Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 16 (22.2.1935)
- Date
- 1935-02-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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1 Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 16, 22. II. 1935 ♦rügen, so heißt es, „Gottes Schrift, eingegraben (hebr. — .charut') in die Tafeln." Mit einem Wortspiel sagt der Midrasch: „lies nicht .cliarut' (•-- eingegraben), sondern .cherut' ( Freiheit)." Das Sittengeset/, durch das die Zßgellosigkeit überwunden wird, ist die Freiheit im höheren Sinn; nur durch sie wurden die aus Aegypten Ausgezogenen ein Volk. Der Eigennutz, dessen Symbol das Goldene Kalb ist, wird durch die Gesamtvera n t w o r t u n g, die von den Tafeln ausstrahlt, gebunden. Wir glauben, daß die Erscheinungen und Menschen In unserem Kreis, die uns Sorgen machen, an Zahl nur wenige sind, und es ist wahrscheinlich, daß gerade die, die gemeint sind, diese Zeilen gar nicht zu Gesicht bekommen. Aber wir stehen dafür ein, daß jeder vera n t w o r t u n g s v o 11 e J u d e dazu beiträgt, Nachdenklichkeit zu verbreiten und die Sorglosigkeit, die mancherorts eingerissen ist, zu bekämpfen. Wir sind weit entfernt davon, uns zu Moralpredigern aufzuwerfen, aber wir haben die Pflicht, die Menschen, die für unsere Gemeinschaft verantwortlich sind, an das Vergangene zu erinnern: an die jüngste Vergangenheit und an die ältere, die zurückreicht bis zum Goldenen Kalb und zum Gesetz vom Sinai. Daher betrachten wir es auch als schädlich, wenn man sich eine neue Theorie der Judenfrage zurechtzimmert, die es den Mensehen ermöglichen soll, sich in einer passiven Haltung, nach dem Gesetz der Trägheit wieder einzurichten, statt sich zu entscheiden, statt von sich aus, ans dem Innern heraus, nach all den Erfahrungen und Erkenntnissen, die wir gewonnen haben, eine jüdische Lebensanschauung zu gestalten und eine Zukunft für das jüdische Volk aufzubauen. In der letzten Zeit sind häufig Besorgnisse geäußert worden, wir könnten uns zu sehr von der Umwelt abschließen, zu sehr „einseitig jüdisch" werden. Diese Gefahr besteht nur für diejenigen, die noch im Negativen verharren. Wer die Judcnfrage erkennt und sich stolz und bewußt auf den Boden des jüdischen Volkstums gestellt hat, der weil!, dal! das eigene Volkstum nur d i e O r u n d- 1 a g e f u r d a s e i g e n e M e n s c h e n t u m ist. Wer sich in seinem Judesein gefunden und bejaht hat, der steht auch der Welt offen und aufnahmebereit gegenüber, ohne daß die Mißverständnisse, die die Assimilation erzeugt hat, bei ihm möglich sind. Im letzten Teil des Bibeldramas von Franz Werfel, dessen von unseren Lesern warm begrüßte Veröffentlichung in der heutigen Nummer der „Jüdischen Rundschau" zu Ende geht, wird gezeigt, wie „der Entfremdete" zwar zögernd, aber doch schließlich eindeutig zum Volke zurückfindet, innerlich gestärkt und beflügelt: durch den Enthusiasmus seines jugendlichen Sohnes, der in der einzigartigen Nacht den großen Zusammenhang mit seinem Volk zutiefst erlebt hat. Als zum Schluß die Katastrophe hereinbricht, die Gemeinde verjagt wird, wollen einige Schwache wieder in händeringendes Klagen verfallen. Der Dreizehnjährige aber führt sie hinaus in die neue Zeit, gestärkt durch diese Nacht. „Die Last tragen ist schwer, das Sehwerste aber ist, sie wieder aufnehme n." Wieder aufnehmen! In dieser Situation sind heute viele Juden. Nach der großen Wiedergenesung, die die Berührung mit unserer Geschichte uns bringt, haben wir den Weg des jüdischen Volkes zu gehen, und unsere Jugend zieht voran. Aber vergessen wir nicht, daß auf diesem Wege, auf jedem jüdischen Wege, auch die Widersacher und feindlichen Kräfte lauern, darunter die Versuchung des Goldenen Kalbes. Darum ist unser Blick zu jeder Stunde und in jeder Lage nicht nur nach außen, sondern auch nach in n e n gerichtet. Ritualmord - Märchen in Jugoslawien Von unserem Berichterstatter B e I g r a d, 15. Februar jugoslawischen Stadt Novisad fand ein Profi junce Leute statt, die wegen Sachbeschädigung her Gewalttätigkeit angeklagt waren. Vor einiger;.ie in die Wohnung des jüdischen Kaufst) beilak in der Gemeinde Batsehko Petrovo hatteü die Einrichtung verwüstet und den bedroht, der nur durch das rechtzeitige /ei vor ernsterem Schaden bewahrt wurde. Die juiu>cn Burschen waren zu ihrer Tat durch ein im Orte verbreitetes K i t u <i I iimi r d - M ä r c h c n gebracht worden, das besagte, dal! Makso Polak ein in seinem Laden beschäftigtes Bjähriges Mädchen in die Synagoge gelockt habe, um es dort abschlachten zu lassen. Das Gerücht konnte dadurch entstehen, dal! das Y.aY. heu spurlos verschwand und auch bis heute noch nicht aufgefunden werden konnte. In _der Verhandlung vom 12. Februar nahm das Gericht in Novisad gegen das Ritualmord-Märcheii an sich und gegen den Wandalismus der offenbar von dritter Seite aufgestachelten jungen Leute energisch Stellung. Da jedoch die meisten Angeklagten Ihre Schuld leugneten und unbeteiligte Zeugen nicht vorhanden waren, wurden nur zwei Burschen zu Strafen verurteilt, die wegen der Jugend und der offenbaren Verhetzung der Burschen mit 24 bzw. 20 Tagen Arrest verhältnismäßig milde ausfielen. E. B. Reichsvertretung: übernimmt soziales Hilfswerk In k'1' der 'eil 7 et! unit uiicntii Zeit waren m actis Atal Selo emege!: tin,;e Kaufmann sei IM Fingreitcn di r Pt Ein Inder über Palästina Bombay, im Februar. (JTA.) Auf der indischen Wirt- •chaftskoiifcrenz. hielt der Arbeiterführer B. Schiwa Rao, der als Arbeiterdelcgierter an der indischen Round-Table- Konlrrenz in London teilgenommen und vor kurzem Palästina besucht hat, ein Referat über Wirtschaftsplanung für Indien. In diesem Vortrag brachte er seine hohe Anerkenn u n g für das jüdische Aufbauwerk in Palästina und den Arbeitsidealismus der Juden zum Ausdruck, mit dessen Hilfe sie bei ihrem Siedlungswerk ungeheuere Schwierigkeiten überwunden und ein ödes Land m einen blühenden Garten verwandelt hätten. Der Referent schilderte eine Reihe persönlicher Eindrücke während seiner Palästtnarelse und erklärte, es würde sich lohnen, das Beispiel der von den jüdischen Siedlern in Palistina angewandten Methoden in Indien nachzuahmen. Eingliederung des „Zentralauuchnsses" Die „Reichsvertretung der deutschen Juden" teilt mit: Am Sonntag, dem 17. Februar, trat der Organisationsausschuß der Reichsvertretung der deutschen Juden erneut zu Beratungen zusammen. Es gelang, die Vorarbeiten für die Eingliederung des gesamten sozialen und wirtschaftlichen Hilfswerks in die Reichsvertretung zu erfolgreichem Abschluß zu bringen. Mit dem 1. April 1935 wird nunmehr das Hilfs- und Aufbauwerk des Zentralausschusses einen festen Bestandteil des Organismus der Reichsvertretung bilden. Im einzelnen wurde folgendes beschlossen: Mit Wirkung vom 1. April 1935 ab werden die Tätigkeitsgebiete der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge, der jüdischen Arbeitshilfe e. V. (Landwerk Neuendorf), der Vereinigten Zentrale für jüdische Arbeitsnachweise, der Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe, der Zcntralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden e.V. in die Reichsvertretung eingegliedert. Es werden damit die großen Arbeitsgebiete der Wohlfahrtspflege, der Wirtschaftshilfe, der Berufsumschichtung, der Kreditiiiitc, des Arbeitsnachweiswesens und der übrigen Wirtschaftshilfe sowie der Rückwanderung in die Reichsvertretung ein Refügt werden. Die noch außenstehenden Gebiete des Hilfs- und Aufbauwerkes werden ebenfalls organisch mit der Arbeit der Reichsvertretung verbunden werden. Die Geschäftsführer der eingegliederten Organisationen werden Sachbearbeiter bei der Reichsvertretung. Um die wertvolle Arbeit der ehrenamtlichen Mitarbeiter der eingegliederten Stellen auch der neuen Organisationsform zu erhalten und darüber hinaus eine Möglichkeit für Heranziehung wichtiger Linzelpersönlichkeiten zu schaffen, wer. den den Sachbearbeitern beigegebene Ausschüsse gebildet werden, denen je ein Mitglied des Präsidialausschusses als Vorsitzender angehört. Die letzte Entscheidung liegt wie bei allen anderen Arbeitsgebieten der Reichsvertretung bei dem Präsidial, ausschuß. Die Fachausschüsse der neuen Arbeitsgebiete der Reichsvertretung treten gemeinsam mit einem besonderen Auf. bringungsausschuß nach Bedarf als „Zentralausschuß für Hilfe und Aufbau" zur Beratung gemeinschaftlicher Aufgaben zusammen. Auch darüber hinaus ist für die Beibehaltung und weitere Ausgestaltung des Zusammenhanges der Arbeitsgebiete des Hilfs- und Aufbauwerkes organisatorische Sorge getragen. Die Finanzvcrvvaltung wird in Zukunft einheitlich für das gesamte alte und neue Arbeitsgebiet der Reichsvertretung geführt werden. Den vom Organisationsausschuß gefaßten Beschlüssen kommt eine außerordentliche Tragweite zu. Entsprechend den in der jüdischen Oeffentlichkeit oft geäußerten Wünschen der Notwendigkeit straffer Zusamcnfassimg ist nunmehr ein geschlossener Gesamtaufbau geschaffen worden, der bei sparsamstem Kräfteaufwand die größtmögliche Leistung im Dienste des deutschen Judentums verbürgt. Alle an der Eingliederung beteiligten Stellen haben gern Opfer an organisatorischer Selbständigkeit gebracht, um der Forderung einheitlicher Gliederung zur Durchführung zu verhelfen. Vom 1. April ab ist nunmehr das große Hilfs- und Auf. bauwerk der deutschen Juden fest in der Reichsvertretung verankert. IN ALLER KÜRZE Vor dem Wilnaer Gericht harten sich fünf Studenten der dortigen Universität wegen Teilnahme an dem Attentat aut die Synagoge in der Poplowskastralie zu verantworten. Zwei Angeklagte waren außerdem noch wegen Raubmordes an einer Greisin angeklagt. Als sie nach dem Raubmord verhaftet wurden, fand man bei ihnen Aufrufe des „All-Polnischen Lagers", woraufhin sie gestanden, sie hätten mit den fünf Studenten das Attentat auf die Synagoge ausgeführt und eine Reihe Attentate auf andere Synagogen geplant. Bei dem Attentat auf die Synagoge in der Poplowskastralie wurde das Innere des Gotteshauses vollkommen zerstört und ein betender Jude schwer verletzt. Je ein Angeklagter wurde zu fünf, vier, drei, zwei und einem Jahr Gefängnis verurteilt. Der Verkehrsverein des Harzbades Suderode beschloß einmütig, den Gemeindevorstand zu bitten, jüdische Gäste fernzuhalten. Als besonders unerwünscht wird in dem Beschluß bezeichnet, daß sich unmittelbar am Einfang zum neuen Kurpark ein jüdischer Mittagsi s c h befinde, der zeitweise bis zu 90 Gäste aufweise. Wie das „Trierer N a t i o n a I b 1 a 11" mitteilt, sollen die Einzelhandelsgeschäfte in Trier Plakatstreifen für ihre Schaufenster erhalten, um die deutschen Geschäfte kenntlich zu machen. Das Blatt fügt hinzu, daß dann die klare Entscheidung in Trier wohl endgültig vollzogen sein werde. Zum ersten Male besuchte der Sohn des ungarischen Reichsverwesers, Nikolaus von Horthy jun., eine Veranstaltung der Pester Isr. Kultusgemeinde, indem er als Vorsitzender des Ungarischen Landes-Schwimmverbandes an die siegreichen Mitglieder des jüdischen „Fecht- und Athletik- Klubs" (VAG) die Ehrenpreise verteilte. Bei dieser Gelegenheit hielt er eine Ansprache, in der er jede Streitpolitik innerhalb der Sportvereine aufs schärfste verurteilte. Der Regierungsrat von Solothurn (Schweiz) hat eine in Solothurn erscheinende Zeitschrift „Der Volksbund", die in Wort und Bild antisemitische Gedankengänge verbreitet, unter Präventivzensur gestellt. Am 17. Februar starb der ProBnitzer Rabbiner Dr. Leopold G o 1 d s c h m i d t. Er war einer der bekanntesten Rabbiner der Tschechoslowakei und einer der ältesten Zionisten. Vor kurzem erschien aus seiner Feder das Buch „Palästina mit der Bibel im Herzen". Der Rat der Jüdischen Gemeinde Lemberg wurde mit der Begründung, daß seine Mandatszelt abgelaufen sei, behördlich aufgelöst. Es wurde ein Regierungs-Kommissar zur Leitung der Gemeinde eingesetzt. Moses Feldstein, einer der ältesten Zionisten der ersten Zeit, feierte dieser Tage in Warschau seinen 80. Geburtstag. Feldstein war in der Herzl-Zeit ein prominenter und eifriger Mitarbeiter und hat sich in der Vorkriegszeit u. a. besonders durch die Gründung des Kulturfonds „Kedcm" hervorgetan. Nach längeren Bemühungen ist es der argentinischen Polizei gelungen, eine geheime antisemitische Terror-Organisation aufzudecken, deren Mitglieder in letzter Zeit wiederholt jüdische Einwohner belästigt und \AeranstaItungeri durch terroristische Mittel gestört hatten. Eine Anzahl von Rädelsführern des Geheimbundes wurde verhaftet. Wie die JTA. aus Wien meldet, Ist Direktor Ooldberg der Handelsakademie des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft nahegelegt worden, sein Amt niederzulegen, da der Wunsch des Bürgermeisters Dr. Schmitz dahin gehe, das gesamte Schulwesen so rasch wie möglich unter katholische Leitung zu bringen. Im Alter von 59 Jahren ist in Lugano der Publizist Dr. Ludwig Bauer, langjähriger außenpolitischer Mitarbeiter und Leitartikler der „Baseler Nationalzeitung", gestorben. Obwohl er in seiner Jugend mit Theodor Herzl befreundet war, stand er bis zu seinem Lebensende der zionistischen Bewegung fremd, teilweise sogar ablehnend gegenüber. Die Konferenz des Verbandes jüdischer Chemiker Polens für den Ausbau der chemischen Industrie Palästinas forderte die Einberufung einer Chemiker-Weltkonferenz für Palästina-Aufbau, die Schaffung einer chemischen Fakultät an der Universität Jerusalem und die Errichtung eines Instituts für Konjunkturforschung. Wie die Leitung der New-Yorker Universität mitteilt, wird mit dem Beginn de» Sommersemesters an der Universität ein Lektorat für hebräische Sprache und Literatur errichtet. In Freiburg i. Ii., seiner langjährigen Wirkungsstätte, starb im Alter von 86 Jahren Geheimrat Professor Dr. Otto L e ii e 1, einer der hervorragendsten Gelehrten des Römischen Rechts. Auf der unter dem Vorsitz von Sir Francis Montefiore in London abgehaltenen Jahresversammlung der Aeltesten der Spanischen und Portugiesischen Synagoge in England wurde mitgeteilt, daß der Weltverband Scphardischer Juden beschlossen habe, »eine Konferenz im Mai 1935 in London abzuhalten. Juden und deutsches Recht Der?,Völkisclie Beobachter" veröffentlicht im Rahmen einer Artikelserie, die sich mit der praktischen Arbeit des Nationalsozialismus in den letzten zwei Jahren beschäftigt, einen Aufsatz über die Umgestaltung des deutschen Rechts wesens. Bei dieser Umgestaltung, so heißt es in dein Aufsatz, habe sich gezeigt, daß sich der Nationalsozialismus mit einem System auseinandersetzen mußte, das zu einem Zwiespalt zwischen Recht und Moral geführt hatte. „Wie unnatürlich dieses System für deutsches Empfinden war" — heißt es weiter — „wurde am schlagendsten dadurch bewiesen, daß es von jüdischen Geistern am besten verstanden und am besten gehandhabt werden konnte. Deshalb ging die erste Reinigungsniaßnahme im neuen Reich dahin, alles Jüdische aus diesem Bereich zu entfernen." NS ~ Juristenbund und nich'arische Anwälte Der Reichsjustizminister hat durch einen ErlaB vom 16. Januar die Zuständigkeit und das Verfahren für die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft neu geregelt. Außer den grundsätzlichen Bestimmungen enthält jener Erlaß auch die Anordnung, daß im Falle der Verhinderung oder der Eröffnung eines ehrengerichtlichen Verfahrens einem nicht* arischen Anwalt kein Vertreter bestellt werden dürfe, der der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen angehört. Da nach Angabe zuständiget Stellen auch der NS-Juristenbund zu diesen Gliederungen zu rechnen ist, können danach Mitglieder des NS-Ju> ristenbundes nichtarische Anwälte nicht vertreten. Gebührenfrage beim Ausscheiden jüdischer Anwälte Die Zeitschrift der Reichsberufsgruppe Rechtsbeistlnde und beeidigte Versteigerer in der Deutschen Rechtsfront „Deutsche Rechtszeitung" vom 10. Februar veröffentlicht zu diesem Rechtsgebiet ein Urteil des Oberlan« desgerichts in Königsberg vom 24. September 1934. In dem entschiedenen Falle hatte der jüdische Anwalt einer Partei, ohne durch die Nicht-Ariergesetzgebung dazu gezwungen zu sein, während des Beweisverfahrens aus persönlichen Gründen seine Vertretung und die Praxis überhaupt niedergelegt. Er erhielt von seiner Partei die entstandenen Gebühren. Diese beauftragte einen anderen Anwalt mit ihrer Vertretung, ohne mit ihm ausdrücklich oder stillschweigend etwas über seine Gebühren zu vereinbaren. Sein Verlangen aut Zahlung der bereits dem ausgeschiedenen Anwalt erstatteten Prozeß- und Verhandlungsgebühr lehnte die Partei mit der Begründung ab, ein Rechtsanwalt, der an Stelle eines ausgeschiedenen jüdischen Prozeßvertreters einen anhängigen Rechtsstreit weiterführe, könne nur noch diejenigen Gebühren verlangen, die nicht bereits dem ausgeschiedenen Pro« zeßvertreter zuständen. Das Oberlandesgericht führt in dem Urteil, das diesen Standpunkt der Partei ablehnt, zunächst die bekannten Grundsätze an, welche die Rechtsprechung auf Grund der Gesetzgebung des Dritten Reiches zum Ausscheiden nichtarischer Rechtsanwälte für die Kostenerstattungspflicht der unterlegenen Partei und für den Armenanwalt entwickelt hat Sodann heißt es in den Urteilsgründen: „Diese Grundsätze sind aber nicht, wie der Beklagte vermeint, auf den Dien st vertrag der Parteien anwendbar, denn der jüdisch« Anwalt ist nicht «wangsweise, sondern freiwillig aus Prozeß und Praxis ausgeschieden — § 827 BGB. —. Mitbin liegt der Regelfall eines Anwaltswechsels vor, mit dem jede Partei rechnen muß. Auf die Gründe, aus denen der jüdische Anwalt die Praxis aufgab, kommt es nicht an. Von einem Gewohnheitsrecht des Inhalts, daß in »l'en Fällen des Ausscheidens des jüdischen Anwalts, auch bei freiwillige* Aufgabe der Tätigkeit, der neu eintretende Anwalt sieh die vom Vorgänger verdienten Gebühren anrechnen lassen muß, kann nicht, die Rede sein. Es lassen sich nicht einmal allgemeine Richtlinien der Ariwaltskammem, die solche Regelung empfehlen, feststellen. Es war daher Sache der Partei, mit ihrem neuen Anwalt die Gcbührcnfrage ausdrücklich zu besprechen. Tat sie das nicht, wie hier, so verbleibt es bei der Regelt sie muß die beiden von ihr in Anspruch genommenen Anwälte gemäß den gesetzlichen Bestimmungen befahlen" Im brasilianischen Parlament wurde ein Qesefzes* Vorschlag eingebracht, durch den die Absicht verfolgt wird, die in letzter Zeit verstärkte antisemitische Propaganda ein« zudämmen. Das projektierte Oesetz sieht strenge Strafen für die Aufreizung eines Bevölkerungsteils gegen den anderen vor. liaupischriftleiteri Dr. Robert Welt sc h, Berlin-Charlottenburg *• Stellvertreter! Kurt Loewemtcin, Berlin W 18. Anieigenleiterin und verantwortlich für den Antwigenteils Helene Chanciner, Berlin N 64, Verlag und Anielgeuverwaltungi Jüdutehe Rund«ch»i». Berlin W 16, Meinakertr. 10, D..A. Januar 33 444. — Druckt Siegtued Schöten, Berlin-Schönebcrg. /