Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1935-03-19 · Heft 23 (19.3.1935) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 23 (19.3.1935)
Date
1935-03-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2653827-2653850--26564-2687956
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Seh» 6 JODISCHI RUNDSCHAU Nr. 23, 19. in. 1935 wie eben Mädchen ihre Zöpfe im Bett auflösen, damit sie sie im Schlaf nicht drücken. Und da sah Brach«, was mein Onkel tat. Sie er/iittrte, schrie laut und schlug vor Schmerz an ihr Haupt, und ihr Haar fiel ihr ins üesicht. Mein Onkel hörte ihren Schrei, erhob seinen Blick nach oben und sah eine weißgekleidete Frau mit verdecktem Ocskht. Er erkannte sie gleich als eine Tochter des Svnagogendieners, aber er verwechselte, die ältere mit der jüngeren. Da begann er, zu schreien und sich zu fürchten. Und auch sie fürchtete sich, daß Menschen kommen und sie finden könnten; da floh sie. Am Morgen fand der SynajZogendiener meinen Onkel wie tot auf dem Boden liegen. Er trat ihn, und der fühlte e» nicht. Er rüttelte ihn, und der war nicht zu erwecken. Er goß ihm Branntwein in den Mund, aber dir spürte nichts. Dann rieb er ihn ab. Und schließlich öffnete er seine Augen und gab Lebens/eichen von «ich. Da rief er seine Frau, sie brachten ihn in ihr Haus, legten ihn aufs Bett, deckten Ihn mit warmen Decken zu und taten alles mögliche zu seiner Genesung. Er reckte sich und fing an, /um Leben zurückzukehicii, doch blieb er noch krank. Bracha aber wollen wir es zum Guten vermerken, daß sie ihm so zugetan war und keinen Augenblick vergehen ließ, in dem sie ihn nichtpflegte. Mein Onkel sah das, es entstand ein gutes Gefühl fn ihm und er wurde aufmerksam auf sie, heute ein wenig, morgen ein wenig und mehr und mehr in der Folgezeit. Nach Ablauf vieler Tage stand er auf, und die Zeit, sich yom Hau» des Synagogemlicners zu frenen, war gekommen. Voll Kummer war mein Onkel, das Kissen lassen zu müssen, das man ihm unter den Kopf gebreitet hatte, und die Decke, mit der man ihn zugedeckt hatte, und die Matratze, die sie ihm untergelegt hatten, denn es war ein Federkissen, und «ine wanne Decke war es, und es war eine Matratze von Stroh. Und jetzt soll er ins I.ehrhaus zurückkehren und auf einer hatten Bank liegen mit Stiefeln unter dem Kopf. Auch Bracha war sehr bekümmert imi ihn. Und nicht sie allein, auch Ihr Vater und ihre Mutter nahmen Anteil an ihrem Kummer. Sie erwogen, ihn vorläufig noch in ihrem Haus zu lassen, weil das Gute sich bezahlt macht. Denn von dem Tag an, da sie den Armen in ihr Haus gebracht hatten, war ein Segen über das Oel gekommen. Jedes Seelenücht brennt seine vitrundzwan/ig Stunden, wie es sein muß. Sie führten den Segen auf ihre Guttat zunick, ließen meinen Onkel in ihrem Haus und verdoppelten ihre Gute. Daß sie aber nicht üble Nachrede über ihre Tochter brachten, weil ein lediger Mann sich in ihrem Hause befindet, vereinbarten sie ihre Heirat mit meinem Onkel, Friede mit ihm. Nur wenig spater wurden sie getraut. Und mein Onkel, Friede mit ihm, ward nun gewürdigt, zu tun, Was seine Väter getan hatten; er zeugte Söhne und Töchter, wie es der Brauch jüdischer Männer ist. Auch meine Tante, Friede mit ihr, ward durch ihn gewürdigt zu tun, wie ihre Mutter und wie auch sonst alle Töchter Israels. Vielerlei weiß ich über die Söhne und Töchter von Beinisch, meinem Onkel, und es verlohnte sich, das anzuhören. Die Söhne heirateten, und die Töchter wurden geheiratet, und deren Söhne stehen im Begriff, sich zu verheiraten. Da« ist es, wenn ich gesagt habe, daß ich aus einer Familie von verheirateten Leuten stamme. Denn jeder Mann unserer Familie, wenn seine Zeit gekommen ist, heiratet eine Frau, und jede Frau wird von einem Manne geheiratet. Und sogar Beinisch, mein Onkel, der sich von der Regel ausschließen wollte — auch er bestätigte nur die Regel. Es ist wahr, daß mein Onkel von dieser Nacht an zu einem großen Furchthasen wurde. Besonders fürchtete er sich vor den Toten. Und wenn nicht meine Tante, Friede mit ihr, ihm offenbart hätte, daß sie es war und nicht ihre tote Schwester, die ihm in jener Nacht erschien, hätte er Angst gehabt zu sterben. Sehade, daß er tot ist, aber so ist nun einmal der Gang der Welt, der Mensch lebt und Stirbt, lebt und stirbt. Und auch wir — ein lange» Leben mögen wir haben — werden einmal sterben. Aber solange der Mensch lebt, muß er eben leben. Deshalb fülle ich mein Glas und trinke auf die Gesundheit und das Leben. (Die vorstehende, hier etwas gekürzte Lirzählung S. J. Agnons wird in der Sammlung „Die sieben Tage der Hochzeit", dem neuen Novellenband des Autors, enthalten sein, die demnächst im Schocken-Vcrlng erscheint.) Eine arabische Version Von Dr. Walter F i s c h c 1, Jerusalem Jüdische Traditionen und Legenden haben nicht nur in den Koran und in die islamische Traditionsliteratur Eingang gefunden, sondern auch in die Werke der islamischen Historiker und Geographen, die sehr viele verstreute Nachrichten und Aussagen über Juden und jüdische Ereignisse enthalten. Einer der bedeutendste« arabischen Schriftsteller des 10. und 11. Jahrhunderts, al-Biruni aus Chwarizm (Mittelasien), hat in seinem Werk über „Die Chronologie der alten Völker" (von E. Sachau 1879 herausgegegeben und englisch übersetzt) sogar ein besonderes Kapitel den „jüdischen Fest- und Fasttagen" gewidmet, in dem wir u. a. einen interessanten literarischen Niederschlag der Purimlcgende finden, die hier gekürzt mitgeteilt werden soll. Unter dem 13. Adar II heißt es: 13. Adar: „Das Fasten von Alburi (Purim) d. i. das Werfen von Losen. Sein Ursprung ist dieser: Einst reiste ein Mann namens Hatnan, der ganz unbedeutend war, nach Tustar, um ein bestimmtes Amt anzutreten. Auf dem Weg nach Tustar wurde er jedoch aufgehalten, was ihn verhinderte, das Ziel seiner Reise rechtzeitig zu erreichen. Dies geschah am selben Tage, an dem die Aemter in Tustar verteilt wurden. So verpaßte er die Gelegenheit und geriet in große Not. Er begann dann, sich in die Nähe der Grabstätten zu setzen und verlangte für jeden Toten, der dort beerdigt werden sollte, 3'/j Dirham. Dies tat er, bis die Tochter des Königs Ahasveros starb. Als die Leute mit ihrem Leichnam kamen, verlangte Haman eine gewisse Summe von den Trägern und als diese sich weigerten, erlaubte er ihnen nicht weiterzugehen, bis sie willens waren, seine Forderung zu erfüllen. Aber Haman war mit seiner ersten Forderung nicht mehr zufrieden und verlangte immer mehr, bis sie ihm schließlich eine enorme Summe bezahlen sollten. Der König erfuhr von dieser Sache und befahl, man möge die Forderung dieses Mannes erfüllen. Nach einer Woche lud der König diesen Mann (Haman) zu sich und fragte ihn: ,Wer hat dich mit einem solchen Amt betraut?' Haman antwortete einfach: ,Wer hat es mir verboten, es auszuüben?' Als der König seine Frage wiederholte, sagte Haman: .Wenn mir die Ausübung dieses Amtes jetzt verboten wird, werde ich aufhören, und ich würde dir mit dem größten Vergnügen soundso viel Zehntausende von Dinars geben.' Der König war, als er die ungeheure Geldsumme hörte, überrascht, weil er bei all seiner Machtfülle solche Summen selbst nicht besaß. Da sagte der König zu sich: ,Ein Mann, der durch die Herrschaft über die Toten soviel Reichtümer aufspeichern konnte, ist würdig, zu meinem Wesir und Ratgeber ernannt zu werden.' So übertrug ihm der König all seine Angelegenheiten und verlangte von seilten Untertanen, ihm (Haman) zu gehorchen. Dieser Haman war ein Feind der Juden. Er fragte die Zeiehcndeuter, welches die verhängnisvollste Zeit für die Juden sei. Sie sagten: Im Monat Adar ist ihr Meister Musa ( Moses. A.d.R.) gestorben und der 14. und 15. dieses Monats ist für sie die unglückseligste Zeit. Daraufhin schrieb Haman an alle Provinzen des Reiches und befahl, an diesem Tage die Juden zu ergreifen und zu töten. Die Juden des Reiches erschienen vor ihm, fielen vor ihm nieder, die Hände über der Brust gekreuzt, außer einem, Mordechai, dem Bruder Esthers, des Königs Frau. Haman haßte sie und zielte auch auf ihr Ende an diesem Tage ab. Doch des Königs Frau verstand ihn. Sie lud den König und seinen Wesir zu sich in ihren Palast und unterhielt sie drei Tage lang. Am vierten Tage fragte sie den König um Erlaubnis, ihm ihre Wünsche äußern zu dürfen. Und so bat sie ihn, ihr und ihres Bruders Leben zu retten. Der König fragte: ,Wer wagt es, gegen euch beide etwas zu unternehmen?' Sie zeigte auf Haman. Der König erhob sich in großem Zorn. Haman jedoch näherte sich der Königin, warf sich ihr zu Füßen und küßte ihr dann das Haupt, aber sie stieß ihn zurück. Der König gewann den Eindruck, daß Haman sie verführen wollte und wandte sich an ihn: .Bist du in deiner Unverschämtheit so weit gekommen, auch noch sie zu begehren?' Der König ordnete seinen Tod an und Esther empfahl, ihn an demselben Baum aufzuhängen, den Haman für ihren Bruder vorbereitet hatte. So verfuhr der König, und w schrieb an alle Provinzen des Reiches, daß die Anhänger Hamans getötet werden sollten. So wurden sie getötet an dem Tage, an dem Haman die Juden vernichten wollte, d. h. am 14. Adar. Deshalb herrscht bis zum heutigen Tage große Freude wegen des Todes von Haman. Dieses Fest heißt auch ,Das Fest der Megilla' und auch jHaman-Sus' (Verbrennung von Haman). Denn an diesem Tage machen die Juden Figuren, die sie schlagen und dann verbrennen, die Verbrennung von Haman imitierend. Das. selbe tun sie auch am 15. Adar." Ohne hier die Frage nach dem Ursprung der Legende über Haman aufzurollen und Parallelen aus dem jüdischen Mklrasch vorzutragen, sei nur noch erwähnt, daß auch der ägyptische Gelehrte Maqrizi des 15. Jahrhunderts in seinem grundlegenden Werk über Cairo diese von al-Biruni er. wähnte Verbrennungszeremonie Hamans schildert und dall dieser Brauch bis heute noch bei den Juden Petsiens iuxl des Orients überhaupt üblich ist. Eine Purimoper Aus der französischen Provence erzählt uns der dorther stammende Dichter Armand Lunel eine (vielleicht authentische) Geschichte in seiner Purimoper „Esther de Car. pentras". Carpentras ist eine alte jüdische Siedlung, die — neben Avignon und anderen südfranzösischen Städten, von einer langen jüdischen Tradition erzählt, von einer Anskdlung, in die schon Juden vor Zerstörung des zweiten Tempels gckommen seien. Während des Kirchenschismas und des päpstlichen Aufenthaltes in Avignon waren die Juden der Gegend unter besonderen päpstlichen Schutz. Zu dieser Zeit spielt die Geschichte der Oper. Es handelt sich in ihr um den Versuch einer Judenbekehrung, die ein Kardinal unternehmen will. Nur zu diesem Zweck (um möglichst viele Juden beisammen zu haben) läßt er die Aufführung eines Purimspieles zu, der er selbst beiwohnt. Als gerade (auf einem Theaterpodium inmitten der Bühne) die große Szene Esther-Ahasveros beginnen soll, steigt der Kardinal auf das Podium und versucht in einer Ansprache die Juden zu überzeugen oder aus der Stadt zu weisen. Der Schönheit und Geistesstärke der jüdischen Schauspielerin aber, die die Esther verkörpert, gelingt es, den Kardina! davon abzubringen und so die dargestellte Purimgeschichte auch für die Bewohner von Carpentras zu vet. wirklichen. Zu der kurzen zweiaktigen Oper (Auffühnrngscfatier zirta 1 Stunde) schrieb die Musik Darius Milhaud. Ihre Veröffentlichung dürfte bevorstehen. Das Milieu der Oper aber, das bunte Leben und Treiben der Stadt, die religiöse Tiefe vor allem des Schlusses, der Humor einiger Figuren — all das dürfte für die Eigenarten des Milhaud-Stils eine besonders fute Basis sein. Milhaud selbst stammt auch aus der Tradition er Provence und hat bekanntlich schon einige Bearbeitungen provencalisch-jüdischer Gesänge herausgegeben, die einer heute vergriffenen Sammlung Cremieuxs entnommen sind. Peter Gradenwitz Purim - Gleichnis WORIN SICH PALAESTINA NOCH UNTERSCHEIDET: Ertönt eine Straßcnbahnglocke — so kommt ein Müllwagen Ertönt eine Feuerwehrglocke — so kommt ein Sanitätswagen Ertönt eine Zweiklangfahrradglocke—so kommt eine Droschkp Ertönt eine gewöhnliche Fahrradglocke — so kommt ein Schuhputzet Ertönt eine Hupe — so kommt ein Radfahrer Ertönt eine Fabriksirene — so kommt ein Schiff Ertönt eine Kuhglocke — so kommt ein Kamel Ertönt eine Schlittenglocke — so kommt ein Esel Ertönt die Hausglocke — so kommt Besuch aus Deutschland. Robert Baer, Haifa Helfen Sie uns bei der Verbreitung der „Jüdischen Rundschau" Purim-Spitzen Purim ist die Visitenkarte, die P e r s i e ti bei uns abgegeben bat. Wir haben Persien ilafür eine Königin geliefert. Gegen Esther war nichts einzuwenden, als daß sie einen nichtjii.li-fhcii König geheiratet hat. Aber sie hatte keinen jüdischen zur Auswahl. Ucbrigens hat sie sich auch als Königin gut gehalten. Erst ihr letzter Liebhaber weiß etwas gegen sie' vorzubringen: „Die Esther stirbt auch, nachdem sie eine Kanaille geworden ist", entscheidet er, „stirbt auch oder führt ein ualvollcs Leben neben dem krankhaft erregten König, nachem ihr selbst die kolk: Hamans zugefallen ist, den Launen des Gebieters zu frönen..." Kanaille? Und das nach zweitausend Jahren, denn der letzte Liebhaber ist Franz Grillparzer. Aber was ist auch seine Esther? Ein Fragment. * Es gibt P u r i m - P u r i t a n e r, die gegen das Fest einfenommen sind. Es ist ihnen zu lustig, zu lärmend, zu simpel, s ähnelt ihnen zu sehr den alten Lärminstrumenten, den Knarren und Rasseln, die man bei der Vorlesung des Buches Esther verwendete. Man hatte auch Holzhämmer, auf d;ren Schlagfllche mit dicken, schwarzen Buchstaben der Name Haman aufgeschrieben war. Wenn nun bei der Vorlesung im Bethaus der Name fiel, dann fielen auch mit Höllenlärm die Holzhämmer aut die Bänke, Tische oder Dielen, man trampelte, scharrte, und die Knarren und Rasseln lärmten, und grell wurde da/wischen gepfiffen. Der miserabelste Darsteller der unsympathischsten Rolle auf der übelsten Schmiere kann nicht so wutend begrüßt werden. Aber man muß wohl an Fortschritt glauben, so artig sind wir geworden: die Urenkel der berserkerwildesten Knarrendreher und Holzhammerhelden sitzen heute, sofern sie überhaupt ins Bethaus gehen, ganz still und zivilisiert, und wenn der Name Haman fällt, dann ist der einzige Ton, den man von ihnen hören kann, das sanfte Zephirsäuseln des Schnarchens. (So unaktuell können Legenden werden.) In der Redaktion des „Magen David von Khai Fong Fu" war Hochbetrieb. Die Purim-Nummer wurde fertiggestellt. Sie sollte ein Meisterwerk werden, für das man von der Königin Esther persönlich einen Original-Beitrag beschafft hatte. (Das Interview mit S. M. dem König Ahasveros von Persien hatte leider das Konkurrenzblatt, „Der Schammcs von Khai Fong Fu", weggeschnappt, Haman weiß wie.) Und nun kam in aller Aufregung ein sensationelles Telegramm: „Berliner Juden schaffen Purim ab!" Eine Kühnheit! riet der Chefredakteur. Eine Purim-Ente! rief der zweite Mann. Eine — was? schrie der Chefredakteur. Schließlich einigten sie sich dahin, daß der Rabbiner von Khai Fong Fu einen Leitartikel über die Sensation schreiben sollte. Wann müssen Sie den Artikel spätestens haben? fragte der Rabbiner. Gestern, antwortete der zweite Mann. Der Rabbiner schrieb, die Sache sei so zu verstehen: die deutschen Juden sind jetzt so für Palästina eingenommen, daß sie das einzige Diaspora-Fest abschaffen. Wenn das auch übereifrig wäre, so sei Purim tatsächlich das einzige Fest des Jahres, dessen Anlaß nichts mit dem Heiligen Lande gemein hätte. Kaum war der Artikel gesetzt, traf ein Berichtigungs-Tclcgramm ein: „Abschaffung Irrtum, Gegenteil, Purim Hauptfest!" Nun alarmierte man die technische Nothille, nämlich einen freien Mitarbeiter, der schrieb, die Sache sei nur so zu verstehen: Die Berliner Juden seien so naumanniotisch geworden, daß sie aus Purim, weil es als einziges Fest nichts mit Palästina gemein hat, das Fest aller Feste machen wollten. So wird es stimmen, sagte der Bote der Redaktion, der voriges Jahr in Berlin gewesen war. Damals, sagte er, war gerade Jörn Kippur, ich wollte in eine der vielen Synagogen gehen, aber man ließ mich nicht ein. Die luden in Berlin hatten eine eigene Armee, Bewag, in besonderer, Uniformen vor die Synagogen postiert, um nur die wenigsten Juden einzulassen. Warum? Zu Purim wird jeder eingelassen, hat man mir gesagt. Der Fall ist klar. * Wenn ich mir fürs nächste Leben Jetzt schon meinen Geburtstag aussuchen dürfte, dann würde ich Puritn wählen. Kann man besser begrüßt und lustiger empfangen werden als am Purim? Das Erste, was ich tun werde, wird wohl sein müssen, daß ich ein Indiancrgeheul ausstoße wie andere Neugeborene, aber welche Hebamme wird das am Purim rühren können? Niemand wird mich ernst nehmen, und so wird es mein Leben lang bleiben. Und ich selbst, als ein echtes Purimkind, werde auch niemanden und nichts ernst nehmen. Darum will ich am Purim zur Welt kommen. Natürlich werde ich mich ein bißchen wundern, daß man mich so wenig beachtet, aber ich werde mich hüten, mir etwas anmerken zu lassen. Darf ich denn am Purim jemandem etwas übel nehmen? Am Purim soll jeder schließlich soviel trinken, bis er zwischen Mordechai und Haman nicht mehr unterscheiden kann. Vielleicht wird man sogar meiner Mutter ein Schlückchen geben. Mein Vater soll nur gleich ein Fläschchen nehmen, wie kann er sonst die Schmerzen aushalten, die jede Geburt jedem Vater verursacht? Und was wird meine Mutter mir geben, wenn ich Durst habe? Oewiß auch dn Schlückchen. Darum, müßt ihr wissn, will ich das nächste Mal am Purim zur Welt kommen. Aus Durst. Trinken will ich. Lustig will ich sein. Wenn ich ankomme, soll jeder sich freuen. Und in was für eine Welt will ich neugeboren werden? In einer richtigen Purim-Welt. In einer Welt, wo in jedem zweiten Fluß eine feine Hühnerbrühe fließt und statt der nutzlosen Seerosen Kräppchen wachsen. Und wenigstens zweimal die Woche soll es Krill-Erbsen regnen. Und auf den Wiesen soll nicht mehr der dumme Kampf ums Dasein toben, sondern friedlich die gefüllte Milz neben der gebratenen Gänseleber weiden. Eine Welt soll es sein, in das kein schlanker Hecht mehr scheel auf den dicken Karpfen in polnischer Sauce herabsieht Nun wollt ihr natürlich wissen, was ich in dieser Welt tun werde, denn vom guten Essen und Trinken allein kann min ja nicht leben, man muß auch was fürs Herz haben und für die Seele. Nun, ich müßte selbstverständlich das tun, was sich für ein richtiges Purimkind gehört. Ich würde lachen, mich freuen, andere erfreuen, alles Gute würde ich tun. Ich würde mich betätigen wie die größten Millionäre, seh würde sammeln, nicht Briefmarken oder Zinnteller oder Gelgemälde, sondern alle Gelächter der Welt, von Evas Lachen vor dem Apfelkompott, solange sie noch zu lachen hatte, bis zu meinem eigenen Lachen aus der Zeit, wo ich nichts mehr zu lachen hatte. Ich würde mir die garantiert größte Druckfehlersammlung der Welt anlegen und immer den sc.hosten Druckfehler des Jahres ausstopfen lassen. Ich würde Spaße sammeln. Kurzum, der Wolkenkratzer, den ich mir bauen würde, sollte kaum ausreichen, um all den Humor zu fassen. Und würde ich etwa geizig umgehen mit all meinem Hab Und Gut? Mit nichten, mit nienten, Tag und Nacht sollen die fünfundvierzig Tore meines Hauses offen stehen für jedermann, wer kommL soll willkommen sein und sich nehmen dürfen, was ihm Freude macht, vom kleinsten silbernen Gekicher bis zur blauesten Riesenlachsalve. Das ganze Jahr soll bei mir Purim sein, nur an einem einzigen Tage nicht. An diesem Tag soll mein Haus sich verkleiden die Türen sich schließen und jedes Lachen sich verstecken. Ihr wollt wissen, was für ein Tag das ist? Das ist Purim, der Tag, an dem ich geboren sein werde, mein Geburtstag im nächsten Leben. An diesem Tag will ich von Abend bis Abend weinen. Ihr meint, weil ich geboren bin, werde ich weinen? Nein, nein, nur damit ich nicht übermütig werde, nachdem ich das ganze Jahr gelacht habe. Ihr fragt, warum ich jetzt, hier, heute weine? Weil Purim ist, weil euer Slivowite ganz schon kräftig ist, weil ich mir denke, ich bin schon ein Leben weiter, schon in meinem neuen Purim-Leben, da müßt tnr schon entschuldigen, daB einer, der das ganze Jahr bloß gelacht hat und sich gefreut hat, auch einmal nicht mehr lache» kann und lachen will, — heut ist doch, entschuldigt bitte, Purim ... . Leo Hirsen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.