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Jüdische Rundschau · 1935-03-08 · Heft 20 (8.3.1935) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 20 (8.3.1935)
Date
1935-03-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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wmmmmmmmi^ «MPW Nr. 20, 8. III, 1935 JODTSCHE RUNDSCHAU Seite 3 Elastizität und Starrheit GERSON STERN Von Oskar Wolfsberg, Jerusalem In der Beschreibung und Deutung von Phänomenen und Vorgängen bedient man sich gern aus anderen Gebieten entlehnter Begriffe. Wir sprechen von Farben ton, von Klangfarbe usw. So verdeutlicht man sich Erscheinungen durch Zuhilfenahme fremder Sinnesgebiete. „Elastizität" und „Starrheit" sind keine passenden Begriffe für das Historische; und doch läßt sich durch ihren Gebrauch mancher Vorgang anschaulicher gestalten. Zwischen Elastizität und Starre herrscht ein Gleichgewichtszustand. Beide haben ihre Funktion für das Leben: jene ermöglicht dem Körper, sich an Anforderungen von außen zu adaptieren, diese setzt allzu weitgehender Anpassung den Widerstand des Eigenständigen entgegen. Würde man den Möglichkeiten der Elastizität ungehemmt nachgehen, so wäre Ueberdehnung die Folge. Absolute Starre dagegen würde tiem Organismus alle Existenzmöglichkeit rauben. Manche Vorgänge in der jüdischen Geschichte scheinen dem hier Behaupteten zu widersprechen. Man wird das Ghettodasein als einen Beweis für die erfolgreiche Flucht in die Starre und das Zeitalter der Assimilation als sprechendes Beispiel der sinnvollen, weitgetriebenen Adaptation ansprechen; man glaubt, hier die Probe auf das Exempel der absoluten Elastizität vorzufinden. Beides ist unrichtig, wenn auch in einem verschiedenen Sinn. Das Ghetto machte gewiß von der Fähigkeit der Starre ausgiebigen Gebrauch. Aber im letzten ist die ghettohafte Lebensform, soweit ihr Freiwilligkeit anhaftet — und das ist bis zu einem gewissen Grade stets, zuweilen sogar ausgiebig der Fall gewesen —, in ihrer Starre selbst eine Ausdrucksform der Elastizität: man kann auch so leben, obgleich man früher frei gelebt hat und die Weltoffenheit mehr liebt als die Absperrung. Das Ghetto versuchte, das Prinzip der Starre fruchtbar zu machen. Vielleicht wurde es schließlich idealisiert und zum Selbstzweck erhoben; aber zunächst und dem Sinn gemäß war es Mittel, Fortführung der Existenz in veränderter Weise unter dem Zwange der Bedingungen. Lange war in den Juden auch ungeachtet der Anomalie ihrer Situation die Neigung wach, die Verbindung mit der Welt in mannigfacher Weise aufrechtzuerhalten, und selbst aus den Ländern und Zeiten strengster Durchführung der Isolierung gibt es manches kulturelle Dokument dafür, daß das Schaffen in der Umwelt der Juden bei ihnen ein Echo fand. Freilich im Fortgange dieses mittelalterlichen Daseins verkümmerte die Elastizität mehr und mehr, der Wille —dies der psychologische Ausdruck für das Nachlassen der Spannkraft — erlahmte, und immer mehr beherrschte die Starrheit das Feld. Das Leben in der völligen Abgeschlossenheit wurde allmählich bei nicht wenigen, unter dem Einfluß mystischer Strömungen, die sich so gern als Trost des elenden Daseins einstellen und den Jammer verklären, — ein Ideal, und der Erlösungsgedanke verlor fast jeden Zusammenhang mit schlichten Vorstellungen von Volk und Geschichte. Die Erlösung ward nicht lediglich als ein Wunder gefeiert, sondern mußte mit einer Fülle von Wundern als Anreicherung des Supranaturalen ausgestattet und umgeben werden.. Hier liegt die geschichtspsychologische Wurzel für die Unfähigkeit mancher Kreise der Orthodoxie in unserer jüngsten Vergangenheit und in der Gegenwart, den Re- «aissaneegedanken freudig zu begrüßen und ihm eine lebensvolle religiöse Wendung zu geben. Die Glorifizierung der Galuth und der Versuch, der gelegentlich ideologisch unternommen wurde, der Schechinah eine Heimat im Exil zu bereiten, erklärt sich aus der Kapitulation der Elastizität als fortdauernder Kraft im jüdischen Geschichtsprozeß. Manche leugneten ihr Dasein und Daseinsrecht selbst als potentielle Energie. Aber auch die Gleichsetzung von Elastizität und Assimilation ist unzutreffend. Gewiß erwies sich beim Prozeß der Assimilation die außerordentliche Anpassungsfähigkeit der Juden, die durch viele Generationen abseits gelebt hatten. Nun zeigte sich ein ungewöhnliches Maß von Einfühlungsgabe, Nachahmungstalent und Angleichung. Man gab vieles auf, nicht nur die objektive Ordnung des alten Lebens, sondern auch, soweit man so etwas kann, die Denkweise der früheren Zeit. Man schaltete resolut den Willen um, wandte sich ab von der gut charakterisierten jüdischen Welt als soziologisch-nationalem und kulturell-religiösem Gebilde und wollte den Eintritt in die neue Sphäre — heiße sie nun Menschheit schlechthin oder herrschende Nation des Staates, in dem man lebte — vorbehaltlos vollziehen, sich nur ein bescheidenes konfessionelles Reservat sichernd. Aber doch fehlt diesem adaptiven Vorgang das historisch einzig Bedeutsame: er beweist nichts für die Elastizität der Judenheit als N a t i o n. Nur die Individuen erwiesen sich als elastisch, nicht die Gesamtheit unter Wahrung ihres Wesens. So bedeutet diese ist durch seinen Roman „Weg ohne Ende" mit einem Schlage bekannt geworden. Es hatte seit dem Umschwung in Deutschland ein so leidenschaftliches, von Tradition und Elan so durchglühtes jüdisches Bekenntnis noch nicht gegeben, und es war um so hinreißender, als es überraschend kam. Ein iieuar Mann, ein mitreißendes Werk, ein Roman! Die Begeisterung der Leser war spontan und einmütig; der Roman hatte ungewöhnlichen (Erfolg, und dieser Erfolg dauert noch an. Wer ist Gerson Stern? Kein gelernter Dichter, kein Historiker von Profession und keineswegs ein Zwanzigjähriger, sondern ein Außenseiter der Literatur, ein Mann, der spät erst, in unseren Tagen, aus unserer Situation heraus zum Schreiben kam; er trat auf den Plan, als es nottat. Stern war ein jüdischer Kaufmann am Rhein. Und ein Jude durch und durch, dazu ein nicht minder leidenschaftlicher Erzähler, um des Judentums willen. Er fühlt seine Aufgabe zu sagen, was wir erleben, was unsere Väter erleben, was uns tröstet. Sterns neue Erzählung „AUF drei DINGEN STEHT DIE WELTderen erste Veröffentlichung im Laufe dieses Monats in der „Jüdischen Rundschau" beginnt, wird — nach dem Echo des „Weg ohne Ende" — von dem jüdischen Publikum mit großer Spannung erwartet. Die Erzählung spielt in einer Zeit und Welt, die viele von uns noch aus eigener Anschauung kennen. Es ist das deutsche Judentum der letzten Jahrhundertwende, die Welt des aufstrebenden Bürgertums mit ihren Kämpfen und Nöten, mit ihren Freuden und Erfolgen, mit ihren Kompromissen und Konventionen. Es ist die Welt unserer Väter, die inzwischen zusammengebrochen ist, und auch warum sie keinen inneren Bestand haben konnte, mag man zwischen den Zeilen von Gerson Sterns Erzählung erkennen. Denn es handelt sich ja nicht nur darum, die Vergangenheit abzulehnen, sondern sie — und uns aus ihr — zu kennen und zu verstehen. In der Erzählung wird diese Welt dargestellt mit ihren Schatten und ihrer Romantik, mit einer Fülle von Personen, in denen sich die eigentümliche Erschütterung der jüdischen Seele vorbereitet, die unserer Zeil das Gepräge gibt. Phase herzlich wenig für den Nachweis einer kollektiven, nationalen Gabe. Der Kaufpreis der Anpassung war der Eigenwert, der volkhafte Charakter. Wahre Elastizität der Nation läßt sich erst im Zeitalter des erwachenden jüdischen Nationalismus, in der zionistischen Bewegung feststellen, wo das jüdische Volk beginnt, sein Verhältnis zur Umwelt positiv zu gestalten, sich selbst wiederzufinden, ohne die Beziehung zur Welt zu lösen und ohne erneut in die Deckung der Starrheit zu gehen. Aber auch bei den Individuen des Assimilationszeitalters, den Trägern der Elastizität, lassen sich die Grenzen der Spannkraft unschwer erkennen. Zunächst ist sie ungewöhnlich und scheint aller Widerstände zu spotten. Es gelingt scheinbar die Einfügung in die fremde Volksseele, in ihre politischen Ideale und Hoffnungen, in ihre sozialen Formen, in ihre feinsten kulturellen Eigenarten. Ja, es scheint fast, als ob keiner mehr als Juden dazu berufen seien, maßgebliche Interpreten des hervorragendsten Geistesgutes des Wirtsvolkes zu sein. Man vergißt angesichts dieses Phänomens leicht, daß diese Gabe im wesentlichen aus der Erbschaft des alten Judentums stammt, aus der großen Rolle der E x e g e s-e, die einen so wesentlichen Teil des jüdischen Schaffens bildet. — Die Elastizität schien aber noch großartiger zu sein: es gibt viele Beispiele dafür, daß Juden in ihrem individuellen Leben den Uebergang von einem Land in ein anderes vollzogen und auch in alle Gebiete des neuen Adoptivlandes hineinwuchsen. Säe konnten selbst zur Aktivität auf mannigfachen Gebieten des Schaffens dort gelangen. Das schien dafür zu sprechen, daß die nationale Komponente völlig vernachlässigenswert sei. Aber gerade hier beginnt sich der Zweifel und der Verdacht zu regen. Dieses Maß von Anpassungsfähigkeit spricht für den Verlust eigener Substanz und für die Verkennung des tiefsten Sinnes spezifischer Gemeinschaften und ihrer Leistungen. Hier äußert sich eher Passivität als Aktivität. Und endlich kommt auch hier der Wendepunkt: nachdem Jahrzehnte das Spiel der Elastizität betrieben worden ist, wird es zum Selbstzweck erhoben. Es scheint das erhabenste Ziel zu werden, dieses und jenes sich anzueignen oder, besser gesagt, sich diesem oder jenem zu überantworten. Im Zeitalter des Sports wird auch die geistige Anpassung ein Sport. Schließlich erschöpft sich diese Fähigkeit: die Gefahr der Ueberdehnung, greift Platz. Wir sind Zeugen der Tatsache, daß auch die extremen Assimilanten die Gabe des Gestaltwandels einbüßen. Es ist höchste Zeit, die Elastizität wieder zurückzugewinnen, die dem Menschen seinen Platz in seiner Gemein, schaft sichert. Uns scheint das Individuum und seine Spannkraft mehr gefährdet als die der Gruppe. Das Judentum, das sich als Nation mit spezifischen Aufgaben und Hoffnungen fühlt, hat die Prädisposition für ein Gleichgewicht zwischen der Festigkeit des Eigenstrebens und der Elastizität der Verbundenheit mit der Welt. Das Individuum, der einzelne Jude, wird nur im Zusammenhang mit seinem Volk den gesicherten Standpunkt gewinnen, der ihn Volk und Menschheit im richtigen Lichte zu sehen gestattet Liebermann-Ausstellung im Museum Tel-Awlw. Das Museum Tel-Awiw eröffnete am 21. Februar eine Liebermann-Gedächtnis-Ausstellung, die an Hand von Gemälden, Zeichnungen und Graphiken einen Ueberblick über das Schaffen des Meisters gibt. Der gut ausgestattete Katalog führt über 120 Nummern auf. Die Eröffnung der Ausstellung, zu der über 450 geladene Gäste erschienen waren, gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Trauerkundgebung. Herr Bürgermeister Dizengoff, der im letzten Augenblick am Erscheinen verhindert war, ließ seine Atisprache ver-* lesen. Darauf entwarf Hermann Struck ein Lebensbild des Meisters, und schilderte den künstlerischen Werdegang. Der „Haaretz" veröffentlichte anläßlich des Ablebens Lieber-1 manns eine Sonderbeilage, in der in verschiedenen Artikeln der Künstler, Mensch und Jude gewürdigt wird. Eine Festschrift zu Ernst C a s s i r e r s 60. Geburtstag wird unter Mitwirkung hervorragender Gelehrten vieler Länder im Verlag der Oxford Üniversify Press, Oxford, in englischer Sprache erscheinen. Unter dem Titel „Philosophy and History" vereinigt sie eine größere Anzahl von Beiträgen, in denen Wesen und Wechselbeziehung von Philosophie und Geschichte von den verschiedensten Seiten her erörtert werden. Herausgeber sind: Raymond Klibansky, Hon. Lecturer of King's College, University of London, und 11. J. Paton, Professor ot Philosophy, University of Glasgow. «ASTE IM PAJjASTM W" a Links: Rabbiner Leo Baeck und Frau verlassen in Haifa die „Tel Aviv" Fat CK. Me*r. Haifa Rechts.- Nach der Landung des „Conte di Savoia" in Haifa: Von links nach rechts: Frau Dr. Vera Weizmann (Profilstellung), Salmann Schocken, Dr. Weizmann. Miß Warburg, Felix Warburg, Mosche Schertok (Palästina-Exekutive) Fat OmxWtu

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