Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 20 (8.3.1935)
- Date
- 1935-03-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2653827-2653847--26516-2687905- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
JODISCHE RUNDSCHAU Palästinensische Umschau NR. 20, 8. MAERZ 1935 Hadar-Hacarmel in Ziffern Haifa, Ende Februar Der Waad Hadar-Hacarmel (jüdisches Viertel von Haifa) Teröffentlicht soeben seinen Tätigkeitsbericht für das letzte Geschäftsjahr, welches am 30. September 1934 zu Ende gegangen ist. Diese Körperschaft stellt keine kommunale Verwaltung im üblichen Sinne dar (das muß ausdrücklich erwähnt werden, weil es offenbar auch einem Teil der Einwohner von Hadar-Hacarmel noch nicht bekannt ist), sondern den Vorstand einer „Genossenschaft" palästinensischen Rechtes, die sich im Jahre 1920 zur Wahrnehmung gewisser gemeinsamer Angelegenheiten der damaligen, zahlenmäßig sehr kleinen Einwohnerschaft des Hadar- Hacarmel-üebietcs gebildet hat. Freilich sind in der Zwischenzeit die Aufgaben dieser Genossenschaft durchaus mit denen einer Kommune ihrem Umfang nach vergleichbar geworden. Trotzdem hat man diese Form der Zusammenfassung beibehalten, weil die Absplitterimp von Hadar-Hacarmel von der Stadtschaft Haifa durch Bildung einer besonderen Stadtschaft Hadar-Hacarmel sowohl aus wirtschaftlichen Gründen — der größte Teil der Einwohner von Hadar-Hacarmel übt seine Berufstätigkeit außerhalb dieses Bezirkes in anderen Stadtteilen Haifas aus — als auch aus politischen Gründen nicht als erwünscht erscheint. Freilich sind Strömungen in gewissen Hausbesit/crkrcisen von Hadar-Hacarmel zu verzeichnen, die eine Liquidation dieser Genossenschaft und die Ueberleitung in die allgemeine Stadtschaft begünstigen. Es handelt sich hierbei um eine überaus kurzsichtige Politik, die allen Erwartungen nach wohl kaum in absehbarer Zeit zum Erfolge führen wird. Aber es kann erwartet werden, daß es diesmal zu einem ziemlich lebhaften W a h 1 k a m p f für den Waad innerhalb der Genossenschaft kommen dürfte. Es mögen nun einige besonders charakteristische Zahlen genannt werden, die dem eingangs erwähnten Geschäftsbericht entnommen sind und das Wachstum kennzeichnen, welches diesen Stadtteil Haifas in den letzten Jahren ausgezeichnet hat. (Die Ziffern beziehen sich, wo nicht anders angegeben, auf das Geschäftsjahr zwischen dem 1. Oktober 1933 und dem 30. September 1934.) A. Einwohnerzahl. Im Jahre 1926 wurde eine Volkszählung veranstaltet, welche eine Einwohnerzahl von 2S76 Seelen ergab. Im Jahre 1931 (Ende Juli) wurde erneut eine Volkszählung veranstaltet. Diese ergab für den Stichtag eine Einwohnerzahl von 15037 Menschen. Die Anzahl der Einwohner hat sich also innerhalb von 8 Jahren mehr als verfünffacht. Es liegen leider noch keine detaillierten Angaben über die berufliche und soziale Schichtung und über die Umgangssprache und Herkunft dieser Einwohner vor. Es kann aber erwartet werden, daß diese Angaben in absehbarer Zeit zur Verfügung stehen werden. Dann wird es sich wahrscheinlich zeigen, daß der Prozentsatz, der aus Deutschland gekommenen Menschen in Hadar- Hacarmel von allen „Schchunoth" (Stadtvierteln) des Landes der weitaus höchste ist. Es ist klar, daß sieh aus einer solchen Situation besondere Aufgaben und auch besondere Schwierigkeiten für die kulturelle Eingliederung der in den Ie!/ten Jahren eingewanderten Menschen in das Leben des Jischuw gerade in Hadar-Hacarmel ergeben haben. Es muß Iber darauf hingewiesen werden, daß trotz dieser Schwierigkeiten .sich in letzter Zeit immerhin gewisse Kristallisationspunlcte auch in dieser Hinsicht gebildet haben, und es muß in diesem Zusammenhange insbesondere der unermüdlichen Arbeit von Frau Dr. Sternberg-Pinner gedacht werden, die sich im Rahmen der Tätigkeit der Hitachduth Olej Germania Haifa der kulturellen Aufgaben in einer Weise annimmt, wie sie sachgemäßer nicht gedacht werden kann. B. Baubewegung. Es ist selbstverständlich, daß das oben gekennzeichnete Wachsen der Einwohnerschaft von Hadar-Hacarmel auch eine entsprechende Baubewegung zur Folge harte. Die Zahl der Neubauten im Berichtsjahre belief sich, soweit es sich um fertig gestellte Bauten handelt, auf 111, hinzu kamen Hauserweiterungen durch Aufstockungs¬ oder Ausbauarbeiten im Umfang von 124 Fällen. Die Anzahl der durch die Neubauten und Erweiterungen geschaffenen Wohnräume belief sich auf 2326, wovon 1560 auf Neubauten und 766 auf Hauserweiterungen entfielen. Die Zahl der neugeschaffenen Läden belief sich auf 63 (36 ■j- 27). Die in diese Bauten investierten Summen werden auf insgesamt £ 490 000 geschätzt. Der neu umbaute Raum bedeckte im Berichtsjahre eine Fläche von 82 019 qm, wovon 55 329 qm auf Neubauten und 26 690 auf Erweiterungsbauten entfielen. Das heißt also, daß im Durchschnitt — einschließlich Zubehör — die Baukosten auf etwa £ 6 pro Quadratmeter angenommen worden sind. Nun muß man aber noch berücksichtigen, daß sich am Schluß des Berichtsjahres in Bau befanden, also noch nicht fertiggestellt waren, 103 Neubauten und 45 Erweiterungsbauten mit einer Gesamtfläche von 86 800 qm. Hiervon ist seither natürlich ein großer Teil fertiggestellt. Man vergleiche hiermit, daß im Geschäftsjahr 1932/33 der neuumbaute Raum eine Gesamtfläche von 35 958 qm hatte und im Geschäftsjahr 1931/32 von 21 509 qm. Allerdings war auch schon 1932/33 die Anzahl der neu fertiggestellten Häuser und die der Erweiterungsbauten mit 78 bzw. 76 und mit insgesamt 978 Zimmern recht beachtenswert. Die Gesamtzahl der am 30. September 1934 in Hadar- Hacarmel überhaupt existierenden fertiggestellten Gebäude belief sich auf 703 mit 6252 Zimmern, dazu kamen 288 Wolmharacken mit 585 Zimmern, es war also ein Zimmcrbestand von insgesamt 6S37 vorhanden. Setzt man das zur Einwohnerzahl in Beziehung, so ergibt sich ein Durchschnitt von 2,2 je Zimmer. Vermerkt sei noch, daß die Anzahl der kleinen Häuser im Vergleich zu der der großen Häuser dauernd zurückgeht. Bei den Neubauten im Jahre 1933/34 belief sich die durchschnittliche Zimmerzahl pro Haus auf 14, bei denen im vorangegangenen Jahre auf 8 und bei denen im Jahre 1931/32 auf 5,5. C. Wasserversorgung. Die Wasserversorgung der Einwohnerschaft ist eine der wichtigsten Aufgaben der Genossenschaft Hadar-Hacarmel. Jeder Einwohner, der ein Jahr auf Hadar-Hacarmel ansässig ist und von der Genossenschaft Wasser auf seine Rechnung bezieht, kann auch ohne weiteres voll berechtigtes Mitglied in der Genossenschaft werden, ohne hierbei praktisch weitere Verpflichtungen zu übernehmen. Die Wassermengen, die durch die Genossenschaft an diese ihre Abnehmer geliefert worden sind, sind natürlich ebenfalls in den letzten Jahren dauernd gestiegen. Der Wasserabsatz, belief sich im Berichtsjahr auf insgesamt 344 272 cbm gegen 170 974 com im vorangegangenen Jahre und nur 40 827 im Jahre 1926/27. Seine Steigerung ist aber nicht nur auf die Zunahme der Bevölkerung zurückzuführen, sondern auch auf eine Zunahme des Durchschnittsverbrauchs pro Kopf und Jahr. Dieser hat im Berichtsjahr rund 22,2 cbm betragen und im Jahre 1926/27 rund 11,2 cbm. Gleichlaufend mit der Erweiterung der Wasserversorgung, für die die alten Quellen nicht mehr ausreichten und neue in der Haifa-Bay erschlossen werden mußten, hat sich auch der Umfang der Kanalisations arbeiten sehr stark erhöht. Es wurden im Berichtsjahr 2974 m Kanalisation verlegt gegen 1620 im Vorjahr. Es hat sich hierbei in der Hauptsache um die Kanalisation des Nachlah-Viertcls gehandelt. Inzwischen sind neue große Arbeiten dieser Art in Angriff genommen worden. D. Straßenbau. Es wurden im Berichtsjahr Straßen in einer Länge von 2129 m neu angelegt, asphaltiert wurden 9121 qm Straßenfläche. Die Straßenbauten werden neuerdings auch zu einem Teil durch die Stadtschaft Haifa ausgeführt, und nicht nur allein mehr durch den Waad Hadar-Hacarmel. In jüngster Zeit ist durch ein munizipales Hilfsgesetz die Anlage von Trottoirs gesetzlich neu geregelt worden. Auch diese Arbeiten sind jetzt im Gange. E. Sonstige Aufgaben. Neben dieser Tätigkeit hat sich der Waad Hadar-Hacarmel noch einer ganzen Reihe von anderen Aufgaben unterzogen, die sich auf die Sauber» Haltung der Straßen, sanitäre Kontrolle, die Unterhaltung des öffentlichen Gartens „Gan Benjamin", und vor allem auf die finanzielle Beteiligung an einer Reihe von öffentlichen Institutionen (Schulen, Hadassah-Krankenhaus — dieses hat allein einen Zuschuß von £ 80t) erhalten — Bibliothek, Kindergärten, öffentliche Küchen, Altersheim, religiöse Institutionen, Spielplätze usw. usw.) erstrecken. F. Etat. Auf der Einnahmcnseite des Etats steht als Hauptposten der Eingang aus den Wasserlieferungen mit £ 23 259. Es verbleibt aus diesem Posten ein Reingewinn von £ 9925, der in der Bilanz der Einnahmen und Ausgaben entsprechend verbucht ist. Vereinnahmt wurden fernerhin an Zinsen rund £ 294, an Beiträgen aus Steuern auf Grundbesitz (der Ausdruck Steuern paßt hier nicht, denn ein eigentliches Steuerrecht hat der Waad Hadar-Hacarmel nicht) usw. £ 3700, ferner aus verschiedenen Quellen — Beiträgen von Hausbesitzern an öffentlichen Arbeiten usw. — Beträge, die die Gesamteinnahmen für das Berichtsjahr auf £ 22 706 anwachsen ließen. Auf der Ausgaben-.eite sehen wir Zinszahlungen in Höhe von C 1121 und als Hauptposten Ausgaben für Löhne und Gehälter, Unterhaltung von mobilem und immobilem Besitz, vor allen Dingen die Posten für öffentliche Arbeiten der oben erwähnten Art. Die Gesamtausgaben werden auf £ 18 917 beziffert, so daß also ein Ueberschuß von rund £ 3789 verbleibt. Wir haben es hier also mit einer Körperschaft zu tun, deren Tätigkeit trotz, der auf Freiwilligkeit beruhenden Art ihres Aufbaus sich sehr gut neben der einer jeden kleinen kommunalen Körperschaft sehen lassen kann. A. M. Die neue Partei des Mufti Der Jerusalemer Großmufti und seine Gruppe haben eine konstituierende Parteisitzung einberufen, auf der beschlossen, wurde, die Partei „Palästinensisch-arabische Partei" zu nennen. Das Programm sieht u. a. folgende Punkte vor: Verwirklichung einer üesamtföderation der arabischen Staaten, völlige Unabhängigkeit Palästinas als Teil dieser arabischen Föderation, Kampf gegen die Schaffung eines jüdischen Nationalheims, sowie eine umfassende Tätigkeit in der Richtung einer Verbesserung der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lage der Araber Palästinas. Bei der ersten Organisations-Konferenz erschienen von 60 Geladenen nur 16. Infolgedessen wurde beschlossen, in Kürze eine zweite Konferenz einzuberufen. Kaleidoskop Verkehrsregelung W.K. Tel-Awiw, 21. 2. 35 Aul dem Platz in der Hauptstraße Tel-Awiws, wo die Straßen nach sechs Richtungen in einem Stern auseinanderstrahlen, heißt es aufpassen, wenn man nicht beim Ueberqueren des Dammes verschiedene Glieder riskieren will. Aus allen Ecken zugleich kommen die Autos, Lastwagen, Privatwagen, die großen städtischen Autobusse, Esel, Kamele, Pferdewagen und dazwischen drängen sich die Fußgänger. An dieser Stelle gab es noch vor kurzem einen undurchdringlichen Hupenlärm, bis dann mit einem Schlage Tel-Awiw zu einer „Stadt ohne Hupe" wurde. Das Blasen der Autonomer wurde verboten, zur unendlichen Erleichterung der angestrengten Tel-Awiwer Nerven, aber jetzt heißt es für Fahrer und Fußgänger noch mehr aufpassen, wenn man nicht unter die Räder kommen will. Jetzt plötzlich kommt nach der großen Hupenumwälzung die zweite Revolution. Der Platz mit den sechs Straßen darum ist mit einem Schlage leer von Fußgängern. Man greift zu Grollstadtmitteln. Auf der Insel, inmitten des Platzes, steht der Polizist und arbeitet mit Armen und Pfeife, ■n den wichtigen Uebergängen sind seine Kollegen verteilt, und an den Gehsteigen entlang läuft plötzlich, über Nacht entstanden, ein primitiver Holzzaun, über leere Teerfässer gelegt und mit Stricken verlängert. An allen Seiten stauen sich die Automobile in unabsehbaren Reihen, bis der Pfiff des Uniformierten den Weg freigibt. Rund um den Holzzaun steht «nie dichte Menge. Sie will zusehen, wie man „die Juden gehen lehrt". Tel-Awiw hat eine neue Sensation. Die Einführung dieser neuen Verkehrsregelung geht nicht ohne Zwischenfälle ab. Plötzlich steht mitten in der Menge «in Beduine auf seinem Ksmel, der überhaupt nicht versieht, was der Polizist von ihm will, nicht vorwärts und nicht zurück kann und schließlich sein brummendes und gca'en diese neumodischen Geschichten protestierendes Tier am Halfter aus dem Gedränge führt. Daneben hat sich ein armes Eselchen verlaufen, das zusammen mit dem daraufsita-nden alten bärtigen Juden aussieht, als wäre es gerade aus einer Zeichnung von Chagall entsprungen. Ein altes Mütterchen, das überhaupt nicht weiß, wozu diese Stricke da sind, zwängt Sich mühsam durch den Zaun und steht plötzlich neben dem Polizisten zwischen allen Autos und wagen. Die Lichter der Autos blenden, von den Dächern schreien die Lichtreklamen der Kinos, die Augen der kleinen Zeitungsverkäufer, die plötzlich über den Polizisten und das neue Getriebe sogar ihr Schreien vergessen, glitzern Mit <len Straßenlampen um die Wette. Tel-Awiw übernimmt die Allüren einer Großstadt. Das Publikum lernt, die Polizisten auch. Eine Statistik sollte neulich festgestellt haben, daß die Stadt im Verhältnis zur Bevölkerung mehr Autos hat als Berlin. Ob das wahr ist, weiß man nicht. Aber wer in den letzten Tagen Be£en Abend, in den Stunden des Hauptverkehrs, einmal eine Stunde am „Potsdamer Platz" von Tel-Awiw gestanden hat, *t bereit, alles zu glauben. Er glaubt schließlich auch, daß, w«nn Tel-Awiw es fertig kriegt, irgendwie seinen Verkehr m regeln, es vielleicht auch einmal seine Straßen von Bananen- und Orangenschalen, von toten Katzen und ähnlichen Dekorationen säubern wird. Das walte Gott! Asphalt und Moräste Schöne glatte Straße, schwarzblauer Asphalt, bequeme« Gehen, rasches Ablaufen des dieses Jahr nicht endenwollenden Regenwassers — so eine Hauptstraße von Tel-Awiw ist gar nicht übel. Aber man soll auf ihr bleiben und nicht vorwitzig sein und „jenseits der Eisenbahn" in eine der Nebenstraßen einbiegen! Ob es eine Straße ist, oder ein Sumpf, ist nicht recht zu unterscheiden. Schwarzer Schlamm, tiefe Wagenspuren darin, prachtvoll Watschende Pfützen, man muß die langen Beine des Kamels und keine Strümpfe haben, um sich heil und ganz da hinüberzufinden. Geht man eine Weile in diesen Nebenstraßen herum, so beginnt man zu verstehen, daß nicht der Morast, sondern die Asphaltstraße das Wunder ist. Da gibt es ein ganz neues Tel-Awiw. Es hat Sümpfe und sogar Seen, es ist schlüpfrig wie ein Fisch und naß wie eine gerade aus dem Wasser gezogene Katze, und die ungenügende Straßenbeleuchtung sorgt dafür, daß man auch ja in jede Pfütze hineintritt, ohne auch nur eine auszulassen. Man kann sich trösten — die Stadt ist nicht fertig, es beginnt jetzt sogar etwas wie Kanalisation und mit dem Wachstum kann kein organisatorischer Apparat mitkommen. Auch das wird besser werden, es ist ja alles im Lande immer irgendwie besser geworden. Aber die Aussichten für den Sommer mit den genugsam bekannten Krankheiten sind nicht sehr rosig. Vielleicht wäre es eine gute Idee, die Stadtväter jeden Tag einmal üner die Tel-Awiwer Seen und Moräste zu führen. Sie würden vermutlich mehr daraus lernen als aus ihren Wegen auf dem Asphalt der großen Hauptstraßen. Daß wir noch zu essen haben! Ein Blick von der Höhe auf den Jaffaer Hafen, ein Gang durch seine gedrängten Wege und Schuppen, ein Blick auf die Haifaer Kais — und auch der Abgehärtete wird schwindlig. Es staut sich alles dicht nebeneinander: Orangenkisten ohne Zahl, Warenballen, Gepäck, Autos, Lifts — es ist, als wollte die ganze Industriewelt auf den Kais von Jaffa und Haifa eine Ausstellung machen. Die Kommissionäre, die Zollbeamten, die Spediteure, die Kaufleute stöhnen. Die Schuppen reichen nicht aus, die Eisenbahn hat nicht genügend Waggons, der Hafen nicht genug Arbeiter — und die Nachfrage steigt. Der Einwanderer, der ins Land kommt, muß essen, muß wohnen, muß in all seinen Anforderungen befriedigt werden, der Import steigt, die ausgeführten Orangenkisten vermehren sich auf fast kaninehenhafte Weise. Hafen, Eisenbahn, Schuppen, Büros — alles zu klein. Palistina fängt an, mehr zu produzieren, mehr Eier, mehr Hühner, mehr Gemüse — alles zu wenig. Und wenn man durch die Straßen der Städte geht, so kommt man aus der Verwunderung nicht heraus. Es gibt alles, trotz Hafen und Eisenbahn: kalifornische Aepfel und deutsches Manikürzeug, Kleider aus Wien und Maschinen aus England, Konserven aus aller Welt. Man. stöhnt und schimpft, man verliert Geld und Zeit am Hafen, aber wenn schließlich genügend geschimpft und verhandelt worden ist, wird hier der Hafen erweitert und dort ein Regierungsdepartement organisiert. Prosperität, Import... Pfannkuchen, Kartoffelpuffer und Schuhsenkel Im letzten Sommer gab es etwas Neues in Tel-Awiw: Eisdielen. Früher war es üblich, daß man sein Eis für den halben Piaster an einem offenen Kiosk kaufte und mit langer Zunge behaglieh leckend die Straße entlang schlenderte. Jetzt konnte man in den neuen Dielen sitzen, die glitzerten mit ihren ungeheuren Frigidaires und die ausnehmend gutes Eis machten. (Uebrigens: man saß meist doch nicht darin, denn sie waren immer gesteckt voll und daher unerträglich heiß, trotz Frigidaire und Ventilator. Also leckte man lieber weiter auf der Straße.) Dann kam der Winter — die Neugierigen zerbrachen sich die Kopfe. Was weiden nur die Eisdielen machen? Und eines schönen Tages stauten sie sich vor den Läden wie im Sommer. Die neuen Unternehmer ließen sich nicht schlagen. Der eine bäckt Waffeln, vor allem Publikum, und sie gehen ab — wie warme Waffeln. Der andere macht Berliner Pfannkuchen, der dritte bäckt Kartoffelpuffer. Das Tel-Awiwer Publikum schnalzt und leckt sich die Lippen, letzt hat man auch etwas, was man im Winter auf der Straße lecken kann! Einige versöhnen sich sogar auf Grund der Kartoffelpuffer mit der deutschen Einwanderung____Und die Neugierigen sind wieder einmal befriedigt und die Maximalisten rechnen auf Grund der Puffer die Rentabilität einer neuen Industrie aus.... Vor dem Waffelladen steht ein Jemenitenjunge mit großen schwarzen Augen, in Lumpen gekleidet, eine Hand in der Tasche, in der anderen ein Bündel Schuhsenkel. Viel scheint heute von der Ware noch nicht verkauft zu sein, Man weiß nicht recht, soll man ihm das Bündel Senkel abkaufen oder ein paar Waffeln schenken, oder soll man Geld für die „verlassenen Kinder" geben. Vielleicht alles drei? Regen und Mandelblüten Die Palästinenser sind ungeduldige Leute und leicht trn* zufrieden. Im Sommer klagen sie über die Hitze, im Winter über Nässe und Kälte. Aber dieses Jahr muß man ihnen beinahe recht geben. Zuviel des Regens ist auch nicht gut. Seit Wochen schwimmen die Straßen, rinnt es durch Fenster und Dächer, sind die Wege unpassierbar. Man kann sich bald nicht mehr vorstellen, was Trockenheit heißt, und daß es heiß sein soll, ist nachgerade unwahrscheinlich. Vor der Stadt in der Ebene staut sich das Wasser, die Felder verschwinden unter den Pfützen, die Tiere platschen im Morast, die dünnen Regenfäden erinnern an das melancholische Herbstwetter Norddeutschlands, das einen langen, langen, weißen Winter einleitet. Der Weg führt einen Hügel hinauf, der Boden wird trockener und durch den Regenschleier bricht die Sonne. Am Hügelabhang eine Mandelplantage und in den regenzitfemden Sonnenstrahlen blinkt sie schon weiß. Die Mandeln blühen. Wie ein Schleier liegt es um die Aeste und auf der anderen Seite des Hügels starren blutrot im Gras die roten Anemonen. Kein Herbstregen, wir sind mitten im Frühling. Schwarzer Morast und weiße Mandel« bluten — Palästina, das Land ohne Uebergänge, * m * 3 9 '■4 * ■ * f; 1 jff* a > . 1 f i Ü S ' t* ■ [• r» ri rü n n * :r r* t d 4 Q ln to i- :r d e >- i" rn u m* :r r, :h T n atn in ts r- I- -a e» •e.