Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1935-03-26 · Heft 25 (26.3.1935) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 25 (26.3.1935)
Date
1935-03-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2651273-2653827-2653852--26600-2687994
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Softe 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 25, 26. III. 1935 Briefe an die Redaktion Warum vergißt Tel-.Wiw, 21. Man Sehr geehrte Redaktion! Während der Konip mit seinen Vasallen feierte, heg inj» sie dls Fest mit ihren Fr.uicn, denn es war nicht üblich, «laß M.rmer und Frauen von Rang öffentlich zu animenk.imtn. Aber ara siebenten Tage des Festes, als der König betrunken war, wollte er sich über alle Tradition hinwegsetzen. Kr wollte die Schimheit der Königin der besoffenen }lorde teilbieten und befahl der Königin zu erscheinen. l'nel sie weigerte sich. Sie weigerte sich ohne Km k.-irht darauf, (laß sie der Ungehorman Wasditi? »am die Krone kosten würde. Sie hütete die Tradition, sie ließ sich von ihrem Schartig -fühl leiten, sie wollte ihre Schönheit dem König reserviert halten, sie widcr.el*te sich der Ausschweifung. Das Volk leiert Ptirim. Es gedenkt des mächtigen Königs Achaschwcrosch, feiert Mordechai und F.ster. Wird es nur verzeihen, dati mein Pnriin ausgefüllt ist durch das Mitgefühl mit der abgesetzten Königin Wascht i? Hochachtung voll G e r s h c i n Ben „Unser gemeinsames Erbe' Berkeley (Call!,), 26. Febr. Sehr geehrte Redaktion! Eine der merkwürdigsten amerikanischen F,inrichtmiL;.ii ist der Hnulert.ii?. F:nuia( na Jahn' kommen die AngehCu y^''.i der katholischen, proti -t ant i-chen n. jiifli-v'hf'ii Kon(c--;.in;cs-,enmen, n!' ht um einander rt uber/rugen, -.ondrrn um auszu-piechcn, daij ihre wesentlichsten ' .rumil.in>cn und 7,v h die gl. üiicn sind. Se ich)' n, d.iß cu I> c r der Ko;i schieden! Kein I!1 1 n ■■r der \'ei cnas und di -In" SH.IK Eibe" i,i ,1.,.. Mnit., ,li«-«r Zii- -..immci.k;in!!r, da' m gsi',.' Amrrika aus gicictirn l.igc in vielen hut.dcrt < ieiiicindcn c .c ' l mdrn. M,e-hten <!... h dir r. a hgegliederten j u d; .% c h c n Richlungcti innrnialb und siC' .kdb des Zionismus auch einmal im Jahre In-wußt den Weg in dic-e geistige Stratosjili.iie tindtn. wo <iie Bedeutung der i'nter chnsle verschwindet uml das Wesentliche des g e m e i n s a nl e n Wolleiis, die gemeinsamen Hoffnungen und Erkenntnisse um so deutlicher hervortictcn! Hier in Kalifornien, einem der .nrtschriulichsten Staaten Amerikas, hestcht m meiner nactc-tcn t'mjjchung an der flucht von San Francisco s:agar die Kir.ru htung der ..Ea.sthav Religion^ b'ellowship" mit rnonatlulen Zu-.'iminehk'iivn'n und not gi!. genth. Iii-m K .t n z c 1 - t a u s i h zwis.in n den f I c i t - liehen der verschiedenen Konie--ioneu. Dalvei wird jeder He. kchnu g ver-m h vermi-sien und nur Oa - t i c in eins a in e, das «irkhVh Wcsentlit he, Menschliche iiihI Kth!.<!i Religi.»se herwugi lioln n. bh halie einer der Zu-ammenkutifte am 24. Febr., der ak 1 Irudeitag absjeht Iii h kurz nach der Fear von Washingtons tuimrt-tag gewählt war, in dem viin Rorketciief gi'.liitcien ..Inn rn.oeiüui llou^" m Berkeley brig.. \\ uhnt. IS;e Amerikaner smd gute, klare Redner. Sie wi-s,er,, was sie wolien. Ib'i aliet p< akt m lu ri \riani.igung suni sie für gron/ügige. voi u art reibende (lednnken immer zuhaben. find Ve ergnugen. den aus den Gemeinden ausgewählten I.aienrednem alh'r ciiei Konfessionen zuzuhören. Dr. Helene Lubowski Zum Shylotk-Problem Memel, 10. .März 3S Verehrte Schriftleitung! Zu dem Au(-atz von Hermann S i n s h e i m e r „Eine Shylm-k.«;Sfw" in Nr. 19 Ihies Blatte«, rriöchtc ich nachtragen: Mag Shakespeare v>us, },'•„■,lene Novellen der Gesta Romnnorum benutzt haben, die hegende vom Pfunde F 1. UIC--: ■!» sen. nur durch die len Zcu 1 gur des k gers e^der 'iseh ist uberall den ( iiaraktci pvwc Giovanni 1' ofen; na Irnmg-'ii sci.au dunl. s-einbut', hat die I' iniess;. c.sln,,"n < ilaulsi ie . f*hris(en zu einer Juden gestempelt und so einfach den Shylock ..judaisiert". F-, ist hmlist interessant, zwei Bemerkungen \son It'rufener jüdischer Feder hierzu anzuführen: Zu jener an sich kleinen Begetrenheit in Rom sagt unser 11 Morikcr G r ii t i 11880): „Ks wäre empörend, wenn wir am dieses Ereignis in Rom hin hi b.aupicn wolhen, lechzen nach dem T.eben der Juden, empörend zum mua g.gcn die Juden eine solche Anschuldigung immer wieder vorzubringen, wistur nicht der matte die Christen Fleisch oder aln-r ebenso dcstcti ist es. Schein einer Grundlage vorl.utiden ist." Unser Altmeister, Dr. Isanlc R u 1 f, schreibt sehr treffend in seinem 1883 erschienenen zionistischen Werk (Aruchas law Ami 55.): „Kennt ihr nicht den Shylock, jenen Juden, den sich der größte I'ichtergeiiitis dem vielleicht nie ein Jude 7A Gesichte gekommen, konstruic-it hat? Dieser Shylock L: die beste Recht tertigung, die ütxuzetjgendste A|xdogic, welche dem Juden und dem Judentume jemals gewäht leistet worden ist. Ja, so hätte der Jude sein und werden müssen, der Wcltgerechtigkeit, dem natürlichen Verlauf und Entwicklungsgänge der Dinge und Ereignisse gemäü. Der Jude hätte wohl das Recht gehabt, unbarmherzig seinem Dranger und Schänder ein Pfund Fleisch nach dem anderen aus dem Keibe zu schneiden. Der Jude ist aber trotz alledem kein Shvlock geworden; er hat vielmehr stets Haß mit I,iel>e, wilde Grausamkeit mit milder Menschlichkeit vergolten." Leon Scheinhius In der Elektrischen Ber! 15. iliiri Sehr geehrte Redaktion! Ich saß in der elektrischen Bahn. Mir gegenüber ein Herr, der in einer \iimmer des „Stürmer" las. Hinter ihm stand ein jüdischer Schüler, vielleicht 13, 14 Jahre alt. Sein Blick fiel auf die Zeitung. Ich bc. buchtete ihn. Zucr-t las er halb unbewußt, auf einmal spannten sich seine?ügc, seine Augen weiteten sich, eine unendliche Traurigkeit lag auf dem jugendlichen Gesicht. Er las und las und schließlich fielen ein par Tranen aus seinen Augen. Armes, armes Kind, eines von vielen lausenden, könnte man dich nach Palästina schicken, ehe deine zarte Seele zerstört, dein weiches Herz versteinert ist! K 1 s e Fabian -II Osch ANTWORTEN DER REDAKTION H. M. Sachs, Berlin. Wir sind auch Ihrer Meinung, daß man gegen die Bodenspekulation in Palästina mit allen Mitteln kämpfen soll. In der letzten Zeit hat die Tel-Awiwer Arbeiier/eitung „Dawar" sich in diesem Kampf sehr hervorgetan, indem sie regelmälüg eklatante Falle wie Spekulationen und Zweifel bei Orundstiicksverkäufen verficht. Scharfe gesetzliche Maßnahmen anzuwenden ist undurchführbar, da die Juden ja die Staatsmacht in Palästina nicht besitzen. B. R.) Berlin. Die ursprünglich für den 23.d. M. angekündigte „J u d e n - N u in in c r" des „Westdeutschen Beobachte r", Köln, ist nach unseren Informationen bisher nicht erschienen. Wir können Ihnen selbstverständlich weder über die Ursache, noch über eine etwaige Verschiebung des Erscheinuugstermins irgendwelche Auskünfte geben. H. O., Nürnberg. Wenn in Fürth für eine Mode- Zeitschrift, wie Sie uns schreiben, bei jüdischen Familien Abonnenten geworben werden mit der Motivierung, daß dadurch die jüdische Auswanderung nach Palästina unterstützt wird, so ist das selbstverständlich ein völliger Unsinn. Wir können nicht glauben, daß Juden wirklich so dumm sind, auf derartige Erzählungen eines offenkundigen Schwindlers hineinzufallen. Leopold Teichner. Der Pionier des Flugwesens, Otto L i 1 i c n t h a I, war nicht jüdischer Abstammung. Dem Aufruf des Keren Kajcmeth Lejisrael an die Jüdischen Gemeinden Deutschlands, sich an der Aufbringung von Spenden für die Erwerbung neuen Bodens für ein Kolonisaticmswerk auf den Namen Baron Edmond de Rothschild zu beteiligen, sind bisher eine große Reihe von Jüdischen Gemeinden Deutschlands durch namhafte Geldbeiträge gefolgt. U. a. die Gemeinden: Alienstein, Breslau, Cottbus, Freiburg, Herford, Konstanz, Königsberg, Krefeld, Lauenburg, München, Nürnberg, Stuttgart, Zchdenick und der Oberrat der Israeliten, Karlsruhe. Zaubermittel „Germania". Zu der in der „Berliner Nachtausgabe" veröffentlichten Notiz. „Berliner heilt 15 000 Kamele durch das Zauberniittcl Germania" wird uns aus Leserkreisen geschrieben, daß der Erfinder dieses Zaubcrmittels der verstorbene jüdische Chemiker Dr. Heimann in Leverkusen gewesen ist. Aus dem Reich Von unseren Berichterstattern Konzerte in Köln K8ln. Boris Schwarz, ein Geiger von Format, gab im Jürli. sehen Kulturbund Rhein-Ruhr einen Violinabend, dessen etwas ni farbenprächtiges Programm Werke von Corelli, Bach, Bruch, Bloch, Paganini, Krcislcr, Granados und de Faha umfaßte. Kapellmeister Kurt lleinemaim begleitete mit gewohnter Routine und Sicherheit. Starker Beilall zwang Schwarz zu mehreren Zugaben. — Eine ungewöhnlich beschwingte und feingestimmte Kanimermusikstunde verschaffte in einem Schubert-Konzert das Zusammenspiel Ton Prof. Michael Wittels-Köln (Klavier), Frust Drucker-Frankfurt (Geige) und Prof. Felix R. Mendelssohn-Frankfurt (Violoncello). Wie ein Jungborn sprudelte das überschwenglich-melodische Trio B-dur, op. 99, voll süßesten Melodicnzaubers erklang das F.irellenquintett (Richard Karp-Frankfurt, Bratsche, und Ernst Böhm-Frankfurt, Kontrabaß), I>r. Flkan-Düsseldorf sang mit. seinem sympathischen Bariton Lieder des Meisters. In Prof. Wittels hatte er einen feinsinnigen Begleiter. -— Im Rahmen des Kulturbundes konzertierte das Streichquartett des Kulturbundes Rhein-Main (Basscrmnim, Drucker, Karp, Mendelssohn), das durch sein ausgeglichenes Zusammenspiel beim Publikum grolle Anerkennung fand. Herzlicher Beifall wurde den Küastlem zuteil. •— In eindrucksvoller Weise vermittelten anläßlich eines Konzertes zugunsten des Kölner jüdischen Wohlfahrtsamtes die Oberkantorcn Israel Alter-Hannover (Tenor), Nicolai Naumow Fleischmann-Frankfurt a. M. (Bariton) und Hermann J. Fleischmann-Köln (Bariton) Werke bedeutender Komponisten synagogaler Musik, Die .Mitwirkung der jüdischen Chorvercinigung unter der straffen Leitung ihres Dirigenten Kurt lleinemaim, der die Sänger auch am Flügel begleitete, g:ib der Veranstaltung ein besonders festliche» Gepräge. An der Orgel sali Aloys Kreuz. -a- Ankündigungen Breslau. 27. März, 20.30 l.'hr, im Palästina-Amt, Gartenstr. 28, Assael ben David, Rischon le-Zion: „Alllag in Palästina". — Hecha. luz. Kundgebung der chaluziseben Jugend, 7. April, 11.15 Uhr, Taueutzien-Theater. - - Reichsverhand isr. Schwerhöriger (Riseh) F. V. nächste Monatsversammlung der schlesischen Bezirksgruppe am 2. April, 20 Uhr, Gemeindehaus II, Schweidnitzer Stadtgraben 28. Die Finweihung des eigenen Vielhörer-Apparates durch heitere Vorträge von Lotte Rosenbaum-Schw arz. -— Hebräische .Sprachkurse: „Kirjatb-Sepher". Neue Allfängerkurse für Erwachsene, Besprechung zur Festsetzung der Zeit am 28. März, 20.15 Uhr, Wall, stralie 14, Erdgeschoß, Zimmer 4. - Hamburg: Die drei Logen l'OBli. und die Franz-Roscrizwcig-Gcdächtnis-Stittuiig zweiter Vortragsahend der Maimonides-Gcdenkfeier: Rabb. Dr. Max Wiener, Berlin, am 26. März, Weißer Saal des Curlo-Hauscs, über: „Der religiöse Denker und seine Gegenwartsbedeutung". Beginn: 20 Uhr, Jüdischer Kulturbund Rhein-Ruhr: Olfenbach-Abend mit Dr. Anne, licse Landau, Erna Eisner, Max Kutter. Köln: 31. März, 2. April, 4. April, 20.15 Uhr, Rheinland-Loge. Reck 1 i ngh ausen: Am 3. April, 20.15 Uhr, Gemeindehaus. „Was ihr wollt", Aachen: 3. April, 20.30 Uhr, Neues Kurhaus. Essen: 30. und 31. Marz, 20.30 Uhr, Jugendheim. -- Karlsruhe: ZOG. Am 27. März, Kurs. Vortrag Dr. Kurt Licht, Mannheim, über: „Palästina, ein werdender Staat". Lehrhaussaal, 20.30 Uhr. — Koblenz: Im Gemeindesaal, Florinsmarkt, regelmäßig jeden Dienstag Abend Herbert Scheye, Vallendar, Referate über Themen, die Palästina und den Zionismus behandeln. — Leipzig: Hrith Chaluzim Datiim, Zeire Misrachi, Am 28. März, großes Bundesfest Chöre, Musik, Sprechchöre und Theater. Familien - Nachrichten Herr Rudolf Günzburg und Frau Toni, geb. Levi, Mainz, Rtieinallec 2, begehen am 27. März die silberne Hochzeit. Frau Jeanette S ü ß - S c h ü I e i n. Thalmäs-ing (Mittelfranken), zurzeit Berlin W 30, Landshuter Str. 35, begeht am 1. April den 81. Geburtstag. Bar Mizwah-Termine Am 6. April — 3. Nissan: Josef, Sohn von Herbert Czoll acte, "-eslau, Opilzstr. 1. _ Nachtrag. Bei unserem Bericht über die letzte Veranstaltung der Jüdischen Winterhilfe ist versehentlich der Name der Sängerin Manja B a r k a n fortgeblieben. Kinderchor. Zu dem Bericht in Nr. 23 ist nachzutragen, daß auch Oberkantor Neumann (ebenso wie in der ersten Aufführung) verdienstvoll mitwirkte. 3. KAPITEL B»ssingtT stand gebrochen in der Kck« des Zimmers. Der Arzt rannte hin um! her. Die Krankenschwester rannte hin unilher. K« wurde ein neuer Arzl gerufen. Bessinger sprach kein Wort. Seine \iigcn waren um Angst geweitet, sein Mund bald geöffnet, bald zugepreßt, Hcssinger wußte nicht, wieviel .Stunden er so stand. Er stand leblos im Leben. I.)r. l'roniiii ging durch das Zimmer. Er sah Bessingen kleine, aufgerissene Augen. ,,.ln, toi", sagte er hart. „Wer ist toi", wollte Hcssinger .schreien, „wer ist tot"? Herr im Himmel, Bessinger hörte es Luit in sich, so laut, dalJ sein Herz plal/cn wollte, Herr im Himmel, wer ist tot?! Bessinger brachte kein Wort hervor. Aber es schrie in ihm. Ist Berthclim, ist das Kind tot, sind beide tot? Herr im Himmel, strafe mich nicht. Hessinger erschrak. Strafen? Was halte er getan? iNichts. Seine Pflicht, hatte er getan, seine verfluchte Pflicht. Er stand auf seinem Platz und füllte ihn aus. Was konnte man mehr verlangen? Gott? _ Ja, es gab einen Gott, sicherlich. Kr versuchte, überzeugt m sein. Es war besser, daran zu glauben. Es war eine Art Versicherung gegen Unfälle im Leben und nach dem Leben. Man konnte nie wissen. Also ja, es gab einen Gott. Der Verstand schob sich dazwischen. Er fragte, warum geschieht dies und warum jenes? Will das Gott? Kann das ein Gott, wollen? Es war schon richtig. Man wunderte sich über vieles, was Gott, geschehen Hell Wo ist er denn? fragte der Versland. Und man hörte nur ihn. Ja, man zweifelte wohl einmal an Gott. Alier, Göll behüte, nicht so ganz.. So ganz lulle man nicht hingehört. Man stellte sieh ein wenig taub. Es war schon besser. Ja, man wollte hier nicht auf ihn hören, auf diesen Verstand. Man wollte glauben. An einen Gott glauben, lind im allgemeinen gelang es auch. Man brachte sogar Opfer. An lieiden IVeujahrslagen und am Versöhnimgstag war das Geschäft geschlossen. Es gab Konkurrenz, die am zweiten Neujahrstag das Geschäft geöffnet hatte. Das war eine Niedertracht, vor allem, wenn der Tag auf einen Sonnabend fiel, den Ilauptgesch«Itstag. Berthrhen hatte nicht erlaubt, diesem Beispiel zu folgen, selbst wenn es sich um einen Sonnabend handelte. Und heule, in diesem Augenblick, ließ Bessinger das bei Gott, auf sein Konto setzen. Dann stand wieder der Schrecken vor Bessinger. Er hörte ein Wimmern. War das Berlhchcn? Er hörte ein Weinen. War das Iledda? Diese Hedda, die nichts verstand und doch schon soviel zu verstellen schien? War es Lotte? Was ging vor? Bessinger spielte eine jammervolle Holle, so schien es ihm. Was war geschehen? Er hielt es nicht aus. Er mufSte wissen, und wenn er darunter zusammenbrach, Bessinger konnte nicht länger warten. Kr wollte — Da öffnete sich die Tür. Die Schwester eilte durch das Zimmer. Sie halte etwas eingeschlagen in einem Tuch. Sie sah nicht zu Bessinger. Ihre Augen stierten geradeaus. Aber dann erschien Dr. Etiehs. Sein weißer Drellmanlel hatte große Blutflecken. Bessinger erschauerte. Fuchs schritt auf Bessingcr zu. Bessinger mußte sich setzen. Dann sprach der Arzl. Er sprach langsam und leise. Aber seine Stimme schwang seltsam im Baum und klopfte gewallig gegen Bessingers Öhr. „Das Kind ist tot. Ks war schon im Mutlcrleil>e tot. Irgend etwas muß dagewesen sein." „Und Bertlichen?" schrie Bessinger. Er hatte wieder seine Stimme gehör t. „Und Bert liehen? Und Berlhchen?" Immerzu wiederholte Bessinger: „Und Herthchen?" Bis es dem Arzt gelang zu antworten. „Ihre Frau lebt. Sic wird leben bleiben, glaube ich. Nur, bitte, grüßte Schonung, für Wochen. Dr. Fromm wird sie weiter behandeln. Ich komme vorläufig täglich." Bessinger durfte erst am nächsten Tag zu seiner Frau. Sie lag mit geschlossenen Augem da. Sie war bleich wie das Linnen. Sie atmete kurz und schwach und in rascher Folge. Als sie die Augen öffnete und Bessinger sah, traten Tränen in ihre Augen, und plötzlich durchschüttelte sie ein Schluchzen. Bessinger griff nach ihrer blassen Hand, aus der das Blut gewichen schien. War es diese Hand, die tausend Dinge geschaffen hatte? Tausend gute Dinge, die unaufzählbar waren? Berthchens Erregung wollte sich nicht legen. Sie entzog ihrem Mann die Hand. Dr. Fromm winkte Bessinger, das Zimmer zu verlassen. Iledda durchlebte furclitbare Wochen. Das Fräulein lenkte sie ab, so gut es ging. Arier das Kind roch den Jodoformf;ruch. Es wußte, die Mutter ist da und durfte nicht zu ihr. s sah zuweilen das Gesicht des Vaters, hörte einzelne Fragen, einzelne Worte und fraß die Sorgen der anderen in sich hinein. Dieses fünfjährige Kind, das nichts verstand und schwieg. Bessinger konnte nur für Augenblicke zu seiner Frau. Er durfte auch nicht länger bleiben. Die Gefahr war nicht vorüber. Dr. Fromm wollte die Kranke geschont sehen. Und Bessinger hatte auch keine Zeit. Er mußte überall sein, im Geschäft, auf dem Neubau, der immer wieder neue Fragen aufwarf, hei Besprechungen, bei den Kunden, die sich wieder und wieder nach Berlhchen erkundigten. Er mußte dann ein sehr trauriges Gesicht machen. Und er war auch traurig in der Tiefe seines Herzens. Aber wenn die Arbeibwut über ihn kam, war er der Bessinger wie immer. Nein, noch verbissener in der Arbeil, die sein Leben war. Berlhchen lag wochenlang. Wenn die Fenster geöffnet waren, hörte sie über die Dächer hinweg die Maschinen laufen, die am Neubau arbeiteten. Sie hörte es deutlich: Brrr — rmm<, rrrr — rmm. Und sie hörte die motorgetriebenen Aufzüge, die das Material nach oben beförderten: Sssi —• ssutnm, sssi — sssum. Es war der Takl der Arbeit am Neubau: rrrr — rmm, sssi — ssum. Es war, als ob es der Herzschlag der Arbeit wäre, diese mechanischen, reibenden und aufreibenden Stöße und! Seufzer. Berlhchen fühlte, wie ihr eigener Herzschlag gepackt wurde und erregt wurde, aber nicht im Gleichtakt. Es war ein, Takt, der sich gegen diese Arbeit wandte. Es war ein Herzschlag der Empörung. Es ist genug, schrie es in ihr. Du hast genug gefressen. Aber dann wurde sie matt und schloß die Augen und ließ die Fenster schließen und bettete sich in die Mattigkeit, in die sie einsank.... Monate waren vergangen. Berthchen hatte einige Wochen in ihrer Heimat, bei der alten Mutler verbracht. Die Mutter, die nie £roß gewesen, war noch kleiner geworden. Sie hatte das T'ehinnc-Buch hervorgeholt und sich still neben ihre Tochter gesetzt, deren Hand ergriffen und leise gebetet: „Oh, mein Gott. Nimm einer Mutter fromme Segenswünsche wohlgefällig auf. Nimm einer Mutter inbrünstiges Flehen auf. Du, mein Stab und meine Stütze. Auf Deine grenzenlose Gnade und Güte hoffe ich. Wenn durch Fehl ich oder mein Kind diese« Ungemach herbeigerufen, so laß Dein Erbarmen walten und unsern Schmerz Dir zur Sühne sein. Amen." Berlhchen wurde sehr ergriffen von den Worten. Trug sie Schuld an dem Tod des Werdenden? Die Frage brannte in ihr und ließ ihr9 Wangen hager und blaß werden. Beim Abschied ergriff "10 Mutter ihre Hände. „Du, mein Kind", sprach die Mutl". „vergiß über dem Tag nicht das Morgen, lebe dem Zeitige» und dem Ewigen." (Fortsetzung folg»)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.