Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 21 (12.3.1935)
- Date
- 1935-03-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite* JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 21, 12. III. 193* Die Ausschaltung der Juden In der Gauführerschule in Dessau fand ein rassenpoH- Fächer Schulungskurs statt. Bei Abschluß des Kurses hielt Reichsstatthalter Gauleiter Loeper eine Rede, in der er auf die Rassenfrage zu sprechen kam. Im Kampf des Nationalsozialismus um das Volk sei die Rassenfrage, so führte er nach dem Bericht des „Mitteldeutschen — Neues Magdeburger Tageblatt" aus, von einer unerhört großen Bedeutung. Es sei nicht notwendig, daß der einzelne Volksgenosse die Rassengesetze in ihrer letzten wissenschaftlichen Feinheit verstehe, sondern es genüge schon, wenn dem Volk der gesunde Rasseninstinkt zurückgegeben sei, jenes Instinktgefühl der Abneigung, das den deutschen Menschen zwingt, sich vom Juden fernzuhalten. Die überwiegende Masse des deutschen Volkes lehne den Juden schon heute ab. In den Schulungsblättern der NSDAP im Rhein-Main-Gebiet „NS-Briefe" vom Hornung/Lenzing 1935 veröffentlicht Hubertus Bung eine Abhandlung „Weltanschauung, Rasse und Recht". Darin kommt der Verfasser auch auf die R a s s e n p o I i t i k zu sprechen und sagt hierüber u. a.: „Sie — (die Rassepolitik) — ist auf die für das eigene Volkstum günstigste /uMHiHncn-ruuRf; drr verschiedenen rassischen Elemente bedacht. Hierher gehört m erster Linie die Ausschaltung des Judentums. Daß der Jude nie fit Volksgenosse sein kann und es auch d.iun nicht ist, wenn er toleriert wird, hat Punkt 4 des I' a r 11 i p r o g i a m in ■ zu einein selbstverständlichen und unabänderlichen C, rundsatz unserer Weltanschauung erhoben. I):< l''i>!;;c i-t nj,-|it nur eine Gesetzgebung, welche den Juden auden „iicntlirhfii Beruft n und aus dem Wirtschaftsleben ausschalt,!, und lunickdwiigt, ionderu auch die Möglichkeit und Notwendigkeit einer Gesetze, a n s 1 e n n n g, die sich nicht mit den Grundsätzen des l'urlrWroEiamrm in Widerspruch setzt...... In der Juden trage verum die Panei den St.intlpunkt, daß der Jude der Feind alier % dlLtt ist. Kr ist ihr Feind aber nicht nur, weil er sie mi;;-duit!!, h att-S-.'-sstn, Mindern »weh wegen seiner kaum übersehbaren r a s» e . r I, » n t] e r i s ( he n Beeil i«ung; was auf diesem Gebiete bekannt wird, bedeutet schon eine akut? Gefahr für das Volksganze; man muß aber b.-rucksich'igen, da!.', die bekannt werdenden bilk juüi-ilier Ra>.««N,ls,,i,duiig nur eimn kleinen Teil dessen darstellen, wa., i.,:.....•!,!„ h kiekt. Wer einen cht rfliiehheheu Einjlick;ti dien« I'eiRe hat -e«:r; können, weiß das." _ In den weiteren Ausführungen über die Ziele der Rassenpolitik erwähnt der Verfasser auch, daß es zu erwarten sei, daß die kommende Gesetzgebung die Ehe zwischen Deutschen und sowohl jüdischen, als auch nichtjüdischen Nichtariern verbieten und die außereheliche Vermischung unter Strafe stellen werde. Es ist für uns Juden, da wir uns nicht selbst betrügen wollen, unerläßlich, der Tatsache (die uns immer wieder tief erschüttert), ins Auge zu sehen, daß das deutsche Volk in der Anschauung geschult wird, der Jude sei der „Feind aller Völker". Die jüdische Bevölkerungsbewegung G3P 0 OP Eine abschließende Darstellung über „Die Juden im Deutschen Reiche 1816 bis 1933" erscheint in Heft 4 der vom Statistischen Reichsamt herausgegebenen Zeitschrift „Wirtschaft und Statistik". Die Zahl der Juden in Deutschland betrug 1933 bekanntlich 499 682 Seelen. Dies entsprach einem Anteil an der Qesamtbevölkerung von 0,77 o/o. Von den deutschen Juden wohnten in den Großstädten rund 35400Ö oder '/,„; allein in Berlin und fünf weiteren Großstädten (über 100000 Einwohnern) die Hälfte aller deutschen Juden. Als Gründe für die Bevölkerungsverminderung der Juden, die von 1925 bis 1933 11,5 "o betrug, nennt das Statistische Reichsamt die verstärkte Weiterwanderung von Ostjuden, den Sterbefallüberschuß, Austritte, Mischehen und die Auswanderung deutscher Juden, die im Anschluß an die Neuordnung der politischen Verhältnisse stattgefunden und noch über den Stichtag der Zählung hinaus angedauert habe. Seit dem Jahre 1880 ist der jüdische Bevölkerungsanteil in den Großstädten gesunken. Er betru<r 1933 mit 1,8 o/o weniger als die Hälfte des Anteils von 1871. Der Anteil an der Gesamtbevölkerung Berlins, der 1880 4 v. H. überstieg, ist seit 1900 gesunken. In Berlin, sowie in Frankfurt a. M., Breslau, Hamburg, Köln und Leipzig wohnen mehr als 10(XX) Juden. Bei der Zählung von 1925 gehörte noch München zu dieser Kategorie. Frankfurt a. M. steht mit einem jüdischen Bevölkerungsanteil von 4,7 <>,<• (gegenüber 192S und 1910 6,3 °,o) an der Spitze nicht nur der Großstädte, sondern aller Kommunalgcmcinden mit 10 000 und mehr Einwohnern. Unter den Komm'unalgemeinden zwischen 10 000 und 100 000 Einwohnern ist an erster Stelle Fürth /u nennen, das bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts die zahlenmäßig stärkste indische Gemeinde in Franken und in Bayern überhaupt gewesen war. Der Hauptteil der kleinstädtischen Juden (über ein Viertel) Wohnt in der Provinz Hessen- Nassau und im L; de Hessen. Die benachbarten Verwaltungsbezirke um Rhein und Main, älteste Niederlassungsbezirke der Juden in Deutschland, haben die höchste Wohndichte der kleinstädtische» Juden. In Unterfranken wohnt die Mehrzahl der Juden in Gemeinden mit weniger als 10 000 Einwohnern. In Nordwest-, Nord- und Mitteldeutschland, aber auch in Ostdeutschland, ist der Abstrom der kleinstädtischen Juden nach der Darstellung des Statistischen Reichsamtes größer als in den viel älteren jüdischen Niederlassungsßebietcn um Rhein, Main und Neckar. In einigen norddeutschen Ländern, die bisher schon eine sehr geringe Zahl von Juden gehabt haben, sind die kleinstädtischen Juden heute nahezu verschwunden. Berufsumschichtung in Frankreich Ausbildung In Lehrsfätten Von unserem Berichterstatter F.O., Paris, Ende Februar Das Comite Agriculture et Artisanat, über das hier berichtet werden soll, hat in seiner bisherigen Tätigkeit etwa 400 junge Menschen als Handwerker ausgebildet, die zu einem großen Teil bereits nach Palästina gegangen sind. Sie sind fast sämtlich in den technischen Lehrstätten der Stadt Paris und der Departements ausgebildet worden, — Lehrstätten, wie sie in der Verbindung von Schule und Handwerk bisher einzig hier existieren. Hierher kommen die jungen Menschen schon mit 12 Jahren zur Ausbildung, erhalten drei Jahre LJnterricht, müssen ein Examen ablegen, und erhalten dann einen weiteren dreijährigen Fortbildungsuntcrricht, um dann zum Unternehmer zu kommen. Das hat den Vorteil, daß sie krisenfester sind als anderen, nur für ein spezielles Oebiet ausgebildeten Arbeiter. In 28 derartigen Schulen, die die Bezeichnung „Ecole d'Artisanat Rural" tragen, werden jüdische junge Menschen ausgebildet, zum Teil sogar — dank dem Entgegenkommen der Behörden — gratis verpflegt und beherbergt. Hier lernen sie das, was sie für Palästina unbedingt nötig gebrauchen, da diese Schulen gleichzeitig die Ausbildungsinstitute für die französischen Kolonialländer sind, u.a. Schlosserei, Schuhmacherei, Schneiderei, Tischlerei, Landwirtschaft. Das heißt, sie werden hier zu „Mädchen für alles" erzogen, die in der Lage sind, in den Kolonien alles das anzufertigen und auszubessern, was im Leben einer Gemeinschaft nötig ist. Die besten Schüler, die von Agriculture und Artisanat hier untergebracht wurden, sind noch an den Schulen tätig, d.h. sie stehen bereits seit anderthalb Jahren in der Ausbildung. Die Ersten, die zum Unterricht kamen, mußten schneller ausgebildet werden, weil der Andrang außerordentlich groß una der Bedart in Palästina sehr dringend war. Im Sommer werden die jungen Leute in einem landwirtschaftlichen Zentrum, d.h. in einer Lehranstalt, zu der auch landwirtschaftliche Betriebe gehören, zusammengefaßt, um dort zu arbeiten. Es wird auch ein Lehrer für Hebräisch hingesandt werden, damit die Tarbuth- Arbeit zu ihrem Recht kommt. Während es bisher 93 »o Auswanderer aus Deutschland waren, die durch Agriculture et Artisanat hindurchgingen, hat es die sich verschärfende Krise in Frankreich mit sich gebracht, daß jetzt auch ein großer Teil der hier schon lange Jahre ansässigen ostjüdischen Jugend, die inzwischen arbeitslos geworden ist, sich auf Umstellung besonnen hat, da sie einsehen mußte, daß der Markt- und Straßenhandel keine Zukunft mehr birgt. 2000 junge Menschen sind im letzten Jahre durch die Kartothek der Organisation gegangen, ohne daß leider die Möglichkeit bestand, sie alle zu betreuen. Mit größter Anstrengung und unter Aufbietung aller Kräfte ist es gelungen, eine Institution für die jungen Menschen einzurichten, in der sie zweimal täglich verpflegt werden, wo sie Zeitungen lesen und ihre freie Zeit mit Kursen, Unterricht, Diskussionen, Spiel usw. verbringen können. Statistik der Aerzte und Anwälte. Die „Juristische Wochenschrift" vom 9. März 1935 veröffentlicht eine Uebersicht über die zahlenmäßige Entwicklung der Anwaltschaft im lahre 1934, in der auch der Anteil der Nichtaricr in der Anwaltschaft angeführt ist. Die Gesamtzahl der im Deutschen Reich zugelassenen Rechtsanwälte, die am 11. 1. 34 18 432 betrug, war am 1. 1. 35 auf 18 780 gestiegen. Von diesen 18 780 Anwälten waren 2736 Nichtaricr. Im Bezirk der Anwaltskammer Berlin waren am 1. 1. 35 von 2931 Anwälten 1092 nichtarisch, im Breslauer Bezirk unter 1017 Anwälten 234 Nichtaricr. Die geringste Zahl der nichtarischen Anwälte, nämlich zwei, weist der Bezirk der Anwaltskammer Oldenburg auf. Am Reichsgericht sind unter den dort zugelassenen Anwälten zwei Nichtarier. Der Anteil der nichtarischen Anwälte ist in keinem Bezirk höher als zirka ein Drittel. — In der deutschen Presse wird eine Statistik mitgeteilt, die die Anzahl der Aerzte, die im Aerztekammerbezirk der Stadt Berlin am 31. Juli 1934 vorhanden waren, angibt. Danach beträgt die Gesamtzahl der Aerzte in Berlin 6188. Sie hat sich in der Zeit vom 14. Februar 1934 bis zum 31. Juli 1934 um \5 vermindert. Diese Verminderung setzt sich aus einem Gesamtzugang der arischen Aerzte um 197 und einem Gesamtabgang der nichtarischen Aerzte um 212 zusammen. Der Gesamtabgang der nichtarischen Aerzte wiederum enthält einen Abgang von 256 und einen Zugang von 44 Aerzten. 44 nichtarische Aerzte haben somit ihre Praxis nach Berlin verlegt, ein Zeichen für die starke Binnenwanderung unter den deutschen Juden. In den 28 Schulen sind bisher ausgebildet worden: 58 Tischler, 60 landwirtschaftliche Arbeiter, 35 Mechaniker, 14 Bauschlosser, 19 autogene Schweißer, 15 Qirtner, 24 Maurer, 12 Schmiede^ 15 Schuhmacher, 10 Klempner, 12 Köche 20 Elektrotechniker; der Rest besteht aus Uhrmachern, Juwelieren usw. Paris, im Februar Im Hotel des Chambres Syndicales sprachen vor einem sehr interessierten Zuhörerkreis Julien Weil, Großrabbiner von Paris, Marcel M y r t i I, Präsident des Keren Kaiemeth, H. Bodenheimer und Dr. G o 1 d b e r g, Gründer der Gesellschaft „Le Renouveau", über die Arbeit dieser Institution im ersten Jahre ihres Bestehens. Den Arbeitsbericht gab Charles R i v e a u, der Leiter des Lehrgutes. Das Unternehmen, das der landwirtschaftlichen Ausbildung von Juden dient, wird jetzt von französischer Seite gefördert und ausgebaut werden. Es finden theoretische und praktische Kurse statt. In diesem Jahre schon wird durch den Verkaul der geernteten Produkte ein wesentlicher Teil des Budgets gedeckt sein. Dr. G o I d b e r g dankte den Rednern sowie dem Leiter der Anstatt. F. H Konferenz des französischen Hechalnz Von unserem Berichterstatter F. G., Paris, Ende FebruaT Im Kibbuz Migdal bei Jou£-Ies-Tours fand vom 22. bis 24. Februar die zweite Jahreskonferenz des französischen Hechaluz statt, die außerordentlich gut besucht war. Am 22. Februar begann die Weidah mit einem Oneg Schabbat, den der Kibbuz Migdal organisiert hatte, und dem Gäste sowie Chaluzim aus allen französischen Kibbuzim beiwohnten. Diese Kibbuzim hatten dreißig Delegierte entsandt. Zahlreiche Begrüßungen der Zionistischen Organisationen sprachen dem französischen Hechaluz ihre Anerkennung aus. Einige französische Rabbiner hatten den Hechaluz schriftlich begrüßt. Die Berichte, die von den Mitgliedern des Merkas über die Arbeit der Organisation gegeben wurden, ließen erkennen, daß der französische Hechaluz sich in aufsteigender Linie bewegt. Er hat bisher Gruppen in Paris, Nancy, Metz, Straßburg, Lyon, Cannes und Arles, und außer den fünf Hachscharah-Kibbu/im drei Hachscharah-Zentren in Luxemburg, die von dem Kibbuz Altwies betreut werden. Eine außerordentlich fruchtbare Diskussion, die mit Leidenschaft über alle Probleme der Hachscharah, der Alijah, der Organsiation und der Tarhuth-Arbeit geführt wurde, zeigte den Ernst, mit dem die Chaluzim ihre spätere Aufgabe erfassen. Es wurde beschlossen, daß die Hachscharah fn der Regel ein Jahr dauern soll, und daß insbesondere die Tarbuth-Arbeit stark intensiviert werden müsse; ferner sollen im nächsten Jahr die Kibbuzim stark vermehrt werden, weil viele hunderte junger Menschen darauf warten, ihre Hachscharah aufnehmen zu können. IN ALLER KURZE Bei der Beisetzung des verstorbenen Bischofs Bares waren als Vertreter der Jüdischen Gemeinde Kammergerichtsrat i. R. Leo Woff für den Vorstand und Rabbiner Dr. Max Wiener für die Rabbiner der Berliner Gemeinde zugegen. Der Vorstand hat dem Domkapitel zum St. Hedwig ein Beileidstelegramm gesandt. General Sir Archibald Montgomery-Massingberd, der Chef des britischen Generalstabes, hat sich auf eine Inspektionsreise nach dem Nahen Osten begeben. Er trifft in Kairo am 6. März ein und wird am 20. März von Aegypten nach Palästina und Transjordanien fahren. Amtlich wird bekanntgegeben, daß im Monat Januar 1935 4886 Personen, unter ihnen 4336 Juden, nach Palästina eingewandert sind. Von den jüdischen Einwanderern gehörten 259 zur Kategorie A, für die ein Eigenkapital von mindestens 1000 Pfund vorgeschrieben ist. Im englischen Unterhaus erklärte der Kolonienminister Sir Philip Cunliffe-Lister aut eine Anfrage des Abgeordneten Lyons, ob das Terrain bei T e 1 - A w i w nochmals auf seine Eignung für die Anlage eines Flughafens für den palästinensischen und englisch-indischen Luftverkehr geprüft worden sei, Terrains für Flughäfen seien in Haifa und Lydda nach fachmännischer Untersuchung ausgewählt worden. Die Genehmigung zum Ankauf sei bereits erteilt worden. Die größten norwegischen Zeitungen m Oslo, „Aftenposten" und „Dagbladet", brachten ausführliche Interviews mit Rabbiner Samuel über die wirtschaftliche Lage Palästinas. Der Warenaustausch zwischen Palästina und Norwegen wurde in letzter Zeit durch die Eröffnung der neuen Palästina-Linie der Firma Fred Olsen verstärkt. Emir Abdullah von Transjordanien war in diesen Tagen in Jerusalem, wo er mit arabischen Notabein, so u. a. mit dem früheren Bürgermeister Ragheb Naschaschibi, Besprechungen abhielt. Abdullah wird nicht im April, sondern erst im Juni, anläßlich der Jubiläumsfeier des Königs Georg, nach England gehen. Der lettische Ministerpräsident Ulmanis hat den Direktor des Keren Hajessod, Leib Jafle, empfangen. Jaffe war vom Rigaer englischen Gesandten begleitet. Am 10. Mai veranstalten neun Stationen des amerikanischen Rundfunksystems unter der Bezeichnung „Jiddisches Theater des Aethers" zum ersten Male in der Geschichte des Rundfunks eine Sendung jiddischdramatischer Kunst unter der Leitung Joseph Buloffs, des Direktors des jiddischen Kunsttheaters in New York. Bundespräsident Miklas hat dem Oberrabbiner der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde, Dr. David Feuchtwang, taxfrei das Offizierskreuz des österreichischen Verdienstordens verliehen. Die im Kreis Offenbach gelegene Gemeinde Hainstadt a. Main versah am letzten Montag dieser Woche an den beiden Zufahrtsstraßen die Ortsschilder mit dem Zusatz „Juden nicht erwünscht". (In Hainstadt wohnen noch zwei judische Familien mit zusammen acht Personen.) Wie das „Israelitische Familienblatt" meldet, ist die Synagoge in Bad Honnef am Rhein geschändet worden. Die Täter drangen in das Innere der Synagoge und verunreinigten sie, zerrissen Gebetbücher, stahlen einen Thoramantel, die Büchse für die Armen, die einen höheren Betrag enthielt. Die Eindringlinge sind noch nicht ermittelt. In Rheinbrohl am Rhein ist am Ortseingang ein Schild über die Straße gespannt worden, auf dem es heißt: „Juden sind hier unerwünscht" Züricher Brief Dm AhMv*r-Mothr Zürich, Anfang Mär? Unter den verschiedenen Referaten, die in diesem Winter in der Zionistischen Ortsgruppe Zürich gehalten worden sind, ist der letzte Vortrag von Dr. Josef Kastein bemerkenswert, der das Problem des „Ewigen Juden" unter jüdischen Gesichtspunkten behandelte. Dr. Kastein stellt fest, daß es ein Wandermotiv (wie den „Wilden Jäger" oder den „Fliegenden Holländer" bei den Germanen und „Chidher" im Islam) in der jüdischen Vorstellungswelt gar nicht gibt. Auch der Name Ahasver, der zuerst im Buch Esther auftaucht, wo ihn ein Perser trägt, ist dem Judentum fremd. Der Kern der Sage vom „Ewigen Juden" stammt aus der indischen Erzählung von Pindola, dem Schüler, der sich gegen Buddha aufgelehnt hatte und dafür die schwerste Strafe erfuhr: Unsterblichkeit, Verweigerung des Nirwana. Erst im 13. Jahrhundert erzählen die christlichen Legenden vom Cartophilus, der Jesus auf dem Weg nach Golgatha verspottet, dann aber das Christentum angenommen habe; trotzdem müsse er zur Strafe elend umherirren, bis zum jüngsten Tage. Aber hier ist Cartophilus, des Pontius Pilatus Türsteher, noch ein Heide; erst nach den Kreuzzügen erscheint diese Figur im Volksglauben als Jude, als der Ewige Jude, und Ende des 16. Jahrhunderts macht das Volksbuch vom Ahasver als dem „lebendigen Zeugen der Leiden Christi zu mehren Ueberzeugung der Gottlosen und Ungläubigen" die Runde durch Europa, und der Ewig« .Mc selbst wird leibhaftig in allen möglichen Städten gesehen. Gerade in den protestantischen Ländern verbreitet sich die Sage am weitesten; mit Reformationen und Bauernkriegen sind neue gesellschaftliche Probleme aufgetaucht, und Ahasver erfüllt in dieser Welt das Bedürfnis nach Einordnung des Fremden durch seine Absonderung. Die Entstehung des Ahasver ist ein neuer Beweis dafür, wie die Umwelt ihre eigenen Probleme immer wieder auf. die Juden überträgt. Später wird der Mythos mehrfach künstlerisch gestaltet, von Byron, Shelley, Goethe, Sue u. a. Der Jude steht diesem Mythos anders gegenüber. I>ef ahasverische Begriff der Diaspora ist ihm fremd, der jüdische Geist kennt keine Strafe für den Bereuenden. Das Sterbenwollen und Nichtsterbenkönnen entspricht der jüdischen Auffassung nicht: Der Jude lebt gern, auch wenn dieses Leben schwer ist; er sieht keine andere Möglichkeit, um sich vor dem Göttlichen zu bewähren. Der Jude ist nicht Ahasver, aber er kann es werden, wenn er den tiefen Sinn seiner Aussonderung mißversteht. Die Juden sind ruhelos geworden, nicht aus Gründen Ahasvers, sondern aus Verzicht auf ihr Zentrum. Wie ist der Mythos zu überwinden? Von seinem Motiv aus. „Mythos ist Selbstmotivicrung einer Gemeinschaft für den Ablauf und das Ziel ihres Daseins." So muß der Jude Anschluß an seinen eigenen Mythos suchen, den größten Mythos, den der Einheit. Im Gegensatz zu den Wandermotiven anderer Völker ist im Judentum der Drang nach Verwurzelung mit der Scholle so stark, daß hier zum erstenmal in der beschichte der Menschheit der Begriff des „Heiligen Landes geschaffen wurde. Ahasver ist in Jerusalem geboren. M°fc.5 in Jerusalem seinen ewigen Frieden finden. N. w' llaxpuchriftleiters Dr. Robert Welt ich, BerUn-Charlottenburg «• Stellvertreter« Kurt Loewensteln, Berlin W IB. Anseigenleiteno und verantwortlich für den Anieigenteil: Helene Chtnclner. Berlin N 54. Verlag und Arueigenrerwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W 15, Meinekestr. 10. D.-A. Februar 1935: 33 492- — Druck: Siegtrkd Scholem, Berlin-Schöneberg.