Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 21 (12.3.1935)
- Date
- 1935-03-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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mmnmm "-IWP-»TT^ ^^^^^^H^!!^^ JODISCHE RUNDSCHAU Palästinensische Umschau NR. 21, 12.MAERZ1935 Das Bau-Problem Tel-Awiw Bodenspekulation und Städtebau Der Verfasser dieses Artihcls ist ein Kommunalpraktiker, der viele Jahre in der kommunalen Verwaltungspraxis Deutschlands an führender Stelle tätig war und seine Erfahrungen bei den Beobachtungen, die er während eines Aufenthaltes in Palästina im Jahre 1934 machte, zugrunde legte. Red. Die öffentliche Aussprache in Palästina befaßt sich jetzt eingehend mit den durch die Bodenspekulation in Tel-Awiw hervorgerufenen Mißständen. Die Erörterung läßt aber eine aut praktische Verwaltungserfahrung und auf grundsätzliche Vertiefung gegründete Kenntnis des bedeutsamen Fragenkomplexes vermissen. Das soll kein Vorwurf sein, da der tatsächliche Gang der palästinensischen Kolonisation in den letzten Jahren seine Zielrichtung geändert hat. Entsprechend der den kolonisatorischen Leitgedanken beherrschenden ideellen Einrichtung richtete man zunächst das Augenmerk auf die Durchführung der ländlichen Siedlung und ließ dem daneben sich entwickelnden Prozeß der neuen Städtebildung freien Lauf. Die im Jahre 1933 einsetzende Einwanderung nahm aber ihren Lauf überwiegend auf die Stadt, wirkt nach dieser Richtung noch intensiv weiter und stampft in einem atemlos schnellen Tempo neue Städte und Stadtteile förmlich aus dem Boden. Bedeutung der Stadt Es ist zweifellos, daß gegenwärtig das nach dem ursprünglichen Kolonisationsplan gewollte Oleichgewichtsverhältnis zwischen Stadt und Land gestört ist und ein Teil der einströmenden Menschenmassen auf das Land u m g e I e i t e t werden muß. Das Problem selbst aber ist damit nicht gelöst. Man muß mit der Tatsache rechnen, daß neben dem ländlichen Siedlungsbereich die Bildung städtischer Ortschaften im großen, ja teilweise großstädtischen Maßstabe sich vollzieht und daß daher diese neue Stadtwirtschaft planmäßig in die ökonomische Verfassung des Landes eingeordnet werden muß. Dieser Urbanisierungsprozeß erscheint mir auch, sofern er in die richtige Bahn geleitet wird, an sich nicht beunruhigend, ist vielmehr der natürliche Ausdruck der ungeheuer gesteigerten Bedeutung, die innerhalb der Weltwirtschaft und Weltpolitik der Vordere Orient überhaupt und Palästina als führendes Land im besonderen erhalten hat. Der Bebauungsplan von Haifa ist in vorausschauender Erfassung dieser Entwicklung^ für die Aufnahme von 300 000 Einwohnern aufgestellt. Gefährlich ist nicht, daß Großstädte gebaut werden, sondern wie sie gebaut werden. Richtiger Städtebau ist eine bevölkerungspolitische Aufgabe ersten Ranges und wird für Palästina in einem Augenblick, in dem die Stadtbildung vor ihrer endgültigen Gestaltung steht, zu einer Forderung des Tages. Für die Verwaltungspolitik der verantwortlichen Instanzen ist damit eine ähnliche Lage geschaffen wie für die deutschen Gemeindeverwaltungen bei Beginn des Industrialisierungsprozesses in der weiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Die deutschen Stadtnrwaltungen sahen sich damals dem Problem gegenübergestellt, für die vom Land einströmenden Arbeitermassen, die in der neu entstehenden Industrie Beschäftigung suchten, anständige Wohnbedingungen zu schaffen. Daß eine befriedigende Lösung zunächst nicht gelang und bei Mangel jeglicher Erfahrung auch nicht gelingen konnte, ist heute allseitig anerkannt. Aber eine umfassende Praxis hat in jahrzehntelanger Arbeit für den modernen Städtebau Richtlinien herausgearbeitet, die sich gerade jetzt für Palästina fruchtbringend auswerten lassen. Anlagefehler In Tel-Awiw Wer als langjähriger Kommunalbcamter gewohnt ist, das Verkehrs- und Straßenbild eines von ihm neu besuchten Ortes zu beobachten, erhält schon vom Straßenverkehr in Tel-Awiw einen ungünstigen Eindruck. Ich kam von London, wo sich ein riesenhafter Verkehr in mustergültiger Ruhe und Ordnung abwickelt. Im Gegensatz dazu ist in Tel- Awiw die Straße von Lärm erfüllt, die Straßendisziplin schlecht, die gegenseitige Rücksichtnahme des am Verkehr beteiligten Publikums — Fußgänger und Wagenführer — gering-. Die wahrscheinlich aus kleinstädtischen Verhältnissen stammende Gewohnheit, den Bürgersteig für „Stehkonvente" m benutzen, hindert den ungehemmten Fluß des Verkehrs. Her Straßenbauer hätte natürlich auf diese Verkehrsgewohnheiten Rücksicht nehmen müssen, zumal ja der Aufenthalt im Freien eine ganz andere Bedeutung hat wie in Europa. Aber hier tritt schon die erste Versäumnis hervor, die bei Anlage der Stadt begangen ist: Aut Anordnung größerer Plätze für den Verkehr, aut Grünstreifen, Spiel- und Erholungsplätze 's* nur in ganz unzulänglichem Umfange Bedacht genommen. Mit der mehr dekorativ angelegten Promenade des Rothschild-Boulevard ist den gesundheits- und sozialpolitischen Erfordernissen einer großzügigen Freiflächenpolitik *wht Genüge getan. In dem neuen Stadterweiterungsbezirk nach dem Ausstellungsgelände zu ist die Planung weniger engherzig, scheint mir aber gleichfalls bei weitern nicht ausreichend zu sein. Die einzig dastehende Gelegenheit, die Sanddünen in wahrhaft großzügigem Ausmaße zu einem weiträumigen, tief nach rückwärts gegliederten Scestrand auszubauen, hat man nicht wahrgenommen. Es geht nicht an, daß die landschaftlich schönsten Stellen durch Besetzung mit <i!iem Cafe oder einem sonstigen Privathause vom Gemeinjjehrauch des großen Publikums ausgeschlossen werden. Aehnkhe Erscheinungen lassen sich auch an anderen Stellen des Landes beobachten. Ob Schutzmaßnahmen zur Erhaltung dcr Nattirschönheiten und der Naturdenkmäler bestehen, ist m'r nicht bekannt. Aufgaben der Baupolizei Sehr nachgiebig scheint die Baupolizei von Tel-Awiw zu arbeiten. Auch der technische Laie bemerkt die oft ganz Unzulängliche Ausführung der Bauten und der inneren Einrichtung. Nun liegen die Schwierigkeiten, die aus dem Tempo, dem Mangel an Facharbeitern usw. erwachsen, offen zu Tage. Aber andererseits ist es eine in allen Ländern zu beobachtende Frscheinung, daß Zeiten großer Konjunktur von manchen K/cisen der Bauwirtschaft '— eine Verallgemeinerung wäre Cinc grobe Ungerechtigkeit — in gewissenloser Weise ausgenutzt werden. Eine schärfere Kontrolle bei der baupolizeilichen Abnahme der Bauten erscheint schon im dienlichen Interesse zur Bekämpfung der Pfuscharbeit drinpnd geboten. Daneben müßte allerdings die Stadt ein umwsendes Fach- und Berufsschulwesen entwickeln, H"! das jüdische Handwerk auf das Niveau einer hohen Qua- «'atsarheit zu heben. Es ist erfreulich, daß in jüngster Zeit *ns*tze dazu gemacht sind, aber sie bedürfen eines umfassenden Ausbaus nach den modernen Prinzipien und mit den modernen Mitteln, die für das Berufs- und Fachschulwesen der europäischen Länder Verwendung gefunden haben. Von den Beanstandungen, die ein städtebaulich interessierter Besucher von Tel-Awiw zu erheben bat, wiegt vielleicht noch am leichtesten die Unschönheit der Fassadenfestaltung. Die älteren Bauten sind in einem Zuekeräckerstil gehalten, der seine Motive dem sogenannten „maurischen Stil" entnommen hat. Darin ist seit dem Jahre 1Q33 unter dem Einfluß von Architekten aus Deutschland eine merkliche Wendung zum Besseren eingetreten. Die seitdem für Wohnbauten übliche ruhige Horizontale erscheint mir für Betonbauten sehr angemessen. Ob im übrigen Beton oder Stein vorzuziehen ist, mögen die Sachverständigen unter sich ausmachen. Die stärkere künstlerische Wirkung geht nach meinem Empfinden vom Stein aus, der namentlich in Jerusalem mit Ertolg verwendet wird. Andererseits ist aber anzuerkennen, daß die neuen Messebauten einen ästhetisch sehr befriedigenden Eindruck machen. Daß Tel-Awiw nicht organisch gewachsen und nicht nach einem einheitlichen Bebauungsplan zusammengefügt ist, ist natürlich leicht erkennbar. Aber in diesem Punkte kann man vielleicht noch am meisten dem zur Entkräftung der Kritik gern gemachten Hinweis auf das überstürzte Tempo der Bebauung eine Berechtigung zuerkennen. Diese Uehergangszeit, die manche offenkundige Kurzsichtigkeit im Behauungsplan entschuldigen mag, dürfte allerdings jetzt abgeschlossen sein. Das Problem der Wertstelgerung Indessen in den Vordergrund einer städtebaulichen Erörterung ist mit Rücksicht auf die tiefgreifenden wirtschaftlichen und sozialpolitischen Auswirkungen die Wertsteigerung des Grund und Bodens und die dadurch hervorgerufene Mietssteigerung zu stellen. Man scheint in manchen Kreisen in Tel-Awiw der Auffassung zuzuneigen, daß die Wertsteigerung im jetzt bestehenden Ausmaße als unabänderliches Naturgesetz hinzunehmen und als zwangsläufige Folgewirkung der Aufschließung des Bodens zu betrachten sei. Nun ist es selbstverständlich, daß die Umwandlung von nur landwirtschaftlich genutztem „Rohland" — um diesen technischen Atisdruck zu gebrauchen — in Bauland immer eine Werterhöhung zur Folge hat, die durch die aufzuwendenden Parzellicrungs-, Planierungs- und Straßenbaukosten ohne weiteres gerechtfertigt ist. Diese Aufschließungstätigkcit, mag sie nun durch die öffentliche Hand oder durch private Grundstücksgesellschaften erfolgen, ist technisch und wirtschaftlich unentbehrlich und selbstverständlich mit einem normalen Oeschäftsgevvinn abzugelten. Es ist ebenso zweifellos, daß die Heranziehung von privatem Kapital für dieses Arbeitsgebiet nicht nur erwünscht, sondern unbedingt notwendig ist. Sogar für die Besiedlung der landwirtschaftlichen Zone kann man, wie die Gründung der „Rasco" zeigt, auf Gewinnung des Privatkapitals nicht verzichten. Alle diese Selbstverständlichkeiten stehen außer Frage und werden überhaupt nur erwähnt, um einer Verschiebung des Diskussionsgetrenstapdes vorzubeugen. Die öffentliche Meinung hat ein sehr feines Gefühl für die Grenze, bis zu der eine berechtigte Boden- und Mietprei.ssteigefung gehen darf, wird aber sofort lebendig, wenn, wie das in Tel-Awiw unstreitig der Fall ist, die Grenze überschritten wird. Worin liegt nun die Erklärung für eine derartige, das richtige Maß überschreitende Preissteigerung? Die Antwort haben die Erfahrungen beim Ausbau der europäischen Großstädte mit einer jeden Zweifel ausschließenden Deutlichkeit gegeben. Das falsche Bausystem Die Ursache des Bodenwuchers liegt in dem städtischen Bausystem, das die Mietskaserne, also die hochgeschossige Bebauung in dichter Bauweise begünstigt und damit den Baugrundstücken infolge der Steigerung der Rentabilität, die durch die übermäßige Ausnutzung herbeigeführt wird, zusätzlich einen künstlichen Wert verleiht. Es ist geradezu erschütternd, daß man besonders in den neuen, im Aufbau begriffenen Stadtteilen Tel-Awiws die Bauparzellen mit äußerster Schärfe ausnutzt. Die Häuser stehen in sehr engen Abständen voneinander, die von der Bebauung freigelassenen Garten- und Hofflächen sind außerordentlich schmal und für die ausreichende Zufuhr von Licht und Luft ungenügend. Damit wird eine Wohndichtigkeit geschaffen, deren unhygienischer Charakter durch den schon oben gerügten Mangel an Freiflächen noch verstärkt wird. Aber darüber hinaus ebnet gerade diese enge Bebauung dem Aufkommen der Bodenspekulation den Weg. Bis in die Mitte der neunziger Jahre hinein war man in Deutschland allgemein der gegensätzlichen Ansicht, daß gerade der hohe Bodenpreis zur gedrängten Bebauung zwangsläufig führe, jede Wohnungsreform erschien daher aussichtslos. In Wahrheit liegt die Sache umgekehrt: Das Svstem der hochgeschossigen Mietskaserne schafft durch Aufhäufung vermietbarer Wohnungen auf klein zugeschnittenen Bauparzellen gesteigerte Gewinnchancen, die bereits bei Erschließung des Grund und Bodens von der Spekulation vorweg diskontiert werden. Die Untersuchungen der führenden Wissenschaftler haben einwandfrei ergeben, daß es das jeweils geltende System der Bauordnung ist, das weitgehend die Höhe der Bodenpreise bestimmt und daß dichte Bebauung mit einer starken Ausnutzung der Parzellen zu einer spekulativen Verteuerung führt. Die praktische Erprobung der Theorie zeigte sich z. B. in Berlin bei Einführung der neuen Bauordnung von 1925, die zuerst grundsätzlich mit dem Svstem der Mietskaserne brach und unbebaute Bezirke, für die hochgeschossige Bebauung vorgeschrieben war, auf niedrige und aufgelockerte Landhausbebauung „herabzonte". Die Folge war eine sofortige Verbilligung des Bodens, da die in die spekulative Preisberechnung einkalkulierten Erträgnisse aus der dichten Hochbebauung in Fortfall kamen. Klagen der Bodeninteressenten gegen die Stadt, die Schadensersatz wegen angeblicher Enteignung verlangten, wurden in allen Instanzen von den Gerichten abgewiesen. Ich glaube, daß auch die Bodenpreise in Tel-Awiw herabgehen werden, wenn man für das Wohnhausgebiet flachgeschössiee Bebauung vorschreibt und die Ausnützungsziffer für die Bauparzellen auf 20 »> beschränkt. Damit würde man nur den ursprünglichen Charakter der Stadt wiederherstellen. Tel-Awiw ist als Gartenstadt gegründet worden, die jetzige Bauweise macht daraus eine Massenanhäufung in schlechtem europäischem Stil. Die künftige Baupolitik muß zurückkehren zum System der Einfamilienwohnun.gr. In den Innenvierteln, in denen eine Citybildung stattfindet, wird natürlich eine höhere Geschoßzahl und eine dichtere Bebauung HANDSCHUH LED RR zuzulassen sein, aber auch hier, wie bei der Bildung der Industrie- und Geschäftsviertel ist auf weitgehendste Auflocke« rung Bedacht zu nehmen. Elnzelsledlung als Norm Es ist erfreulich, daß die Stadtverwaltung von Tel- Awiw jetzt eine Kommission zur Bekämpfung der Bodenspekulation eingesetzt hat. Sie wird nur fruchtbares Ergebnis zeitigen, wenn die E i n z c 1 s i e d I u n g als die grundsätzlich maßgebende Bauforni für den Wohnungsbau anerkannt wird, die Londoner suburbs und die modernen deutschen Vorstadtsiedlungen können als Vorbild dienen. In Europa verbinden wir mit der Vorstellung von der Großstadt das Bild lichtloscr und luftleerer Mietskasernen, dunkler Höfe und verwahrloster Hinterhäuser. Das braucht nicht so zu sein! Es gibt kein Naturgesetz, das die Mietskaserne als die alleinige Wohnform für das großstädtische Zusammenleben der Menschen vorschreibt. Schon im Jahre 1580 befahl die Königin Elisabeth, für London kein „neues Haus oder Gebäude für Wohnzwecke zu erbauen oder zu dulden, daß mehr als eine Familie in irgendeinem der bereits vorhandenen Häuser wohne". Auch wenn man stellenweise in der strengen Durchführung dieser vorausschauenden staatspolitischen Erkenntnis durch früher geschaffene Verhältnisse gehindert ist, so ist grundsätzlich zweifellos, daß allein die städtische Eigenheimsiedlung dem Leitgedanken der zionistischen Kolonisation gerecht wird. Denn aus der Atmosphäre der westeuropäischen Großstädte und der osteuropäischen Elendssiedlungcn sollten die Juden gerade herausgenommen und wieder im Boden verwurzelt werden. Wird das jetzt geltende Mietskasernensystem beibehalten, so ist eine Verschärfung der sozialen Gegensätze unabwendbar. Schon heute drängt sich jedem Besucher von Tel-Awiw beim Anblick der dicliten Arbeitermassen die bange Frage auf, wo diese Massen beim Umschwung der Konjunktur bleiben sollen. Mit dem Bau von Eigeriheimsiedlungen ist in Tel-Awiw wie auch in Haifa ein anerkennenswerter Anfang gemacht worden. Aber es handelt sich dabei nur um Ausnahmen. Das Ziel muß sein, aus der Ausnahme die Regel zu machen und — abgesehen von den Geschäfts- und Industrievierteln -..... die weiträumige und flachgcschossige Bebauung mit weitgehendster Anordnung von Freiflächen und Grüngürteln vorzuschreiben. Das ist nicht nur die sozial beste, sondern auch die finanziell billigste Bauweise und ist bei allgemeiner Durchführung für den ganzen Bereich der städtischen Siedlung das wirksamste Mittel zur Bekämpfung des Rodcnw uchers. Für die Durchführung einer gesunden Flachhauweise werden außer den öffentlichen Bauinstanzen auch noch andere Stellen heranzuziehen sein. So konnte in Frage kommen, ob nicht die Hypothekengewährung der öffentlichen Geldgeber an die Beobachtung sozialer Bauvorschriften geknüpft und die Beleihungspoütik der Mortgage Bank, die ja vornehmlich Tel-Awiw beleiht, auf Begünstigung des Flachbaus eingestellt wird. Es genügt, Anregungen zu geben, die Einzelheiten mögen von den berufenen Stellen nachgeprüft werden. Noch um die Jahrhundertwende brachte der bekannte Pfarrer Naumann von seiner Palästinareise den Eindruck nach Hause mit, das Land sei „ein toter Jammer''. Heute ist dieser tote Jammer blühendes Leben. Diese ungeheure Vitalität hat in der Urbarmachung des Emek ein Werk geschaffen, das Zeugnis ablegt für den Gemeinschaftswillen und den Arbeitsidealismus des jüdischen Bauern. Dieselbe Vitalität droht aber im Ausbau der neuen Großstadt Tel- Awiw eine Gestalt anzunehmen, die einen Rückfall in gemeinschädliche, längst überwundene Formen europäischer Großstadtwirtschaft darstellt. Emek und Tel-Awiw — zwei Welten mit sehr ungleichartigem seelisch-geistigem Gehalt! Die innere Spannung, die zwischen diesen beiden Lebensbereichen besteht, zum Ausgleich zu bringen: das ist die große Aufgabe einer planmäßigen Bau- und Siedlungspolitik. B .1 ( Ii .< r'.H Ii, Bf r 11 Ii i" T Kinderfest und Kinderelend Wir haben in der letzten Zeit mehrmals auf die Mangel der sozialen Fürsorge f ii r die Kinder der unteren Schichten in Palästina hingewiesen. Zu diesem Thema sendet uns eine Freundin unseres Blattes eine Schilderung, der wir Nachstehendes entnehmen: „Das große Jugendfest des 15. Schwath wurde wegen des Wetters von Sonntag, dem 20., auf Dienstag, dem 22., verschoben. Ich traf gerade den Zug der Schulkinder, wie er in die obere Jaffastralk einbog. Es ist ein Bild, das immer tiefen Eindruck macht, und dem man sich schwer entziehen kann: der lange, lange Zug der Mädel und Jungen, mit ihren Fahnen und Emblemen, singend marschierend. Der Zug bewegte sieh hinaus, die Jalfastraßc westwärts, dann nach Bcth Hakcrcm einbiegend, in die herrliche Berglandschaft hinein, bis zum riesigen f'reiplatz in der Talsenkc, ein natürliches Amphitheater. B a u m p f I a n z f e s t für die gesamte jüdische Schuljugend Jerusalems. Schaufeln und Spaten geschultert, die schönen I ieder singend vom Säen und Pflanzen — ein schönes Bild von der Jugend des Landes. Aber dieses Jahr bin ich nicht recht froh geworden. Man hat andere Augen bekommen. Ein böser Zufall wollte gerade, daß ich unmittelbar vorher wieder von einem der unzähligen Fälle gehört hatte, daß eine verzweifelte Mutter ihr Kind in die Miss ionssc Ii ul e gebracht hatte. Die Zahl der jüdischen Kinder in den Missionsschulen wird mit 700 bis 900 angegeben. Es sind nicht alles soziale Fälle, aber doch sicher die meisten. Diese Hunderte von jüdischen Kindern standen mir vor den Augen, ais der Zug singend von der Chancellorstraßc in die Jaffastraße einbog. Ich ging neben ihm her. In der oberen Jaffastraße reiht sich Werkstatt an Werkstatt. Die dort beschäftigten Kinder waren herausgeströmt und beschauten sich den Zug. U-, 12jährige Jungen, auch noch jünger. Die jüdische Kinderarbeit gehört ja zum Bestand des hiesigen Lebens; es handelt sich um eine große, kompakte Schicht jüdischer Kinder. S i e wurden nicht mitphotographiert, als die K,°daks das schöne Bild des festlichen Kinderzugs festhielten, den Zug ihrer Altersgenossen. Der Zug nähert sich Machene Jehudah. Der Typus der jugendlichen Zuschauer verändert sich für eine kurze Strecke: aschkenasischc Chcdcrjungens mit langen Peies schauen neugierig aut die'mit Spaten und Hacken ausgerüsteten singenden Marschkolonnen. Dann schicken die orientalischen Armenviertel um Machene Jehudah ihre jugendlichen Zuschauer: braune, glutäugige Buben, von denen ach wie viele keine Schule besuchen und sich auf den Straßen herumtreiben. Nicht immer trifft es sich, daß man die glückliche palästinensische Jugend mit der anderen räumlich so nahe sieht und sie auf einer photographischen Platte fassen kann." Die Schreiberin wendet sich dagegen, daß die in der Welt verbreiteten Berichte meist nur den glücklich aussehenden Teil der Jugend darstellen, über das Kinderelend aber, das dicht daneben besteht, schweigen. Es wäre dringend erforderlich, daß die Institutionen und Organisationen, die sich mit sozialer Jugendarbeit befassen, auch dieser Kehrseite ihr Augenmerk zuwenden. •Ja. ) i. '<#: