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Jüdische Rundschau · 1935-02-26 · Heft 17 (26.2.1935) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 17 (26.2.1935)
Date
1935-02-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Safte 4 uraracwr nurnnrcw*© Nr. 77, 26. II. 1935 Verzerrte Geschichte Die „Volksparale", Düsseldorf, vom 21. 2. berichtet über einen Vortrag von Dr. Johann von Lcers im Düsseldorfer Planetarium über die Juden frage. In dem Bericht heißt es u. a.: ..Nüchtern «ml sachlich' brachte der Redner unendlich viel Material. ,laumim-iutMich belegte, wie all« Völker der Erde an dem ve!bie<*hcri.«chcn Treiben dieses Zwölf-Millionen-Volkes leiden. Kr wies an Hand von stichhaltigen Dokumenten - nach, daß daem/ige Ziel des Judentums die Aufrichtung seiner Weltherrschaft .sowie die Ausbeutung und Zerstörung aller Staaten der Welt i.st." Dr. von Leers gab sodann einen Ueberblick über die jüdische Geschichte seit dem Auszug aus Aegypten, von dem er behauptete, daß sich den Ausziehenden „das verbrecherische Gesindel dieses Landes anschloß und sie Arm in Arm mit ihnen mordend und /erstörend bis nach Palästina zogen." Diesem Zuge stellte der Referent die Völkerwanderung der Oermanen gegenüber, die „mit den jeweiligen Bewohnern verhandelten und nach Arbeit suchten." Es scheint uns, daß die europäische Völkerwanderung; der germanischen Stämme doch ein etwas rauheres Zeitalter darstellte, als es der Referent hier angibt! Von der Zeit der jüdischen Herrschaft in Palästina meint Dr. von Leers, daß die Juden „nur als Oberschicht herrschten und die Urbewohncr knechteten und knebelten und für sich arbeiten ließen.'' Dr. von Leers machte sodann für die Zusammenbrüche aller Reiche von den Römern bis zum alten Deutsehen Reich die Juden verantwortlich und gab anschließend einen Ueherblick über die Geschichte seit der französischen Revolution. Alle Parteien in Deutschland seien von Juden gegründet worden, um ihnen die politische Führung zu geben. Auch der Weltkrieg sei von Juden entfesselt worden, um endgültig die Macht an sie zu bringen. Dr. von Lcers wies abschließend darauf hin, daß „uns unsere judenfeindlichc Haltung im Ausland nicht in dem Umfang geschadet hat, wie es die Emigrantenpresse hinstellt." Die Zeitung fügt diesem Bericht ein Nachwort hinzu, in dem sie u. a. sagt: „Wer,!- (I i <- ■-- c ü internationalen Verbrechern H i f M a , k c v <« ü! (", r; r Ii t g c r i ' s e n w i r d, dann werden alle Vö'ker der I'rdc trei werden, dann auch werden die ein- Palästina in der Presse Die „Mitteldeutsche Z e i t u n g", Erfurt, vom 10, 2. veröffentlicht einen Artikel aus Jerusalem unter der Ueberschrift: „Englisch oder Jüdisch?" Das Blatt weist darauf hin, daß Palästina zu sehr hoher wirtschaftlicher Blüte gelangt ist und wendet sich gegen diejenigen, die eine Krise für Palästina voraussagen, mit dem Argument, daß das englische Großkapital in das Mandatsgebiet Palästinas eindringe. Der Artikel beschäftigt sich in diesem Zusammenhange mit der Entwicklung bei den Werken Shemen, Palestine Potash, Palestine Electric, Nesher, sowie mit den Anleihen an die Stadt Tel-Awiw und die Jewish Agencv. Das Blatt meint, daß man hei der These über das jüdische Palästina nicht übersehen möge, daß das Land „auf dem Wege ist, immer englischer zu Werden". Der „Völkische Beobachte r" München, vom 22. 2. veröffentlicht einen Artikel mit der Ucberschrift: „Musterländchen Palästina." Im Anschluß an Ausführungen in der italienischen Wirtschaftszeitung „Rivista di politica economica" wird behauptet, daß „die eingewanderten Juden den Arabern binnen kurzem mehr als die Hälfte ihres Bodens abgekauft haben, um ihn dann — großteils brachliegen zu lassen, da sie ihn nicht bearbeiten konnten". Weder stimmt der erste Teil dieses Satzes noch auch der zweite. Es wird dann weiterhin gesagt, daß die Araber für ihren Grundbesitz „Bagatellbeträge" erhielten, die längst verbraucht und in jüdische Hände zurückgeflossen seien, so daß unter den Arabern Not und Unzufriedenheit herrsche. Auch das stimmt nicht; im Ciegenteil ist ein erheblicher Prozentsatz des in das Land geströmten jüdischen Kapitals in arabische Hände übergegangen und dort verblieben. Hieraus erklärt sich der wachsende Wohlstand eines Teiles der arabischen Bevölkerung Palästinas. Der Artikel wendet sich sodann dagegen, daß es in Palästina keine Sozialgesetzgebung gibt und begründet dies damit, daß „im jüdischen Staatswörterbuch der Begriff .Sozialgesetzgebung fehlt". Dem Verfasser ist es, wie es scheint, entgangen, daß die M a n d a t s v c r w a 11 u n g es ist, die bisher auf dem Gebiete der Sozialgeset/gebung nur Ungenügendes geleistet hat — was nicht zulct/t auch an den bestehenden objektiven Schwierigkeiten liegen mag - und dal! die Forderung! nach einer Sozialgesetzgebung von jüdischer Seite aus immer dringender geworden ist. Die Krankenversicherung, die in diesem Artikel u. a. als fehlend erwähnt wird, ist von jüdischen Instanzen eingeführt worden. (Anzumerken ist noch, daß in einem der ältesten „Staatswürte rbüchcr", nämlich dem jüdischen Alten Testament, die Grundlagen aus moderner Sozialgesetzgebung gegeben worden sind!) „Landesverrat" Wie uns aus Wahlitz bei Neurode geschrieben wird, Ist an der dorfigen Gemeindetafel folgender Aushang angebracht: „Narhdem fach Tag lur Tag auf, neue erweist, in welch unglaublicher Art lind YVci-e d;u internalioti.de Judentum gegen unser ehrliches Volk und band hetzt und wühlt, um einen neuen Weltkrieg su entfesseln, und wir mich innerhalb unseres- Vaterlandes immer feststellen müssen, daß Partei und deutsche Volksgenossen beiderlei Geschlechts nach w ie vi>r h« im Juden kaufen und Waren beliehen und damit dessen Verbrochen am deutschen Volke auch noch finanziell urttcr»ttitrrn, erklären wir diese Volksgenossen zu Landesverrätern. Wir weiden alle diese Volksgenossen hier in Walditz, ideren Namen uns bekannt sind, bloßstellen und wir werden tic eines Tage> zur Verantwortung ziehen. Der Fahndungsdienst." Wenn die Verfasser dieses Aufrufes die Behauptung aufstellen wollen, daß das Judentum einen neuen Weltkrieg entfesseln will, so werden sie wohl um so weniger Glauben finden, als man häufig genug den Juden übermäßigen Pazifismus vorgeworfen hat. Daß aber ein Verfasser eines solchen Anschlags schlechterdings Volksgenossen zu „Landesverratern" erklärt, ist unseres Erachtens in keiner gesetzlichen oder behördlichen Vorschrift begründet. Landesverrat ist ein »ehr schwerwiegendes Wort und gerade, weil wir es sehr ernst nehmen, glauben wir, daß man damit nicht so leichthin umgehen sollte. _ Der „Hechaluz" teilt mit: Unter unseren Chawerim In der Ausbildung im In- und Ausland besteht ein starkes Bedürfnis nach zionistischer Literatur. Da die wirtschaftlichen Bedingungen es nicht ermöglichen, die erforderlichen Bücher jeweils anzuschaffen, wenden wir uns an alle zionistischen Kreise mit der Bitte, entbehrliche zionistische Schriften (Dubletten und Ähnliches) uns zuzustellen. Kulturabteilung des Hechaluz. Berlin W 15, Meinekestr. 10. Tel.: Bismarck 7165. lelnea Start** m einer VrntänHigangf Ober strittige Probleme kommen, dem» niemand anders als das Judentum hat Interesse an kriegerischen Auieinandersetmngen." Es scheint uns, daß mit dieser Geschichtsauffassung eine Diskussion nicht möglich ist. Man beschuldigt uns Juden sehr oft des Pazifismus und der unkriegerischen Oesinnung. Auf der andern Seite wird das Judentum als Ursache der Kriege bezeichnet. Weder das eine noch das andere trifft zu. Eines ist aber gewiß: das jüdische Volk als solches, das über die ganze Welt, über alle Völker und Staaten zerstreut lebt, ist in einem Grade an der Erhaltung des Friedens interessiert wie sonst kaum ein Volk in der weit, da es in jedem Falle unter den Nöten des Krieges selbst zu leiden hat. Ein phantastisches Geschichtsbild Die „Königswustcrhauscner Zeitung" vom 22. Februar berichtete über einen Vortrag des Pg. Nadolle in Zernsdorf, der sich u. a. mit der Judenfrage beschäftigte. Nach dem Bericht führte der Redner u. a. aus: „Daß mit dem Tode Goethes das sogenannte jüdische Zeitalter beginnt. Goethes Stellungnahme zum kulturellen und moralischen Einfluß des Judentums auf unser Volk, darob er oft in fast sieh zum Wahnsinn steigernde Empörung gerät, lassen erkennen, daß die jüdische Gefahr nie unterschätzt worden ist, leider aber nicht nennenswert bekämpft wurde. Ging doch der Hochmut der jüdischen Rasse so weit, daß Ende des 18. Jahrhunderts der freisinnige Philosoph Philo (!! Red.) sich erdreistete, zu sagen: ,N'ur Israeliten sind Menschen!'... Die Zerstörung Karthagos und, 70 n. Chr., die Zerstörung Jerusalems beweisen es, daß damals schon die jüdische Gefahr von der nordisch-arischen Ras-e mit Stumpf und Stiel beseitigt werden sollte. Zwei Wege, ging damals das flüchtende Judentum: im Süden über die Inseln und am Mittelmcer entlang, und im Norden über Rußland: letzterer beglückte uns mit seinen typischen Vertretern, langen Kaftan und Zwirn, bis nach dein Kriege..." Wo bleibt da die Geschichte? Händel und das Alte Testament Bei der Händel-Gedenkfeier in Halle hielt Reichsleiter Altred Rosenberg die Festrede, worin er auch Handels Beziehung zum Alten Testament besprach. Von einer früheren „süßlich-romantischen Epoche" ausgehend, sagte der Redner (nach dem Text des „Volk. Beob."): „In weitesten Kreisen des deutschen Volkes lebte nämlich Händel nur als ein Begriff schwächlicher, frömmelnder Musik oder gar als Deuter altteata in entlieh er Gesinnung. Man vergifit über einzelne immer wäeder dargestellte sakrale Werke das gigantische Ausmaß dieses schöpferischen Gestaltens, all der glänzenden Opern und all seiner mächtigen Instrumentalwerke." Es heißt dann weiter, Händel habe sich in seiner Welt umgesehen, „um für seine kämpferischen Melodien ein Wortgehalt zu finden" und er „wählte schließlich in Ermangelung großer Vorwürfe alttcstamentliche Stoffe". Es muß — so sagte der Redner - - „für diesen Gestalter der Tone .schwer gewesen sein, Texte aus den Händen Zweitrangiger entgegennehmen zu müssen und einen Gehalt mit Namen benannt zu sehen, die wenig der Art seines Wesens entsprachen. Der Messias des Judentums und der Messias Georg Friedrich Handels haben innerlich letztlich nichts miteinander gemeinsam, was wohl schon seine Zeit empfand, die ihn öfters den großen Heiden nannte." Wir Juden verehren, ebenso wie die ganze Kulturmenschheit, das Genie Georg Friedrich Händeis, das so groß war, daß er sich sogar an den größten Gegenstand, die Bibel, heranwagen durfte. Er war nicht der erste und wird nicht der letzte sein unter den Künstlern aller Nationen, die ihre Inspiration aus dem ewigen Buch geschöpft haben. In der Zeitschrift „Jugend und Recht", Organ der Reichsgruppe Jungjuristen des Bundes Nationalsozialistischer Deutscher Juristen und der Reichsfachgruppe Rechtswissenschaft der Deutschen Studentenschaft vom 15. Februar findet sich ein Artikel; „Juden in der Wirtschaft", in dem es u.a. heißt: „Man muß zwischen Anerkennung und Tolerant unterscheiden können; und innerhalb der Toleranz muß man Grade der Toleranz Unterscheiden können. Heute läßt sich hier und da beobachten, daß ein gewisser Grad von Toleranz, welchen der nationalsozialistische Staat aus Gründen, die hier keine nähere Erörterung verdienen, gegenüber »Jem Judentum an den Tag legt, als Anerkennung gedeutet wird. 2 Besonders im Bereiche der Wirtschaft glaubt sich I mancherorts der Jude auf einem Gebiete zu befinden, aus dem die Grundsätze des völkischen Staates verbannt und dem Judentum zwar nicht (wie früher) Vorrechte, aber immerhin gleiche Rechte (Gleichberechtigung) eingeräumt seien.... Die Wirt- Schaft ist kein weltanschauungsfreies Gebiet, auf dem der Jude alle Voriüge der Neutralität tu genießen hat und auf dem es keine Rasse n unterteil i e d e gibt Sonst wünle der Vorrang des Politischen und die Totalität unserer Weltanschauung verkannt, aus der folgt, daß die Wirtschaft nur ein Hilfsmittel des Staates zur Erhaltung der Rasse (aber nicht der jüdischen!) ist. ... Eine Wirtschaft, die politisch neutral und in Her das Judentum gleichberechtigt ist, igt als Hilfimittel zur Erreichung eines völkischen Staate! nicht denkbar . . ."I In derselben Nummer der Zeitschrift veröffentlicht Hubertus Bung unter dem Titel „Nationalsozialistische Rechtsprechung und Judentum" einen Aufsatz, worin u. a. gesagt wird: „Wie der Satt, daß erlaubt sei, wa» nicht .rechtlich' verboten ist, In Her Praxig nicht dem anstandigen Volksgenosten, sondern dem ■Verbrecher tugute kommt — dem Verbrecher, der sieh auf das Gesetz, mit dem er ,in Konflikt' geraten ist, als auf »eine Magna Charta bereit —, so erleben wir heute, daß der Jude seine (Gleichberechtigung' überall dort M proklamieren »ucht, wo ihm nicht .das Gesetz' die Gleichberechtigung genommen hat. Nichts ist falscher all das. Wir .sagen, daß Weltanschauung und Recht ein» i«ien; wir kennen einen Gegensatz twischen Gesetz und Sittlichkeit, twischer. Recht Und Politik nicht. Unsere nationalsorisiistische Weltanschauung ist die Grundlage tür all« .Vermutungen' in der Recbtsprtxis, für Ver- Richard Lichtheim Fünfziger Fn diesen Tagen beging Richard Licht heim m l>a. lästina seinen 50. Geburtstag. Lichtlteim, aus assimilierten Kreisen hervorgegangen, ist mit der Geschichte des deutschen Zionismus eng verbunden und hat darüber hinaus in der Welt, bewegung wiederholt an exponierter Stelle gewirkt. Vor dem Kriege war Lichtheim eine Zeitlang Redakteur des zionfeti. sehen Zentralorgans „Die Welt", das damals in Berlin er. schien. Später wurde er mit politischen Aufgaben betraut wurde Vertreter der Exekutive in Konstantinopel, als Mitarbeiter des verstorbenen Victor Jacobson, und hat insbeson. dere während des Krieges in Konstantinopel die Interessen der palästinensischen Juden erfolgreich betreut, wobei er mit den deutschen und (vor Amerikas Eintritt in den Krieg) mit den amerikanischen Vertretungen eng zusammenarbeitete. Nach dem Kriege war Lichtheim eine Zeitlang (1921—1923) Mitglied der Zionistischen Exekutive in London; nach seinem Ausscheiden aus der Exekutive geriet er in immer schärfere Oppositionsstellung zu der damals von Dr. Weizmann ge. leiteten Politik und schloß sich schließlich dem Revi. sionismus an. Innerhalb der revisionistischen Union ver. suchte er mit wechselndem Glück seine politischen Anschauungen durchzusetzen, bis es schließlich im Jahre 1932 zum Bruch zwischen ihm und Jabotinsky kam. Lichtheim verlieh" mit einigen anderen führenden Revisionisten die revisionistische Partei und beteiligte sich an der Gründung einer neuen Partei, der sogenannten „Judenstaatspartei", die zwar in wichtigen Punkten dieselbe politische Meinung vertritt wie die Revisionisten, aber gegen die separatistischen Aktionen Jabotinskys und gegen eine Spaltung der zionistischen Bewegung ist. Lichtheim hat sich um die Verbreitung des Zionismus in Deutschland große Verdienste erworben. Seine 1911 ge. schriebene Broschüre „Das Programm des Zionismus" war lange Zeit die repräsentative zionistische Propagandaschrift Mit vielen deutschen Zionisten verbinden ihn Frcundschafls. bezichungen. Auch den alten Lesern der „Jüdischen Rund, schau" ist Lichtheini kein Fremder; wir haben an dieser Stelle häufig Arbeiten von ihm veröffentlicht, freilich auch häufig mit ihm die Klinge zu kreuzen gehabt. Wenn auch die Entwicklung dazu geführt hat, daß die Anschauungen Lichtheims etwa seit 1923 nicht mehr von der Mehrheit der deutsehen Zionisten geteilt wurden und wenn wir auch in den letzten Jahren manche scharfe Meinungsverschiedenheit mit ihm hatten, so hat doch die Gesamtheit der deutschen Zionisten nie verkannt oder vergessen, daß hier ein Mann von echter zionistischer Gesinnung, von großen zionistischen Ver. diensten, ein Pionier des zionistischen Gedankens in Deutschland ist. Ueber die politischen Kontroversen des Tages hinaus mag der persönliche Anlaß dieses Geburtstages eine Gelegenheit sein, dies zum Ausdruck zu bringen und die herzliehen Glückwünsche der deutschen Zionisten anzuschließen. Widerruf einer Kündigung: Eine Firma, die aus nichtarischen in arische Hände übergegangen war, beschäftigte unter fünfundsechzig Angestellten als einzigen auch einen jüdischen Angestellten weiter. Einige Monate später kündigte sie ihm, ' weil durch seine Weiterbeschäftigung der arische Charakter der Firma in Frage gestellt werde. Das Arbeitsgericht Hanau entschied auf die Klage d« Angestellten, daß die Kündigung unbillig b aj\ und also zu widerrufen sei. Die Firma habe bis zur Kündigung an der Abstammung des Klägers keinen AnstoK genommen und auch das kaufende Publikum habe dies nicht getan, denn der Umsatz in der Abteilung des Klägers sei gestiegen. Auch die Zusammenarbeit mit den Inhabern der Firma sei einwandfrei gewesen. Der Kläger sei überdies Frontkämpfer und dies sei, wie aus dem Beispiel der nichtarischen beamteten Frontkämpfer hervorgehe, besonders zu berücksichtigen. Er sei verheiratet, habe ein Kind, und schließlich sei auch zu bedenken, daß er als älterer nicht-' arischer Angestellter nur sehr schwer eine neue, seinem seitherigen Einkommen entsprechende Stelle werde finden können. muttmgrn, die mit dem Siege der Bewegung von selbst an die Stell« leerer Fiktionen getreten sind. Eine dieser Vermutungen ist die, weih'! .sieh auf Punkt 4 des Parteiprogramms gründet und besagt, daß ein Jude nicht Volksgenosse und damit auch niemals deutschen Volksgenossen gleichberechtigt sein kann. .Das heißt also: Die Vermutung spricht stets gegen die Gleichberechtigung der Juden. Oder: Die Gleichberechtigung muß durch Gesetz ausdrücklich begründet sein, nicht "aber bedarf es des Gesetze», um die Gleichberechtigung der Juden auszuschließen. Um jedem Mißverständnis vorzubeugen, muß hierbei noch angemerkt werden, daß eine echt« Gleichberechtigung zwischen Deutschen und Juden Uberhaupt nicht, also, auch nicht durch Gesetz, hergestellt werden kann; es kann sich immer nur um eine mehr od«! weniger umfangreiche Glekhbehamllung handeln, die. jedoch niemals den Unterschied zwischen Artgenossen und Artfremden verwischen darf. Eine nationalsozialistische R c c h t s p rcch'nn g Hat von bliesen grundlegenden Unterscheidungen auszugehen. Entscheidungen, die bei der Auslegung der Gesetze die im Parteiprogramm niedergelegten Grundsätze der nationalsozialistischen Weltanschauung unberücksichtigt lassen, widerstreiten dem Geiste des neuen Rechts." Die in den hier zitierten zwei Aufsätzen ausgedrückte Rechtsauffassung ist die p r i v a t e An s c h a u u n g der Verfasser, und wir wissen nicht, ob maßgebliche Organisationen diese Anschauungen teilen. Von uns aus jedoch müssen wir sagen — und dies ist unseres Wissens auch die Auffassung der maßgeblichen Behörden und der Gerichte — > daß aus der Tatsache der nationalsozialistischen Nichtarier- Gesetzgebung unseres Erachtens das Gegenteil zu folfern ist. Da der Staat den Juden auf bestimmten G eteten Rechte entzogen hat, so ist daraus zu folgern, daß dort, wo diese Rechtsentziehung nicht geschehen ist, den Juden Ihre bisherigen Rechte verblieben sind. Die Vermutung spricht also dort, wo nicht aus' drücklich das Gegenteil verfügt ist, f»r Rechtsgleichheit Auf dem Gebiete der Wirtschaft ist durch den Reichsinnenminister ausdrücklich gesagt worden, daß auf dem Gebiet der freien Wirtschaft der Arierparagraph keine Geltung hat, so daß also die in der Zeitschrift „Jugend und Recht" hierüber ausgesprochene M"' ming Im Widerspruch zu deT authentischen Interpretation des Gesetzgebers steht. Um die Gleichberechtigung Spricht im Zweifelsfall die Vermutung" gegen Gleichberechtigung?

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