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Jüdische Rundschau · 1935-03-08 · Heft 20 (8.3.1935) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 20 (8.3.1935)
Date
1935-03-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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SettotO__ Die Judenfrage in der französischen Literatur Eine Vorlesung an d«r Universität Lausanne Lausanne, Ende Februar An der Universität Lausanne wurde in diesem Winter- Semester zinn cr>temnal eine Vorlesung über die Beziehungen des Judentums mr französischen Kultur abgehalten. Herr Dr. Chanan L e h r m a n n war beauftragt, über „L a q u e s t i o n juive ä travers Ia littcrature f r a n - 9aisc" („Die Judenfrage im Spiegel der französischen Literatur") zu lesen. Die Antrittsvorlesung, welche Anfang November stattfand, mullte in den größten Hörsaal der alten Akademie verlegt werden; so stark Mar der Andrang des Publikums, unter dem sich auch zahlreiche Nichtjuden befanden. Der größte Teil der Hörer blieb dein ausgezeichneten Dozenten während des ganzen Semesters treu. Das war nicht zum wenigsten auf die vornehme und ruhige Sachlichkeit zurückzuführen, mit der das schwierige Problem behandelt wurde. Der Kanzler der Universität, Professor Frank Olivicr, und der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde von Lausanne, Herr Ptaschek, hielten kurze einleitende Ansprachen. Dr. L e h r m a 11 n ging von der Parabel von den drei Ringen aus, welche im 13. Jahrhundert als Propagandamittel für den Kampf des Christentums gegen Islam und Judentum, im KS. Jahrhundert dagegen in der französischen Bearbeitung von „Nathan dem Weisen" durch M. J. Chenier, TRAUM im ABGRUND Von Jizchak Tora! (2. Fortsetzung) Nach einer Stunde schon war der treue Meßner zurück, (rnd schwingt sich lachend vom Sozius-Sitz, eines Motorrades. Der Fahrer hat alles Fehlende mitgebracht. Kurze Zeit Arbeit und Schweiß und die Fahrt kann weitergehen. Der Chef sitzt nicht im Wagen. Meßner ist überrascht. Fr wird zum See gegangen sein! Nur schnell den Schaden beheben. Fr wird's schon riechen, wenn alles in Ordnung ist, dann wird er dastehen und einsteigen wollen. Als die Männer fertig sind, schaut er sich um, tutet dreimal und wis,ht sich den Schweiß ab. Aber es ist nichts zu sehen. Wie ein Sti> b durchfahrt es ihn — „Ucberfall, Kaub, Yci brechen >" Mit künstlichem Phlegma — er hat es von seinem Herrn gelernt - der macht das auch so, wenn ihn was i|iiait sagt er zum atideic-ii: „Du! Mir scheint, da hat sich gar was ereignet? (übt es hier zu Lande Vagabunden?" Er lacht wie über einen Witz. .....- aber es ist ihm eng und recht kalt auf einmal. Jener zuckt die Achseln: „Na, suchen wir ihn halt". Mcßner schreibt groß auf ein Blatt Papier: „Bin gleich zurück! .Meßuer." Fr hängt es an einen Strauch und sagt: „M<o los, der eine fährt zurück, der andere weiter den See entlang." Melitiers Herz donnert gegen die Rippen, die Kraft seiner Augen verzehnfacht sich. Links, zum See zu, kann nichts passiert sein, da gehen Leute und es ibt wenig Gebüsch. Aber rechts, den Berg hinauf, gibt es chluptwinkel genug, da nuißte man jeden Strauch durchsuchen. Bald sieht er ein, daß die Fahrt sinnlos ist. Auf der Straße ist nichts zu sehen — aber da oben zwischen den Felsen — --- —. Ihn schüttelt es, er hofft inständig, daß der Chct da stehen wird, wenn er zurückkommt und daß dann ein fürchterliches Donnerwetter losbrechen wird. Ihm ist, als habe er sich in seinem Leben auf nichts so gefreut wie auf dieses Donnerwetter. An der verabredeten Stelle wartet schon das Motorrad. Der Zeitel Hegt noch Ja. Von Hcffter keine Spur. Meßner wird weiß bis in die Lippen, dann keucht er: „Los, los! In die Stadt! Polizei! Hundert Mann müssen her, die Gegend, den See durchsuchen. Los!" Er schreit es, aufschluchzend. Während er wie der Teufel fährt, den Kopf zwischen die Schultern geduckt, denkt er: „Blöd, daß es für die Augen noch keinen Wischer gibt." * Die Sonne stand im Zenith und brannte heiß auf die Felsen, als Hcffter zu sich kam. Die Hitze hatte ihn grausam geweckt. Fr hob instinktiv die Hand, um sich zu schützen, bin heftiger Schmerz in der linken Seite ließ ihn aufstöhnen. Fr wußte nicht, wo er war, er lag hart, wollte sich aufrklitvn. Der Schmer/, im linken Bein entriß ihm einen tien-chen Schrei. Fr sali uber sich ein Dreieck schonungslos blauen Himmels und vim-n zattgruncii Birk tu zweig. Leise kehrte ihm die Friiincrung; zurück. Ich bin ja gestiegen — allein - kein Mensch weiß, wo ich bin — keiner weiß es - - ich war für niemanden erreichbar, Jetzt war die Verzweiflung darüber so rroß, wie vorher sein kindischer Jubel, .>ie werdeii mi.h nie finden", sagte er sich. Schweiß klebte an allen -einen Puren, perlte auf dem Kopf, unerträglicher Durst ((tialte ihn. Fr wollte klingeln, man muß EiswasM-r bringen, M>f«>rt, den Arzt holen!' Fr hebt die Hand, die rechte. Fs seh merzt nicht. ,,Alsu bin ich noch nicht ganz zerschmettert." Aber auflichten kann er sich nicht. Beim leisesten Versuch wird ihm schwur/ vor den Augen vor Schmerz. Wieder sinken dunkle bellieier über ihn. Kr will trinken, trinken! Seme (iroßmiitter schüttelt den Kopt und sagt: „Mußt lernen, an dich halten, mein Jüngelchen." Fr bettelt um einen Sehluck Milch. Sie lacht und sagt: „Dürstet dich, so leck Salz, da wird der Durst noch größer," Sie Lt eine strenge Frau. Der Vater sit/t auf dem hohen Kontorstuhl und schreibt Zahlen, Zahlen, Zahlen. F.r, Jacob, sitzt ihm gegenüber und hat einen Gedichthand vor sich. Aus den Zeilen sprühen dünne Wasserstrahlen. Nur ein bißchen sich daran die Zunge netzen möchte er, nur ein wenig. Er wagt es nicht, immer schaut er aus geducktem Kopf zum Vater hin — ob er's am Fnde nicht merken würde — die Brünnlein springen — er traut sich nicht. Wenn der Vater merkt, daß er Gedichte liest, ist's aus mit ihm. Als Hcffter erwacht, ist sein Kopf im Schatten. Aber die Schmerzen wühlen, der Durst verzehrt ihn. Der Himmel ist schon sanft violett geworden. Fr lieht den heilen rechten Arm, tastet mit der Hand an einem Stein empor. Er sticht lieh, hebt die Augen und sieht eine Brombeerranke über den Felsen gespannt. Und da sitzen — ist's möglich? — verhutzelte Heeren drauf. Vom letzten Jahr wohl, vom Herbst. Sieben Monate haben sie hier gewartet, um einen Verschmachtenden zu laben. Tränen steigen ihm in die Augen. Er pflückt sie. Eine nach der andern zerdrückt er auf der Zunge. Sic sind ein wenig bitter vom Ucbcrwintern, aber Ihr Saft ist Balsam für seinen Durst. Er denkt an die fielen tausend Mahlzeiten, die er zu sich genommen hat — mit frecher Selbstverständlichkeit. Das Erlesenste, das Seltenste nur hatte ihm genügt. Jetzt dankt er Oott für eine kleine Beere. Ist er denn noch er seihst? oder — wer ist dieser arme, verlassene, vergessene Mensch, den die Sonne mit ihrer Glut ausdörrt, in dem die Schmerzen bohren, für den es keine Hilfe gibt? Er liegt und starrt. Wie lange noch? denkt er. AI« es dämmert und der erste Stern über ihm zittert, holt ex die JODISCHE RUNDSCHAU als Symbol der Humanität und der Toleranz aller religiösen Ueberzeugung diente. Ursprünglich ging die Neigung der Kirche dahin, ihren Gläubigen die Juden als lebendes Beispiel der Ungläubig* keit und ihrer bösen Folgen dauernd vor Augen zu führen. Sie wurden daher entrechtet, doch wandte sich die Kirche entschieden gegen die Ausrottung der Juden, welche sie allmählich noch zu bekehren hoffte. Allmählich tauchten aber schon neben den religiösen auch die bekannten auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiete liegenden Argumente der Judenfeindschaft auf. Diese wurde noch lange tortgesetzt, als die Juden aus Frankreich verwiesen waren. Neben die Passionsspiele traten, sie nach und nach verdrängend, derbe Possen, in welchen zuerst nur die Juden verspottet wurden. Später machte man aber auch vor "den christlichen Geistlichen nicht Halt, so daß diese Possen schlicßujh von der Kirche selbst verboten werden mußten. Bald nach Vertreibung der Juden wurde man gewahr, daß die christlichen Wucherer mindestens nicht besser waren als die jüdischen. Verschiedene Dichtungen bringen dies herzhaft naiv und deutlich zum Ausdruck. Mit der Renaissance begann man sich nicht nur für die griechische und romanische, sondern auch für die jüdische Antike zu interessieren. Bald traten an die Stelle der Passionsspiele und Possen die Theaterstücke, welche altbiblische Themen behandelten. Das Judentum wurde als Vorläufer des Christentums betrachtet, und Bossuet stellte es in seiner Weltgeschichte so dar, als seien die Juden ursprünglich die Vollstrecker der göttlichen Vorsehung gewesen, hatten dann aber ihre Mission an das Christentum letzte Beere. Er ist nicht mehr ganz hoffnungslos. Hat eine Macht ihm die Beeren geschickt, so schickt sie vielleicht auch Hilfe____ Der Kuckuck ruft nicht mehr. Aber von weit her tönen Autohupen; wild schreien sie durch die Gegend. „Jetzt suchen sie mich um den See herum." Er denkt an Agathe. Für sie wollte er leben; dem Jungen gegenüber hatte er eine etwas hilflose Väterliche gehabt, hilflos und erstaunt und sehr distanziert. Aber Agathe war sein Lebensnerv. „Wäre sie mitgekommen, sie würde mich finden." Er fror. Fieber schüttelte ihn. Eigentlich Hege ich gut. Die Luft ist ausgezeichnet, gar nicht wie in einem Krankenzimmer. Nur die Seite schmerzt so sehr. Daß sie die Lampe nicht abblenden? Rücksichtslos. „Abblenden!" ruft er. Der Mond steht über dem Felsen und scheint ihm ins Gesicht. Wieder ist er ein Kind und wünscht sich ein Pferd. Der Vater ist nicht unvermögend, aber er hält die Kinder kurz. „Reiten willst du? Ein Judenjunge? Reiten?" Der Vater sagt es in seltsamem Ton. Es wird ihm kalt dabei____ Aber er reitet doch — heimlich! Es wäre herrlich — wenn nicht das Bein so furchtbar schmerzte. Ich hat) es wohl eingeklemmt beim Aufsteigen, es ging so eilig. Jetzt aber kann er nicht anhalten. Zehn Runden müssen's sein. Man macht eine Sache nicht halb, sagt der Vater. Wenn's noch so schmerzt — was man angefangen hat, muß man durchführen. Wieder weckt ihn der Schmerz. Er friert. Er stöhnt. Der Mond strahlt noch ein rundliches Achtel in den kleinen Himmelsraum, der sich über ihm auftut. Dies Himmelsstück ist milchigblau. Vier große Diamanten sind dran geheftet — sie blinzeln ihm zu. Was wollen sie mir'sagen? Wollen sie mich trösten? Ach — wissen sie denn um den einzelnen, einsamen, kleinen Menschen? Was ist der Einzelne? Er hatte immer geglaubt, auf den Einzelnen käme es an, auf den Menschen, der .weiß, was er will, auf den, der anführt, diktiert, regiert, herrscht. Wenn einer richtig zu herrschen versteht, lehrt er die Masse richtig gehen. Er hatte geglaubt, diese Masse, die ihn im Grunde menschlich kalt gelassen hatte, gehen, sehen, arbeiten, gehorchen zu lehren. Aber ohne sie war der Einzelne, der Führer eine Sinnlosigkeit. War ihm denn entgangen, wie sehr es auf den Zusammenhang ankam? Wie abhängig einer vom anderen ist, wie die Wirkung des einen von der Resonanz der übrigen abhing? Was war er hier! Zwischen den Felsen liegend? Ein losgelöstes Stückchen Welt. Wo ist die Brücke zum Ganzen? Eine Stimme sagt in ihm ... Wo anders wäre sie als in der Verantwortung, die das eine Atom der Welt für das andere fühlt? Ist diese Verantwortung nicht das Einzige, was uns alle zusammenhält, was uns davor schützt, daß wir, als ein verlorenes (ilied aus der Kette gerissen, ins Bodenlose sinken? Ihm ist, als habe er dies alles nicht gesehen bisher; nicht gesehen? Nein! Falsch gesehen! Falsch, verkehrt, verzerrt. Ihm ist, als wäre der Begriff des Herrschens, Führens, Besitzergreifens ihm plötzlieh zergangen wie Eis vor der Sonne. Auf anderes mußte es ankommen in dieser Welt — auf ganz anderes. Aber wo wäre dieses Andere zu finden? Er liegt und starrt. Sein Körper glüht und doch friert er. Er ist so müde---- Ihm steigen Erinnerungen auf. Was hat er da geträumt? Sagte nicht sein Vater: ein Judenjunge tut das nicht? — Ja, so ähnlich war's wohl im Traum. „Ein Judeniunge", damit war er. Jacob, gemeint. Seltsam! Er hatte diese Begriffe ganz verloren — im Laufe der arbeitsreichen Jahre, in dem Kampf um den Berg, der zu ersteigen war. * Ein Jude? — war er das denn noch? Ein Erinnern an jenes kurze Gespräch vor dem Bahnhof stieg auf und verschwand. Ein Jude? Der Vater war es gewesen, auch dessen Vater, auch die Großmutter — ja. Er sah sie stehen im schwarzscidenen Kleid, die Hände erhoben vor den Schabbatlichtern, über die sieden Segen sprach. Und dann—die Mutter; sie saß im schweren grünen Taftkleid (dies Kleid muß sie jahrelang getragen hanen, denn es war verwoben mit allen festlichen Erinnerungen seiner Kindheit; inmitten der Kinder und Gäste. Hat er sie je sprechen gehört in einem Kreis von Menschen? Ihm ist, als habe sie nur gesorgt, getan, geholfen, geglättet, getröstet — und — geblickt. Ja, ihre stillen, etwas ängstlichen Augen waren immer da gewesen — als Sicherheit und Schutz. Und zugleich — das war das Merkwürdige — hatte er das Gefühl, daß sie auch seinen Schutz brauchte. Sie muß sehr schüchtern gewesen sein. Das ward ihm jetzt bewußt. Klein, ängstlich und hilflos, sah er sie oft zum Vater aufsehen, wie um Entschuldigung bittend. Der Vater war streng gewesen und karg, und die roßen Brüder hatten immer Hin gefragt. Er natte alles estimmt im Hause. Er selbst aber — Jacob, das wußte er plötzlich, hatte sich nur um ihretwillen geschworen, ein großer Mann zu werden. Er wollte werden wie Joseph in Aegypten, Alle wollte er überragen — wollte seine Brüder demütigen dafür, daß sie die Mutter kaum sahen, er wollte ihnen seine Aufseher nachsenden und sie des Diebstahls verdächtigen. Die Mutter aber würde er ausfahren lassen im goldenen Wagen. Ein Ausrufer würde neben ihr gehen und den Leuten sagen: „Dies ist die Mutter — .seine Mutter', die der König ehren will." Aber an Festtagen, da saß sie neben dem Vater, da war sie anders -- da war sie schön und hatte keine Falten. Und »lies war dann so schön und feierlich. Am Freitag-Abend hatte der Vater immer «ia Lied auf Nr. 20, 8. Ml. 1935 abgetreten und wurden nun für ihre Untreue so lange m gedrückter Lage gehalten, bis sie den richtigen Weg wieder betreten hätten, d. h. bis sie sich taufen lassen. Racine brachte die Ideen Bossuets in seinen Dramen „Esther" und „Athaüe" zum Ausdruck, gleichzeitig aber finden sich in diesen Verken, besonders in „Esther", Stellen, die von einem warmen Mitgefühl und genialer Einfühlung in die Tragik der jüdischen Lage zeugen; sie können als eine erste Kundgebung zugunsten der. Toleranz angesehen werden. Die Idee der Toleranz fand ihre philosophische Begründung in „Esprit des Lois" von Montesquieu, von dem eine direkte Linie zu J. J. Rousseau und damit zur Proklamation der Menschenrechte bei Beginn der Französischen Revolution führt. Neben dieser positiven Toleranz unterschied Dr. Lehr« mann eine negative Toleranz, welche ihre Wurzeln in einer absoluten Skepsis hatte. Die Vertreter dieser Richtung, welche das Judentum nicht wegen seines Gegensatzes zum Christentum, sondern gerade deshalb, weil das Christentum aus dem Judentum hervorgegangen war, bekämpften, waren vor allem Voltaire (dieser auch aus persönlichen Gründen ein fanatischer Judenfeind) und die Enzyklopädisten. So bereitete sich schon vor dem Zeitalter der Auf. klärung eine Strömung vor, welche auch nach der ^Erklärung der Menschenrechte" den Streit um die Judenfrage nicht zur Ruhe kommen lassen sollte. Die zahlreichen Probleme, welche dadurch auf den verschiedensten Gebieten gestellt wurden, aber bereit» im Mittelalter angedeutet waren, gedenkt Dr. Lehrmann im kommenden Sommerseinester zu behandeln. Dr. A. R, sie gesungen, wenn sie den vom Gottesdienst Heimkehrenden entgegenkam. Dafür hatte Jacob den Vater lieb gehabt — denn auf ihrem Gesicht war dann ein Lächeln erschienen — ganz verlegen und so glücklich. — Die ganze Woche hatte er sich darauf gefreut — auf dieses Lächeln und aut den Freitag-Abend. Heffter seufzte! Unendlich weit lag all dies hinter ihm. Fern, fern. Wo war der Frieden, die Schabbatweihe? Fern — vergessen, versunken. Die Schmerzen peinigen so sehr. „Mutter", will er sagen und stöhnt statt dessen. Mit unendlicher Mühe rollt er sich ein wenig auf die Seite und schlummert ein. Ein großer Raum ist blumengeschmückt. Es riecht nach Erde, Moos und Blüten. Die Tafel ist weiß gedeckt. Der Becher steht gefüllt — der geheimnisvolle Becher — für Elijahu, den Propheten. Die Mutter kommt und führt ihn zum Ehrenplatz. Sie ist zwar schmächtig, aber sie hat keine Falten. Neben ihr sitzt sein kleiner Sohn und schaut ihn an, angstvoll. „Nun?" sagt er, „— nun? Du bist der Jüngste heute —sag deinen Spruch." Er sagt es gütig und doch zittert schon Ungeduld in seiner Stimme. Der Junge schweigt — „Nun?" Er fühlt Zorn aufsfeigen in sich. Seiner Mutter Augen blicken ihn an — nicht schüchtern, nicht hilfesuchend. Ernst — mahnend! „Was schiltst du das Bürschlein? Hast du ihn gelehrt, wie man betet?" Ein Schüttelfrost weckt den Kranken. Er Ist steif vom Liegen. Das gesunde Bein fühlt er kaum noch. Ueber ihm schwingt noch der Traum. Ein Alp liegt auf ihm. Der vorwurfsvolle Blick scheint noch auf ihn gerichtet. Er spürt ihn, den stummen Blick, wie er ihn sonst irgendwo schon einmal gefühlt hat. Er weiß nur nicht wo — nicht wann. Er müht sich um ein Erinnern. Die Qual wächst. Wo, wo traf ihn dieser Blick, den er damals abgeschüttelt hat, vor dem er geflohen. Es muß an einem Herbsttag gewesen sein. Er hört das Rascheln von welkem Laub Um seinen Fuß. Ein Festtag woW,. aber er weiß sich nicht ztf besinnen. Was war es nur? fx läßt ihm keine Ruhe. Ihm ist, als hänge alles davon ab, seine- Rettung, seine Genesung, seine Erlösung. Hier, hier liegt der Wegweiser — der Schlüssel zur Erkenntnis. Immer suche kh, suche, suche — jener Blick wollte mir die Richtung weisen und — ich bin ihm ausgewichen — im Wahn. Von den vier Sternen über ihm sind noch zwei zu sehen, und auch sie sielten schon am Rande seines kleinen Himmels. „Ehe der Morgen naht, muß ich es wissen. Träumen, träumen, den Traum vollenden", fleht es in ihm. Aber der Durst quält — der Schmerz bohrt. Es ist schwer, der Verzweiflung zu steuern — so verlassen und elend wie er ist. „Und wandle ich auch im finstern Tal — Du bist mit mir, ich fürchte nichts" — sagt er laut. Ein großes Staunen ist in ihm, daß diese Worte sich aus ihm formen; es steigt, ob der Beruhigung, die aus ihnen aufwächst — die sich um ihn schlägt wie ein gläserner Dom, hochaufgebaut im spitzen Bogen. Milchig blau steht er um ihn, weitet sich — weitet sich. Eine Gestalt naht sich — milchig umflossen kommt sie näher. Ist es die Mutter — es scheint, sie nickt ihm zu! Aber nein — es sind die Augen einer Anderen — doch ebenso bittend — ebenso demütig. Agathe ist es nicht — doch ähnlich ihr — schattenhafter und wehmütiger. „Sing mir ein Lied", bittet sie. Er weiß nicht, was sie meint. „War ich dir nicht eine treue Magd? Diente ich dir nicht mit allem, wie ich's verstand? Sing mir das Lied — hab ich's noch nicht verdient? Noch immer nicht?" „Mein Weib", sagt er schuldbewußt. „Du hast gewartet? Immer?" Er beginnt das Lied zum Preis der edlen Frau — ihr Gesicht verklärt sich der Mutter Lächeln ist darauf. Seine Mutter fragt: „Hast du die Kinder gesegnet?" — Die Kinder — er? Ihm wird Angst, er kennt die Worte nicht — er hat sie nie gesprochen, „wir sind moderne Menschen", will er sagen. Die Mutter winkt ab — müde, mit einem traurigen Blick. „Ich weiß, du mußt zur Sitzung." „Ja!" nickt er. „Immer." Das Auto hupt schon laut Er ist ihm dankbar dafür. Meßner wird gleich kommen. Er blickt zur Tür. Aber sie öffnet sich nicht. Der Ton wird stärker und stärker. Viele Männer stehen da, in weißen Mänteln, wiegen sich und rufen: Oschamnu, bogadnu. Der Schofarton schwillt und schwillt — bis zur Qual. Immer hat er ihn gefürchtet und zugleich geliebt. Aber die Furcht war größer. Er sagt es leise dem Mann, der neben ihm betend sich wiegt. „So sehr weh tat er mir — drum brach ich mit der Tradition." „Entweder — oder. Ganz dienen oder ganz frei sein von dieser — dieser"----er findet das Wort nicht mehr. Der Schrecken über den grellen Schofarton hat ihm das Wort verschüttet. „Oschamnu, bogadnu" — rufen sie alle und schlagen sich mit der Faust die Brust. Die ganze Gemeinde tut es. Dann — ein Rauschen, ein Sinken. Sie liegen auf den Knien. Alle —- nur er nicht. Ein großer Schmerz in seiner Seite, hält ihn fest. Er kann nicht niederknien. Er allein ragt auf aus der Gemeinde der Knienden. Schweißbede:v:t -- von Schmerz umklammert steht er. „Sondere dich nicht ab von der Gemeinschaft", heißt es. Das weiß er wohl. Aber er steht — einsam — umgeben von geduckten Gebetmänteln — oder — sind es Wellen? Sie bewegen sich, wiegen sich auf und nieder — branden um ihn. Einsam inmitten des Ozeans steht er. Entsetzen umkrallt sein Herz. „Ich werde sinken." Aber seine Füße spüren plötzlich Halt inmitten der Wellen. Das Widderhorn hat sich unter seine Sohlen geschmiegt. Der heilige Schofar trägt ihn.-- Mit Herzklopfen wicht er auf. Er ist vom harten Liegen steif. — Ihn friert, (Schluß folgt) i

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