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Jüdische Rundschau · 1935-02-05 · Heft 11 (5.2.1935) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 11 (5.2.1935)
Date
1935-02-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 11, 5. II. 1935 JODISCHE RUNDSCHAU Seife 7 Franz Werfel: (4. Fortsetzung"} Der Weg der Verheißung Der zweite Teil von Franz Werfeis Bibel«piel enthält die Geschichte Moses von seiner Flucht aus Aegypten und der Offenbarung im brennenden Dornbusch bis zu seinem Tode im Angesicht des Gelobten Landes. In unserem letzten Abdruck veröffentlichten wir diesen Teil bis zur Widerspenstigkeit des Volkes, in der Wüste, beim goldenen Kalb. Und obwohl dem Volk nach seines Führers Mose heißem Kampf und Bitten auch diesmal vergeben wird, ruht der Widerspruch nicht und flackert noch einmal mächtig auf, als der „Widersprecher" die Wüstenwanderer an die Fleischtöpfe Aegyptens erinnert; daß die zwölf Kundschafter ausgeschickt sind und mit froher Botschaft wiederkehren — mit dieser Szene nehmen wir heute unseren Abdruck des Werfeischen Dramas wieder auf —, das reizt den Widersprecher nur um so mehr. Der Widersprecher, der in der Rahmenhandlung der mittelalterlichen Gemeinde auftrat, dort rebellierte und schließlich aus der Gemeinschaft der Bedrängten verwiesen wurde, erscheint hier bereits als ein nicht mehr zeitgebundenes Wesen, der Geist, der stets verneint und der auf jeder Wüstenwanderung der ewige Widersprecher bleibt. Hier zeigt sich die enge Verbundenheit aller Etappen des jüdischen Weges durch die Zeiten. Copyright by Fr»m Werfet, Wien. (Nwhdruck rerbolen) Das Volk wendet sich nach rechts, woher die zwölf Kundschafter kommen. Voran geht Josua, die andern Kundschafter folgen ihm. Sie tragen auf langen Stangen die Weintraube von Eskol, übernatürlich große Granatäpfel, Feigen und andere Wunderfrüchte JOSUA (sich vor Aaron verneigend): Wir haben getan nach euren Befehlen Und ausgeforscht das verheißene Land. Wahrlich, ein Land, wie der Herr es verheißen; Seht hier, die Rebe, die Feige, die Frucht ... EIN KUNDSCHAFTER: Milch wohl und Honig, Rebe und Feige! Aber die Menschen gleichen den Früchten, Unüberwindlich riesiges Volk. JOSUA: Wir werden hinüberziehn und sie besiegen! KUNDSCHAFTER: Wir sie besiegen? Wir Schwachen 'die Starken?! Wie Heuschrecken waren wir Männer vor ihnen. Wie Heuschrecken waren wir vor uns selbst. Der widerspreciier: Im Lande der Knechtschaft, da gab's keine Riesen. DER GREIS: 0 wäre ich doch in Aegypten gestorben! JOSUA: Volk, fall nicht ab! Der Herr ist mit dir. DER WIDERSPRECIIER: Der Herr ist mit uns. Wir spüren es wahrlich. AARON: Ihr schautet täglich Wunder um Wunder. DER WIDERSPRECHER: Was helfen uns Wunder? Sie machen nicht satt! JOSUA (sein Schwert ziehend): Volk, fall nicht ab! Gedenke der Knechtschaft! DER WIDERSPRECIIER: Den Menschen dienen ist leichter als Gott, Und besser Aegyptens Fron als die Wüste. VIELE STIMMEN: Aegypten! Aegypten! Dort sind wir daheim. DER WIDERSPRECIIER: So schart euch um mich! Zurück nach Aegypten! Befreit euch von Gott! AARON UND MIRJAM (in verzweifeltem Ausbruch): Mann Mose, herbei! JOSUA /stürzt sich auf den Widersprecher und schwingt sein Schwert über ihm): Wollt ihr das Land der Verheißung verraten ... DER WIDERSPRECHER (schreiend): Wir wollen das Land der Verheißung nicht schaun! Schon will Josua den tödlichen Streich führen. Da strahlt auf der Altarbahne die Gestalt Moses auf MOSE: Halt ein, Josua! — Der Herr hat's erfüllt. Sie werden das Land des Lebens nicht schauen. Er geht die Stufen herab Euch stand die Herrlichkeit Gottes vor Augen, Ihr hörtet die ewige Stimme vom Berg Und habt gelästert, seid abgefallen, Wart ungehorsam und habt nicht geglaubt. Dafür wird der Herr euch durch Wüsten um treiben, Bis keiner von diesem Geschlcchte mehr lebt. Doch euren Kindern gibt er da» Leben, Sie werden siegreich hinüberschreiten, Zu wohnen im zugeschworenen Land. Nur Josua einzig läßt er bei ihnen, Von allen, die heute schon Männer sind. Sonst keinen! — Und die aus der Knechtschaft euch [führten, Sie werden das Land ihrer Väter nicht treten, Nicht Aaron ... nicht Mirjam ... \u\d ich ... fer senkt sein Haupt Auch nicht ich! Dunkelheit — Starke Windstöße LESUNG DES RABBI: „Und Mose redete diese Worte zu ihnen und das Volk trauerte sehr... Mose war ein sehr geplagter Mensch, mehr als alle Menschen auf Erden ... Dies aber sind die Wege der Kindel- Israels in der Wüste ... Vom Gebirge Sether zogen sie au» und lagerten in Harada ..." KLAGENDE STIMMEN IM DUNKEL (am allen Richtungen): Von Harada nach Makloth ... Von Makloth nach (Thadat Tarah ... Mitkah ... Hasmonah ... Maseroth ... Berg Hör ... Zalmona ... Phunon ... Abarim ... 0 Aaron ... 0 Mirjam ... O Grlber der Wüste .., Die Altarbühne: Mose sitzt und schreibt die letzten Worte der Thora in die Rolle. Josua kommt JOSUA: Im Lager unten weissagen zwei Männer Und prahlen, auf ihnen ruhe der Geist. Möge mein Herr ihrem Treiben doch wehren! MOSE (lächelnd): Bist du ein Eiferer nur für mich? Er hat die Schrift vollendet und erhebt sich Wollte doch Gott, daß sein ganzes Volk, Daß All-Israel könnte weissagen Und Geist sich senkte auf jeden Mund! Josua will gehen. Mose winkt ihm, zu bleiben Heut bin ich hundertundzwanzig Jahre Und kann nicht mehr ein- und ausgehn wie sonst. Auch sprach der Herr alles Fleisches und Geistes: Laß es genug sein, rede nicht mehr. Nicht du wirst mein Volk in die Heimat bringen, Josua hab ich mir auserwählt. Josua stürzt Mose zu Füßen Nun rüste dich, Sohn. Der Tag ist gekommen, Das Werk vollendet. — Versammle das Volk! JOSUA (ruft weinend): Israel ... Israel ... Israel ... Posaunenstöße — Das Lager mit allen drei Schauplätzen und die Straße leuchten in strahlendster Lichtsteigerung auf. Das Volk (Leviten, Krieger, Mädchen und Frauen) wartet in begeisterter Versammlung des Befehls, den Jordan zu überschreiten. Alle Augen sind Mose zugewandt. Man sieht nur jugendliche Gestalten DER DREIZEHNJÄHRIGE: Wie anders ist dieses Volk geworden, wie jung und wie schön! MOSE (auf der Altarbahne, zum Volk): Dies hier, mein Volk, ist das Buch dein er Lehre! Er hebt die Thora hoch. Der Rabbi im Bethaus, das nun auch von f.icht durchflutet ist, hebt die seine hoch Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einiger [Gott! DAS BIBELVOLK, DER RABBI UND DIE GEMEINDE: Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einiger Gott! MOSE: Und du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben ... DER RABBI: Liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit allem Vermögen! MOSE: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst ... DER RABBI: Denn Kinder seid ihr alle des Herrn, eures Gottes. MOSE: Sieh, dieses Gesetz ist nicht verborgen, nicht fern, [nicht im Himmel. Nein, es ist hier, ganz nahe bei dir, in deinem Munde [und Herzen ... DER RABBI: Und geschieden vor dir liegt fortan das Leben und das Gute, der Tod und das Böse... MOSE: Das Geheimnis gehört dem Herrn, unserm Gott, doch die Offenbarung ist unser für ewig ... BIBELVOLK, RABBI UND GEMEINDE: Unser, unser für ewig! MOSE (übergibt dem neben ihm knienden Josua die Thora): Nimm hin die Lehre! Halte sie rein! Er legt ihm die Hände auf Was des Herrn in mir ist, fortan sei es dein. Zum Volk: Nun ziehet getrost und unverzagt, Lebt wohl, ins Land, das ich schaue ... Eine leise Marschmusik beginnt. Der Zug des Volkes ins Gelobte Land setzt sich in Bewegung CHOR DES VOLKES: Wir zagen nicht und wir fürchten uns nicht. Der Herr ist treu und geht vor uns her, Ins Land, leb wohl, das wir schauen ... Der Zug auf der Straße und Lager-Bühne verdämmert allmählich, so daß man sein Ende nicht sieht. Auch Josua reißt sich von Mose los. Vor der dritten Strophe seines Liedes ist nur mehr die AltarbOhne hell MOSE (während das Volk an ihm vorüberzieht und verschwindet): Merket auf, ihr Himmel, denn singen will ich, Du, Erde, hör meines Mundes Wort! Es fließe Lehre wie milder Regen Und Rede tropfe wie Tau aufs Gras. Des Ewigen Gut ist sein Volk Lind Jakob sein einziger Erbe. In der Wüste, in dürrer Einöde, Wo der Wind heult, da fand er ihn, Und umfaltete ihn wie ein Adler Und sein Fittich trug Israel heim. Jauchzet auf, ihr alle, die ihr sein Volk seid! O Israel, Sohn, wie hat er dich lieb! Es sinken dahin deine grimmigen Feinde, Doch du wandelst weitet: aui ewigen Höhn. mahnend entgegen): Er macht mit ausgebreiteten Armen einige sehnsüchtigei Schrille, als wolle er den Entschwundenen folgen Mein Land ... Noch darf ich dich schauen ... EINE LEISE STIMME (tritt ihn Mose ... MOSE: (wende! sich fliehenden Schrittes in die entgegengesetzte Richtung) DIE LEISE STIMME: (tritt ihm mahnend entgegen) Mose ... MOSE (tritt unter die II i in m e 1 s IIr e p p c, in deren Tiefe ein großer Stern aufgeht) DIE STIMME VON DER 11IMMELSTREPPE: Du hast das Land mit Augen geschaut ... LESUNG DES RABBI: „Also starl) Mose, der Knecht Gottes. Und niemand hat sein Grab erfahren i>is auf den heutigen Tag..." DER FROMME (flüsternd): Unsre Weisen aber haben die ganze Wahrheit gewußt und sie weitergegeben von Geschieht zu Geschlecht. Als er nämlich die Stimme des Beschlusses hörte, zog er einen Kreis um sich und stellte sich in die Mitte. MOSE (hat mit seinem Stab einen feurigen Kreis um sich gezogen): Herr! König der Welt! Die Plage war groß, Mit der ich dein störrisches Volk bekehrte. Ein einziger Trost erhielt mir die Kraft: Wie ich die Oual sah, so werde ich einst Auch die Erfüllung selig erblicken. Sich, Herr! Dort ziehn sie in Scharen dahin Und bauen schon Brücken über den Fluß ... Und du, du willst mich jetzt töten!? Steht nicht geschrieben in deinem Gesetz: ,Bezahle den Werkmann vor Abend noch, Damit sein Herz nach Lohn nicht verschmachte!?* Und mich, den Werkmann an deinem Wort, Mich läßt du am Abend verschmachten?? Zwei hohe weiße Engel sind rechts und links neben Mose aufgetaucht ERSTER ENGEL: Dein Beten ist scharf wie ein schneidendes Schwert ZWEITER ENGEL: Doch der große Beschluß ist noch schärfer. MOSE: Seht her ... Seht mich an ... Die Engel wenden sich ab — Die Höhle glüht violett auf, Ihr weint ... Ihr weint ... BEIDE ENGEL: Mann Mose ... Der Todesengel! Unter dumpfer Pauken- und Trommelmusik ist, der Todesenge!, das Richtschwert mit beiden Händen überm Kopfe, haltend, ans der Höhle getreten und bewegt sich in seiner violetten Aura gleichmäßig unüberwindlich auf die Altarbühne zu. Mose ergreift mit wilder Gebärde seinen Stab MOSE: Steh und erat Ire! DER TODESENGEL: In meiner Hand Sind die Seelen der Wcltbcwohner. MOSE: Nicht die meine. Sie ist zu mächtig für dich. DER TODESENGEL: Was ist deine Kraft? MOSE: Ich hab Wunder getan, DER TODESENGEL: Die Wunder tat Gott. Was ist deine Kraft? MOSE: Das Gesetz empfing ich im Fcuergewühl. DER TODESENGEL: Das war Seine Gnade. Was ist deine Kraft? Er hat Mose erreicht und schwingt das Richlschwert über sein Haupt. Die beiden weißen Engel treten etwas zurück MOSE (triumphierend): Ich habe mit Gott einen Krieg geführt Um sein Volk und für seine Lehre! Er schlägt mit seinem Stab dem Todesengel das Schwert aa» der Hand. Der Stab verwandelt sich in eine Schlange, die den Todesengel umwindet und in die Finsternis reißt MOSE (bricht in tiefster Erschöpfung keuchend in die Knie): Herr, König der Welt ... Tu den Mose von mir ...i Und laß mich hinüber ... als niedrigen Mann, Im Land meiner Väter zu leben ... Immer schweralmiger Und willst du das nicht... so mach mich zum Tier, »ü Laß mich ein Vogel, ein Vogel sein, Der im Blau sich wiegt überm Libanon ... Mit letzter Kraft Und ist das zuviel ... so mach mich zum Gras, Das im Wind spielt ... am Ufer des Jordans .•«

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