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Jüdische Rundschau · 1935-03-19 · Heft 23 (19.3.1935) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 23 (19.3.1935)
Date
1935-03-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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mmm^m npp i^i^^äs»««» Nr. 23, 19. III. 1935 JODISCHE RUNDSCHAU Sötte 5 PURIM 5695 Reines Oliven -Oel Von S. I. AONON Aus dem Hebräisches übersetzt von Gustav Krojanker) Es begann Jaakow Schimschon, der Fuhrmann, der Bruder ton Nata, dem Fuhrmann: Ich stamme aus einer Familie von verheirateten Leuten. Es ist ein alter Brauch in unserer Familie, sich zu verheiraten, wenn man in die Jahre dazu kommt. So hat es mein Vater getan, Friede mit ihm, und so mein Großvater, Friede mit ihm, und man muH annehmen, daß auch dessen Vater nicht vom Heiligen Geist geboren wurde. Denn oft habe ich meinen Großvater sagen hören: so habe ich es von meinem Vater übernommen, Friede mit ihm. Und nicht die Männer allein pflegten so zu handeln, sondern auch die Frauen. Meine Mutter, Friede mit ihr, verheiratete so sich mit meinem Vater, und ihre Mutter, Friede mit ihr, mit meinem Großvater, und auch die hatte eine Mutter, die mit dem Urgroßvater verheiratet war, den mein Großvater zu erwähnen pflegte. Aber keine Regel ohne Ausnahme. Beinisch, der Bruder fneines Vaters, wollte vom Brauch seiner Eltern abweichen und unverheiratet bleiben. Nicht, daß er wirklich nicht heiraten wollte, sondern die, die er wollte, wollte ihn nicht, und die, die ihn wollte, wollte er nicht. Und zum Schluß ist auch er bei der Regel geblieben und hat doch geheiratet. Der Mensch will eben etwas und tut das Gegenteil. Er glaubt, sich von anderen zu unterscheiden und handelt dann unbewußt wie sie. Meinen Onkel als „Menschen" zu bezeichnen, ist eigentlich übertrieben. Man kann schon kaum einen Kieinkinderlehrer so nennen, um wieviel weniger jemanden, der nur als Helfer des Kleinkinderlehrers fungiert: es gibt keine nützliche Kunst, die nicht auch etwas Freundliches an sich hat, außer der seinen. Er sieht kein freundliches Gesicht, weder von seinem Lehrer noch von den Schülern, nicht von ihren Vätern und Müttern, überhaupt von keinem Menschen auf der Welt. Und auch die Lehre läßt ihm ihr Antlitz nicht leuchten, denn hätte sie es ihm leuchten lassen, wäre er nicht zu diesem Beruf gekommen. Dann säße er vielmehr auf einem Katheder, hielte den Riemen zwischen den Fingern, ein Schüler läge auf seinen Knien, er züchtigte ihn für ein Vergehen und hätte nicht nötig, sich so abzuquälen: wie damit, die kleinen Kinder von zu Hause in die Schule und von der Schule nach Hause zu bringen, und wie damit, die Aufträge von den Müttern der Schüler auszuführen, ihnen Geflügel zu schachten oder dergleichen. Und wenn er seinen Auftrag glücklich ausgeführt hatte, dann sagte man ihm: mach, daß du fortkommst; gelang es ihm aber nicht, und er verdarb etwas, dann wäre es besser für ihn gewesen, gar nicht erst geboren zu sein. Auch die kleinen Kinder, diese kleinen Engel, wissen nicht, daß man sie Engel nennt und benehmen sich wie Teufel. Wenn er sie auf seinen Schultern reiten läßt, um sie in die Schule zu bringen, daß man sie dort die Lehre lehrt und für das Leben der künftigen Welt vorbereitet, dann stecken sie ihm Würmer und Insekten in seinen Kragen. Kommt er ein Kind holen, trägt dir- Hausfrau ihm auf, draußen Holz für sie zu spalten und dann dazusitzen und Federn für sie zu rupfen. Und kommt er zu seinem Lehrer zurück, schreit der, er sei ein Hohlkopf, der müßig säße und herumlungere. Aber mein Onkel, Friede mit ihm, nahm sein Schimpfen schweigend entgegen, wie ein Mensch, der es nicht fühlt, oder der es einerseits fühlt und andererseits nicht, wie die zusammengewachsenen Zwillinge, von denen man den einen schlagen kann, ohne daß der andere es fühlt. Die zusammengewachsenen Zwillinge allerdings haben zwei Rücken, einen hier und einen da, mein Onkel aber war ein Geschöpf mit nur einem Körper. Vom Nabel aufwärts, wo Kopf und Herz ihren Sitz haben, fühlte er; vom Nabel abwärts bis zu den Füßen aber ging ihn die ganze Sache überhaupt nichts an. Man muß nämlich wissen, daß seine Stiefel geputzt und glänzend waren wie Oel, im Gegensatz zu seinem Gesicht, das trübe und finster war wie die drei Tage der Finsternis in Aegypten. Es würde sich eigentlich gehören, ein Bild von seinem Gesicht zu geben und seine Stiefel Stiefel sein zu lassen. Aber da ein düsteres Gesicht das übliche ist, während glänzende Stiefel eine Seltenheit sind, lasse ich sein Gesicht Gesicht sein und beschäftige mich mit seinen Stiefeln, die er sorgfältig pflegte, um sie schön glänzend zu haben. Seine Art war es nicht, sie mit Tran zu bestreichen, wie seinesgleichen das tat, so daß ihr Geruch nicht auszuhalten war, sondern er putzte sie — womit? Mit reinem Olivenöl. Woher nahm er reines Olivenöl für seine Schuhe, wo er doen noch nicht einmal einen Tropfen Fett hatte, sein Brot damit zu bestreichen, sondern es trocken aß? Nun, er war in dem alten Lchrhaus heimisch, und sein Bett stand dort an der Ostwand. Es gibt Leute, die es lieben, im Badehaus «1 schlafen, weil das Badehaus warm ist, weil seine Bänke geräumig sind, und weil es da reichlich Wasser gibt, um sich Gesicht und Hände zu waschen. Beinisch, mein Onkel, aber liebte es, im Lehrhaus, zu schlafen, trotz seiner harten Bänke. Und warum liebte er das Lehrhaus? Wegen des Lichtes darin. Bevor er sich niederlegte, zog er seine Schuhe aus und <-* «de uufer seinen Kopf. Zweierlei Zweck verfolgte er damit: Hnrml sollte man sie ihm nicht stehlen, und dann sind Stieic1 eine gute Unterlage für den Kopf, üewiß, ein Federkissen <i;t dem Kopf besser als ein Paar Stiefel, aber schließlich hat nicht jeder Mensch ein Federkissen. Und da Stiefelledcr trocken und hart für den Kopf i*', pflegte er es mit Olivenöl einzureiben. Und da er keinen Olivenhain besaß, nahm er von dem Oel der Seelcnlichter, die man im Lehrhaus zur Erinnerung an die Verschiedenen anzuzünden pflegt. Jede Nacht vor dem Einschlafen, wenn noch der Letzte das Lehrhaus verlassen hatte, tauchte er sein Tuch in ein Seelenlicht, führte es über seine Stiefel und machte sie geschmeidig und polierte sie, bis sie hellen Glanz gaben. Hie Toten waren nicht böse über meinen Onkel Beinisch machten auch ihren flintcrbliebenen im Traum davon keinerlei Mitteilung, aber die Lebenden waren äußerst böse. Da war kein Tag, an dem nicht das Lehrhaus von dem Geschrei der Erben dröhnte, die ihr Licht im Verlöschen sahen. Sie behaupteten, der Synagogendiener kaufe sich Branntwein für ihr Geld und fülle das Oel-Licht nicht ordentlich auf. Und der Synagogendiener überhäufte den Krämer mit Schimpfworten, er sei ein Betrüger und gäbe ihm verdünntes Oel, das vor der Zeit verlischt. Und er wechselte den Krämer, einen nach dem andern, ohne das Oel damit auch zu wechseln. Ein Lieht, das vierundzwanzig Stunden hätte brennen sollen, brannte einen dreiviertel oder einen halben Tag oder noch weniger, je nachdem, wie hart das Stiefelleder meines Onkels war, Friede mit ihm. Was soll ich noch lange reden? Kurz, die Hinterbliebe, nen beharrten auf ihrem Standpunkt, der Synagogendiener aut dem seinen, ebenso mein Onkel, und selbst die Toten nach ihrer Art. Da liegen sie in ihren Gräbern, sehen vom einen Ende der Welt zum andern, und um ihr Seelenlicht kümmern sie sich nicht. Gesegnet seien die Toten dafür, daß sie ihren Hinterbliebenen keine Mitteilung machten, denn, hätten sie es getan, wären die Stiefel meines Onkels so ausgetrocknet und finster gewesen wie sein Gesicht. Der Synagogendiener machte sich Gedanken, er wollte hinter das Oeheimnis der Sache kommen. Aber beim Nachdenken kommt nichts heraus, und es führte zu nichts. Bis er schließlich doch zu der Schlußfolgerung kam, daß die Seelen, denen er Lichter entzündet, schon so manche Seelenwanderung hinter sich haben müssen. Wenn er ihnen nun ein Licht entzündet, so brennt es gleichzeitig für jede einzelne Seelenwanderung, und deshalb verbrennt es so schnell. Wenn ein anderes Licht in einem anderen Lehrhaus einen ganzen Tag brennt — ihr Licht brennt einen halben Tag oder weniger als das, je nach der Anzahl ihrer Seelenwanderungen. Trotzdem verschafften ihm seine Forschungen keine Ruhe. Puplm - Peoach - campagne Neuer Boden für neue Kolonisation KEREN KAJEMETH LEJISRAEL (JQdlseher Nationalfonds E. V.) Berlin W18, Melnekestr. 10 Postscheckk.: Berlin 28247 Das Oel vermindert sich zusehends, ja es nimmt jetzt in besonderem Maße ab, weil mein Onkel, Friede mit ihm, um diese Zeit ganz besondere Sorgfalt auf seine Stiefel verwandte. Was ist jetzt anders geworden, daß er sich so sehr mit ihnen beschäftigte? Damit hat es seine eigene Bewandtnis. Um diese Zeit nämlich lenkte er seine Augen auf die Tochter des Synagogendieners, Freide mit Namen, die seine Herzensfreude war. Aber sie freute sich nicht über ihn, als ob er seine Stiefel mit Tran behandelt hätte und nicht mit reinem Olivenöl. Dagegen war ihre ältere Schwester Bracha ihm so zugetan, daß ihr das Herz darüber brach. Es war nicht so, daß die eine Freide genannt wurde, weil er seine Freude daran gehabt hätte, sie zu heiraten, und die andere Bracha, weil ihr das Herz über ihn brach, sondern beide wurden nach ihren Großeltern genannt, die eine nach ihrer Großmutter mütterlicherseits und die andere nach der väterlicherseits. Und was rede ich hier von ihren Großeltern? Um dem Irrtum von Leuten vorzubeugen, die beim Hören eines Namens, der auf die Sache Bezug hat, dann gleich die ganze Sache für erdichtet halten. Aber nun lasse ich die Großeltern Großeltern sein und wende mich wieder ihren Enkeln zu. Eines Abends saß der Synagogendiener mit seiner Frau und seinen Töchtern und sprach, wie üblich, von dem Oel, das weniger brennt als es müßte, und von den Toten, deren Seelen zu kurz kommen, und die man im Dunkel läßt, auf dieser Welt wie auf jener. Bracha antwortete und sagte, die Toten wissen von nichts, denn wenn sie es wüßten, so würden sie auf das Licht aufpassen, daß es nicht so schnell zu Ende geht. Aber der Synagogendiener sagte, die Toten wissen doch davon, nur was kümmert es sie, wenn ich durch sie in Verruf komme, daß man mich verdächtigt, ihnen nicht genügend Oel zukommen zu lassen. Waren sie vielleicht im Leben besser als im Tode, bin ich nicht dauernd von ihnen beschimpft worden? Aber der Toten soll man ja nur zum Guten gedenken. Da sagte Freide: ich würde mich an ihnen rächen. Und der Synagogendiencr: an wem würdest du dich rächen? Sie darauf: an dem, der die Toten beraubt. Und da ihre Mutter: was meinst du damit? Freide: jawohl Mutter, ich würde handeln, wie ich es gesagt habe. Ihre Mutter: worauf willst du eigentlich hinaus? Freide: bei meinem Leben, ich würde mir ein Loch in mein Grab bohren, von dort Ausschau halten und alles sehen, was in der Welt geschieht; dann käme ich in meinen Sterbekleideru und hielte Gericht über die, die die Toten berauben. Nur wenige Tage danach schied das Mädchen dahin und starb. Nicht, daß sie etwa krank war — sie war gesund und es fehlte ihr nichts; und nicht, daß etwa eine Krankheit in der Stadt umgegangen wäre — eine Sünde war vielmehr ihrem Munde entflohen, und sie starb. Als sie tot war, erinnerte man sich der Worte, die sie an diesem Abend gesagt hatte. Da war die ganze Stadt in Aufruhr, und die Menschen waren in Furcht und Entsetzen. Die Oelverkäufer prüften ihre Maße nach, tmd die Nichtjuddf* wohl zu unterscheiden, stahlen keine Grabsteine mehr, um sich Häuser daraus zu bauen. Sogar der Friedhofswärter und der Totengräber begannen, wieder besser mit den Toten umzugehen. Der eine stahl keinen Knoblauch mehr von den Gräbern, und der andere hörte auf, die Toten in betrunkenem Zustand zu begraben. Auch die, die Mischnajoth lernten, unterließen es jetzt, Hinterbliebene und Tote zu täuschen. Ja, sie gingen so weit, in den Kommentaren nachzusehen, um den Sinn der Worte zu verstehen. Wenn man mit den Lebenden umgegangen wäre, wie man mit den Toten umging, wäre die Welt uro vieles besser gewesen. Zwischen dem Synagogendiener und den Krämern, wi« zwischen den Hinterbliebenen und dem Synagogendiencr wurde nun wieder Friede geschlossen. Er zankte sich nicht mehr mit den Krämern, daß sie ihm verdünntes Oel gäben, und jene zankten sich nicht mehr mit dem Synagogendiener, daß er sich für ihr Geld Branntwein kaufe. Und es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß er auch seine schändlichen Ansichten darüber, daß die Seelen, denen er Lichter entzündet, von Seclenwanderung zu Seelenwanderung fortschritten, aufgab. Was soll ich noch lange erzählen? Ruhe zog in das Herz des armen Mannes, sein Schmerz ließ nach, und er vergaß den Tod seiner jüngeren Tochter. Lind nun richtete er sein Augenmerk auf seine ältere Tochter, sie zu verloben, denn sie wa* nun herangereift, und es war Zeit, sie zu verheiraten. Und wie sollen wir es nun erklären, daß jetzt kein Oel mehr in den Seelenlichtern fehlte? Manche erklärten es damit, daß jenes Mädchen im Tode verwirklichte, was es im Leben versprochen hatte. Aber wir erklären es lieber auf natürliche Weise. Seit das Mädchen tot war, hörte mein Onkel auf, sich mit seinen Stiefeln zu beschäftigen; er nahm kein Oel mehr, und die Lichter hatten nun, was sie brauchten. Oder vielleicht hat er sich auch vor dem Wort des Mädchens gefürchtet, das da gesagt hatte, es würde kommen, sich zu rächen, und hatte nun Angst, von dem Oel zu nehmen. Ob nun so oder so, die Lichter brannten wieder ihre Zeit nach) dem Maß Oel, das man in das Glas gefüllt hatte. Aber wie das schon so geht, die Toten geraten in Ver* gessenheit. Ein Monat geht, ein Monat kommt, und meines Onkels Herz genas. Er wandte sein Augenmerk wieder auf seine Stiefel. Und wie er sein Augenmerk wieder auf seine Stiefel wandte, war es vorbei mit dein Frieden, und Streit brach aus. Der Synagogendiener verdächtigte wieder die Krämer, und die Hinterbliebenen wieder den Synagogcndicner^ und der Synagogendiener die Seelen. Und alle diese Streitigkeiten wurden dem Svnagogeniliener zuwider, er ließ die Dinge der Welt ihren Gang gehen und kümmerte sich nicht mehr um Bracha, die reif geworden und deren Zeit, unter die Haube zu kommen, jetzt da war. Er ließ sie machen, was sie mochte. Und was tat sie? Sie tat nichts Verbotenes, Gott behüte. Im Gegenteil, sie war früh und spät im Lehrhaus, in der Frauenabteilung. Obwohl die Frauen frei davon sind, im Lehrhaus sitzen zu müssen, hat sie doch gut daran getan» sich an dem heiligen Ort festzusetzen, statt allerhand Vergnügungen nachzujagen. So saß sie also oben in der Frauenabteilung, und mein Onkel, Friede mit ihm, unten im Lchrhaus. Er erhob seine Augen nicht von seinen Stiefeln nach oben, aber sie blickte auf ihn aus den Gitterluken, und sie sieht ihn mehr an, als es sich gehört. Sie läßt ihre Augen nicht von ihm, bis er sich ins Bett legt und ausstreckt. Und sie guckt und schaut noch, bis er seine Mütze über die Augen zieht, sich zusammenrollt und schläft. Für meinen Onkel wäre es besser gewesen, sie hätte ihren Blick nicht auf ihn gerichtet, denn nun, da sie es tat, bekam sie etwas zu sehen. Zuerst traute sie ihren Augen nicht. Erst als sie den Vorgang zwei- und dreimal aufgenommen hatten, konnte sie sie nicht mehr Lügen strafen. Wie sehr kränkte sich das Mädchen da, und wie sehr mußte sie sich auch kränken. Beinisch, der beste Mensch von der Welt, gerade er muß ihren Vater so kränken, muß seine Lebenstage und seine Jahre verkürzen, Unruhe ins Lehrhaus tragen, die Toten berauben und die Seelen täuschen; er muß es sein, der den Tod ihrer Schwester veranlaßt hat. Und obwohl er so häßlich gehandelt hatte, blieb er für sie doch ein anständiger Mensch. Sie war eine Frau, und eine Frau geht ihrem Herzen nach und verschließt ihre Augen, sie verschließt ihre Augen und geht ihrem Herzen nach. Schon wollte sie ihm sagen: wenn du mich heiratest, dann ist alles gut, wenn abet nicht, dann sage ich es dem! Vorsteher. Aber die Worte blieben ihr im Ätunde stecken, und sie hing an ihn mit ihrem Blick. So stand sie jede Nacht in der Frauenabteilung und saW ihn an voll Verwunderung, wie fromm Beinisch ist, daß er seine Augen nicht von seinen Stiefeln nach oben erhebt, und was für ein Held, daß er .sieh nicht vor den loten fürchtet. Fürchtet er sich denn gar nicht vor den Worten meiner Schwester, die gesagt hat, daß sie Rache nehmen würde an denen, die die Toten berauben? Indessen kam der Tag, an dem Freide, Friede mit ihr, gestorben war. Da nahm ihr Vater ein Gias, füllte es mit Oel, gab einen Docht hinein und entzündete ihn zum Gedenken an die Seele seiner Tochter. Dann betete er das Abendgebet und lernte die Abschnitte Mischnajoth, die mit den Buchstaben ihres Namens anfangen, und die Abschnitte, die mit den Buchstaben des Wortes „Seele" anfangen, lieft er auf den morgigen Tag. Dann ging er nach Haus. Als mein Onkel Beinisch sich allein sah, bereitete er sicK sein Bett, um schlafen zu gehen. Er sprach das Nachtgebet, zog seine Stiefel aus und legte sie unter seinen Kopf. Da sah er, daß sie staubig waren, und sein Blick richtete sich auf das Scelcnlicht, das so schön hell brannte. Da nahm er sein Tuch heraus, tauchte es ins Oel und führte es über seine Stiefel. Und er gab nicht acht darauf, wessen Licht es war. Zu dieser Zeit stand Bracha, wie gewöhnlich, fn der Frauenabteilung, bekleidet mit einem langen weißen Hemd, wie Frauen es im Bett tragen. Denn solange ihr Vater im Lchrhaus war, hatte sie sich gefürchtet, zu kommen, damit er sie nicht sehen und schelten sollte. Aber als er nach Haus gekommen war, stieg sie aus ihrem Bett und ging ins Lehrhaus, in ihrem Nachtgewand und mit aufgelöstem Haar, f^/:; 1 »*y r ■^^■'jtjr- '. .?;'■:. . . Aus einer handkolorierten Megillah (etwa am das Jahr 1750) im Besitt J. Carlebach, Berlin mm mM ^^■H

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