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Jüdische Rundschau · 1935-03-15 · Heft 22 (15.3.1935) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 22 (15.3.1935)
Date
1935-03-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22, 15. 111.1935 JODISCHE RUNDSCHAU Seife 3 Schulentlassung — und dann? Jüdische Jugend sucht ihren Weg Das Wintersemester der Schulen geht in diesen Wochen zu Ende und. etwa 6000 jüdische Schüler verlassen zu Ostern die Schule. Wie in jedem Jahr, so erheben sich auch diesmal eine Reihe von Fragen, was geschehen wird, und wir hielten es 'darum für notwendig, uns vom Stand der Dinge selbst zu überzeugen, um festzustellen, welche Anstrengungen zur Lösung des Problems unternommen werden und mit welchen Hoffnungen unsere Jugend in die Zukunft sehen darf. In .'der Zentralstelle für Wirtschaftshilfe Die Zentralstelle für Wirtschaftshilfe ist die maßgeblichste Instanz in bezug auf alle Fragen der Berufsergreifungi und der Berufsumschichtung. In einem Gespräch mit dem Leiter dieser Stelle, Dr. L u b i n s k i, erfuhren wir, daß für die landwirtschaftliche Ausbildung, die an sich sehr wünschenswert wäre, mancherlei Schwierigkeiten bestehen, die insbesondere von der geringen verfügbaren Anzahl von Lehrstellen herrühren; günstiger sind schon die Ausbildungsmöglichkeiten für Gärtner. Sofern landwirtschaftliche Ausbildung stattfinden kann, geschieht sie in kollektiven Gemeinschaften, wobei insbesondere auf die Körperkräfte der mit 14 Jahren von den Schulen Abgegangenen durch eine besondere Arbeitseinteilung Rücksicht genommen werden muß. Bei anderen Berufsausbildungen ist das Prinzip: die Kinder möglichst in der Familie zu belassen, nicht nur aus finanziellen, sondern auch aus pädagogischen Gründen. Etwas stärker als im vorigen Jahr wendet sich die Jugend wieder kaufmännischen Berufen zu, doch ist hier eine gewisse Vorsicht zu empfehlen, weil gerade hier für später die Gefahr der Arbeitslosigkeit besonders groß ist und diese Menschen dann wiederum neue Anwärter einer Rerufsumschichtung sind. Die Zentralstelle sucht darum eine Planung der Berufsauswahl durchzuführen, deren Grundgedanke der ist, daß möglichst die Berufe ergriffen werden, die sich innerhalb des jüdischen Sektors ernähren können. Ist die Beschaffung von Lehrstellen schon in den Großstädten schwierig, so ist das Problem in den Mittel - und Klein gemeinden noch komplizierter. Da meistens die Jugend dieser Gemeinden in die nächste größere Stadt in die Lehre gegeben werden muß, ergibt sich die Frag« der Finanzierung, die bei der Menge der Bewerber erhebliche Summen erfordert. Prinzipiell aber kann die Ausbildung in der Art, wie sie im vorigen Jahre bei den Umschichtlern durchgeführt wurde, bei der schulentlassenen Jugend nicht in Frage kommen, schon deshalb, weil Voraussetzung zur Niederlassung als Handwerker nach einer Verordnung vom 18. Januar 1935 die Meisterprüfung ist, die eine regelrechte Lehr- und Gesellenzeit bedingt Maßnahmen der Handwerker Auch der Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens beschäftigt sich intensiv mit dem Problem der Berufsausbildung und sucht nach seinen Kräften zur Lösung beizutragen. Die Zahl der Ausbildungsstätten ist recht gering. Hinzu kommt noch, daß im Laufe des vorigen Jahres die meisten der in Frage kommenden Betriebe Lehrlinge aufgenommen haben, so daß man in vielen Fällen erst warten muß, bis wieder eine Lehrstelle frei wird. Um diesen Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen, sucht der Verein ausbildungsberechtigte Betriebe dadurch zu schaffen, daß er die jüdischen Handwerker zur nachträglichen Ablegung ihrer Meisterprüfung veranlaßt. Man hofft, so eine Erweiterung des Ausbildungsraumes erreichen zu können. Die Aufgaben des Hechaluz In der Situation, in der wir Juden heute in Deutschland leben, ist es eine Selbstverständlichkeit, daß die Jugend in Scharen der Institution zuströmt, die ihr die konkretesten Zukunftspläne vorlegen kann: dem Hechaluz. Während es bisher so war, daß erst vom 18. Lebensjahre ab die Jugend in den Hechaluz eintrat, ist jetzt eine neue Lage dadurch ge¬ Reben, daß die mit 14 Jahren von der Schule abgehenden Schüler bereits den Wunsch nach einer landwirtschaftlichen Ausbildung mit dem Endziel Palästina haben. Man hat deshalb die sogen. „M i 111 e r c n - H a c h s c h a r a h" für Leute zwischen 14 und 18 Jahren eingeführt — ein erstmaliger Versuch des Hechaluz, durch konkrete Maßnahmen die Probleme zu meistern. Nach den bisherigen Erfahrungen macht sich ein überstarkes Wollen nach handwerklicher Ausbildung bemerkbar, während vom zionistischen Standpunkt die größere Bevorzugung der Landwirtschaft wünschenswert wäre. Mit allen Kräften und Mitteln sucht man landwirtschaftliche Kibbuzim für Mittleren-Hachscharah zu schaffen. Aber selbstverständlich können nicht alle untergebracht werden, sondern es bleibt noch ein großer Prozentsatz Nichtuntergekommener übrig. Für Mädchen ist die Ausbildungsfrage ebenfalls schwierig; man könnte sie zwar als Haushaltslehrlinge unterbringen, aber dies wäre dem Prinzip der (icmeinsehaftsbildung zuwider. Ein Teilausweg aus den Schwierifikciten ist das neunte Schuljahr, das sich jetzt allmählich an sämtlichen jüdischen Schulen durchzusetzen beginnt. Notwendig wäre es, in diesem letzten Jahre den Akzent auf den Werkunterricht zu legen, um so bereits einen Uebergang zum Beruf zu schaffen. Auf 6 Ausbildtmgs- Rjitern in der Nahe Berlins sucht der Hechaluz diese Grundsatze in die Tat umzusetzen. Eindrücke bei der Berufsberatung Der Andrang zur Bcrufsberatungsstelle der Jüdischen Gemeinde ist unvermindert stark. Wie vor zwei Jahren so sitzen auch heute eine Menge junger Menschen im Vorraum und warten stundenlang, daß sie herankommen; und wie in den vorigen Jahren, so stellen sie auch diesmal wieder "ie gleichen Fragen. Die Probleme haben sich nicht verändert, und die Hoffnungen sind nicht gewachsen. Nach den Richtlinien der Zentralstelle für Wirtschaftshilfe sucht die Berufsberatung den Strom in die rechten Wege zu leiten, und in "cn meisten Fällen gelingt es auch, die Jungen und Mädchen 7M einem Beruf anzuregen, der mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit später eine Existenzgrundlage bieten wi.rd. Bei der Mädchenberatung fiel es auf, daß zahlreiche Mädchen lieber in kaufmännische Lehrstellen als in die 'Jauswirtschaft wollten, und zwar mit der Begründung, daß Slc schnell und gut verdienen wollen. Viele der Ratsuchenden?e'Kn so unentschlossen wieder fort, wie sie hingekommen sind; hier wirken offenbar noch bewußte und unbewußte Linflüsse des häuslichen Milieus. Vorlehre — eine neue Berufsstation . Die Berliner Jüdische Gemeinde hat sich seit einiger zeit veranlaßt gesehen, für eine bestimmte Kategorie von Menschen eine neuartige Lehrstätte einzurichten: die sogen. »Vor lehre". Bei zahlreichen Knaben und Mädchen ist n'mlich nicht ohne weiteres klar, für welches Handwerk Slc «ich am besten eignen, und um ihnen unnütze Umwege zi> ersparen, faßt man sie in einer Werkstatt zusammen, die f1" Mittelding zwischen Ausbi"—und Eignungsprüfung ist. Unter fachkundiger Leitung machen hier die Jungen von der einfachsten, eine gewisse Handfertigkeit erfordernden Betätigung, bis zu komplizierten technischen Basteleien alle Stationen des Handwerkerberufs durch und können sielt dabei selber daraufhin prüfen, wie sie vom Fachmann geprüft werden, ob sie für diesen oder jenen Beruf geeignet sind. Ein Rundgang durch die Werkstatt vermittelte einen interessanten Einblick in die Vielfalt der Begabungen und Ungeschicklichkeiten junger Menschen; bei dem einen fühlte man sofort, daß er in ein Handwerk hineingehörte, bei dem andern sah man, daß er zumindest noch mit tausend Schwie. rigkeiten zu kämpfen haben wird, bis er zu einem vollwertigen Handwerkertum gelangt. Die Gemeinde beabsichtigt, diese Institution der Vorlehre weiter auszubauen und es scheint, daß hier ein gangbarer Weg beschritten wird. Gespräch mit einer Schulleiterin Die Leiterin einer jüdischen Volksschule im Berliner Norden erzählte uns, daß die Hälfte der Schülerinnen der ersten Klasse sich für das neunte Schuljahr entschieden hätten. Fragt man nach den Gründen hierfür, so wird im allgemeinen die Ratlosigkeit der Eltern und der Schüler die eigentliche Triebfeder sein. Man hofft auf diese Art das Problem der Berufswahl um ein Jahr zu vertagen; die wenigsten bleiben auf der Schule, um ihre Bildung zu vervollständigen. Von den abgehenden Schülerinnen werden Berufe wie Schneiderin, Einrichterin usw. bevorzugt. Einige •wollen sich der Kinderpflege zuwenden. Etwa 25 °/o hoffen, mit der Jugendaliiah nach Palästina zu gelangen. — Spricht man mit der Klasse selbst, so wird dieser Eindruck der Ratlosigkeit und Unentschlossenheit noch bestätigt. Es würde einer eingehenden Untersuchung bedürfen, um die einzelnen Faktoren darzulegen, die diese Haltung hervorbringen. Auch bei den abgehenden Klassen anderer jüdischen Schulen konnten wir die gleiche Beobachtung machen, daß die Kinder, die nicht ausgesprochen zionistisch und auf Palästina eingestellt sind, mit einer Ungewißheit zu kämpfen haben, die ihnen die Zukunft oft noch düsterer erscheinen läßt, als sie es an sich schon ist Schüler schildern ihre Ziele Genau den umgekehrten Eindruck erhielten wir bei einem Gespräch mit der abgehenden Klasse der Zionistischen Schule Berlins. Von den 20 Jungen und Mädchen, denen man dort gegenübersaß, war keiner resigniert, sondern fast jeder unter ihnen hatte eine klare Vorstellung vom seinen Berufszielen. Zwar hatten auch 50 o/o unter diesen Schülern noch keine Lehrstelle, aber der Gedanke an die Zukunft erschien ihnen doch weniger deprimierend als den Kindern, die wir an anderen Schulen beobachten konnten. Bereitwillig geben sie alle Auskunft über ihre Absichten. Das Bild ist verhältnismäßig einheitlich. Die Mädchen wollen Kindergärtnerinnen, Werklehrerinnen und Kunstgewerblerinnen werden, andere gehen in die landwirtschaftliche Hachscharah oder in die hauswirtschaftlichc Ausbildung. Die Jungen werden Zimmermann, Maschinenbauer, Installateur, technischer Kaufmann, Landvermesser oder gehen natürlich ebenso zur landwirtschaftlichen Hachscharah. Einige, die sich noch nicht über ihre Fähigkeiten klar sind, wollen die Vorlehre besuchen, andere hoffen mit der Jugend-Alijah nach Palästina zu kommen. Drei Knaben haben sich für den kaufmännischen Beruf entschieden. Wir wissen nicht, wie weit all diese Hoffnungen und Wünsche realisiert werden können; sicher wird das Leben den einen oder anderen noch in ganz andere Bahnen leiten, als vorauszusehen ist Aber vorbildlich schien uns doch hier der Geist, aus dem heraus alle Zukunftspläne geschmiedet wurden: der Geist der Einsatzbereitschaft und der Gemeinschaft, die als Richtschnur des Handelns gilt. Wenn dieses Gemeinschaftsdenken Allgemeingut der jüdischen Jugend sein wird, braucht uns gewiß nicht um ihre Zukunft bange zu sein. Dr. Gerhardt Neumann ^«dite*1* 'S? Die neue Art Judengegnerschaft Die „Pommersche Zeitun g", Stettin, berichtet über einen Vortrag von Walter Pötsch „Wir und die Juden", in dem es u. a. heißt: „So lange sich die Judengegnerschaft darauf beschränkte, gelegentlich einige Fensterscheiben einzuwerfen, die dann von der Versicherung dem Juden ersetzt wurden, so daß letzten Endes der Leidtragende das deutsche Volk selbst war, insolange hatte das Judentum keine Veranlassung zur Unruhe und war nur dankbar iiir die ihm so geschickt in die Hand gespielten Propagandamittel. Seitdem aber der Nationalsozialismus diesen Kampf von anderen, tieferen Gesichtspunkten aus führt, fühlt sich der Jude berechtigtermaßen gefährdet; dies, obwohl er in seinem täglichen Wandel unbclästigt bleibt Das Geheimnis des jüdischen Erfolges lag in seiner Rassenpolitik begründet, und seitdem wir gerade in dieser Hinsicht unsere .Auiklaxung verstärkt halx'ri, nimmt der jüdische Haß kein Ende." Im weiteren Verlauf des Vortrages, so wird berichtet, habe Herr Walter Pötsch u. a. gesagt: „Wir haben kein Interesse daran, das jüdische Volk herabzusetzen, wohl aber fordern wir eine völlige Trennung, vor allem in blutmäßiger Hinsicht. ... Es ist eine echt jüdische frechheit, von Unterdrückung zu sprechen. ... Die Antwort des Juden auf unsere Großzügigkeit ist immer nur Haß," Aut einer Kundgebung der NS.-Frauenschaft in Stettin sprach Walter Pötsch über „Der Jude und die deutsche Frau". Nach dem Bericht der „Pommerschen Zeitung" betonte er, daß die Judenfrage eine Entscheidung des Herzens und damit des Blutes sei. „Das stark ausgeprägte Mitgefühl der Frau dürfe sie nicht dazu verleiten, Verräter zu werden am Bestand der Nation. Die deutsche Frau dürfe sich nicht dazu verleiten lassen, in jüdischen Geschäften zu kaufen, nur weil es dort vielleicht etwas billiger sei. Damit, daß sie bei deutschen Geschäften kaufe, unterstütze sie nicht nur den einzelnen deutschen Kaufmann, sondern sie stelle sich mitten hinein in den Kampf um die deutsche Zukunft." Es ist nicht zu vermeiden, daß sich in den Augen der Juden die Dinge anders malen. Idi habe es nicht nötig, andere Völker zu verkleinern, um meines dadurch zu erheben. Idi erkenne auch die Fehler anderer Völker, aber die brennen mich nicht so wie die Fehler meines Volkes. Ich anerkenne gern die Vorrüge anderer Völker, aber das hat auf mein nationales Empfinden keinen E,nflu6- Masaryk Die Landesversammlung der „Israeliten Ungarns" Von Dr. A. Fürs t, Budapest Der Kongreß, über dessen Anfang wir schon berichteten) verlief programmgemäß. Laut der amtlichen Volkszählung von 1930, die zum ersten Male — wohl auf der ziemlich schwankenden Grundlage des Selbstbekenntnisses — auch die religiöse Zwei- resp. Dreiteilung des ungarischen Judentums in Betracht zog, gab es in Ungarn insgesamt 444 567 l ^Türkisch 8 te* mf' Ifcjfe. HPf Juden, davon 124 982 Orthodoxe, 17 440 Status quo ante- und 302 145 Kongreßjuden. Von letzteren entfielen nicht weniger als 192 874 Seelen auf den Gemeindedistrikt Budapest, der denn auch die Hälfte (lüü) sämtlicher Delegierten zum Kongreß entsandte. Beratungsgegenstand war nur der Statutenentwurf. Die Zionisten waren auffallenderwci.se in ihrer Gänze ausgeschaltet. Dr. Ignatz Pfeiffer, cm. Professor der Technischen Hochschule, suchte für die Unterstützung der „Pro-Pa!ästina"-Arbeit Propaganda zu machen, was ihm auch irgendwie gelang. Rabbiner Dr. S. Halpert (Tapolca) brachte die Redeutung der hebräischen Sprache und hebräischen Unterrichtes zur Sprache, Dr. Franz K anders (Körmcnd) als Vertreter der Jugend, die Umschichtung in Landwirtschaft und Gewerbe, -— beide Anträge wurden zur Erledigung an den zu bildenden Unterrichtbrat des Landessenates gewiesen. Als der Pester Rabbiner Dr. Benjamin Fischer den „Schulchan Aruch" zitierte, empfing ihn eisiges Schweigen. Lebhaftes Interesse rief einzig der Abschnitt des Entwurfes hervor, der sich mit der „Verteilung der Gemeindesteuern" befaßte und jene wohlhabenden Gemeindcmitgliedcr, die in einer anderen Gemeinde wohnen, als wo ihre Einkommensquelle liegt, durch Teilung der Steuerbeträge besser zu erfassen trachtet. Da diese „Doppelbesteuerung" den Interessen des von Fester Reichen vielbewohnten Buda (Ofen) zuwiderlaufen schien, bildete sich dort eine Gegenströmung, die schon seit Monaten zu einem erregten Kampfe zwischen den beiden Schwestergemeinden, diesseits und jenseits der Donau führte. Bei der Versammlung selbst bewies sich auch dieser Widerstand als ziemlich lendenlahm. In feierlichen Worten äußerte sich der dem ungarischen Judentum eigene, manchmal etwas pathetische Patriotismus. lJieser ward anläßlich dieser Tagung auch von Reichsverweser Horthy und Kultusminister Hörn an mit Wohlwollen anerkannt. Großes Gewicht legten sie auf die Forderung nach sittlich-religiöser Erziehung, die die Grundlage jedes Staatswesens bilde. „Ich kann nur betonen", ließ sich der Regierungsvertreter bei der Eröffnungssitzung vernehmen „daß der Staat auf den zweckmäßigen Ausbau der Organisationsstatuten des heimischen Judentums großen Wert legt. Der Staat 'bedart in religiösem Geiste erzogene .Staatsbürger. Wer im Gottesglauben Stütze und Trost seiner Lebensarbeit findet, wird stets ein treuer, nützlicher Sohn seines Vaterlandes sein." Dementsprechend wurde auch bei den Beratungen viel von der „Vertiefung des Glaubenslebens" gesprochen, auffallend viel von „Laien", Politikern und Juristen, die das Gros der Versammlung bildeten. Von Verwaltungsfragen schnitt Hofrat Franz S z e k e 1 y die Idee einer Dachorganisation an, die die drei jüdischen „Konfessionen" zusammenfasse, kam mit dieser Anregung aber verfrüht. Sonstige neue Probleme oder Persönlichkeiten traten nicht in Erscheinung. Bei nicht zu großein Interesse von Seiten des Publikums verlief die Verhandlung meist wie am Schnürchen. Nur so war es möglich, daß der stattliche Statutenentwurf mit seinen 248 Punkten an vier Tagen in acht Sitzungen (darunter eine Nachtsitzung) „durchberaten'' und zum Beschlüsse erhoben werden konnte. Zum Abschluß gab der greise Oberrabbiner von Szcged, Oberbatismitglied Dr. Immanuel Low, der Versammlung seinen Segen. Von der Kalevala - Feier in Finnland Ueber die Anteilnahme Tschern ichowskys an der Kalevala-Feier in Helsingfors (s. „J. R." Nr. 19 wird noch berichtet: Das Hotel, in dein die ausländischen Festgäste, unter ihnen Tschernichovvsky, abgestiegen waren, hatte neben den Flaggen aller Nationen auch die blau-weiße jüdische Flagge gehißt. Tschernichowsky wurde während seines Aufenthaltes in Helsingfors von dem Unterrichtsminister Dr. Mantere und führenden Vertretern der finnischen Literatur und Wissenschaft empfangen. Auch die Jüdische Gemeinde Helsingfors und der Verband der jüdischen Gemeinden Finnlands veranstalteten zu Ehren Tschernichowskys einen Empfang. Den Vorsitz führte der Präsident der Jüdischen Gemeinde, Dr. Pergament, die Begrüßungsansprache hielt Oberrabbiner Dr. Federbusch. Alle finnischen und schwedischen Zeitungen haben Artikel über Tschernichowsky und sein Werk, sowie Interviews mit dem Dichter veröffentlicht. Bei dem vom finnländischen Staat veranstalteten offiziellen Bankett sprach Tschernichowsky im Namen der hebräischen Literatur. In der anläßlich des Kalcvala-Jubiläums herausgegebenen Festschrift schreibt Professor Punko über Tschernichowskys hebräische Ucbersetzung der Kalevala. Ein Teil der Uebersetzung wird in der Festschrift abgedruckt Der New-Yorker Kaufmann Maurice Leviti hat sich verpflichtet, dem Jüdischen Nationalfonds auf Lebenszeit jährlich einen Beitrag von 2500 Dollar zuzuführen. Mussolini und der Rabbiner Eine Reihe deutscher Zeitungen veröffentlichen einen der „Czernowitzer Allgemeinen Zeitung" entnommenen Bericht über das Begräbnis des römischen Oberrabbineis Sacerdoti, in welchem davon die Rede ist, daß Mussolini mit dem Rabbiner freundschaftlich zusammenarbeitete (natürlich in jüdischen Fragen). Diese Nachricht wird in der offenbar einer Korrespondenz entstammenden Pressemeldung wie folgt glossiert: „Die grundsätzliche Ablehnung des Faschismus gegenüber dem nationalsozialistischen Rassestandpunkt ist bekannt. Daß sich diese Haltung; jedoch bis zu einer freundschaftlichen Zusammenarbeit zwischen dem Duce und einem jüdischen Groß-Rabbincr entwickelt hat, dürfte weniger bekannt, dafür aber um so bemerkenswerter, sein." Der Kommentator dieses Berichtes ist offenbar der Meinung, daß diese „Freundschaft" für Mussolini besonders belastend ist •*-"■—-**

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