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Jüdische Rundschau · 1935-03-05 · Heft 19 (5.3.1935) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 19 (5.3.1935)
Date
1935-03-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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-——«n ■~f Nr. 19, 5. III. IV35 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Gegen den Einkauf in jüdischen Geschäften Wie die „Nationalzeitung" in Recklinghausen berichtet, sprach auf einer Versammlung der Polizeibeamtenschaft Gauinspektor Bergemann über die nationalsozialistische Presse. In seinen Ausführungen stellte er der nationalsozialistischen Kampfpresse die bürgerliche Oeschiiftsprcsse gegenüber. „Der Wille, nicht hundertprozentig am Aufbau des rationalsozialistischen Staates mitarbeiten zu wollen — so sagte er — spricht bei der bürgerlichen Geschäftspresse schon emdetrtig daraus, daß sie versucht, den Textteil nationalsozialistischen Gedankengängen entsprechend zu gestalten, während auf der anderen Seite die wirtschaftliche Macht des Todfeindes der NSDAP., der Juden, durch Veröffentlichung von Judenanzeige n erheblich gestärkt wird. Die Stellung des Nationalsozialismus zum Judentum ist auch in der letzten Zeit durch den Stellvertreter des Führers eindeutig festgelegt worden, der betonte, daß kein Schritt von der alten Einstellung abgewichen werden würde. Trotzdem wagt es die bürgerliche Presse____ diese Todfeinde jedes völkischen Denkens zu unterstützen." im weiteren Verlauf der Kundgebung nahm Polizeipräsident SA-Brigadeführer Vogel das Wort. Er wies die Beamten- und Angestelltenschaft auf die nationalsozialistische Einstellung zu dem Kauf im Warenhaus und in Judengeschäften hin. Weil der Beamte Diener des nationalsozialistischen Staates ist, hat vor allem er sich die Einstellung zu eigen zu machen, daß der Kauf im Warenhaus und im Judengeschäft gegen die Gesetze der Bewegung verstößt. Diese Forderungen würden sich auch auf die Frau des Beamten und Angestellten erstrecken. Diese und ähnliche Kundgebungen gehen leider nicht von dem Grundsatz der „wirtschaftlichen Gleichberechtigung" der Juden aus, der von Staatskommissar Dr. Lippert dieser Tage als die Politik des neuen Deutschland proklamiert wurde. Saarbefreiung und Jadenfrage Am Tage der Rückkehr der Saar sprach Gauleiter Julius Streicher auf einer Kundgebung in Nürnberg. Nach dem Bericht der „Fränkischen Tageszeitung" sagte er u. a.: „Ich habe es am 13. Januar an dieser Stätte gesagt und sage es heute wieder: Es ist kein Zufall, daß man an die Spitze der Regierung im Saarland einen Angehörigen des jüdischen Volkes seti.ee, es ist kein Zufall, daß dem Juden Ileirnburger die Macht an der Saar gegeben wurde, es ist kein Zufall, daß man einen Juden ausersehen hat als Sklavenhalter an der Saar. Er diente dem jüdischen Volk als Direktor der Regierung, die man dort schuf, er dienlc jenem Volke, das sieh zum Ziele setzte, die Welt zu erobern und eine ewige jüdische Weltherrschaft aufzurichten... Wir werden es dem Saarvolk .sagen — so wie wir es 14 Jahre lang dem deutschen Volk gesagt haben, und wie ich es in Nürnberg und Franken gesagt habe. Erkennet endlich Euren Feind! Wenn es in den heiligen Büchern geschrieben steht, daß der Kämpfer von Nazareth den Vater der Juden als den Teufel erklärte, dann haben wir die Pflicht, der Gegenwart das immer wieder zu sagen, daß auch wir das jüdische Volk als Teufels volk erkannt haben. Wenn uns der Mund verschlossen würde, oder wenn die Bewegung, die den Sieg de? Jahres 1933 errang, ablassen würde, der ganzen Welt immer wieder zu sagen, daß der Jude am Werke ist, um seiet Weltherrschaft aufzurichten, dann wäre jener Sieg umsonst geuc-ct) und alle Siege der Zukunft würden umsonst sein." Zu einer solchen Rede haben wir Juden im Rahmen logischer Argumentation nichts mehr zu sagen. „Reinliche Scheidung" Im „Völkischen Beobachter" vom 3./4. März spricht Prof. Adolf Bartels über sein Lebenswerk, die Scheidung von Deutschen und Juden in der deutschen Literaturgeschichte. Er erörtert die Schwierigkeiten, die sich manchmal bei der Feststellung der jüdischen Abstammung eines Autors ergeben, zumal es „einzelne Juden gibt, die das Deutsch virtuos nachzumachen verstehen, und umgekehrt einzelne Deutsche, die dem sensationellen Judengeist... verfallen". Für die Zukunft kommt Bartels zu folgenden Vorschlägen: „Ich bin, ehrlich gestanden, nicht dafür, daß man den Juden ihre Staatsbürgerrechte wieder nimmt und sie neu in Ghetto* sperrt — was auch wohl kaum durchführbar wäre —, aber iur die Herstellung der Judenkataster, d. h. der besonderen Verzeichnisse der jüdischen und jüdisch verheirateten Einwohner jeder Stadt bin ich freilich, da ja die Juden doch nun einmal nicht iMitsehc werden können und ihre Mischung mit Deutschen erschwert «erden muß." Die Juden im Rechtsleb en Beiordnung: von Armenanwälten Im Heft 9 der „Juristischen Wochenschrift" vom 2. März 1935 macht Prof. Dr. Noack (Halle a. d. Saale) einige grundsätzliche Ausführungen zur Frage der Auswahl von Armenanwälten. Die Erörterung hierüber sei auch durch die Verfügung des Reichsjustizministers noch nicht abgeschlossen; hier und da wichen Gerichte von den ihnen durch den Nationalsozialismus gegebenen Richtlinien noch ab. Prof. Noack bemerkt zusammenfassend hierzu u. a.: „Besteht schon kein Roch t der armen Partei darauf, daß der von ihr Ix'zeichnete Anwalt dir beigeordnet wird, so erst recht nicht darauf, daß ihr ein nichtarischcr Anwalt beigeordnet, wird. Denn die arme Partei muß — wie jeder andere einzelne — mit seinen Belangen hinter den berechtigten Interessen der Volksgemeinschaft zurückstehen. Die allgemeine in Deutschland herrschende Anschauung aber und die Interessen des deutschen Volkes als Gesamtheit erfordern es, daß eine arische Partei, die auf Kosten der Volksgesamtheit ihr Recht verfolgt, nicht Ton einem N i c h t a r i c r, sondern nur von einem arischen Rechtsanwalt vertreten wird. Es heißt daher die rassischen und weltanschaulichen Forderungen des Nationalsozialismus und damit auch die Belange des deutschen Volkes verkennen und mißachten, wenn ein Gericht: erklärt, auch der nichtarische Anwalt habe einen Anspruch" auf die Bestellung zum A r m e n a n w a 11. und zwar nicht bloß für eine ebenfalls nichtarische Partei, sondern schlechthin. Ebenso falsch und abwegig sind Ausführungen in einem Gerichtsbeschluß, der Vorsitzende könne die Beiordnung nicht schon grundsätzlich wegen nichtarischer Abstammung des Anwalts ablehnen, da vielmehr in erster Linie das Interesse der recht suchenden Partei für den Vorsitzenden bei der Auswahl des Armenauwalts maßgebend zu sein habe. Nicht in erster Linie das Interesse tler Partei — es kann nicht oft genug betont werden —, sondern das Interesse des Volksganzcn hat für jede Handlung maßgebend zu sein, also auch für den Vorsitzenden bei der Auswahl des Armenauwalts. Und letzten Endes erfordert es auch das Interesse der armen arischen Partei als eines Gliedes der Volksgesamtheit, daß er nicht den jüdischen Einfluß in der Rechtspflege stärkt, daß er vielmehr zu seinem Teil dazu beiträgt, den Erfolg der nationalsozialistischen Autbauarbeit zu gewährleisten." Diese Anschauung eines prominenten Juristen ist über das rein Juristische und über die Spezialfrage hinaus für uns Juden wichtig, weil darin unsere Stellung im neuen Staate charakterisiert wird. In der Sache selbst "müßte u. E. auch berücksichtigt werden, daß denjenigen nichtarisehen Anwälten, die_ in ihrem Beruf belassen wurden, dessen Ausübung in gleicher Weise wie ihren Kollegen offenstehen sollte. Kleine Nachrichten Vor dem Schuhwarenhaus Lindner in Stettin fand am 22. Februar, laut „Berl. Tageblatt", eine Demonstration statt. Vor dem Geschäftslokal staute sich längere Zeit hindurch eine große Menschenmenge; es wurden Transparente mit der Aufschrift getragen: „Raus mitdem Juden Lindner! Jude Lindner beschimpft Arier als Schweine und bezeichnet sie als Ausverkaufs-Geier!" Da die Menge immer frößer wurde, wurde der Geschäftsinhaber Lindner in chutzhaft genommen. Das Recht zur Aufstellung und Vermietung von Stühlen auf städtischem Straßenland soll auf ein Jahr für den Bereich des Bezirksamtes Berlin-Mitte vergeben werden. In der entsprechenden Ausschreibung, die der Bezirksbürgermeister des Verwaltungsbezirks Mitte im Amtsblatt der Stadt Berlin erläßt, heißt es, daß Bewerber, die Angebote abgeben wollen, den amtlichen Nachweis ihrer arischen Abstammung zu führen haben. Der „Dresdener Anzeiger" brachte kürzlich die Nachricht, daß die Gemeinde Pillnitz Schilder mit der Aufschrift angebracht habe, daß der Besuch von Juden unerwünscht sei. Diese von uns in Nr. 15 wiedergegebenc Nachricht wurde jetzt vom „Dresdener Anzeiger" widerrufen. Wie der JTA.-Vertreter in Rom erfährt, wird das durch den Tod von Dr. Sacerdoti freigewordene Amt des Oberrabbiners von Rom zunächst eine Zeitlang nicht besetzt werden. Als Kandidaten kommen außer dem Oberrabbiner von Alexandrien, Prato, noch der Stadtrabbiner von Florenz, Dr. Artom, und der Oberrabbiner von Tripolis, Prof. Castelbolognesi, in Betracht. Arn Briefmarkenschalter. Die „Fränkische Tageszeitung", Nürnberg, schreibt am 27. Februar: „Die Zeiten sind vorüber! Mit diesen Worten machte am Dienstagnachmittag im Hauptpostamt in der Karolinenstraße ein älterer Herr einem frechen Judenlümmel klar, daß er sich hübsch brav am Schalter hinten anzustellen und genau so zu warten habe, wie das andere Publikum. Der Jude, der sich nämlich mit seiner angeborenen Unverschämtheit am Briefmarkenschalter schnell vorne hindrängen wollte, zog es daraufhin vor, sich zu bescheiden. — Sie versuchend immer wieder. Es bedarf aber nur hier und da einer Zurechtweisung, wie sie jener ältere Herr in taktvoller aber energischer Weise dem Juden erteilt hat und wie sie jedem nur zur Nachahmung empfohlen werden kann, um dem Juden zu zeigen, daß ,die Zeiten vorüber sind' und nie mehr kommen werden, in denen sich der Jude jede Frechheit erlauben konnte." — Nach den Erfahrungen vieler Briefmarkenkäufer ist das Drängen am Schalter keineswegs eine „jüdische" Spezialität. Mancne Menschen, Juden oder nicht, warten geduldig, manche nicht. Daß es Zeiten gegeben hat, wo Juden am Briefmarkenschalter begünstigt wurden, ist uns nicht bekannt. Es gibt eine Judenfrage, aber warum sie dort selten, wo keine ist? Juden in den Innungen Mit der wichtigen Frage der Stellung der Nichtarief innerhalb der Handwerks-Innungen beschäftigt sich das „Deutsche Schneklerfachblatt", München, in seiner Ausgabe vom 23. Februar. In dem Artikel wird betont, daß der Nichtarter gleichberechtigtes Mitglied der Innung sein müsse und daher auch an den Innungsversammlungen teilzunehmen habe. Es heißt darin: „In einer Innungsversanimlung eines anderen Handwerks, welches einen großen Prozentsatz Xichtarier autzuwei-eu hat, kam es kiiizlich zu Unstimmigkeiten zwischen ein paar Mitglied* rn und den Obermeistern, weil diese die n i c h t a r i s c h e n 1 u n u n g glieder eingeladen hatten und den Antra!; auf Au--ehlul.'. Mitglieder von der Inntiiig-vcrsaniinlinig abu mit. n. I)i< ( )1m! wurden darauf in der Oelten'lii hkeit |>cr-boli. Ii angcgriltcsi, ihnen un deutsches Verhalten zum Vonvun gemaehi Dieser Fall hat auch für das Schneiderhandwerk weil auch dieses einen großen Prozentsatz Nichtai iciii.-n in i t - du s,r ici ,tcr v;.,! ici K' aul /iiwe; F rankf M. 135 di-che Sei. •ider hat. und 11..< : di< und <1 1. Ycr- X*tIi- Ilten zwischen Handdie Rasse- Dabci halten So gibt es z. H. Schneiderinnen. Rechtlich liegen die Dinge folgende Ordnung zum 1 landwerk ^aulhaii, welche die R.rhv der Innungsmitglieder regelt, kennt keinen l'u'ei i Ariern und Nichtariern. Wer in Deutschland werk betreibt, muß ohne R ü c k s i c h t a u i Zugehörigkeit Innungsmitglied sei alle Mitglieder, soweit: das Gesetz keine Ausnahmen macht, gleiche Rechten und Pflichten___Das Verhalten des angegriffenen Obermeisters war somit, als er den Ansehluliantrag ablehnte, richtig. Aber nicht nur au.s rechtliilen, sondern auch aus Zweckmäßigkeits grün den war das Verhallen des Obermeisters richtig... Wenn der Nichtarier von den Versammlungenau-geschlosscu wäre, dann träte dieses Verantwortungsreeht nur die arischen Mitglieder, und im Übrigen könnte der Nichtarier sich leicht damit entschuldigen, er habe ja von dem. was auf der Versammlung verhandelt worden ist, keine Kenntnis gehabt. Aus dem Grundsatz .Gleiche Pflichten für alie' ergibt sich, daß die Heranziehung der Nichtarier zu den Innungsversammlungen durchaus /.wcckmafjig ist. Es kann nun vorkommen, daß ein Mitglied irgend etwas vorzubringen hat, was er in Anwesenheit der nichtarisehen Innungsmitglieder nicht verhandelt wissen will. In solchen Fällen hat das Mitglied ja die Möglichkeit, deiv Obermeister vorher in Kenntnis zu setzen. Diesem ist dann seinerseits die Möglichkeit gegcl>cii, ein« interne Versa m in 1 u n g d er a r i s e h e n I n n u n g s - mit glieder einzubeniten. Nicht dagegen hat das Mitglied «las Recht, zwecks Vorbring'ns einer In sonderen S.c he .tut meinen Innungsversammlung ohne vorherige Vrr-'andi^nnc: meisters Ausschluß der Nichtnrier zu verlang« n und meister auf diese Weise Vorschriften darüber zu machen. Versammlung abhaken soll. Die Art der Vervimmltmg-1" allein dem OI>ermcister zu. der nach Recht und /..vecktnai' handeln hat und die richtigen Maßnahmen tiiift, wenn < verständigt wird. Wer aU r diese voihetige Wi .t.imhguhg braucht sich ni'ht zu beklagen, wenn sei,, Antrag;-l>gi Ich alt: allge- Ober. Ollerer <1 iesi cht ig* t'f. Fleisches und verlor die Wette. Der Christ bestand auf seinem Schein und verlangte das Pfund Fleisch aus einem Körperteil des Juden schneiden zu dürfen, den zu nennen die ,.Schamhaftigkeit" verbietet. Schließlich kommt die Streitsache durch den Gouverneur von Rom vor den Papst, der dahin entscheidet, daß jeder der beiden für den Bau eines Hospitals 2000 Scudi zu zahlen habe, — der Jude, weil er sein Fleisch verpfändet habe, das dem Papst gehöre (Ceneda war ein Päpstlicher Schutzjude), und der Christ, weil er eine so frivole wette eingegangen sei. In Wirklichkeit also war es ein Christ, der so teuflisch auf seinem Schein bestand, und Shakespeare hat diesen Vorfall seinem Drama nutzbar gemacht, weil er den tragikomischen und grotesken Effekt, der sich damit auf der Bühne verbinden mußte, witterte. Er konnte aber gewiß nicht, was ein Christ gegen einen Juden unternommen hatte, nun mit tendenziöser Absicht einem Juden oder gar dem Judentum aufbürden, schon deshalb nicht, weil höchstwahrscheinlich jener römische Vorfall in die zeitgenössische Anekdotenliteratur eingegangen und dem Londoner Publikum so gut bekannt war wie dem Dichter. Vom jüdischen Standpunkt aus gesehen ist die Verwendung der Wette unter Belastung Shylocks mit ihrer (Jngi-heucrlichkeit deshalb besonders bezeichnend, weil es immer wieder in der Geschichte der Feindschaft und der Verfolgungen gegen die Juden vorgekommen ist, daß diese mit' Untaten belastet wurden, deren sich ihre Gegner schuldig gemacht haben. Jedenfalls steht fest, daß das Verlangen Shylocks nach einem Pfund Fleisch seines Schuldners unmöglich ein Mittel Shakespeares gewesen sein konnte, um „die" jüdische Grausamkeit zu belegen, und ebensowenig ein Mittel, um Shylock a's Juden zu charakterisieren. Nein, dieses Moment, das schließlich auf komödienhafte Weise in der Handlung beiseite geräumt wird, nämlich durch den logisch unsinnigen Spruch des Richters, Shylock (iurfc beim Herausschneiden des Fleisches kein Blut vergießen, dient letzten Endes dem Dichter nur dazu, das Abseitige, Grelle, Fremde und daher Ueberreizte und Uebersteigerte dei Figur abzugipfeln. Sein Jude sollte nicht als der Böse oder Inbegriff des Bosen, sondern als der Andere und Inbegriff des bis ins Tragische und Komische hinein Andersartigen gezeichnet und gekennzeichnet werden, '"an kann sogar soweit gehen zu sagen, daß das Judentum jn der Gestalt des Sbylock nicht nur nicht angeklagt, sondern in den besonderen und besonders schweren Grundlagen seiner europäischen Existenz erfaßt und für das Mitleid des englischen Publikums reif gemacht werden sollte. Mindestens aber wollte Shakespeare den Juden nur als komische Figur genommen wissen, als die er jahrhundertelang vor- und nachher durch alle europäischen Literaturen ging, wovon nicht wenig Elemente und Konsequenzen von dem „volkstümlichen" Antisemitismus rezipiert wurden. Es ist überflüssig, heute jüdischen Lesern die Gefahren des Fremd- und Gastseins auseinanderzusetzen. Sie haben sich ideell und materiell an uns allen mehr oder weniger erfüllt. Dieser labile Charakter des jüdischen Daseins aber hat es den Dichtern immer wieder nahegelegt, aus ihm bald billige, bald psychologisch legitime Kontrastwirkungen zu ziehen, immer wieder den Juden als den ewig Andern, Abseitigen und Fremden sei es zu charakterisieren, sei es zu chargieren. „Soll und Haben" von Gustav Freytag ist in der deutschen Literatur ein nur allzu drastisches Beispiel dafür. Als Gegenbeispiel hinwiederum kann Lessings „Nathan der Weise" gelten — aber doch eigentlich nur dank der Tatsache, daß der Dichter sein Werk als Ganzes in der Fremde, d. h. in der jüdischen Urheimat angesiedelt hat und überdies auf einem seelischen und geistigen Boden, der dem Dramatischen die Wurzeln des Legendären gibt. Hermann Sinsheimer Eine Stunde Jiddisch Wenn man einem Bauern eine Geschichte erzählt, lacht er dreimal. Das erstemal, wenn man sie ihm erzählt, das zweitemal, wenn man sie ihm erklärt, das drittemal, wenn er sie versteht Wenn man einem „Poritz" — dem Gutsherrn — eine Geschichte erzählt, lacht er zweimal. Das erstemal, wenn man sie ihm erzählt, das zweitemal, wenn man sie ihm erklärt. Denn verstehen wird er sie nicht. Wenn man einem Offizier eine Geschichte erzählt, lacht er einmal: wenn man erzählt. Denn erklären läßt er sich nichts und verstehen wird er nicht. Wenn man einem Juden eine Geschichte erzählt, lacht er keinmal. Denn erstens kennt er die Geschichte schon und zweitens hätte er sie selber viel besser erzählt. Mit dieser „Geschichte" fing I. Olsvangcrs Sammlung von Geschichten, Anekdoten und Schwänken aus dem jüdischen Osten „Rosinkcss mit Mandeln" an. Olsvangcrs neue Sammlung „Rejte Pomeranze n", eben als Schockcn-Bändchen erschienen, ist ein ähnlicher, nur magrerer Leckerbissen ostjüdischen Humors und Volkstums. Hier findet man die eigentlichen jüdischen Witze, hier lernt man, daß, was gemeinhin als jüdischer Witz kolportiert wird, Ersatz, mindestens nicht jüdisch ist. Ersatz auch sprachlich: das Wit/blattgemauschel hat mit dem Jiddischen nichts gemein, und hier, bei Olsvanger, kann man jiddisch lernen. Seine jiddischen Geschichten sind in lateinischen Lettern gedruckt, mit Vorbemerkung und Worterklärungen versehen, kurzum, eine so leichte fremdsprachliche Lektüre gibt's nicht noch einmal. Wenn ein vorurteilsloser Fremder, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, dies Büchlein in die Hand bekäme, er wäre sogleich ein Freund des Jiddischen. Er wäre wie vernarrt in die weitschweifige Gemächlichkeit dieser Einleitungen und die wortgeizige Abruptheit der Pointen, in die zärtliche Behutsamkeit der Umschreibungen und die herzhaft derbe Unmittelbarkeit der Freud n1' ■ "tu •■;eu, in das tüftelnd Pfiffige und das einfältig Zutrauliche. Mein Gott, würde er ausrufen, hier ist doch Fleisch und Blut, Geist und Aberwitz, Freßsucht und Reue, Menschenangst und Gottesfurcht, es sind doch mit Haut und Haar und von ganzem Herzen Menschen! Ihre Sprache flattert doch in der Angst wie eine Schwalbe, die sich in ein Haus verflogen hat, und jubiliert doch in der Freiheit, schon im Ausblick auf eine kleine Freiheit wie eine ganze Schwalbenluftflotte! Aber gibt es denn vorurteilslose Fremde? Die jiddische Sprache kam in den Himmel und beklagte sich, daß sie überall als Stiefkind behandelt würde. Wo die Juden mich alle Tage haben, klagte sie, da bin ich ihnen nicht fein genug, und an der einzigen Stelle auf Erden, wo ich mir selber nicht fein genug bin, im heiligen Land, wo die heilige Sprache hingehört, da halten sich immer noch viele an mir fest wie an Murtcrs Rockzipfel. Was soll ich tun? Und in dem Land, aus dem ich einmal hergekommen bin und dem noch niemand so viele Jahrhunderte heimattreu geblieben ist wie ich, da schämen sich viele von meinen eigenen Leuten meiner, als wenn ich in der Fremde so sehr heruntergekommen wäre. Schon früher wollten die deutschen Juden mich nicht kennen, wie eine arme Verwandte, und jetzt, da sie — — — Hier wurde die jiddische Sprache unterbrochen. Es wurde ihr bedeutet, daß eben in Deutschland bei den deutschen Juden ihr noch eine Chance eröffnet würde, mit dem Büchlein „Rejte Pomeranzen". Mir eine Chance'', fragte das Jiddische erstaunt, wieso mir? Den deutsch-jüdischen Lesern! ________ L. IL Die Freunde der Hebräischen Universität in Polen haben die Kunstsammlung des kürzlich verstorbenen bekannten Sammlers Dr. Samuel Goldflam für das Bczalel-Museum in Jerusalem erworben.

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