfekleidetc Araber mit Frauen und Kindern, meist aus dem benachbarten Jaffa kommend, entstiegen. Die Zentren der Stadt waren festlich illuminiert, die Schaufenster standen im Zeichen des Purim, die Kreuzungen der Straßen, die der Festzug passieren sollte, waren mit Toren versehen, von denen in bunten Farben Figuren aus der Megillath Esther heruntergrüßten. Das Straßenbild war belebt von buntesten Kostümen. Insbesondere waren es die Kinder, die schon am Tage Gelegenheit nehmen durften, sich der Freude des Verkleidens hinzugeben, von der die Erwachsenen erst an den Abenden Gebrauch machten. Die Megillah - Vorlesung. Am Montag Abend löschten die elektrischen Lampen der ganzen Stadt für zwei Minuten ihre Lichter. Fanfarenstöße verkündeten den Beginn der Festlichkeiten. Die Polizei leitete den Verkehr in die Straßenzüge ab, zwischen denen die große Synagoge liegt, auf deren Dach das Symbol des brennendem, aber nicht verbrennenden Dornbusches sichtbar wurde. In allen Bethäusern der Stadt harte sich eine riesige Menschenmenge angesammelt, um der Vorlesung der Megillah beizuwohnen. Vor der großen Synagoge selbst lauschte eine Versammlung von etwa 15 000 Personen der Wiedergabc durch den Lautsprecher, die um 6.15 Uhr mit der Ansage begann: „Achtung, Radio Tel-Awiw, Große Synagoge, Sie hören die Vorlesung der Megillah, Achtung". Die Vorlesung der Megillah schloß mit den traditionellen Segenssprüchen und dem „Schoschanath Jaakov". „Im Palast der KOnlgln Esther". Einen überwältigenden Eindruck empfing man von dem Punm-Fcstspiel, das um 7.15 Uhr im „Palast der Königin Esther" auf dem früher erwähnten Festspiel-Platz dargeboten wurde. Die nahen Pardessim sandten den Duft ihrer blühenden Bäume herüber. Eine Menge von etwa 40 (WO Besuchern wohnte dieser Aufführung bei. Es herrschte eine vorbildliche Organisation der zu- und abströmenden Massen. Der Ordnungsdienst wurde versehen von jüdischer und englischer Polizei, Mitgliedern der Feuerwehr und Helfern, die die Jugendverbände gestellt hatten. Die Station der Ersten Hilfe wurde von niemandem in Anspruch genommen. Auf der Tribüne der Ehrengäste sah man u. a. den Tel-Awiwer Bürgermeister Dizengoff. Als Auftakt zur Veranstaltung wurde durch Radio von ihm eine Begrüßungsrede an die Tel-Awiwer und die Gäste verbreitet. Die Regie des Spieles lag in Händen des Ohel-Regisscurs, Moshe Halevy, dem die Führung von einigen hundert Mitwirkenden: Schauspielern, Sängern und Sängerinnen, Tänzern und Tänzerinnen, die Verwendung von Orchester und Chören außerordentlich gelang. Man ist sich darüber einig, daß dieser Abend den Höhepunkt der gesamten vielfältigen Veranstaltungen bot. Purlmbfille. Kurze Zeit nach Beendigung des Festspiels waren die Straßen und Plätze der Innenstadt wieder überfüllt mit einer defilierenden, singenden bunten Menschenmasse. Auf den Hauptplät.:en tanzten Gruppen junger Menschen die Horra bis zur Ekstase. Gegen 10 Uhr füllten sich die Räume des Mograbi-Kinos und -Theaters, in denen die Schauspieler der satirischen Bühne „Matatd" den Tel-Awiwern den einen erollen Kostümball gaben, während ein zweiter vom „Ohel"- Thcater arrangiert, in den großen Pavillons des Messegeländes stattfand. Damit wurde das Messegelände zum ersten Male in die Purimgeschichte der Stadt mit einbezogen. Beide Festlichkeiten wiederholten sich auch an den darauffolgenden Abenden. Abgesehen von einer gewissen Verbundenheit zwischen Schauspielern und Publikum stellen die Purimbälle auch fine Einnahmequelle für die genannten Bühnen dar, die bei der Wirtschaftslage unserer Theater nur zu begrüßen ist. Erst als ein neuer Tag anbrach, leerten sich die Säle langsam und die nahegelegenen Cafehäuser hartem bis in die frühen Morgenstunden noch Gäste zu bewirten. Die Ausstattung des ,,M a t a t d"-Bal!s lag in Händen des bewahrten Bühnenbildners Emanueli (Luftglas). Ein wesentlicher Anteil am Geigen ist auf sein Konto zu setzen, Emanueli schuf eine Dekoration, die fundamentiert war durch die Geschehnisse am P persischen Hofe, von denen die Megillath Esther berichtet. Er verwandelte mit sichcrem Geschmack und feinem Farbensinn die sonst nicht sehr ansprechenden Räumlichkeiten des Mograbi-Theaters in prächtige Festsäle. Zu dem Ball des „Obel" auf dem Messegelände war ein extra Autobus-Verkehr eingerichtet. Freilich war der Ansturm der Massen ein so großer, daß das Publikum erst nach längerem Warten allmählich in den Wagen untergebracht werden konnte. Draußen herrschte der Hauptandrang im Tozereth Haaretz-Pavillon, der, da enorm langgestreckt, aber verhältnismäßig schmal, sich für eine derartige Veranstaltung als nicht übermäßig geeignet erwies. Im ehemaligen Britischen Pavillon waren die Verhältnisse nicht viel günstiger, zudem wurde das Hinüberwechseln von einem Saal in den anderen infolge der kühlen Nachtluft zu einer etwas gesundheitsgefährdenden Angelegenheit. Sollen die Messehallen auch in Zukunft derartigen Veranstaltungen dienen, so wird man aus den Fehlern, die diesmal noch gemacht wurden und die sich sicher umgehen lassen, zu lernen haben. Kinderfeste und Sportler. Der Vormittag des nächsten Tages war vor allem den Kindern gewidmet. Tausende von Kindern nahmen an den Festlichkeiten dieses Morgens teil, die ihnen im „Palast der Esther" geboten wurden. Der Chor der Großen Synagoge unter Leitung des Kantors Rawitz trat in Aktion, es wurden Tänze aufgeführt unter Begleitung eines Blasorchesters und eine „illustrierte Kinder- Megilla" verlesen, für die Avigdor Hamciri als Verfasser verantwortlich zeichnete. Der Nachmittag brachte das erste Tel- Awiwer Motorrad-Rennen auf dem Messegelände, u.a. sah man recht erheiternde Fahrwetthewerbc, die durch allerlei Hindernisse erschwert wurden, was die Anteilnahme und Belustigung des Publikums außerordentlich steigerte. Den Höhepunkt des Tages bildete ein Aufmarsch sämtlicher Sportverbände, die aus allen Ecken der Stadt kommend, sich in Richtung auf den Esther-Palast bin formierten. Man sah die Gruppen des Makkabi, des Hapoel, des Betar und des Athid, alle in ihren typischen Uniformen und begleitet von ihren Kapellen. Auf dem Platz selbst fand eine Parade statt, der sich Tanzvorführungen (einstudiert von Frau Ornstein)) und Vorträge anschlössen. Der Abend bot wieder ausgiebigste Gelegenheit, Kostümfeste zu besuchen. Es wird weiten Kreisen angenehm gewesen sein, durch die Verlegung des Festzuges auf den nächsten Tag die traditioneile Junm-Mahlzeit, die sich, bekanntlich bereits am Nachmittag beginnend, bis in den Abend hinein zu erstrecken pflegt, diesmal unabgelenkt vorbereiten und genießen zu können. Der FeStzua. Während am Purimtage selbst die Banken und ein großer Teil der Büros geschlossen hatten (in den Ladengeschäften jedoch außerordentlich stark gekauft wurde), stand Tel-Awiw bis zur Mittagsstunde am nächsten Tage wieder im Zeichen der Arbeit. Gegen 1.30 Uhr setzte eine lebhafte Bewegung in den Straßen ein, die Baikons, die Dächer, die Fenster wurden besetzt und eine Stunde später wartete, nicht zuletzt auf den Bürgersteigen der Hauptstraßen, eine nach Hunderttausenden zählende Menschenmenge aut das Erscheinen des Festzuges. Der Zug nahm seinen Ausgang vom Beth Haam in der Elieser ben Jehuda-Straße, das ebenso wie das gegenüberliegende Freilichtkino als Umkleideraum, Requisiten- und Kostümkammer für die Hundertc von Teilnehmern diente. Wer sich einige Stunden vorher in diesen Räumen aufhielt, konnte mit Erstaunen feststellen, wie sich Tel-Awiwer Kinder mit Hilfe von Kostüm und Maske verwandelten in Angehörige fremder Volksstiimme, wie aus einem jungen Mädchen eine Königin wurde, wie weißhäutige Männer freiwillig schokoladenfarbige Nubier aus sich machen ließen. Etwa um 3.15 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. Voran fuhr in Automobilen der Festausschuß. Man bemerkte u. a. die Bildhauerin Ghana Orloff, die Schauspielerin Ghana Rowina, den Chefingenieur der Irija, Schiffmann, den Maler Rubin, den künstlerischen Leiter des Festzuges, Moshe Halevy. Es folgten die Fahne der Stadt, die blau-weiße Fahne und die Fahne des Purim-Fcstzugcs mit der traditionellen Maske. Die Kapellen wurden gestellt von der Feuerwehr, dem Hapoel, dem Makkabi und anderen Verbänden. Die ersten Wagen und Masken symbolisierten die Knechtschaft in Aegypten. Die zwölf Stamme — das zur Freiheit gelangte Volk —, marschierten mit ihren Emblemen auf, die immer wiederkehrenden Judenverfolgungen in den Ländern der Gola fanden charakteristische Darstellung. Die A 11 j a h nach Palästina wurde symbolisiert durch riesige Schiffe, auf denen die Chaluziin eine wirkliche Horra tanzten (vgl. das Bild in der vorigen Nummer) und durch eine Eisenbahn, deren Lokomotive den Rhythmus empfing von dem stampfenden Takt junger Menschen. Das Ungeheuer Spekulation sperrt seinen Rachen auf und droht alles zu verschlingen, die Parzellierungswut wird ironisiert durch ein „Tel-Scharlatania". Begeistert applaudiert wird die Besatzung des jüdischen Schiffes „Tel-Awiw", die sich liebenswürdigerweise für den Festzug zur Verfügung stellte, da sie gerade einen Tag in der Stadt, deren Namen ihr Fahrzeug trägt, anwesend war. Die Hühnerfarm Ramat Haschawim — vornehmlich von deutschen Juden besiedelt — sandte einen Wagen. Der Mieterverband protestiert noch wie im Vorjahr trotz Mietsgesetz gegen die zu hohen Mietspreise, die vereinigten Studenten der Universität Jerusalem und des Haifaer Technikums sind vertreten. Ebenso wie die kaukasischen Bergjuden, die einen veritablcn Schwertertanz aufführen. Mit am schönsten waren die historischen Wagen, die Seereise der Königin von Saba zum König Salomo darstellend. Die Königin mit männlichem und weiblichem Hofstaat auf dem Schiff. Das Heer der Königin und die mit Geschenken bcladenen Kamele folgten. Die lokale Politik kommt zu ihrem Recht durch den Hochzeitszug Jabotinskys mit der Braut Ben Gurion. Betarim und Angehörige der Histadruth, beide in ihren Uniformen, tragen brüderlich vereint den Trauhimmel. Eine Propaganda für die Landesproduktion und einige Reklamewagen schlössen den Zug, der in diesem Jahr nicht ganz so belebt und von schöpferischem Geist durchtränkt schien, wie im vergangenen Jahre. Als der Zug von der Flieser ben Jehuda-Straße kommend, am Opernplatz in die Allenby einbog, setzte sich der mit Fahnen geschmückte offene Wagen des Bürgermeisters Dizengoff an die Spitze. Rund um die WIZO-Konferenz Zwei „Schnappschüsse" vor dem Konferenzgebäude Frau Dr. Vera Weizmann (rechts) mit Hadassa Samuel (Schwiegertochter Sir Herbert Samuels) phoL: IMU Borchar* Die Präsidentin der Wizo, trau Rebekha Sieff (London) im Gespräch mit Dr. Schmarja Levin 'PhoL.- Dum«» Das neue Ahawah-Heim Am 19. März fand in Kirjaih Bialik bei Haifa die Grundsteinlegung für das neue Haus der Kinderheimslälte „Ahawah" (früher Berlin) stall. Das Bild zeigt die l'räsidiums-Tribüne während der Ansprache des Hislril.lsgoueerneurs Keith Baach (stellend). Am l'räsidiumslisch (von rechts nach links): Dr. Stdoweitschik, Dr. Georg Landauer, Oberin Adele Berger /die Leiterin der Ahaw<di), Hermann Struck als Vorsitzender, Bei der Leier wirkte ein Jugendchor des Heims mit und nach der feierlichen Grundsteinlegung wurde die Veranstaltung durch einen fröhlichen llorratanz der Kinder abgeschlossen. Die Tafel über dem Präsidium trägt die hehr. Inschrift ,Jiw'not ulehihanot bah" („zu hauen und gebaut zu werden" sc: kommen wir in das Land) aus einem bekannten Chaluz-Lied Foto I.ou Unäautr Dizengoff selbst, noch deutlich Spuren schwerer eben erst überstandener Krankheit in seinen Zügen tragend, wurde während des ganzen Weges Gegenstand ununterbrochener Ovationen. Das Publikum verhielt sich ebenso wie bei all den übrn gen Veranstaltungen äußerst diszipliniert und die Rettungsstation hatte in nur wenigen ganz leichten Fällen Arbeit zu leisten. Der Absperrungsdienst wurde in vorbildlicher Weise besorgt von den Jugend- und Sportverbänden aller Richtungen. Um 7.30 Uhr abends fand auf der Tribüne des Festspiel- Platzes der Schlußakt statt. Dein Ungeheuer Spekulation wurde der Prozeß gemacht. Ein Gcrichtstribunal, bei dem die Masken Dizengoffs, Wcizmanns, Ussischkius, Chankins und anderer figurierten, verurteilte die Spekulation zum Tode durch Ertränken ins Meer. Unter außerordentlicher Anteilnahme des Publikums wurde die Attrappe zum Meer gebracht, wo das Urteil vollstreckt wurde. Bis in die späte Nacht hinein sah man noch Gruppen junger Menschen Horra tanzend und singend, noch die letzten Minuten des Purimtagcs auskostend, bevor sie zurückkeh-' ren zur ernsten Arbeit ihres Alltags. 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