Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1935-03-08 · Heft 20 (8.3.1935) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 20 (8.3.1935)
Date
1935-03-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2653827-2653847--26513-2687902
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

8 entity mentions

1 IB ' ..?t Setfe 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 20, 8. III. 193S 1.4 ruhiger geworden. Aber der Ruf, der von der Versammlung in Tel-Awiw ausgegangen ist, wird zweifellos einen lebhaften Widerhall finden, nicht zuletzt auch in den Reihen der deutschen Zionisten, für die ja Weizmann, als der Leiter des Ansiedlungswerkes für deutsche Juden in Palästina, in den letzten zwei Jahren besonders tätig war. * Unter dem Eindruck des ökonomischen Aufschwungs fiaben viele vergessen, daß Palästina ein politisches Problem bietet, das noch nicht gelöst ist. Die allgemeine Prosperität, an der die Araber partizipieren, trägt dazu bei, politischen Streit in den Hintergrund zu drängen. Die Schaffung des Gesetzgebenden Rates, die im Herbst akut schien, ist verschoben worden. Durch den Brief des ehemaligen (1Q29 scharf umkämpften) Sekretärs der Palästina-Regierung, Mr. Cust, an die „Times" ist das Problem wieder angeschnitten worden, und man kann vermuten, daß noch weitere Acußerungen folgen werden. Aber unabhängig von dieser Polemik ist es notwendig, daß die Zionisten und die palästinensischen Juden sich wieder auf die Existenz dieses ürundprobleins besinnen. Auch viele Zionisten waren erstaunt, als Lord Melchett in seinem Brief an die „Times" von der Oeffnung"Transjordaniens sprach, ohne das politische Problem zu berühren. In der Tat ist ein Uebergreifen der jüdischen Siedlung nach Transjordanien nur dann denkbar, wenn die politische Frage vorher geklärt ist. Der Satz des Mr. (Just, daß „die englische Politik nicht nur dem jüdischen Urteil unterliegt", entspricht*der Meinung vieler Engländer, insbesondere der mit den Orientfragen vertrauten, die verhüten wollen, daß England sich in zu scharfen Gegensatz zur arabischen und mohammedanischen Welt setzt. Man darf nicht vergessen, daß England „der größte mohammedanische Staat der Welt" ist. Die zionistische Politik hat es gerade in den letzten Jahren an Versuchen, eine Brücke zu den Arabern zu finden, nicht fehlen lassen und der Leiter des politischen Departements, Sehcrtok, ein guter Kenner des Arabischen, hat sich gerade in dieser Hinsieht Verdienste erworben. An einer systematischen Arbeit und vor allem an einer geschlossenen Auffassung fehlt es noch immer. Viele sind der Meinung, daß das jüdisch-arabische Problem nur im Rahmen einer über Palästina hiuausgreifendcu Regelung der arabischen Frage zu lösen ist. Palästina wird immer ein von zwei Völkern bewohntes Land bleiben und immer „im arabischen Meer" liegen. Nur wenn alle Juden sich der vollen Verantwortung gegenüber diesem Problem des Zusammenlebens zweier Völker bewußt sind und dies auch im täglichen Leben erkennen lassen, wird allmählich eine Besserung herbeigeführt werden können. Dadurch, daß man das politische Kernproblem ignoriert, wie es leider auch in der Zuschrift Lord Melchetts geschah, wird man einer Lösung nicht näher kommen. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben vielen Juden, die die Judenfrage nicht kannten, eine Ueberraschung gebracht, aber nicht bei allen war die Erschütterung stark genug, um sie zu einem grundsätzlichen neuen Durchdenken zu veranlassen. Trotz der aktuellen drängenden Probleme, die in höherem Maße als früher mich das Privatleben jedes Einzelnen betreffen, ist es aller unerläßlich, die Zusammenhänge klar zu sehen. Da greift man zu den Schriften eines Mannes, der schon vor 40 Jahren durch die Oberfläche hindurch den wirklichen Sachverhalt erkannt hat. Diejenigen Juden, die bis heute das Leben und die Schriften Theodor Her/ls nicht kennen, haben jetzt Gelegenheit, sich so eingehend damit zu befassen, wie es dieser Stoff verdient. Zugleich mit dem Abschluß der neuen Gesamtausgabe v o n T h c o d o r H e r z I s „Zionistischen Schriften" (Jüdischer Verlag, Berlin) ist die erste grolie umfassende H e r z 1 - B i o g r a p h i e erschienen (Eiba-Vcr!ug, Wien). Der Verfasser, Alex Bein, den deutschen Zi-mi-tcn kein Fremder, hat aus allen erreichbaren Quellen den Lebensweg Her/ls dargestellt; so entstand für Zionisten und N'ichtzhmisten ein überaus lehrreiches Buch, denn es wird gezeigt, wie Herzl, selbst ein liberaler Jude in Reinkultur, allmählich die Lebenslüge der Generation der liberalen Aera durchschaute und wie er zu einem Kämpfer für ein neues Judentum wurde. Zwei Epochen von Herzls Leben sind für uns wichtig. Die eine ist die jedem Zionisten mehr oder weniger bekannte seiner zionistisch-politischen Tätigkeit; die andere aber ist Herzls „vorzionistisches" Leben, in dem sich die Spannungen ballen, die später zur Entladung kommen. Viele Juden sind heute noch in diesem Stadium, als ob Herzl nicht für sie gelebt und gelitten hätte. Darum ist Herzls Leben nicht nur von privatem biographischen Interesse, auch nicht ein romantisches Epos, sondern eine packende Wirklichkeit, ein Stück Geschichte. In den ^Zionistischen Schriften", die neben den Tage- Ausflug: nach Kanada Montreal, im Februar Die kanadische Industrie hat — aus sehr realpolitischea Gründen — ihr Interesse an der Wohnungsreform entdeckt. Und so lud sie einige von ihr als Sachverständige betrachtete Männer aus den Vereinigten Staaten zu ihrer diesjährigen Tagung nach Montreal. Aut diese Weise kam ich in diese sehr merkwürdige Millionenstadt und gleichzeitig um den Schneesturm in New York — nicht aber um die Kälte; denn die kann man in Kanada jetzt in vollen Zügen genießen, wenn man so vergnügungssüchtig ist, das erforderliche Schuhzeug, den langen Pelz und einen ordentlichen Ohrenschutz hat. Aber auch mit diesen Requisiten würde ich kaum für den Posten eines Vcrkchrsschutzmanncs in der Metropole am Lorenzstrom kandidieren — trotz der schönen Uniform. Es überläuft einen förmlich, wenn man die Aermsten an den eisigen, windigen Straßenkreuzungen amtieren sieht. Null Orad rahrenheit verzeichnete das Thermometer bei meiner Ankunft; wenn ich richtig rechne, sind das minus 18 Orad Celsius (später wurde es erheblich kälter). Da aus anderen Teilen bis zu minus 70 Grad Fahrenheit (-= 56 Orad Celsius) gemeldet wurden, so wird man den Ankömmlingen Cilauben schenken, die versicherten, sie seien nach Montreal geeilt, um sich eines milden Klimas zu erfreuen. — Es ist alles relativ. Eine „merkwürdige Stadt" nannte ich Montreal. Dabei denke ich namentlich an die volksmäßige und sprachliche Zusammensetzung. Dieses größte Zentrum in diesem britischen Dominion zählt nämlich 80 o/o Franzosen und rühmt sich, die drittgrößte französische Stadt zu sein. Es sind aber ganz eigenartige Franzosen — vorrevolutionäre. Sic haben die Eigenarten der Menschen des 18., vorrevolutionären Frankreichs bewahrt (wie etwa die Engländer in Tennessee und die Deutschen in Pennsylvania in diesem angeblich so modernen Kontinent). Die wesentlichen Eigenarten der Frankokanadier sind strenge Gläubigkeit, engste Sparsamkeit und — größter Kinderreichtum. In der ersten Wohnung, die ich wegen ihrer Ueberfüllung besichtigen „durfte" (ein zweifelhaftes Vergnügen für einen Menschen mit empfindlichen Nerven), fand ich eine Frau mit 14 Kindern; und wenn mich das ganze Elend nicht schnell zum Rückzug veranlaßt hätte, so hatte ich wohl 15 angetroffen (vielleicht sind es auch Zwillinge geworden; hier ist ja alles möglich; in einem Provinzort nat voriges Jahr eine Frau fünf lebendige Babys bekommen). Zu dieser Mischung von Franzosen und Engländern ist nun seit einiger Zeit ein drittes Element gekommen: die Juden. Mindestens 60(XX) von ihnen leben hier, und zwar vorwiegend in einem Stadtviertel in ziemlicher Enge zusammengedrängt. Mein prachtvoller Cicerone, ein sehr bekannter schottischer Architekt und Universitätsprofessor, ein Mann frei von Vorurteilen, wenn es sich nicht gerade um seine französischen Mitbürger handelt, hatte mir über diese Juden allerhand zu erzählen. Ich gebe es hier wieder, obwohl ich es nicht alles nachprüfen konnte. Es scheint mir nicht iuicharakteristisch für das Problem auf dem ganzen Kontinent. Wir kamen auf das Thema, als er mir seine klassischen , Untersuchungen über die Montrealer Wohnungsfrage auf Karten zeigte. Es ergab sich, daß bei weitem die traurigsten Verhältnisse (wenn man von einem ziemlich kleinen Chinesenviertel absieht) in diesen jüdischen Di* strikten herrscht. Zwei und drei Familien in einer Wohnung sind keineswegs eine Seltenheit. Dementsprechend war denn auch die Karte, welche die Vergehen der Jugendlichen zeigte, tiet verstimmend. Bei weitem die größten Prozentsätze waren hier zu sehen — eine alte Beobachtung im Wohnungswesen; Ueberfüllung und derartige Delikte sind innig verbunden. Und nun erzählte er mir, wie merkwürdig die Dinge bei den Montrealer Juden liegen. Eine gewisse Oberschicht, die sich keineswegs mit den Reichen decke, sei in allen Fragen des öffentlichen Lebens musterhafte Bürger und für jedes Opfer bereit, ob es sich um Wohlfahrt oder Kunst oder Förderung der Wissenschaft handle. Der einzige Mann in der Stadtverwaltung, auf den man immer rechnen könne, wenn es sich um eine Hebung des Gemeinwesens handle, sei ein noch gebrochen englisch sprechender jüdischer Stadtrat österreichischer Herkunft. Zwar sei es ganz unmöglich, ihn zum Bürgermeister zu ernennen, aber jeder Bürgermeister habe ihn bis jetzt zu seinem Stellvertreter ernannt (leider habe ich mich mit ihm nicht treffen können). Ebenso seien an der Universität die jungen jüdischen Proletariersöhne die besten Studenten. Andererseits seien unter den Einwanderern sehr viel zweifelhafte Elemente. Und unter den „Oangsters" (das beliebte, schwer übersetzbare Wort etwa für Bandenverbrecher) seien gleichfalls Juden zu finden — so etwa bei den Alkoholschmugßlern. (Erklärend fügte der witzige Schotte bei, daß die Dominionregierung natürlich nichts gegen die exportierenden Bootlcggers einzuwenden hätte — aber die Leute würden neuerlich auch in der umgekehrten Richtung sich betätigen — und da würden die Behörden ungemütlich.) Die durchaus wohlmeinende Erklärung wurde mir in Gegenwart eines guten Freundes von mir aus dem mittleren Westen der Vereinigten Staaten gegeben. Dieser ausgesprochen judentreundliche prominente Kommunalpolitiker meinte mit bedenklichem kopfschütteln — bei ihm zu Hause seien die Dinge genau die gleichen —, vorbildliche jüdische Bürger auf der einen Seite, bedenkliche Elemente in den unteren Schichten auf der anderen. Ich aber hatte den Eindruck, daß hier ein weites Feld für soziale Arbeit zur Beseitigung der jüdischen Elendsdistrikte sowie für Erziehungsarbeit in den eigenen Reihen zu beackern ist. Ernst Kahn Der Winnipeger Gerichtshof (Kanada) hat auf Orund der im April 1934 vom Parlament des Staates Manitoba einstimmig angenommenen Novelle zum Qesetz gegen Verleumdung, durch die jedem Angehörigen einer Kasse oder eines Glaubens Klagerecht bei Kollektivbeleidigung seiner Oemeinschaft eingeräumt wird, den Herausgeber einer antisemitischen Zeitung, William Whirtaker. d,urch Gericht«- urteil verpflichtet, keinerlei gegen die Juden gerichteten Verleumdungen mehr zu veröffentlichen. büchern alles Wichtige und auch einige Nebenwerke enthalten, liegt die Frucht dieses Lebens und Denkens vor uns. Man könnte, wenn das Wort nicht so abgebraucht wäre, von einer Herzl-Renaissance reden. Wir erleben heute, daß viele Juden, die zu Herzls Lebzeiten ihn erbittert bekämpften und für die auch er nicht gerade schmeichelhafte Bezeichnungen hatte, Herzls Größe anerkennen, freilich ohne die mutige Konsequenz einer vollen Bejahung seines Werkes zu ziehen. Darum wäre es wünschenswert, daß Herzl weniger gelobet und mehr gelesen würde. Er hat vieles gesehen, dessen Richtigkeit heute evident ist. Er wußte, daß die Judenfrage besteht, und zwar überall, auch dort, wo sie latent ist. Er wollte durch eine große Tat der Juden einer weiteren Verschärfung vorbeugen. Die Juden wollten nicht mittun und waren zum Teil verletzt, daß Herzl auch einige unangenehme Wahrheiten offen aussprach. Wer aber die Wahrheit sieht, muß auch manches Schmerzliche sagen und darf vor Selbstkritik nicht zurückschrecken. Die falscheste Politik, so erklärte Herzl, ist die des Vogels Strauß. Wir würden wünschen, daß möglichst viele Juden Herzls Biographie und Herzls Schriften lesen. Wie viele reden und diskutieren darüber, ohne die Grundlagen zu kennen! Wer diese Bücher in die Hand nimmt, wird manchmal verwundert fragen, wie es möglich war, daß ein Mann vor 40 Jahren solchen Weitblick hatte und daß ein großer Teil derer, für die er sich verbrauchte, mit stumpfer Selbstgerechtigkeit ihn vorbeiziehen ließ. Von Herzl bis zur heutigen zionistischen Jugend ist ein weiter Schritt, nicht nur zeitlich, auch sachlich. Denn unsere Jugend steht in weit höherem Maße als die Generation von 1900 vor einer Entscheidung über ihr persönliches Leben. Die Grundlagen wanken, auf denen sie bisher stand, auch die Fragen der geistigen Bildung sind neu und grundsätzlich gestellt. Ueber den Umfang und die Tiefe dieser Problematik gibt ein Buch Auskunft, das vielleicht einmal als ein Dokument dieser Wende gelten wird: Eine Jugendgruppe, die aus dem assimilatorischen Bürgertum zur jüdischen Bildung und von da aus zur jüdischen Tat, zum Zionismus und zur Ghaluziuth in Palästina kam, gibt stei selbst Recheftschaft. Aus der ursprünglich vom CentruV Verein gegründeten Jugendorganisation „Kameraden" ist eine Gruppe hervorgegangen, die jetzt den Namen „Werkleute" trägt, und ihr Führer Hermann Gerson hat in dem Buch „Werkleute, Ein Weg jüdischer Jugend" (Kommissionsverlag Kedem, Berlin) vier Aufsätze zusammengefaßt, von denen zwei als Ansprachen vor dem Bund gehalten wurden. Diese Jugend verehrt als ihren Lehrer Martin Buber. Diese Tatsache erklärt auch eine Erscheinung, über die man beim Lesen dieser Schrift manchmal verblüfft sein könnte: wie sehr in dieser Jugend die gleichen Entwicklungen sich vollziehen, die gleichen Gedanken sich formen wie 20 Jahre zuvor in einem Teil der zionistischen Jugend, von der die „Werkleute" nichts wissen. Die Parallelität geht oft bis in wörtliche Formulierungen (vgl. z. B. das Sammelbuch „Vom Judentum", herausg. v. Bar Kochba Prag, 1913); aber die Dinge selbst sind heute viel ernster, weil viel lebensnaher und unerbittlicher. So wie die Jugend der „Werkleute" die Assimilation durch wirkliche Rückkehr zum Judentum, Kenntnis der jüdischen Tradition, vor allem wirkliches Eindringen in die Bibel, überwinden will, so lehnt sie zugleich einen Zionismus ab, der sich auf formalistische Bekenntnisse oder politische Formeln beschränkt, ohne den Menschen wirklich zu wandeln. Wie das im einzelnen durchdacht und erfühlt ist, wie klar die Menschen auch die Schwierigkeiten und die eigene Unzulänglichkeit sehen, wie hier sich das Wesen eines, wahrhaft jüdischen Nationalismus abzeichnet — das bedarf noch einer gründlichen Besprechung. Diese Zeilen sollen nur auf das Buch hinweisen, das dem gebildeten deutschen Juden wie kein zweites die Probleme der Jugend erschließen kann. Denn von keiner Generation hat so gegolten wie von dieser, daß die Jungen Lehrer der Alten werden können. Hauptschriftkiter: Dr. Robert Weltich, Berlin-Charlottenburg B. Stellvertreter! Kurt Loiwenitein, Berlin W 18. Anaeigenleiterin and verantwortlich für den Anzeigenteil: Helene Chancine'i Berlin N 84, Verlag und Anteigenverwaltung: Jüdische Rundachso, Berlin W 15, Mrinekestr. 10. D.-A. Februar 1935: 33 482. — Druck: Siegfried Scholen), Berlin-Schöncbcrg. GARDINEN-AUSSTELLUNG 2. STOCK STRASSE . KONIGSTRASSE

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.