Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 15 (19.2.1935)
- Date
- 1935-02-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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JODISCHE RUNDSCHAU Palästinensische Umschau NR. 15,19. FEBRUAR 1935 Welzmann spricht in Tel-Awlw „Kidmah". Kundgebung am 27. Februar Aus Jerusalem wird uns von der Leitung der Gruppe „Kidmah" telegraphiert: Am Mittwoch, dem 27. Februar, abends 8 Uhr, findet In Tel-Awiw, im Beth-Am eine öffentliche Kundgebung der „Kidmah" statt. Als Redner sind vorgesehen: Dr. Welzmann, Dr. Schmarjahu Levln, Kurt Blumenleid, Felix Rosenblüth, Dr. Krojanker, Gurewitsch. Donnerstag, den 28. Februar, nachmittags 3.30 Uhr, ist eine geschlossene Tagung aller Mitglieder der „Kidmah". Hilfe tut not! Das Bedürfnis nach sozialer Fürsorge Von Dr. Siegfried Kanowitz Die Frage einer organisierten sozialen Fürsorge in Palästina hat uns wiederholt beschäftigt. Wir haben Erfahrungen aus dem palästinensischen Leben an dieser Stelle wiedergegeben, die beweisen, wie dringend das Bedürfnis nach Abhilfe ist und wie wenig Verständnis heule noch manche Teile des palästinensischen Jischuw für diese Angelegenheilen haben. Wir verweisen in diesem Zusammenhang auf unsere Veröffentlichung über ein von einer deutschen Zionistin aus eigener Initiative begründetes Kinderheim („J. R." Nr. 1) und auf unseren erst kürzlich veröffentlichten Bericht über das aufgelöste Kinderheim im kaukasischen Viertel von Tel-Awiw („J. R." Nr. 8), wo wir mit aller Entschiedenheit auf die Anomalie hinwiesen, die darin liegt, daß das reiche Tel-Awiw Kinder verkommen läßt und keinen entsprechenden Apparat zur Bekämpfung von Not und Elend schafft. Da diese Frage weite Kreise interessiert und nur durch eine völlig rückhaltlose öffentliche Behandlung Abhilfe geschaffen werden kann, haben wir den eben in Berlin eingetroffenen Dr. Siegfried Kanowitz, der als Kinderarzt der Kupath Cholim während einer fast zweijährigen Erfahrung Einblick in die soziale Not in Palästina erhalten hat, gebeten, für die Leser der „Jüdischen Rundschau" zusammenfassend die Erfordernisse auf diesem Gebiet darzulegen. Dr. Kanowitz äußerte sich hierzu wie folgt: Es ist unbestreitbar, daß im Zuge der stürmischen Einwandcrungswelle in Palästina ein Mißverhältnis zwischen den Bedürfnissen der sozialen Fürsorge und der effektiven sozialen Hilfe entstanden ist. Solange der Jischuw langsam wuchs, hat er aus eigener Kraft seine sozialen Funktionen erfüllt. Palästina verfügt über ein ausgezeichnetes Krankenkassenwesen („Kupath Cholim"), in dem der Arbeiter und seine Familie ärztliche Hilfe finden. Palästina besitzt sehr gut geleitete Krankenhäuser (Hadassah), die für die Bedürfnisse des Jischuw früher einigermaßen ausreichend waren. Außerdem hat die Wizo ein Netz von sozialen Institutionen geschaffen (Kinderfürsorgestellen, Mütterberatungsstellen). Die Armenfürsorge, besonders in den Städten, liegt in den Händen der Stadtverwaltungen und der Gemeinden (Kehilla), die mit einem allerdings sehr geringen Etat soziale Fürsorge getrieben haben. Dieser ganze soziale Apparat hat sich mit dem Einsetzen der großen Alijah in den letzten beiden Jahren als völlig unzureichend erwiesen, in weiten Kreisen des Jischuw wird heute die Schwere des Problems erkannt und an dem Aufbau eines sozialen Fürsorgeapparates gearbeitet. Hier muß besonders die Tätigkeit von Miß Henriette Szold und ihrer Mitarbeiterin, Frau Siddy Wronski, erwähnt werden. Bedrohlich ist der Mangel an Betten in Krankenhäusern, besonders wenn man davon ausgeht, daß in einem Einwanderungsland und in einem tropischen Klima «ine besonders hohe Erkrankungsziffer zu erwarten ist. Ebenso fühlbar ist der Mangel an Kinder- und Säuglingsheimen, die den Litern die Sorge um ihre Kinder in den Zeiten der Einordnung abnehmen. Außerdem häufen sich in der letzten Zeit die Fälle schwerer Not, da Palästina heute ein Sammelplatz für völlig mittellose Flüchtlinge aus allen jüdischen Z r n t r e n ist, die krank und elend in Palästina ankommen und an die dortigen sozialen Institutionen Ansprüche stellen. Mit dem Wachsen der Städte wächst das Problem der Verwahrlosung von Kindern, besonders aus dem Kreise der orientalischen Juden, die heimatlos und aufsichtslos sich herumtreiben und der völligen Verwahrlosung preisgegeben sind. Es ist nur zu natürlich, daß in einem Kolonisationsland alle öffentlichen Mittel zunächst einmal der Siedlung und dem produktiven Aufbau vorbehalten sein müssen, aber allmählich muß ein Ausgleich zwischen produktivem Aufbau und sozialen Leistungen stattfinden. Selbstverständlich wird man dem Jischuw in Palastina, wo der größte Teil der Menschen noch mit dem A.ifbau der eigenen Existenz beschäftigt ist, nicht die alleinige Verantwortung für die soziale Hilfeleistung für die Flüchtlingsweilen der Golah aufbürden können. Die soziale Not in Palästina ist heute ein Reflex der sozialen Not des gesamten jüdischen Volkes, und der Aufbau eines sozialen Fürsorge-Apparates in Palästina gehört zu den vornehmsten Aufgaben des Gesamtjudentums. * Im Zusammenhang mit diesen Ausführungen von Dr. Kanowitz ist zu erwähnen, daß nach den letzten Meldungen die Stadtverwaltung Tel-Awiw beschlossen hat, einen speziellen Kinder-Fonds („Keren Hajeled") zu schaffen, dem die Fürsorge für die verwahrlosten Kinder obliegen soll. Es sollen zu diesem Zweck tausend Spenden von je 12 Pfund gesammelt werden. Das Neueste in Kürze Von unserem palästinensischen o I.-Korrespondenten Aus derExpansion derPalästina-Wirtschaft Die Palestine Potash Company hat am 15. Februar 100 000 Pfund Aktien der neuen Ausgabe von 350 000 Pfund, von der 150000 Pfund bereits abgenommen und 100 000 Pfund in London kaufbar sind, zum Verkauf in Palästina ausgeschrieben. Die Aktien tragen 5' 3 »o Zinsen. Das gesamte Aktienkapital der Gesellschaft beträgt gegenwärtig 747 000 Pfund. Mit einem Kapital von 25 000 Pfund soll demnächst eine neue Zementfabrik in Palästina eröffnet werden, da die Zementfabrik Nescher bei Haifa trotz ununterbrochener Mehrschichtenarbeit den Bedarf nicht decken kann. Die Palästina-Regierung rechnet für das kommende Jahr 1935/36 mit einem Einkommen von £ 5Ys Millionen. Da die vorausgesehenen normalen Ausgaben nicht über £ 3 200(KM) hinausgehen, soll der Ueberschuß des kommenden Jahres für eine Reihe von Regierungsarbeiten verwendet werden. Diese umfassen den Bau von Flughäfen, Verbesserungen der Eisenbahnen und öffentlichen Gebäude. Der in den letzten Jahren angehäufte Ueberschuß der Regierungskasse wird auf diese Weise nicht angegriffen, da der normale Ausgabenetat der Regierung nur minimal vergrößert wird. Um dem bestehenden Arbeiternlangel abzuhelfen, beschleunigt die jüdische Arbeiterorganisation die Einwanderung auf die für das laufende Halbjahr bewilligten Zertifikate. In der letzten Woche trafen 800 Mitglieder des „Hechaluz" im Lande ein. Ein größerer Prozentsatz als früher geht zu landwirtschaftlichen Arbeiten in die Siedlungen. Die Postverwaltung hat vom 1. Februar an einen Autodien s t für Briefe zwischen Tel-Awiw und Rechowoth eingerichtet, der zweimal täglich verkehrt. Elf neue Gesellschaften wurden bei der Regierung registriert. Eine darunter ist die arabische Industriebank mit £ 30 000 Kapital. Die englisch-jüdische Tageszeitung in Jerusalem, „P a - 1 e s t i n e Pos t", hat ihr Kapital von £ 3500 auf £ 6000 erhöht. Nach den Mitteilungen des American Economic Committee wandten sich im Jahre 1934 1134 Einwanderer an das Komitee, um sich über Investitionen beraten zu lassen. Das Geld, das von ihnen importiert wurde, betrug mehr als £ 4 Millionen. Im Durchschnitt entfiel auf jeden Kapitalisten eine Stimme von £ 3600 gegen £ 3000 im Jahre 1933. Die Einwanderer aus Deutschland stellten den größten Prozentsatz der Investitionslustigen (56 °o). Aus den Städten Jerusalem In der Jerusalemer Stadtverwaltung wurden acht städtische Kommissionen gewählt. In drei Kommissionen besteht eine arabische Mehrheit, fünf haben einen arabischen Vorsitzenden, während in drei Kommissionen ein Jude den Vorsitz führt. Der wichtigsten Kommission, der Beamtenkommission, präsidiert Bürgermeister Dr. Khaldi selbst, das jüdisch-arabische Gleichgewicht in der Stimmenverteilung ist gewahrt. Ebenfalls ist das Verhältnis von Juden und Arabern in der Finanzkommission derart, daß ein Gleichgewicht hergestellt ist. In der Finanzkommission führt Vizebürgermeister Daniel Auster den Vorsitz. Die Regierung geht an die Errichtung einer neuen Irrenanstalt in Jerusalem, in der für 400 Kranke Platz sein wird. Der Bau soll £ 75 000 kosten. Bei Eröffnung der Anstalt wird das jetzige Irrenhaus in Bethlehem geschlossen oder verkleinert werden. Für die in Jerusalem stationierte englische Garnison sollen neue Baracken auf dem Wege nach Talpioth und bei Talbieh errichtet werden. Die Arbeiten werden auf £ 90 000 geschätzt. Sie wurden zur Ausführung einem ägyptischen Unternehmer übergeben. Für die Polizeischule in Jerusalem wird auf dem Skopus bei Jerusalem ein neues Haus gebaut. Die Kosten betragen £ 20 000. F. G. Lowick, der Registrafor der Regierung für Kooperativen, starb in Jerusalem. Lowick kam mit der Bcsatzungsarmee nach Palästina, ging mit Einführung der Zivilverwaltung in den Beamtenstab der Regierung über und hat ihm bis zu seinem Tode auf verschiedenen Posten angehört. Dr. David B o u 1 o s, bisher in Gazah, wurde an Stelle des neugewählten Bürgermeisters von Jerusalem, Dr. Khaldi, ins Gesundheitsdepartement in Jerusalem berufen. Tel -Awiw und Jaffa Der High Commissioncr brachte bei seinem Besuch im J a f f a e r Hafen zwei jaffaer Bootsleuten, die im letzten Jahre bei einer Schiffsstrandung sich besonders ausgezeichnet hatten, die Tapferkeitsmedaille. In Tel-Awiw hat sich eine Gesellschaft gebildet, die sich die Unterweisung des Publikums und der Fahrer zur Vermeidung von Verkehrsunfällen zur Aufgabe gemacht hat. An den wichtigsten Straßenkreuzungen von Tel-Awiw werden nach dem Muster der Großstädte Ucbergänge für Fußgänger abgegrenzt, um eine größere Sicherheit des Verkehrs zu gewährleisten. In Tel-Awiw brach in einer Tischlerei ein Feuer aus, das aut benachbarte Wohnbaracken übergriff. Der Schaden Lst beträchtlich. In einem großen Wohnungsblock, der von der Wohnzentrale der Arbeiterorganisation erbaut wird, sind zwei neue große Trakts fertiggestellt worden. Sie enthalten Wohnungen für SO F a m i I i c n. Der Stadtrat von Tel-Awiw verhandelte über die schwierige Situation der städtischen Polizei. Sie hat mit der Entwicklung der Stadt nicht Sehritt gehalten; es kommt heute ein Polizist auf 800 Einwohner. Ein beträchtlicher Teil der Polizisten sind Engländer, da bei dem herrschenden Arheitermangel und den relativ geringen Löhnen der Polizisten keine jüdischen Kandidaten zu finden sind. Der Tel-Awiwer Gemcinderat hat die plane zur Errichtung der erst e n G e w e r b e s c h u I c i n Tel- A w i w genehmigt. Die Schule wird aus den Mitteln einer Stiftung gebaut, die der Pariser Philanthrop Ossyp Pernikoff zum Gedächtnis seines Vaters errichtet hat. Die Bewohner des Viertels Rosch Tel-Awiw haben beschlossen, anläßlich der Wiedergenesung des Bürgermeisters Mcir Dizetigoff eine Schule bauen zu lassen, die seinen Namen tragen soll. Kulturelles Leben Der erste Band einer h e brat s c h e n Enzyklopädie ist in Tel-Awiw im Verlag Masada erschienen. Das Werk soll zwölf große Bände umfassen und ist das erste Unternehmen seiner Art. Das Erscheinen des ersten Bandes wurde in einer Zusammenkunft von Schriftstellern und Journalisten unter dem Vorsitz von Jakob Eichmann gefeiert. Die Kulturabteilung beim Tel-Awiwer Arbeiterrat veranstaltet zusammen mit der Redaktion des „Meschek Schitufi" (Beilage für Kooperation beim Dawar) ein Seminar über Wirtschafts- und Betriebsprobleme. Das Seminar, das für die Beamten der Arbeiterorganisation und für die arbeitende Jugend gedacht ist, soll zwei Monate dauern und umfaßt: Weltwirtschaft, Palästinawirtschalt und die Arbeiterwirtschaft im Lande. Wie uns mitgeteilt wird, erscheint demnächst in Tel- Awiw ein Wörterbuch der neuen Wortbildungen B i a 1 i k s, verfaßt von J. A w i n e r i. Das Buch behandelt nicht nur die neuen Wortprägungen, die in Bialiks Werken vorkommen, sondern auch die von ihm mündlich gebildeten, und ferner die Versmaße bei Bialik. Bei Petach Tikwah fand die Grundsteinlegung zu dem neuen Krankenhaus für das Scharon-flcbiet statt, das von der palästinensischen Arbeiterkrankenkasse errichtet wird. Das Haus ist für 100 Betten berechnet. Aus dem arabischen Leben Die Leitung der „Partei der Nationalen Verteidigung" (unter dem Vorsitz von N'aschaschibi) hat sich beim High CoinmLssioner telegraphiseh gegen das Vorgehen der Regierung in der Uebergabc des Bodens von Hartieh beschwert. Von arabischen Unternehmern wird in der Nähe von Mikwe Israel (vermutlich die künftige Bahnstation von Tel- Awiw) die Errichtung einer Fabrik für Konserven und O e 1 e geplant. Die Regierung bereitet die Eröffnung eines Hospitals in T u 1 k e r e in vor. Die Regierung hat eine Acr/tin ajts England ins Gesundheitsdepartment berufen, um die sanitäre Arbeit unter den arabischen Frauen zu übernehmen. In arabischen Kreisen wird behauptet, dal? der Emir Abdullah die Einladung erhalten habe, im Mai wieder London zu besuchen. Die Palestine Colonisation Association (Pfca) und die Kolonisten von Chcdera haben beim Obersten Gerichtshof Berufung gegen das Urteil des Distriktsgcrichtes eingelegt, durch das eine für die Kolonisation von Chedera ungünstige Entscheidung über den seit Jahren strittigen Besitz an den Infiat - Ländereien bei Chedera gefällt wurde. Nach Vernehmung der arabischen Zeugen wurde der Fall auf unbestimmte Zeit vertagt. Eine belgische Gesellschaft bereitet die Errichtung einer Streichholzfabrik in Jaffa vor. Der frühere Vorsitzende einer große« Monistischen Ortsgruppe Deutschlands als Arbeiter in /?ethAlJ>ha Feto: Lotte BoTcJiardi. T>! Auiui Aberkannte Staatsbürgerschaft Die palästinensische Regierung annullierte die Naturalisation von Zwi Koltun, dem Redakteur der antizionistischen Wochenschrift „Haor". Die Zeitschrift, die kommunistische Tendenz hat, wurde der Illoyalität gegenüber der Regierung beschuldigt. Nachdem kürzlich den verurteilten Revisionisten Achi-Meir, Jevfti und Lichter mitgeteilt worden ist, daß ihnen die palästinensische Staatsbürgerschaft wieder entzogen werden soll, hat jetzt auch Chaim Dwiri eine ähnliche Ankündigung erhalten. Auch dieser ist, wie die drei Erstgenannten, in dem Prozeß gegen den „Brith Habirjonim" wegen subversiver Umtriebe verurteilt worden. Der Jischuw ohne Unterschied der Partei hat gegen die beabsichtigte Entnaturalisation der Revisionisten protestiert. Freilassung der Gefangenen in Akko Der Chefsekretär der Palästina-Regierung, John Hathorn Hall, hat dem Waad Lcumi mitgeteilt, daß die wegen illegaler Einwanderung im Gefängnis von Akko testgehalteneti etwa 100 Juden, die vor einigen Tagen in den Hungerstreik getreten sind, auf freien Fuß gesetzt werden sollen, falls zwei Bürgen mit einem Betrag von je 100 Pfund für jeden Gefangenen dafür Garantie leisten, daß die Beschuldigten sich zwei Monate lang zur Verfügung der Polizei halten. Der Waad Lcumi hat eine Delegation beauftragt, sich nach Akko zu begeben, um die im Hungerstreik befindlichen Gefangenen von der Entscheidung der Regierung in Kenntnis zu setzen und sie aufzufordern, den Streik aufzugeben und sich bis zur Regelung der Kautionsangelegenheit zu gedulden, Jbr, ,Om M «> ,tt ». je* trho eäi ns <s-> ife< ng he di de ava er de hei str its* irt! ä lihl TO •8 *» an es ic TO r-i 3» Iilo ie nw Xm « er tdj m 3 *'i tf « 'r T n « in n ri a t r r i t i