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Jüdische Rundschau · 1935-03-29 · Heft 26 (29.3.1935) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 26 (29.3.1935)
Date
1935-03-29
Page
– (sequence 12)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU B C F I I II C I* B O H (I S C Al 9 O NR. 26, 29. MAERZ1995 Ein Zwischenfall Man kommt ja kaum noch aus dem Büro heraus, klagt uns «in Freund. Wenn ich nachrechne, so kommen bestenfalls die paar Ausflüge zu Verahschiedtingszwecken heraus, die ich nach Weißensee und zum Anhalter Bahnhof unternehmen mußte. Da fuhr neulich ein Neffe von mir nach Palästina und, wissen Sie, man staunt immer wieder, diese neugebackenen Bauern da auf dem Bahnhof kamen mir viel bäuerlicher vor als die ländlichen Kartoffelbauern in meiner Heimat. Und erst die Mädchen, die da abfuhren! Da passierte eine merkwürdige Sache. Wir standen noch am Zug, vor dem Abteil, wo mein Neffe und einige andere Auswanderer ihr Gepäck verstaut hatten. Da stieg noch ein Herr mit Frau und Kind ein, es war ein vielleicht siebenjähriges M.idelchen, das druckte sich an der Tür herum. Der Gepäckträger kam und warf versehentlich die schwere Tür zu. Das Kind fing furchtbar?u schreien an. Die Türkante hatte es getroffen. Der Gepäckträger wurde totenblaß. Das Schreien des Kindes ging einem durch Mark und Bein. Da/u kam, daß das Gcsiehtchen im Augenblick blutüberströmt war. Und das Schlimmste war, daß die Eltern ganz betroffen und ratlos dastanden. Aber schon drängte sich eins von unseren Mädchen hindurch, so eine zweihundertprozentige Baucrnkandirfatin, übersah die Situation mit einem Bück, nahm das Kind auf den Arm, trug es hinaus, über den Bahnsteig, in den Wartesaal. Jetzt ging die Mutter des Kindes nach. Und als fünf Minuten später „Einsteigen!" gerufen wurde, kamen sie aus dem Wartesaal zurück, und das Kind hatte einen weißen Verband und lächelte schon wieder. Natürlich kam eine Unterhaltung zustande, und kh hörte noch, daß die Herrschaften nach Nürnberg heimfuhren. Und Sie? fragte der Herr. Fr war erstaunt, mit einer Jüdin zu sprechen, die nach Palästina fuhr, um dort Kühe zu melken, nachdem sie in Berlin mit so sichtlichem Erfolg Medizin Studiert hatte. Muli ich Ihnen noch sagen, daß der Zug wirklich abfuhr? Ich bin uberzeugt, die ehemalige Medizinerin hat es längst vergessen. * _ H. Ein Jude geht durch die Aussteilung am Kaiserdamm Der Sinn für die Bedeutung der Erbanlage ist heute wohl ziemlich allgemein verbreitet. Auch wir Juden sind uns darüber klar, daß die Forderung des Gebunden und Lebenstüchtigen eine wichtige Aufgabe für die Erhaltung' unserer Gemeinschaft ist. Auch wer in seiner geistigen oder wissenschaftlichen Ueher/etigung nicht restlos den Standpunkt der strengen Rassenlehre teilt, kann nicht umhin, die positiven Seiten der Vererbungswissciisehaft zu beachten und wenn möglich in die Praxis 11 in zusetzen. Geht man durch die Ausstellung, die unter dem Motto „Wunder des Lebens" vor einigen Tagen am Kaiserdamm in Berlin eröffnet wurde, so kann man eine Fülle des Belehrend™ und Wichtigen sehen. In der Abteilung-, auf der die Förderung und Erhaltung der Lrbgesundhcit demonstriert wird, linden sich zahlreiche instruktive Bihldarstellungen, unterstützt durch anschaulich gemachtes Zahlenmaterial, die die Bedeutung der Gesundheitspflege des neuen Staates illustrieren. Die erschreckend hohen Zahlen der durch erbliche Belastung minderwertigen Menschen werden hier in Wort und Bild dem * Beschauer in ihrer ganzen Tragweite für das Volksganze "<Kängt hämmert. Die Gesetze zur Förderung der R a s s e n r e i n h e i t erfahren durch außerordentlich wirksame Bilder ihre Erläuterung. Das Ideal des nordischen Menschen, das der Gesetzgebung vorschwebt, wird dem Betrachter in eindrucksvollen Typen vorgeführt. Auch der nicht zu dieser Rasse gehörige Betrachter hat seine Freutie an diesem neu heranwachsenden Geschlecht, und denkt zudem als Jude still bei sich an 'die Scharen blühender, aufrechter Jugend, die in Freiheit in Palästina autwächst. Denn jedes Volk sollte eine gesunde Jugend als höchste-, Gut betrachten. Leider bleibt es in der Ausstellung nicht bei der Verkündimg dieses Ideals, sondern man versucht die Wirkung durch den Kontrast zu unterstreichen; und ais Gegenbild werden die Juden Zur nächsten Kulturbund - Premlere 11 Va pensiero 11 Einige Worte zum „Nebukadnezar" Das Textbuch des Temistocle So 1 era erhebt keinen Anspruch auf literarische Bedeutung, es will vielmehr dem Komponisten Gelegenheit geben, hervorstechende Charaktere musikalisch zu zeichnen, und dies ist, wie in späteren Opern Verdis, bereits in diesem Jugendwerk durchaus gelungen. Die „licentia poctica", die sich der Dichter — entgegen jeder historischen Treue — gestattet, indem er den Titelhelden den Hebräern verzeihen und ihren Glauben annehmen läßt, muß dem assyrischen Tyrannen menschlichere Züge abgewinnen. Auch die Figur der Abigail, der trotz ihrer wenig sym- Pathisch erscheinenden Grausamkeit ein gewisses heroisches ormat nicht abzusprechen ist, wird vor ihrem Ende als Versöhnung Flehende gezeigt. So ist der Eibrettist bemüht, den Haupfgcstaltcn einen gewissen ethischen Wert zu verleihen. Rechnet man dazu den Freiheitsgedanken, der das ganze Buch durchzieht, den Freiheitsgedanken, der in gläubigem Vertrauen auf des Judengottes Güte die Bedrängten aufrichtet, so kann man verstehen, daß Verdi sich zu diesem Stoff hingezogen fühlte. Gerade er, der Zeit seines Lebens ein Herz für die Armen und Unterdrückten hatte, konnte deren Sehnsucht nach Befreiung aus der Knechtschaft mitfühlen und dieses Erleben so innig zum Ausdruck bringen wie in der Vertonung des Chors der gefangenen Hebräer: „Zieht, Gedanken ..." („Va pensiero ..."). Tiefe Religiosität durchdringt die Komposition. Das Schicksal der eigenen, damals unter österreichischer Fremdherrschaft seufzenden italienischen Heimat spricht aus ihr. Verdis glühende Vaterlandsliebe sah in jenen bedrückten Hebräern die eigenen leidenden Volksgenossen, und ihr rührendes Flehen konnte wohl kaum ergreifenderen Ausdruck finden, als in diesem er. wähnten Chor. Mögen, als Ganzes betrachtet, die späteren Schöpfungen des Meisters abgerundeter, vollendeter sein, es war kein Zufall, daß gerade diese Klänge seines Jugendwerkes ihm das letzte Geleit gaben. Zum Grabgesang waren sie erkoren Italiens größte Sänger stimmten sie an. als Mutter Erde die sterbliche Hülle aufnahm, und ergriffen sang die Menge spontan mit. Das erhabene Klagelied der geknechteten Israeliten durfte Giuseppe Verdi die letzte Ehre erweisen. — Ihm, der, wie kaum ein anderer Großer, so unendlich viel Liebe den Bedrückten, den Geschlagenen geweiht hatte. Es sei mir gestattet, den Chor „Va pensiero" in meiner freien, deutschen Uebertragung hier wiederzugeben; Zieht, Gedanken, auf goldenen Flügeln, Zieht, Gedanken, ihr dürft nicht verweilen! Laßt euch nieder auf sonnigen Hügeln, Dort, wo Zions Türme blicken ins Tal! Um die Ufer des Jordans zu grüßen, Zu den teuren Gestaden zu eilen, Zur verlorenen Heimat, der sülJcn, Zieht, Gedanken, lindert der Knechtschaft Qual Warum hänget Du so stumm an der Weide, Geildne Harle der göttlichen Seher? Spende Trost, süßen Trost uns im Leide Und crxähle von glorreicher Zeit. Singe, Harfe, in Tönen der Klage, Von dem Schicksal geschlagner Hebräer. Als Vcrkiinil'rin des Ew'gen uns sage: „Haid wird Juda vom Joch des Tyrannen befreit" Leo Schottlaendtr verwendet. In einer Koje dieser Abteilung finden sich unter dem Thema „Vom aus erwählten Volk" eine Fülle von Judentypen, die dem bekannten Werk „Rasse und Seele" von L. F. C1 a u ß entnommen sind und auf den Betrachter einen abstoßenden Eindruck machen sollen. Ironisch wird dazu der Vers Heines zitiert: „Alle Menschen, gleich geboren, sind ein adliges Geschlecht". Tatsächlich jedoch — und dies betont gerade Clauß in seinen Büchern immer — sind die herausgegriffenen Typen keineswegs als die Vertreter der jemenitischen, bucharischen, polnischen usw. Juden anzusprechen, sondern nur besonders seltene Typen. Es ist keine Frage, daß sich jedem dieser unangenehmen Typen wirkender entgegenstellen läßt, und Volk, wenn man auf die Auswahl Typen ausgeht, solche finden kann, zitierten Heineschen Worte meinen sie besagen, daß der wahre Adel der körperlichen Erscheinimg in der Seele zu finden ist. Gerade wir Juden, so sehr wir auch für körperliche Regeneration und Ertüchtigung in den eigenen Reihen eintreten, können dies nicht vergessen. N. ein ebenso angenehm daß man bei j e et e in unangenehm wirkender Freilich, die hier wohl etwas anderes; viel mehr noch als in Berlin als Bach-Stadt Der Anteil dreier Juden Im Unterhaltungsblatt der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" Nr. 129 vom 17. 3. 35 schreibt Professor Dr. Georg S c h ü n e m a n n über die „Bach-Stadt Berlin". Die Berliner Bach-Tradition, angefangen bei Kirnberger (1721 — 1783) bis auf den verdienstvollen, noch heute wirkenden Direktor der Berliner Singakademie Professor Georg Schumann wird dargestellt. Der sehr beträchtliche Anteil der Juden an dieser Bach-Pflege wurde von dem Historiker Schünemann nicht berücksichtigt; daher ist es nur ein Akt historischer Gerechtigkeit, ganz kurz darauf einzugehen. Damit wäre sogar unser gemeinsamer Lehrer Kretzscnmar wohl einverstanden gewesen. Tatsächlich waren es Berliner und besonders der Musiker, kreis um die Singakademie, in dem Bach, der «ach seinem Tode fast völlig vergessen war, noch, wenn auch nicht öffentlich, gepflegt wurde. Entscheidend aber war doch ers! die Tat des 20jährigen Felix M e n d e 1 s s o h n * B a r t h o 1 d y, des Schülers von Zelter, von dem der gewiß objektive Hans Joachim Moser in seinem eben abgeschlossenen Musik, lexikon, Seite 49t sagt: ,,1829 wagte er die bis dahin von Zelter bereits mehrfach im geschlossenen Kreise der Sing, akademie geprobte Bachsche Matthäus-Passion erstmals öffentlich aufzuführen, was einen der Hauptanstöße für den Weitergang der Bach-Renaissance gab." Es gibt keinen Musikhistoriker, der das ernsthaft bestreitet, Zelter selbst schreibt darüber mehrfach an Goethe. 60 Jahre lang war die Prägung, die Mendelssohn seinem Bach für Berlin gegeben hatte, in Geltung, bis ein anderer Jude, der Süddeutsche Siegfried Ochs, 1882 den Philharmonischen Chor in Berlin begründete, „den er durch strichlose Aufführungen von Bachs Matthäus-Passion ... zu hohem Ansehen brachte" (Moser, S. 575). Auch das hat der mit Ochs so befreundet gewesene Schünemann übersehen. Siegfried Ochs gab diesem Werk damit das ausdeutende Gesicht der spätromantischen Zeit. „Und da Bach (ich zitiere mich selbst aus ,Der Morgen', Märzheft 1035) mit an der Schwell; xier modernen Musik mit ihrem imitatorischen Stil steht "und man aus seiner melodischen Polyphonie die .»Orundlagen des linearen Kontrapunktes' heraustheoretisiert hat (Ernst Kurth), so war es ein dritter Jude, Otto Kl em per er, der nun den entromantisierten Bach vor uns hinstellte; hei ihm floß die Polyphonie nicht in Klängen dahin, sondern in Linien, war das Gefühlvolle ausgeschaltet zugunsten gestuftester Geistigkeit, war die Architektur des Barocks in ihrer reinen und reichen blühenden Schönheit objektiv dargestellt." Diese drei Juden: Mendelssohn, Ochs, Klemperer dürfen also bei Darstellung der Bach-Stadt Berlin und seiner Bach- Tradition nicht fehlen. Ohne sie ist jede Darstellung dieser Musikepoche lückenhaft und ergänzungsbedürftig. Juden verdankt es die Welt mit, daß Bach ais Musiker wieder lebendig ist. Dr. Oskar üuttman« Spende jüdischer Künstler für Bodenkauf m Palästina Donnerstag, Jen 11. April, 20.45 Uhr, Philharmonie, Bernhurger Str. 22a Ansprache: Rabbiner Dr. Joachim PRINZ Bruno EI§NIR Chopin: a) Nocturne, b) Masurka, c) Polonaise Paula LINDBERG Palästinensische Volkslieder / Mozart: Halleluja / Am Flügel Dr. Hans Nathan Alexander KIPNIS Jüdische Volkslieder / G. Verdi t Arien Am Flügel: Dr, Hans Nathan Hermann SCHEY Ernest Bloch: Psalm 22 Boris KROYT-QUARTETT (KROYT, BERNFELD, WEIDEN, ZEELANDER) AI. Glazounow: a) Interludium in modo antico, h) Orientale Andreas WEISSGERBER Ernest B och: Baal Schern / Achron: Hebr. Melodie Am Flügel: Kurt Sanderling OSTLICHEN BILDERBOGEN (t Szenen au« dem f f' Aue dem Ensemble« des Kulturbundes Deutscher Juden; Die Damen: Anselm, Hirth, Jacobi. Jessner; Die Herren: Alexander, Berendt, Herrmann, Koninski. Lenart, Ray. / Leitung: N. Eljaschow ORCHESTER DES KULTURBUNDES DEUTSCHER JUDEN SIÄLC Joseph ROSENSTOCK Karol Rathaus: Musik zu „Uriel Acosta", a) Vorspiel, b) Gigue, c) Sarabande, d) Jüdischer Tan« Der Reinertrag fliegt dem Keren Kajemeth Lejisrael zu. Sämtliche Mitwirkende haben auf ihre Gagen zugunsten des Keren Kajemeth Lejisrael verzichtet. Karten zu RM -,75. 1,-, 2,-, 2,50, 3,-, 5,-. Vorverkauf: BZV. Buchhandlung Rosenbaum. Meinekestraße 10, BZV-Heim, Kantstraße 54, Papierhandlung Lippmann, Trauten austrage 16, Konditorei „Hansa", Flensburger Straße 19, Atlantic-Expreß, Friedrichstraße 100 (S-Bahn), Finder, Alte Schönhauser Straße 54 (Laden). Papierhandlung Heppner. Inselstraße 8 a, Schwalb, Hermannstraße 46. BERLINER ZIONISTISCHE VEREINIGUNG

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