Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 19 (5.3.1935)
- Date
- 1935-03-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seife 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 19, 5. II«. 1935 Masaryk Am 7. März ivirJ der Präsident der tschechoslowakischen Republik, Thomas G. Masaryk, 85 Jahre alt. Wir haben erst kürzlich, anläßlich Masarplis Wiederwahl zum Präsidenten, in der „J. It." vorn 25. Mai 1934 die Haltung dieses Mannes zu jüdischen Fragen gewürdigt, lled. Es ist ein selten reich erfülltes Lehen, an dessen Ende der Gründer und Präsident des tschechoslowakischen Staates, Th. O. Masaryk, steht. Vom Proletariersohn aus halb noch leibeigener Familie über die Karriere eines Universitätsprofessors für Philosophie zum Staatsmann und Staatsgrunder — das war eine Laufbahn, ebenso einheitlich wie ungewöhnlich. Zahllos sind die Abhandlungen und Bücher, die das Leben und das reiche philosophisch-literarische Schaffen Masaryks schildern. Ein großes Sammelwerk ist dem Thema „Masaryk und das Judentumgewidmet. Und so, wie ihn die Bevölkerung der Tschechoslowakei verehrt, als ein Vorbild, in dem sich die Tugenden eines Lebens spiegeln, das immer bemüht war, zwischen abstrakter und konkreter Ethik des Tuns die Synthese zu finden, so ist ihm die judische Bevölkerung der tschechoslowakischen Republik besonders zugetan. Nicht ohne tiefsten Grund hat die Judenheit Böhmens, Mährens, Schlesiens und der Slowakei soeben eine große Aktion für den Autbau des „Klar Masaryk" in Palästina durchgeführt. Masaryk hat vor mehr als sechs Jahren Palästina besucht und mit dem Verständnis eines Mannes, der selbst die nationale Renaissance seines Volkes vollendet hat, sich über das in Eitz Israel Begonnene gcauliert. Die Begegnung Masan Ks mit den Juden erfolgte in seiner allerfrühesten Kindheit. C." J. C. Street schildert das Dunkel des Lebens jener slowakischen Kleinburger und Bauern, aus denen Masank stammt und die noch eine finstere Mythologie des Ahn glaub, ns hatten, in der der Jude eine unheimliche Rolle spulte. Der junge Thomas M-hlug um jedes jüdische Halts einen grolic« Bogen. D'e erste wirkliche Begegnung aber hatte der Knabe auf der Realschule, als auf einem Ausflug der uHsehe Schüler Leopold Prilisauer, von den Kameraden boshalt geneckt, alles mit Gleichmut ertrug. Mit einem Mal entsehhiette er und war im ersten Augenblick nicht zu finden. Dann entdeckten sie ihn abseits bei der Verrichtung Seines Gebets. „Niemals", er/.ihlt Masarvk, „werde ich vergessen, wie mich Leopold verblutftc. Er stand hinter einem Tor, an einem unreinen ()M. offenbar, um nient g^ehen zu werden. Er verneigte sich ständig und betete. Mit einemmal war mir alle Lust /um Scherzen vergangen." Von diesem Augenblick au änderte sich die Stellung des Knaben 1 honias, End nie wieder ist er den Juden anders als in einer Haltung der äußersten Objektivität und Gerechtigkeit gegenübergetreten. Viel spater wird der inzwischen Professor gewordene eng mit dem Kamp! des Judentums gegen den Antisemitismus verknüpft. Nachdem er schon durch che Entlarvung der Fälschung der „Königinhofcr I land-chrift", heiliger slawischen Pseudo legende, die Buchstaben-Nationalisten gegen sich auf den Plan gerufen hatte, wird er vollends als „Judcnknecht" verschrieen, da er in dem R i t u a 1 m o r d p r o z c IS liilsner mit der ganzen Autorität seines Wissens gegen die Blutschuldlüpc auftritt. Erst vor kurzem hat Bruno Adler in dem ausgezeichneten Tatsachenroman „Kampf um Polna" diese Vorgänge wieder geschildert, die in Entstehung und Verlauf das klassische Beispiel der Inszenierung einer scheinwissenschaftlichen Judenverfolgung boten. Damals mußte Masaryk, der aBjütig für die ynsehuld Hilsners eintrat, seine Kollegs einstellen, da es zu schweren Studentenunruhen gegen ihn kam. Phantastisch jene Szene, da er im Prager Klementinuni nicht zu Wort kommen kann und seine Thesen mit Kreide an die Wandtafel des Kollegsaals schreibt. Und da bei den Antiserniten in der Tschechoslowakei die Verbundenheit der tschechoslowakischen Juden mit deutscher Sprache und deutschem Geist immer als ein besonders antijüdisches Argument galt, wird auch Masaryk als von „den Deutschen und Juden bestochen" bezeichnet. Der Direktor der hebräischen Nationalbibliothek, Htieo Bergmann, der einmal im Präger Studentenverein Bar Kochba war, schildert, wie er als zionistischer Student mit seinen Kollegen Masaryks Vortrage anhörte, die in einem Gasthaus gegenüber der „Bar Kochba-Budc* gehalten wurden, und welches grolle geistige Erlebnis sie für ihn waren. Heute denkt er daran zurück: „Wir sind aus einem Weltvolk ein kleines Volk in einem kleinen I ande geworden, So wollte es, so w'ill es der Zionismus. Wir iil.cti in Palastina in einer Atmosphäre stärkster nationaler i'.cwubihcit: wie könnte ohne sie in Palästina das feschaffen werden, was geschaffen worden ist? Aber diese nge und diese starke Bewußtheit haben auch ihre Gefahren, und keinen besseren Fuhrer aus den Fährnissen unseres Nationalismus kann ich mir denken als einen Mann wie Masaryk. Er wullte, daß ein wahrer Patriot seinem Volk nicht dadurch dient, daß er seinen nationalen Eitelkeiten schmeichelt und das Volk verwöhnt wie ein kleines Kind. Jedes Volk ist wie ein kleines Kind. Die große nationale Tat Masaryks war es. daß er sich immer und immer wieder jenen Formen eines Ultranationalismus, die nur nationale Phrasen waren, entgegenstellte, ja entgegenwarf." Damit trifft Bergmann den Kern Masarykschen Wollens. Eines Wollens, das unter dem Motto eines Satzes stand, den er in seinen „Idealen der Humanität" vor dreißig Jahren schrieb: „Fortschreiten heißt das Uebel überwinden." Den für einen Juden aber prägnantesten Ausdruck hat Schmarja Levin gefunden, indem er Masarvk als den „Achad Elaam der Tschechoslowakei" bezeichnet, als einen aus dem Volke, der „dessen Bestes und Edelstes in sich konzentriert und auf diese Weise im höchsten Sinne zum Träger des Volksgedankens wird." Manfred Georg Die Feierlichkeiten h. 1. Prag, 3. März Am Vorabende des Ocburtstages werden in über 10000 Orten Freudenfeuer entzündet und große Umzüge veranstaltet, an denen sich die gesamte Bevölkerung ohne Unterschied der Nation und des Glaubens beteiligen wird. In allen Synagogen finden Festgottesdienstc statt. In Prag veranstaltet die Zionistische Organisation einen großen Feierabend, bei dem der tschechische Schriftsteller und Zionist Dr. Franz Gott lieb und Abg. Dr. Angelo Goldstein die Fesfreden halten werden. Im Anschlüsse an den Geburtstag wurde für das JUDISCHE RUNDSCHAU Nähtrtt in unsirtr Ausgab* vom Frtitag Cvwv\o/iwvv\vvvvw gesamte Oebiet der Tschechoslowakei eine „Woche des öffem. liehen Gewissens" proklamiert, in der im weitesten Rahmen im Sinne der Ideen Masaryks eingewirkt werden soll. Zu Ehren Masarvks fanden an einigen Stellen Pal.ästi. nas, so in Haifa, Vorträge statt Eine große Feier ist im Masaryk-Walde geplant. Im tschechoslowakischen Rundfunk werden am Dienstag «ad Mittwoch eine Reihe von Feiern veranstaltet, ferner in Hilversum (1875) am 5. März, 18.1a Für Öffnung- Transjordaniens Ein Brief Lord Melchetts In einem Brief an die „Time s", der am 1. März dort veröffentlicht ist, nimmt Lord M e 1 c h e 11 zu dem am 27. Februar veröffentlichten Bericht des Palästina-Korrespondenten (s. vorige Nr. der „Jüd. Rundschau") Stellung. Lord Melcheft schreibt u. a.: „Ist es nicht klar, daß die Antwort auf alle diese Probleme Raum, mehr R a u m, sein muß? Die zusammengedrängten leidenden Massen der Judenheit Europas streben nach ihrer natürlichen Heimat. Die Zionisten, früher von den praktischen Menschen als „Idealisten" verlacht, werden jetzt von den Idealisten als „Kapitalisten und Spekulanten" verhöhnt. Die in Palästina vorhandenen Probleme des Druckes stellen eine Gleichung dar, die nur durch Einführung eines neuen Faktors, nämlich Transjordaniens, gelöst werden kann. Es ist mir bewußt, daß es in benig auf die Ansiedlimg in Transiordanien viele politische Fragen gibt. Aber diese Ansiedlung ist bereits als unvermeidlich erkannt; darum sollten diese Fragen angepackt und behandelt, nicht aber verschleppt werden. Wenn Transjordanien geöffnet wird, wenn die englische Regierung eine Politik wohlwollender Förderung der zionistischen Aspirationen verfolgt, dann zweifle ich nicht, daß eine loyale, glückliche und wertvolle Bevölkerung an dem östlichen Ende des Mitteluieeres ein Gebiet der Kultur und Sicherheit schaffen wird, das für das britische Reich von hohem Werte wäre. Wie Ihr Korrespondent darlegt, ist das Wachstum dieser Bevölkerung unvermeidlich; nach dem Glauben vieler ist es vorherbestimmt. Wenn es durch die englische Verwaltung verzögert und eingeschränkt wird, wenn zugelassen wird, daß es geteilt wird und so teils unter französische Herrschaft in Syrien und teils unter englische Herrschaft in Palästina kommt, dann würde der ganze Traum von einer großen geschlossenen jüdischen Bevölkerung in Palästina, ergeben dem britischen Reich, im Rahmen eines Planes, der sie in den Rahmen des Reiches als begeisterte Anhänger des Systems einfügt, das ihnen die Freiheit gab, zunichte werden." Lord Melchett verweist dann auf die Interessenharmottie zwischen England und den jüdischen Aspirationen in Palästina und schließt: „Palästina allein, das so groß ist wie Wales und bereits eine Bevölkerung von 1750 000 Seelen hat, stellt ein unlösbares Problem dar. Transjordanien, das leer, öde, ohne Wasser ist, eine Bevölkerimg von etwa 200 000 Menschen hat und einige Male so groß ist wie Palästina, zu dem es überlieferungsgcmäß und historisch gehört, wartet auf Pioniere. Beide Länder zusammen bieten die Möglichkeit wirklichen Aufbaus, der Erfüllung eine: geistigen Sendung und der Vollziehung des größten Akte) der Gerechtigkeit, den die Welt jemals gesehen hat." Fortsetzung: des Berner Prozesses Erst Ende April Bern, 28. Februar. (JTA.) Gerichtspräsident Meyer hat in dem Prozeß um die „Protokolle der Weisen von Zion" den 29. April als Termin zur Fortsetzung festgelegt. Die Verzögerung der Wiederaufnahme des Prozesses ist auf die gewaltige Anhäufung von schriftlichem Material zurückzuführen, dessen genaue Prüfung noch geraume Zeit in Anspruch nehmen muß. Hauptschriftleiter: Dr. Robert Welt seh, Berlin-Charlottenburg 9. Steilvertreter: Kurt Loewenstein, Berlin W 15. Anzeigenleitcrin und verantwortlich für den Anzeigenteil: Helene Chancincr, Berlin N B4, Verlag und Anzeigenvcrwaltung: Jüdische Rundschau, Berlin \V 15, Mcinckestr. 10. D.-A. Februar 1935: 33 462. — Druek: Siegfried S: holern. Bcrlin-Schöneberg. Der Jude als literarische Gastfigur I ine Shylock-Glosse Die Juden sind im Laufe der Jahrtausende bei so vielen and so v r-vitic, SO vcrMliirdcil es nicht weiter Wtrken geU gen* mäßigkeit als ilii hcrciiigeschm itcn gearteten Völkern unter so vielen und :rt< 11»ti Umstanden „Gaste" gewesen, daß i v. uiiclei!ivh i>t, wenn .sie in literarischen ii und sogar mit einer gewissen Regelgeborenen Oiste, als die von irgendwoher icreingcwelmu Fremdlinge auftreten. Rein artistisch betrachtet, haben sie in solchen Fallen die Mission, eine seltsame oder gar sensationelle Farbe in ein künstlerisches Bild zu bringen, eine Kontrastwirkung hervorzurufen und so die Geschlossenheit eines Milieus aufzuschließen zum Hereint!eten und Hereinwirken des Neuem, Ungewohnten und ineist auch des Ungemaßen. Das grobe Vorbild all' dieser Figuren ist natürlich Shylock. In ihm ist die Fremdheit des Juden, das Anderssein, Andersdettkctt und Andershandcln nicht nur durch die Genialität des Dichters, sondern auch durch alle Zeitumstände gewährleistet. Im England Shakespeares gab es keine Judern — schon zwei Jahrhunderte lang nicht mehr, höchstens ein« kleine Anzahl marranischer Flüchtlinge aus Spanien und Portugal von einer materiell und ideell gleich fragwürdigen Existenz. Ich erinnere nur an jenen Leibarzt der Königin Elisabeth, Dr. Lopez, den ich in meinem Roman „Maria Nttruiez", dem historischen Original getreu, nachgezeichnet habe, und der aus politischen Gründen ein ebenso schreckliches wie ungerechtes Linie gefunden hat. Ihn und ähnliche abtrünnige Juden von zweifelhafter Qualität, aber zugleich auch von unbezwcilelbarer und einem Dichter wie Shakespeare ohne weiteres ersichtlicher Tragik mag dieser gekannt haben. Ihr inneres und äußeres Ansehen genügte seiner Phantasie als Modell. Eis kann daher die von den Shakespeare-Forschern immer wieder aufgeworfene und wohl nie zu lösende Frage, ob Shakespeare einmal in Italien gewesen ist oder nicht, für unseren Gegenstand außer Betracht bleiben. Für uns mag feststehen, daß er die Juden gekannt hat, wie man eben Fremdlinge zu kennen pflegt — mehr als Objekte der Vision als der Anschauung. Er hat sie bestimmt weder gehaßt noch geliebt. Sie kamen von der Peripherie und waren lilso Vertreter der Peripherie. Shakespeares Zeitgenosse Marlowe hatte ja ebenfalls schon ein Judendrama geschrieben: „Die Juden von Malta", eine abscheuliche, kulissenreißerische Farce, in der das Jüdische fast gestaltlos mit dem Theater-Bösewichtigen identifiziert wird, liier wirkt noch, ganz im Sinn und zugleich Widersinn der Renaissance, das antike Vorbild nach, daß der Fremdling kein oder nur sehr bedingt ein Menschenbild darstelle. Marlowe in der Tat hat ein Unbild des Juden geschaffen und auf seine wikigenialische Art theatralisch mißbraucht. Schon deshalb durfte und konnte die Meinung aufkommen, als ob Shakespeare, dem Marlowe um eine Welt voraus, das „Urbild" des Juden geschaffen habe. Daß das nicht stimmen kann, geht schon aus der oben angedeuteten zu schmalen und schiefen Erfahrung*grundlage hervor, auf der Shakespeare in bezug auf die jüdische Existenz und Mentalität fußte. Ein wirklicher Kenner des Judentums in der Zeit um die Wende des 15. zum 16. Jahrhundert hätte im Gegenteil eine sehr hohe Meinung von jenem haben müssen. Denn was in den Jahrhunderten vorher die Juden auf allen Gebieten der Wissenschaft, Kunst und Wirtschaft, was sie durch ihre bürgerlichen und militärischen Tugenden auf der iberischen Halbinsel geleistet haben, war epochemachend und von historischem Rang. Aber die gerade zu Shakespeares Zeiten in die Halme schießende Freude an der Geschichte bezog sich nicht auf das Zeitgenössische und zeitlich Benachbarte, ganz abgesehen davon, daß die eben zum Abschluß gelangte jüdische Leistung für Spanien und Portugal namen- und spurlos, wie so oft in der jüdischen Geschichte, in der spanischen und portugiesischen Gesamtleistung aufging. Eine Ahnung dieses Tatbestandes war der Zeit Shakespeares und ihm selbst total fremd. Fremd also war ihm der Jude, und so hat er ihn als Fremdling, als Gast, als Outsider der Stadt Venedig, die sich „rühmen" kann, die Einrichtung und den Namen des Ghettos erfurtden zu haben, geschildert. Shakespeare hatte nicht das Genie sein müssen, das er war, wenn er nicht in der als Vision erfaßten Figur Shylocks eine Reihe wirklicher, stimmender jüdischer Eigenschaften untergebracht hätte. Wieweit er überdies,, in dem kalvinisch aufgewühlten England notwendig zu dem Versuch kommen mußte, Alt- und Neutestamentarisches in jüdischer Gestalt zu akzentuieren, ohne beides bei Namen zu nennen, ist eine andere Frage, auf die übrigens die Shakespeare-Forschung noch nicht eingegangen ist. Die spezifisch jüdischen Eigenschaften des Shylock sind jedenfalls mehr beiläufig und zufällig als wesensbestimmend. Wesentlich ist die Ohetto- Abgeschlosscnhcrt des Shylockschen Lebens, ist seine Liebe zu seiner Tochter Jessica und sein hindlerischcs Unwesen, das bereite der zwangsweisen Beschränkung der damaligen Juden auf den Handel und die Geldwirtschaft entsprach. Shylock wird damit das „Urbild" des Ghetto-Juden, also einer durch Unterdrückung verfälschten Form der jüdischen Existenz. Dabei ist zu beachten, daß in dem „Kaufmann von Venedig" alle auftretenden Personen schöne und übliche italienische Namen tragen — nur Shylock nicht! Er trägt als einziger in dem Stück einen ... englischen Namen. Obwohl es damals in England keine Juden gab! Der Dichter hielt es also für notwendig, gerade ihn, den Fremdling, seinem englischen Publikum durch einen sprechenden, d. h. charakterisierenden Namen vorzustellen. Shylock, zweifellos eine Neubildung Shakespeares, heißt etwa — so übersetzt Gustav Landauer — „Scheuloch". Ein wahrhaft abscheulicher Nartic! Aber gerade darum so bezeichnend' und den Unterschied seines Trägers von allen anderen Personen des Stückes aufs schärfste markierend. „Scheuloch" — das ist für den Voreingenommenen eine Mißgeburt und für den Oerechten ein Mißgeschickter. Dem Juden nun, durch seinen Namen und durch sein ebenso deutlich gemachtes Schicksal von den anderen abgesondert als Fremdling, Outsider und — ungebetener — Gast der Handelsstadt Venedig, geschieht bis zur Entführung seiner Tochter das unzweideutigste Unrecht. Die Tochter selbst ist gegen ihn, was besonders unjüdisch ist. Schon daran erweist sich, daß Shakespeare das jüdische Volk nicht kennt oder daß es ihm gar nicht darum zu tun ist, es zu treffen. Nun aber scheint es, daß er es durch die absonderlichste Fabel zu treffen wünscht, die je ein Dramatiker ersonnen und verwendet hat: durch das Bestehen Shylocks auf seinem Schein, nach dem er ein Pfund Fleisch aus dem lebendigen Körper seines Schuldners Bassanio fordern darf. Das soll, sagen die tendenziösen Ausleger, die ganze Grausamkeit der jüdischen Wucherer kennzeichnen, und sie pflegen hinzuzufügen, wie großartig dies dem Genie Shakespares gelungert sei. Indem wir aber dieser Fabel von Shylocks grausamem Bestehen auf seinem Schein zu Leibe rücken, zerstören wir zugleich den letzten Rest der Fabel von Shakespeares antisemitischer Tendenz. Im Jahre 1586 — „Der Kaufmann von Venedig" zum erstenmal 1598 erwähnt — ist zu Rom, wie sich ans Schudt: „Jüd. Merkwürdigkeiten" sowie aus Gregorio Leti: „Das Leben Sixtus V." ergibt, folgendes passiert: Der dingliche Kaufmann Paulo Maria Sechi wettete mit dem Juden Simon Ceneda um 1000 Scudi, daß der berühmte englisch« Admirat Francis Drake den Hafen San Dominico erob rt habe. Der Jude setzte dagegen ein Pfund seines eigenen