Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 26 (29.3.1935)
- Date
- 1935-03-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 26, 29. III. 1935 w '. W Briefe an die Redaktion antworten der Redaktion aus dem Reich „Die Zwisdiengeneration" Ucrlin-Charlhg., 25. März An die Redaktion der „Jüdischen Rundschau" Zu den Ausfüllt ungen des Herrn Dr. Gerhardt Neumann iitx-T „D i e Z w i s e h e n g c n eratio n" in N*r. 24 Ihres geschalten Blaues crlaulsc ich mir eine ergänzende Hemer kung zu machen: So begrüßenswert es ist, daß finmal die schwierige Situation der Dreißig- bis V ie r- I i g j ü h r i jj e n, zu denen der Schreiber dieser Zeilen gehört, einer gründlichen Betrachtung unterzogen wird, muß doch gesagt werden, da Ii sich dieser Autsatz, wie es ja nahe lag, mit fa,t überbetontem Interesse an die Akademiker wendet, während die Mensehen in den kauf- ". * Zu demselben Thema Zuschriften, u. a. von einem jüd hat aufgeben müssen, und der dert. In diesem Brief heißt es ,.}'> könnte — Ixd gutem Willen — eine ganze Menge geschehen, zumal die Zahl der in wirklich so verzweifelter Siirmtion W)'e irh h. | inrjli. I».« jüdischen Akademiker re I ■ e i v ge r i n;r, ist. Die, welche w i i k 1 i c h ohne Einnahmen, ohne Vermögen oder ohne i *niei-'uizaii;j durch Verwandle zurm kes bei!>en sind, gehören zu dem Kt.;•, dein unbedingt gehotlcn werden muß. mä wüschen Berufen zu kurz kommen. Es darf daran erinnert werden, daß es bereits im Januar 1933 annähernd 12 000 jüdische Angestellte allein in hrv lin gab, die bereits früher ihre I'osii innen verloren hatten und daß ein sehr erheblicher Teil unserer Kaufleute, sofern »ic da» 30. Lelx-risjahr übersclu itten haben und mittellos sind, auf keine Anstellung bzw. Selbständigkeit mehr rechnen können. Was, geschieht mit ihnen, falls sie die ungeheuer .schwierige Umstellung auf Handarbeit in Ercx Israel nicht vornehmen können oder wollen? Hierzu tollte sich eine unserer führenden Persönlichkeiten einmal äußern. Mit vorzüglicher Hochachtung und Zionsgrüßcn Kurt Wilk erhielten wir noch mehrere ischen Arzt, der seinen Beruf uns seinen Leidensweg schil- Und sollte selbst die Zahl, was ich für wenig wahrscheinlich half, recht erheblich sein, ist e» nicht mit die erste Pflicht der Judenheit in aller Welt, .-<•!!>-t unter groiien Opfern, Ti i'e, die -.icheilich nicht zu den schlechteren d<T Cc-amtheit gehe;* n, einem neuen Lclnm zuztrehren, an~t.it' de wie bisher eaain lio|(nting>!u.H'n Schicksal zu üheriasscn?" Saul Chajcs Buhn, 26. Marz Sehr geehrte SilirätVitung! Der veM.ahems tq| t'Indes *ar iü> In ein \e--c, .sondern ein YV'ter des Wiener Oiierlablcner-. Said < '!,.!,, , V.itei, der Brodyer K.ü>l>iirr R. )'w hak Chajcs und der gelebt te Uulsb. •'/. r R. Pchloiiioli Chaje-, der \',Cär de, Wiener i 'lieniddeners, waren Hrüder und Söhne des ucld* pihmd n Zcikiewer Kaw R. /.wi t'hajcs. Dil Mutier Zwi l'ercz (di,lies und S.ml Chajcs waren überdies Schwestern. 11. Poppers Selbständige. In diesen Tauen erscheint im Erwin Loewe- Verlap, ein von mir herausgegebenes Buch, betitelt „Das Jüdische A B C". Dieses Buch ist obgleich es in einer Reihe von einigen hundert alphabetisch geordneten Stichwortcn geordnet ist — doch kein Lexikon, sondern ein ABC des jüdischen Wissens. Zusammenfassung, Uebersicht, Schema und ein möglichst prägnanter Stil bemühen sich, ein Profil des Judentums zu gehen, nichts mehr. Damit aber die Möglichkeit, auf der auf solche W eise gewonnenen Basis weiterzuarbeiten. Denn durch Angabe einer leicht erreichbaren Literatur wird der Weg zur Hineinarbeitung in die gewonnene Kontur eröffnet. Für Heimabende der Jugend, für Lehrer im Unterricht etwas Handliches zu schaffen, und gleichzeitig jedem Wisscnwollenden eine klare Auskunft zu geben, war das Ziel des Herausgebers und seiner Mitarbeiter. Emil Bernhard Cohn Berichtigung. Der in Nr. 24 der „J. R." enthaltene Beitrag „Palästinensische Scholle" verlegt den Kolonisationsversuch des Herzogs von Naxos in Tiberias und den umliegenden Dörfern ins 15. Jahrhundert. Dies ist ein Druckfehler, Der Versuch wurde in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gemacht. H. A., Gnodstadt. Vielen Dank für Ihre freundlichen Worte. Ihre Anregung können wir aber nur zum Teil durchführen, weil die ständige Bearbeitung von palästinensischen Spezialthemert den Rahmen unserer Zeitung sprengen würde. Wir empfehlen Ihnen die vorzüglich geleitete Zeitschrift „Palästina", Wien, wo Sie derartige Spezialartikd finden. L. M., Nürnberg. Der Schauspieler Alexander Moissi war kein Jude, sondern italienisch-katholischer Herkunft. „Ein alter Leser". Pläne, wie der von Ihnen entworfene, sind wiederholt diskutiert worden, es gibt jedoch technische Schwierigkeiten besonderer Art, die Sie nicht berücksichtigen. Wir teilen aber Ihre Meinung, daß alle verantwortungsvollen jüdischen Stellen sich der Notwendigkeit einer planmäßigen und vorausschauenden Organisierung der Auswanderung bewußt sein müssen. Wenn Sie uns Ihre Adresse mitteilen» können wir Ihnen Ihre einzelnen Fragen beantworten. Kurt Oesterreicher, Berlin. Dieselbe Beschwerde wurde uns bereits von zahlreichen Lesern übermittelt. Die Angelegenheit der Schabbatenrwcihung ist unseres Wissens bereits zum Gegenstand einer zionistischen Interpellation in der Gemeinde gemacht worden. Hans Adler, Frankfurt. Ihr Wunsch, den auch" andere Leser vorgebracht haben, wird nach Möglichkeit berücksichtigt, aber manchmal ist es aus technischen Gründen untunlich, für die wiederkehrenden Rubriken immer dieselbe äußere Form zu finden. S. L., Hamburg. Wie wir feststellen konnten, ist es tatsächlich richtig, daß vom Central-Verein derartige Schriftstücke versandt werden, Wir bedauern genau so wie Sie, daß man ungeprüfte „Stenogramme" zum Zwecke der innerjüdischen Verhetzung verwendet, um die Gegensätze gerade m dieser Zeit aufzupeitschen. Zur Sache selbst haben wir in der „Jüdischen Rundschau" Nr. 23 Stellung genommen und haben vorläufig nicht die Absicht, uns nochmals damit zu befassen. Unseres Wissens hat auch die Z. V. f. D. niemals die von der Gegenseite gehaltenen Reden, die eine unfaire Beurteilung des Zionismus und eine Störung der Einheitsfront bedeuteten, zirkulieren lassen. Wir sind der Meinung, daß es sich bei diesen unzeitgemäßen, tief bedauerlichen Störungen um Aktionen persönlich verärgerter Einzelner handelt und hoffen, daß die verantwortliche Leitung keiner großen jüdischen Organisation hinter diesen Machenschaften steht. M. H., Nürnberg. Sie machen uns aufmerksam auf eine in der sonst allem jüdischen abholden „Fränkischen Tages, zeitung" erschienenen Kritik des Ufa-Films „Barcarole", worin es heißt: „Die Musik ist stellenweise der Oper ,Hoffmanns Erzählungen1 entlehnt und bildet gemeinsam mit den märchenhaft schönen Bildern die Grundlage dieser deutschen Neuschöpfung." Sie wundern sich, daß die Musik des Juden Offenbach hier so wohlwollend erwähnt wird. Die Antwort gibt vielleicht eine andere Kritik desselben Films, die wir in den gleichfalls völkischen „Danziger Neuesten Nachrichten" finden; dort heißt es: „Vorspann und Programmheft verschweigen dabei schamhaft den Namen Offeiibach." Dieser Kritiker ist zwar musikalisch beschlagen, aber wahrscheinlich rassenkundig rückständig, denn er weiß offenbar nicht, daß Offenbach Jude ist. Horst B., Hannover. Die Entscheidung Ihrer Frage ist eine Angelegenheit des persönlichen Geschmacks. Wir können zwar die Motive, die Sie zur Anbringimg einer solchen Inschrift veranlaßt haben, verstehen, da Sie uns jedoch fragen, müssen wir gestehen, daß es unserem Geschmack nicht entspricht. Die Begrüßungen und Glückwünsche die der ]i'idischen Rundschau anläßlich ihrei vierzigjährigen Bestehen» zugegangen sind und noch lugehen, werden teilweise in unserer Jubiläums-Ausgabe vom 16,April veröffentlicht sein Von unseren Berichterstattern Güttingen. Eine Purimfeier, wie sie Göttingen noch nie gesehen, veranstaltete die ZOG. unter Leitung von Ernst Jacobson. Der Re. gtsseur brachte mit seinem ausgezeichneten Ensemble „Ejn Dawar» — in der Hauptrolle mit dem sprühenden Kurt Nußbaum —- „ durchschlagendem Erfolg. Stolp (Pomm.). Am 24. Man gab der JPD. Makkabi Hazair eine Veranstaltung unter dem Motto: „Drech Hagschamah", die außerordentlich gut besucht war. Marienwerder. Am 17. März fand eine Porimfeier statt, die sehe gut besucht »war. Chawer Scheftelowitz hielt die Begrüßungsrede und Ansprache. Zwei Theateraufführungen und mehrere , Darbietungen von der Jugendgruppe folgten. Ankündigungen Chemnitz! ZOG. Am 30. März, 20.30 Uhr, Heim, Aeußere Klostem Straße 13, Hg., Herr Dr. H. Wahl, Dessau, über: „Palästina — du» Tor zum Vorderen Orient". — Dirmttadt: Am 1. April: Georg Guthmann, Frankfurt am Main: „»Vorläufer": Moses Heß, Pmsker, Nathan Birnbaum. 1. Abend in der Vortragsreihe: „Die zionistische Idee und ihre Träger", 20.45 Uhr. im Hotel „Stadt Frankfurt", Darmstadt, Bleichstr. 22. —• Frankfurt am Main: Die Schneider, sehe Thoralehranstalt ist — wie sie uns mitteilt — zur Aufnahm« von jungen Leuten bereit — für Anfänger und Fortgeschrittene —, die Tliora lernen wollen. Der verlangte Kostcnz-uschufi ist gering. Unbemittelte haben alles frei. Anmeldungen erbeten unter Beifügung von Zeugnissen an Rabbiner M. Schneider, Obermain-Anlage 28. — Familien - Nachrichten Herr Lehrer S. L i 1 i e n £ e I d, Emmerich, ist am 1. April 25 Jahr« in der Gemeinde als Lehrer und Kantor tätig. Frau Clara Sittenfcld, geb. Engel, Gründerin der Fa. Sitten, fcld in Landshut, die am 1. April 50 Jahre besteht, begeht am 7. April den 70. Geburtstag. Bar Mizwah - Termine Am 6. April — 3. Ni-san: Heinz-Gerhard, Sohn von Arthur Cohn, Landsberg (Warthe), Lugestr. 4. Am 6. April — 3. Nian: Hermann, Sohn von Herrn David Groß, Hamburg, Hütten 92. Am 6. April — 3. Nissan: Erich', Sohn von Julius Scheuet, Mctningen i. Thr., Obere Kaplaneistr. 7. Am 13. April — 10. Nissan: Alfred Martin, Sohn von Herrn Hein-, rieh Lew in, Gotha, Waltershäuscr Str. 361. Juden und Jüdisches im Rundfunk Sonnabend, 30. März: Wien (507), 13: Goldmark. — Prag lf (249), 15: Emil Bloch singt. — Heromiinder (540), 19,20: Mendelssohn. — Stockholm (426), 19.30: Trio Nr. 1 D-Moll von Mendel;, söhn. — Droihvieh (1500). 20.30: Offeiibach — Paris (1639), 21i Aus der 0|>era Comique. Holtmanns Erzählungen. — Paris P.T.T, (423): Sinfonie-Konzert, Leitung: Kosenthai. — London Reg. (342), 22: Chasins: Hebräische Humoreske; Popper. — Wien (507), 22.20: Mendelssohn. Sonntag, 31. März: Brü se! (flämisch) (322), 11: Der Streit zwischen David und Goliath, bibl. Kantate. -- Paris P.T.T. (432), ll.lSi u.a. Aus „Die Jüdin" von Halevy, „Die Hugenotten" von Meyer, beer. — Kopenhagen (1261), 15.25: „Frau Erzherzogin" vorj Otfenbaclu Montag, 1. Aprili Paris-Eiffelturm (1395), 22.25: Konzert, o. * .Mendelssohn. — Hilvcrsum (1875), 22.15 (hall. Zeit): Herta O.Iiicksmann (Breslau) singt u.a. eine Kanzone von Searlatti „La. violette", von Kapellmeister Georg Markowitz (Breslau) für Orchester instrumentiert. Dienstag, 2. April: Paris-Radio (1648), 13.15: Konzert, u.a. Di<3 Jüdin von Halevy. — Prag II (249), 15.15: Mendelssohn-Lieder. —' Bratislava (299), 20.15: Hebräische Lieder, Mitw.: S. Landera« L. Horccky, E. Singer, L. Traub, und Chor. Die Schach-Ecke mußte leider wegen Raummanga für die Dienstag-Ausgabe zurückgestellt werden. Auf - f Dingen steht die Welt Erzählung von GERSON STERN 8. Forlifliuaa IWhdrock r«rbol«B Nun stand Frau BcrlLclirn wieder Im Geschäft. Die ersten Wochen mulilc sie. oft Stunden zu Haus verbringen. Hedda wollie dann niiht nm ihrer Seite trclien. ,,|cli habe dich so li»»b, iMtiHer. Bleibst du mm immer hei uns';'" Hedda umschlang sie oder (»rcl'de sich an sie, in sie Iiinein. Aber bald waren dieM. 1;iut> vorüber. Het Illeben wurde wieder ganz in den Kreis ihrer Arbeit hineingezogen. Es war zu keiner Aussprache mit ihrem Mann gekommen. Berthehen trug ihre Frage und ihre Klage stumm mit sich. Seil Monaten sahen die Eltern ihre Kinder kaum. Bessinger war auf Beiden, Berthehen war auf ISeiscn. Einkaufen hielj es, Posten mußten gekauft werden, billig, unter Preis. Sie mußten der erwartenden Masse hingeworfen werden. Iiier!, es ist geschenkt. Und in den Modewaren, Neuheiten mußten ausgesucht werden, daß das Herz der Schauenden erzitterte und die Augen vor Verlangen sieh weiteten. Bessinger kaufte Posten, diesmal für Herrenslcin mit, der seinen Schüler fast beunruhigend wachsen sah. Bessinger zahlte prompt, das Geld auf den Tisch. Man riß die Augen auf. Iiier nehmt die Ware, Nur das Geld her. Bessinger kaufte Pusten zu unglaublich niedrigen Preisen. Gute W are zu niedrigen Preisen. So mußte es sein. Es waren Farben'dazwischen, die nicht mehr gingen. Die wurden aussortiert und besonders verkauft. Bessinger halte Ware für die Hungrigen und Berlliehen für die Verlangenden. Es war ein Wunder an Geschmack und Schönheit, was Berthehen gekauft hatte. „Um Gotteswillen", rief Bessinger, als die Ware eintraf. „Wer kauft solche Ware? Und wer bezahlt solche Preise? Wir verlieren ein Vermögen daran." Die Eröffnung des Kaufhauses wurde zu einem Ereignis für die Stadt hinaufgetrieben, die Wasser der Erwartung stauten sich, die Abzugskanäle der Konkurrenz Wieben leer. Es war feierlich, als zur angekündigten Stunde, mittags punkt 3> i Uhr, die Rolläden vor den Schaufenstern in die Tiefe sanken und die ausgestellten Waren den Blicken der sich stauenden Menge freigaben. Es war das von Berthehen Gekaufte, das die Augen festhielt und den Mund der Betrachter in Bewunderung ausbrechen ließ. Erst später sah man die> billige Massenspeise von Bessinger. Es war Bertheheng Ware, die zuerst verkauft wurde und dem Kaufhaus den Ruf des Besonderen sicherte. Allerdings für die Dauer siegte die Massenspeise Bessingers. Es kamen Bekannle, die gratulierten. Sie kamen ins Geschäft. Als Bessingers Wohnhaus galt das Geschält. Verkehr? Nein, Verkehr konnten Bessingers kaum pflegen. Sie hatten keine Freunde. Sie halten keine Gemeinschaft. Die .luden? Die waren da, die sah man im Tempel, wenn man hinging. Aber sonst? Wozu? Sollte man die Konkurrenz besuchen? Und die anderen*.1 Was halle man mit ihnen gemein? Sie waren Juden. Nun? Was war das schon? Sie waren Juden, Unkel Emil pflegte zu sagen: „Nebbich" und mit den Achseln zu zucken. Bessingers hatten keine Zeit. Mittags kamen sie und aßen und ruhten sieh aus und schliefen ein wenig. Die Kinder mußten sehr slill sein, wenn die Eltern da waren. Abends waren die Ellern ermattet, hatten tausend Gedanken für den nächsten Tag. „Die Arbeil ist ein Tyrann", sagte Bessinger. Die Warenlager wurden immer größer, die Ware war bezahlt, llerrenslein war bezahlt. Ein Tyrann? Ja, aber ein wohltätiger für Bes«inger, Noch immer kam es vor, daß die Mutter zuweilen die Kinder an sich preßte. Sie litt, die Mutter. Alter sie halle die Pflicht dem Geschäft gegenüber. Es wurde getrieben und es trieb. Es war ein Schwungrad, das die mit sich riß, die es drehten. Unbarmherzig mitriß. Sie hallen keine W ahl, entweder alles oder nichts, entweder Blüte oder Zusammenbruch. Es fraß Tage und Jahre. Es fraß das Leben. Es war ein Erlebnis für Hedda, wenn die Ellern Sonntags ausgeruht hatten und manchmal mit Hedda und Lotte spazieren gingen, Aber oft kam ein alter Bekannter mit seiner Frau, dann saßen sie da und waren ruhig. Sie sprachen und man hörle nicht zu. Aber sie hörten, wenn man selbst sprach. Wozu hat man solch allen Bekannten? Solch kleinen, alten Bekannten? Man läßt ihn die verstaubten Ecken ausfegen in den Stuben, in den Gedankengängen. Die Nebenräume werden gelüftet. Es tut auch not. Eines Tages stand David Kafz vor Bessinger, als er gerade Frau Kuhlenkampf freundlich begrüßte. Bessinger sah ihn. „David", wollte er rufen. Bessinger fing sich auf. David? Er sagte: ..Sieh da, sich da!" David war etwas erregt und eilte mit der Gebärde der Umarmung auf seinen Vetter zu. Es sab etwas merkwürdig aus. Er hatte in der einen Hand den Schirm, in der anderen das Küffcrciien und hob Arme und Schirm und Köfferchen gewaltig in die Luft, wahrend sein Hut etwas nach hinten rutschte. Bessinger verstand, unauffällig auszuweichen. Und ehe David noch begriff, war er in den Aufzug verstaut und sauste mit einem Ruck nach oben, daß er einen Druck im Kopf fühlte. Er wurde im Privatzimmer abgeladen und hatte zu warten, bis Bessinger erschien. Also war es so, wie man berichtete. Nein, noch viel großartiger. David Kalz stand da, in der einen Hand den Schirm und den Hut, in der anderen sein Köfferchen. Es wirbelte ein wenig vor seinen Augen. Dieses Haus mit den vielen Stockwerken, diese Mensehen, die da herumliefen, dieses Privalbüro mit dem großen Schreibtisch und den Sesseln, die flüsterten: lieh, sind wir nicht etwas Besonderes? Da, schau her. Und was bist du? Ja, was war er, der David Külz? David entsann sich, wie die Mutter Arnold Bessingers eines Tages mit ihrem Sohn erschienen war. Davids Vater, Samuel Katz, hatte dem Arnold gleich einen neuen Anzug gekauft, denn der Dorfschneider hatte zwar die Aermel kurz, dafür den Rock so lang gemacht, daß man ihn für einen schwindsüchtigen l'ebcrzieher hallen konnte. Auch die genagelten Schuhe* gefielen dem Onkel Samuel nicht. Aber Arnold mußte morgens und abends die weite Strecke vorn Dorf bis in das kleine» Städtchen, das eine Lateinschule besaß, hin- und zurücklaufen. Nur an kalten WinleiLagen, wenn die Wege über die Hölio verschneit waren, sollte er bei seinem Onkel übernachten. Mittags aß Arnold im Hause des Onkels. In den ersten Jahren blieb es so. Arnold halte oft seinem Vater zu helfen, ein Stück) Vieh zu holen oder abzuliefern, Nachrichten zu übermitteln. David war ein Jahr älter als Arnold, sie wurden Freunde. Sie verstanden es durchzusetzen, daß Samuel Katz Arnold ganz zu sich nahm. Die Eltern wollten den Jungen nicht gern aus dein Haus lassen, aber wenn der reiche Samuel Katz etwas verlangte, geschah es. So hielt es die Familie. Bessinger betrat das Privatbüro. ,,David, warum siehst Du? Die Sessel sind zum Sitzen." David setzte sieh und bekam einen Schreck. Er war fast ganz im Sessel verschwunden. David sehwieg. „Nun?" fragte Bessinger. „Du mußt schon entschuldigen. Ich habe jetzt nicht viel Zeit. Das Geschäft, das Geschäft", seufzte Bessinger. „Wie geht's?" ,.Besser ist s, wir sprechen heute abend. Du ißt mit uns, du schläfst hei uns. Heute abend hab ich Zeit." Bessinger erhob sieh. ,,Dti siehst dir die Stadt an, sehr interessant, sehr lehrreich. Wir essen um acht Uhr. Komm bitte nicht später." Bessinger stand schon an der Tür. David war es gelungen, aus dem Sessel herauszukommen. David sauste wieder im Aufzug hinunter._Davl" stand auf der Straße, in der einen Hand den Schirm, in der anderen das Köfferchen, er hatte keine Hand frei. David zog durch die Strafen, (Fortsetzung MS* tmtmm