Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 16 (22.2.1935)
- Date
- 1935-02-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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mm JODISCHE RUNDSCHAU Literatnr- Blatt NR. 16, 22. FEBRUAR 1935 Klatzkins Philosophie T^rirrl^inrl ül« AllQt*VwäVilff^GVnllc*4 Bemerkungen zu dem neuen Werk von Jikob KlMs-kl«, X-JJ.l.l£ -lCVlM.W dl» mAUSvI?▼ Olli T VFJ-JV nur FtkAnnlnl.trtnh ala I nKAIItnnfl TnriMBrlniln. Bemerkungen zu dem neuen Werk von Jikob KlMuklit, Der Erkenntnistrieb als Lebens- und Todeiprinilp, Verlag Rascher & Co., A.-O., Zürich 1935. Von Ludwig Feuchtwange* Jakob Klatskin ist den Lesern dieser Zeltung kein (/«bekannter. Sein Buch „Probleme des modernen Judentums" fct kein philosophisches Buch, es gehört eher der politischen Painphletliteratur an. Klatzkin ist Herausgeber der „Encyclo* paedia Judaica" und eines vierbändigen hebräischen Wörterbuches der Philosophie. Werke über Spinoza und Hermann Cohen, eine hebräische Ucbersetzung von Spinozas „Ethik" sowie einige Blinde philosophischer Versuche in hebräischer Sprache, abgesehen von seinem publizistischen Wirken in hebräischer und deutscher Sprache, vervollständigen das Bild eines Denkers, dessen systematische Schulung nie der Eigenwiiligkcit und^ Wandlungsfähigkeit seines Denkens Abbruch tun konnte. Seine Starke liegt in der antithesenreichen, scharf geschliffenen, zugespitzten Aphoristik, trotz der Schule Kants und Hermann Cohens. Und auch die systematische gedankliche Geschlossenheit seiner neuesten „Metaphysik der Triebe" kann über die wahre Begabung dieses beweglichen, witzigen vom GeistesgUt des Ostens und Westens gleichmäßig gespeisten Köples kaum hinwegtäuschen. Das neueste Werk Klatzkins gewinnt seine Ergebnisse in einer systematischen (biophllosophlschen) Untersuchung des Bewußtseinsygteins und in einer (erkennüiistheofetisch-anthröpologisehen) Trlcblehre. Der zuletzt erreichte Ausblick, also das Endergebnis, wendet sich gegen die Ankläger de» Geistes als Widersacher der Seele und gegen die Küuder des Untergangs wie überhaupt ge.i.cu die Messung des Vitalen, gegen die These voll der Lebensentwurzelung durch die ratio; der Denktrieb sei selbst iebensweckeud und lebensgestaltend In das System des Vitalen eingespannt und Wirke sich als appetitus contra appetitum aus, „Anscheinend will die Ratio dem Leben, es erhöhend, das Nichtige nehmen; aber nimmt tnan dem Leben alles Nichtige, so wird es nichtig.'' Mit der Enträtselung des Daseins, der Entgottung der Welt stellt sich nach Ueberwlndung der Vitalen Angst Vor dem Sein eine Angst vor Leere und Nichtigkeit ein: die Angst des Freiseins'. Nach einem Maximum der Erkenntnis und „Entwesung der UinWelt", der Weltoffenheit Und Bezwingung des äußeren und inneren Uebermalies bleibt es Schicksal des höheren Lebens, den heroischen Erkenntiiistod zu sterben. Der Wahrheitsgehalt dieses „Resultats" ist cbeiisö gro» und ebenso klein Wie die umgekehrte „Erkenntnis" Von der Erkrankung der Erde am Geist, von der Technisierung Und Mechanisierung des Lebeiis und von der dadurch hervorgerufe» neu Verkürzung der schöpferischen naiven Lebenstriebe, von der Erschöpfung Wesensschauendeit Seeleiitlilns. Viel wichtiger und fruchtbarer ist der Weg, auf de«! Klatskin zu «einer heroisch-epikurüischen Leben sphilosopliie fortschreitet. Der AtifbaUplah der dfel Bewutitscinsehlchteii, vor allem die Demonstration der doppelten Funktion des Denkens im Bewußtseirtsystem (als pragmatischer Verstand Und als Vernunft) ist für sich eine wissenschaftliche Leistung Von Ratig: die Schule Kants und Hermann Cohens durchschreitend, nach Ablehnung der Lebensplillosophie Bergsons lind der „ökonomischen" Erkenntnistheorie des Pragmatismus gelangt Klatzkin zu einer neuen Einsicht von def Naftir» Beschaffenheit des Denkens im AüfbäU des Bewußtseins, Dieses stellt sich als besonderes Mittel der Lebenserhaltung und gleichzeitig der Brechung der Vitalitat heraus j die Dienst» Ifisfung des Denkens ist als Verstand positiv) er ordnet die Sinnesdata und begutachtet sie, er beherrscht sie -Schließlich Und tritt als ihr Widersacher auf. Als Vernunft Und zer* legende Analyse ist das Denken gegen das Sein MBfifatlr, In dem Kapitel „Neinung (sie!) des Seins" wird uns eine Geschichte der Erkenntnistheorien geboten, die in eine Er* ichütterung der ».Religion der Vernunft" ausmündet. imieni Klatzkin neben dem Erkennen das Begeh reu al* ursprunghafte Funktion im BeWußtseirtssystem erkennt und davon für seine grundlegende Einteilung der Begiehrungs» Vorgänge ausgeht, besehreitet er tfot/ der Anerkennung der Kantlschen neuen Dcnkkriiik eigene Wege. In der Systematik des Begehrens nehmen Trieb, Wille und der Begehrens* Vorgang leibst als eigenartige Mischung von Lust und Un* lüst einen besonderen Platz ein. Wie dann weiter die Er« knirttrtistätigkeit in das biologische Begehrens- und Trieb» System eingebaut wird, gehört zu den kühnsten Konstruk« tionen der Klatzkiitschen Lebensphilosophie, Die immer latente Wozu-Frage der wertvereitelnden Denkoperation hindert nicht, daß das Begehren schöpferisch, fUtiktiöhsluifig Ist, daß insbesondere das Triebleben kein Streben nach Stillstand, son* dem nach Wachstum und Entfaltung, nach Zunahme und Verlängerung, «ach Mehr-Leben und Fort-Leben Ist. Aber: Will man Moral züchten, So muß man zuerst das Triebleben Schwächen, Für die Höchstleistungen der Denktätigkeit Irrt Riehe des Appetitus, erst recht für alle Wertprodukte tt«r Moral gilt die Zuordnung zu irgendeinem Begehr und Luit» nioment. Die Moral also eine Entwicklungsgröße des Vitalen! „Die Moral wächst Und gedeiht In eiher Zweischicht, zieht ihre Nahrung aus den warmen Säften des Appetitus durch die eisigen Kanäle der Ratio; ihr stolzes Gebäude kann sie nur aus dionysischen Elementen durch apollinische Kraft zim. nieni." „Was Ist Güte, Milde, wann wird sie Möglich? Sie ist Verdünnung und Verflüchtigung aller Begehrensintensitiit, Ist nur möglich in einer geschwächten Vitalität, in Ermattung des Lebettsstrorncs." Die Ratio ist In das vitale System eingegliedert, selbst ein Trieb, der Mächtigste aller Trieb«, In der Erkenntnistheorie bleibt es also im ganzen bei Knut, im der Willens- und Triebtheorie wird Kant von Freud ver- «rängt, — Der Uebcrwindungsmöglichkeit der Ratio frtt Aesthetl» sehen widmet Klatzkin eine zentrale Untersuchung, Gibt es eine BeWUitselrtsschicht, die, von der Despotie der Ratio erlöst, dem Leben eine Zuflucht Und Irrationale ClestaltitngsniöelicJtkeit zu bieten Vermag? Das Schallen, der" ästhetische Herirk, die ästhetische Lust ist in der Tat Lust am Sein und Dasein schlechthin. In der ästhetischen Schicht oder RewuBtseinslage scheint die Ratio überwunden; liier offenbart sich endlich eine Flucht, eine EtttMlcktiftg vor der Zweckjägd. Aber das In Itrttif logischem Fortschreiten p«. wotmene Resultat ist doch, dal! Stich das Schällen die Was- und Wozu-Frage nicht zum dauernden Schweigen brinteti und dem Leben In ästhetischer Billigung «Ine dauernde Zufluchtsstätte bieten kärth, Das bedeutet den unaufhaltsamen SicgeszUg der Ratio I Auf diesem Weg Wird die Möglichkeit fiif der) VeffMser gewonnen, seine Metaphysik der Triebe im SchluBkapitel fu geben, das jene! oben Wiedtffeftben® „Resultat" Vom Schicksal de» höheren Lebens, den heroischen Erkenntnistod zu sterben, rtiitenthSIt. Wir müssen es uns ttt dlMtft BUtttffl WMfefl, ekle fachphilosophtsche Kritik der HjuptpuMw« Klankifl« m Hermann Oncken: Cromwell. Vier Essays über die Führung einer Nation. (G. Grote-Verlag, Berlin.) Um Geheimrat Oncken, den Historiker der Berliner Universität, hat Bich in letzter Zeit eine heftige Kontroverse entsponnen. Oncken hat in einem Vortrag au der Berliner Universität „Wandlungen des Geschichtsbildes in revolutionären Epochen" eine Rückschau über die Geschichtsauffassungen vergangener Zeiten geworfen und gezeigt, wie in Zeiten entscheidenden Umbruchs, z. B. der Reformation, der englischen und französischen Revolution, und zuletzt auch in Deutschland, zugleich mit der Weltanschauung das gesamte Geschichtsbild sich tiefgehend ändert. Gerade hierin offenbart sich die Aufwühlung des gesamten nationalen Lebens, da die bis dahin tragenden und formenden Geschichtskräfte von der siegreichen revolutionären Schicht abgelehnt und durch andere ersetzt werden. So Z. B. sei in der englischen Revolution des 17. Jahrhunderts eine Gegnerschaft gegen die normannische Komponente des englischen Volkes zugunsten der angelsächsischen Komponente ausgebrochen. Es habe geradezu einen „Arttinormannismus" gegeben, der dazu führte, daß jede mißliebige Institution, auch solche, die gar nichts mit den Nor« mannen zu tun habe, als „normannischen" Ursprungs diffamiert wurde. (Dieser Hinweis ist für uns Juden deswegen interessant, weil wir im Verlaufe der Geschichte oft genug erlebt haben, daß bei weltanschaulichen Kämpfen mißliebige Gedanken oder Institutionen als „jüdisch" bezeichnet wurden.) Oncken hatte am Schluß seines Vortrags davon gesprochen, daß auch die Impulse der Gegenwart auf die Historie übergreifen, „Sie haben ihre Bedeutimg und ihren Wert — insofern hat die Wissenschaft steh ihnen nicht zu entziehen, sondern sie aufzunehmen und nachzuprüfen. Aber diese Impulse haben auch ihr Vergängliches, ihre Grenzen in sich selber, und die fortschreitende Wissenschaft wird nie müde werden, diese Grenzen zu ermitteln." Dieser Satz, der von der Pflicht der Wissenschaft zur „Objektivität" sprach, wurde von einigen Zeitungen, insbesondere von der „Frankfurter Zeitung", aufgegriffen, Als Antwort hat nun der ^Völkische Beobachter" m seiner Ausgabe vom 3. '4. Februar eine umfangreiche Studie Von Walter Frank, dein bekannten nationalsozialistischen Historiker, unter der Ueberschrift „L'lncorriiptlble" veröffentlicht. Dieser Aufsatz sucht nachzuweisen, daß die wissenschaftliche Objektivität, von der Oncken spricht, nichts anderes sei als ein Selbstbetrug. Oncken selbst habe stets seine Meinung gewechselt, je nach der herrschenden politischen Meinung; das wird an verschiedenen Beispielen aus Onckens Werken und Reden belegt. Zum Schluß beschäftigt sich dann Walter Frank auch mit dem letzten Buch Onckens über Cromwell, das in einer Verlägsreklamc direkt mit der Gegenwart in Verbindung gebracht würde, Aus diesem Grunde werden eine Reihe von Steilen des Buches, hinter denen aktuelle politische Anspielungen vermutet werden, von Frank schart zurückgewiesen. Diese Polemik hat dann in der „Frankfurter Zeitung" und im „Völkischen Beobachter" noch weitere Aeußeriingen nach sich gezogen . In der Tat ist das Thema, das Prof. Oncken sich für sein Buch gewählt hat, etwas delikat, da in einer Epoche europäischer Geschichte, wo Führergcstalten mit diktatorischer Ge» walt, Wie Cromwell eine war, wieder auftreten, es naheliegt, Analogien zü ziehen, Solche Analogien sind aber gewiß niemals Vollkommen, da nicht nur die objektiven Umstände, sondern auch die psychologischen Grundkräfte und die jeweils einer Zeit eigene Geisteshaltuhg scharf Von einander abweichen. Man kann eine Epoche der Geschichte irt ihre? Allgemein» fülilgkeit, aber auch in ihrer Einmaligkeit betrachten, Uns U d e n interessiert der von Prof. Oncken in seinem Buch beschriebene Abschnitt der englischen Geschichte vor allem darum, weil der für jene Zeit besonders charakteristische Zusammenklang von religiösem und politischem Denken und Fühlen in der Ausbildung der englischen Mentalität bis auf den heutigen Tag nachwirkt. Dies erklärt aber zum große« Teil auch die Haltung des englischen Volkes gegenüber der Judenfrage. Die Tatsache, daß C r o in w c I i es war, der die Juden wieder nach England zurückrief und ihnen die Ansiedlung gestattete, wird in Onckens Buch nicht erwähnt. Aber es wird dargestellt, wie die enge Verbundenheit mit dem Alten Testament und mit der jüdischen Geschichte aus der englischen Revolution nicht wegzudenken ist. „Die englische Nation, soweit sie unter seiner Führung im Kampfe stand, betrachtete sich als das auser wählte Volk Gottes und übertrug die Sprache des Alten T e s t a m ents auf sich selber und seine Mission." Demi Cromwell war nach Oncken jiicht der Heuchler, als der er manchmal dargestellt wurde, sondern „ein Religiöser, der in den Propheten und Psalmen des Alten Testaments lebte." Die Radikalität des Bibelwortes, buchstäblich verstanden, gelangte in dieser eigenartigen Revolution zum Durchbruch. In Analogie zu den Propheten des Alten Testaments, die als Einzelne aus dem Volk zur Führung berufen wurden, empfand Cromwell seine Mission, die ihn zur Uebemahme der Verantwortung für sein Volk, das sich Gott verbunden weiß, berechtigte. Das englische Nationalgefühl wird aus religiösen Wurzeln gespeist. Das englische Volk wird als der unmittelbare Nachfolger des jüdischen Volkes des Alten Testaments angesehen. Wir finden häufig In den Reden und Kundgebungen Cromwells die Uebemahme biblischer Wendungen, sowie Hinweise auf biblische Ereignisse, die dann ohne weiteres auf die Gegenwart übertragen werden. Cromwell erklärt z. Ii. einmal, daß die Erlebnisse, die hinter ihm liegen, nur eine einzige Parallele kennen, nämlich die, wie Gott sein Volk Israel durch die Wüste geführt habe. Das alles, so betont Oncken, Ist nicht etwa rednerische Ausschmückung, sondern unmittelbar« lebendige Erfahrung. Cromwell hat jedoch einer schwärmerischen, die Gegebenheiten der realen Gegenwart ignorierenden religiösen Bewegung Widerstand entgegengesetzt und War sich bewußt, daß Religion und nationale Wohlfahrt vereinigt werden müssen, denn beide seien „Anliegen Gottes". Der damals im englischen Nationalismus hervorgetretene Anspruch auf Atiserwähltheit erscheint uns heute, wie Onckeh Weint, Völlig fremd. „Der Nationalismus religiöser Prägung hat in der gegenwärtigen Welt keinen Platz mehr." Trotzdem «Ich eine Säkularisierung vollzogen habe, treten jedoch auch heute die Motive und Triebkräfte des Nationalismus „mit anderen und nicht geringeren Ansprüchen auf Absohtthelt" auf. Gerade im englischen Volk, das wird man freilich hinzufügen müssen, Ist heute ein Nationalismus dieser Art unbekannt, da, ausgehend von dem Toleratizprinzip, das ja schon Cromwell aufgestellt hat, gerade das englische Nationalgefühl sich mit einem starken Gefühl für individuelle Freiheit Verschmolzen hat. Die Bindung an die Welt des Alten Testaments Ist aber In England bis zum heutigen Tag lebendig geblieben Und auch in manchen modernen Kundgebungen englischer Persönlichkeiten deutlich zum Ausdruck gekommen. Schon aus diesem Grunde werden Onckens Studien über die entscheidende Phase der englischen Nationsbildung auch für viele von urtR, die Englands Verhältnis zur Jiidenfrage beobachten, von hohem Interesse sein. gcbffl, so nahe t» liegt, seilt! Trieb- und flffwiifttitinslfhre mit der ,,biozerttrisch«!" Metaphysik de* Hauptwerkes vdTt Klag es „Der Geist als Widersacher der Seele" eu vef* gleichen. Hier ist etwas anderes vordringlicher: Die neue syste» matlBchc Philosophie Klatzkins „Der Erkenntnistrieb als Lebens- und Todesprinzip" ist der Schlüssel für Klatzkins Judentümsauffassung in seinem Buch „Probleme des moderften Judefittims" (3. Aufl. bei Lambert Schneider 1930). Klatskin begründet in diesem radikalen Pamphlet seine Auffassung eine* rein formalen, kompromißlos materialistischen Nationalismus, der das Gallith leidenschaftlich Verneint und rtuf Land und Sprache, jenseits von religiöser oder sonstiger rationaler Sinngebung, gelten läßt Die Rolle des „Religiösen" Wird in dem System Klatzkins — als seine denknotWertdige Folge konsequent utid ehrlich beim Namen genannt', es findet seinen Platz bezeichnenderweise bei der Beschreibung einiger Gattungen und Typen im Bezirke des Unbewußten. Zu den fremden, aber ausgefahrenen Ausdrucksformen, unter die sich oft flüchtig bewußte ttncl normal verdrängte Be* W'ußtseinsiiihalte verstecken, gehören HacH Klatskin dlejtml* gen. „welche einen großen umfang von Vieldeutigkeit, eine Welte Peripherie des clair-ohscur, des Labilen und Schwankend«!, eine starke Elastizität der Auslegung tmd somit eine Jrröße Aufnahmefähigkeit für heterogene Inhalte besitzen." •,Es ist der historisch-biotlsche Vorzug der vorrätigen und Sozusagen gebrauchsfähig fertigstellenden religiösen Ausdrucksformen, daß sie in ihrer großen Sphäre des Nebligen, in ihrer Elastizität einer Vieldeutigkeit und einer Vielaus* deutbarkeit, einen gittert Boden für Parasiten des Bewußtseins abgeben; sie sind dazu atigetan, den heimlichen Bedürfnissen de« Unbewußten ... eiiie gewisse Befriedigung, dem Druck des Unterdrückten eine gewisse Entlastung durch inadäquate Ausdrucke tu bieten." „Gar manche verdrängte Gefühle, verschüttete Sehnsüchte, unterdrückte Leidenschaften finden einen besänftigenden Ausdruck in Gebdsformett, die nicht für sie geprägt wurden und ihnen inhaltlich flicht entsprechen." Klatzkirt erörtert „die Lebenslist solcher Inadäquation" und die Entstehung psychischer Pseudomorphosen, die sich in der Entwicklung vieler Rcliglonsformefi zeigen". Unbewußte Vorgänge schlüpfen in Vorrätige Ausdnicksfofmert fremder Inhalte, Werden so zu anonymen Machtinstanzen von Vor« Stellungen, Gefühlen, Wallungen und Handlungen. „Es ist darum eine der; Sendungen des schöpferischen Geistes, in die Abgründe hinabzusteigen und Lebensinhalte von Ausdrucksverimingen zu befreien." Die Erklärung: def Reil« ginnen und des Religiösen Ist ohne Zweifel in der Trieblehre Klit*kln§ das am wenigsten selbständige Kapitel, Verdrängung? und Verschleierung als Selbsterhaltungsmittel des Lebens und Torwächters des Bewußtseins, diese Automatik Ist Uns von glänzenden Seelenfcchnikcrn immer Wieder gezeigt worden. Und auch der Tenori „Die Kunst der Verschleierung ist insbesondere der Religion wesenhaft »igen", findet bis heute in den heterogensten Gruppen ufld Köpfen der Welt Wider* hall und Beifall. Die Religion als Lebenslist mit der biologischen Funktion, lebensstörende Erkenntnisse einzuschläfern oder zu verschleiern,;,lebeusschiitzende Narkotika und Masken gleichsam als organisches Gegengift zur Entkräftung des nicht minder organischen Giftes zu erzeugen", ob diese biologisch-materialistische Erklärung der Religion (einschließlich des rationalen Kultur- und Moralidealisitius) bei Klatzkin auf der Höhe seiner Bcwußtseins*ystemaiik und Erkctinthis» theorie steht, Soll hier unerörtert bleiben. Die Abschnitte über Entstellung Und Existenz, der Religion gehören jedenfalls ZU den Wesentlichen Aufschlüssln der Persönlichkeit und deS Schaffens Jakob Klatzkins, für die Wesenserkeniiirtis der Religion und des Religiösen ist die „Trlcblehre" schlecht* hin untauglich; sie geht an den historischen Verstehend* ßroblemen ebenso ahnungslos vorüber, wie ihr vollmetisch* che* wirkliches Seelentum verschlossen ist. Zu Höndels 250. Geburtstag Romain Rolland: Das Leben G. F. Händeis. Kotapfd-Verlaf, Zürich. Georg Friedrich H fl n d e I, der große Musiker, dessen 290. Geburtstag jetzt gefeiert wird, ist, abgesehen von der Verehrung, die diesem Meister von allen musikalisch bewerten Menschen, darunter auch Juden, entgegengebracht wird, für uns Juden von speziellem Interesse, weil kaum «in Musiker so wie er von der Bibel, tmd zwar insbesondere vom Alten Testament, inspiriert worden ist. In dieser Hinsicht hat Händel, dieser deutsche Meister, eine Wahlvft* wniultschaft ztim englischen Geist,, Wie denn auch England seine zweite Heimat Wurde. Es ist nicht unsere Sache, an dieser Stelle die Bedeutung Händeis für die Musikgeschichte Zü Würdigen. Es genüge der Hinweis auf einige seiner wichtigsten Oratorien, die den Titel führen „Israel in Aegypten"", „Samson", „Sau!", „Salomen", „Jostia" usw. lieber die vom Kulturbund in Berlin zu seinen Ehren veranstaltete Vorführung von „Belsazar" haben wir berichtet. Vor einiger Zeit ver» offerttlichten Wif auch einen Bericht aus Prag über die dortige Aufführung des Oratoriums „Josua" in einer opcrnähnlkhen Ausstattung, die das biblisch-jüdische Milieu darzustellen ver* suchte. Das Oratorium „Judas MaCcabiitis" ist eine liin* reißende Verherrlichung, des Freiheitskampfes des jüdlschln Volkes, der zugleich ein Kampf für seinen Gott und seine höchsten Ideale War. Romain Rolland, der schon durch frühere Biographien über Künstler, Wie BeethoVert nnd Mh fhelsngelo, bekannt ist, hat nun atich ein Bild vom Leben Händeis entworfen, Der Vorliegende erste Band gibt eine Einführung und klirre Uebersicht über das Wesen seiner Kirnst, der zweite Band soll dann eine eingehende Analyse bring«!, Für Laien, die sich nicht in die Einzelheiten der musika- Hschitl Feinhelten vertiefet! köhnen, wird dieses Buch ein« tmtvertaliH und dichterischen Getutes, eine willkommene ÜH legenheit sein, sich dem Bilde Mandate xu nihttn.