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Jüdische Rundschau · 1935-02-05 · Heft 11 (5.2.1935) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 11 (5.2.1935)
Date
1935-02-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 11, 5. II. 1935 JODISCHE RUNDSCHAU Seite 5 | Davis Trietsch"j Davis Trietsch Ist am 31. Januar in Ramatajim bei Tei-Awiw im Alter von 65 Jahren an Herzschlag gestorben. Wieder ist einer der Pioniere des deutschen Zionismus von uns gegangen, ein Mann, der seit Beginn der zionistischen Bewegung mit reiner Liebe für die Idee des Zionismus eingetreten, und ihr bis zum Abschluß seines Lebens treugcblieben ist. Ein rastlos tätiger, ideenreicher Mann, voll von Energie und polemischer Frische, zu Zeiten scharf umkämpft im Zionismus, aber stets als Anreger geachtet. Trietsch war von Anfang an ein Hauptvertrcter der praktischen Kolonisation und trat daher schon früh, bereits Ende des vorigen Jahrhunderts, in Gegensatz zu Herzls rein politischen Bestrebungen. Da er bald einsah, daß sich vorläufig nicht viel in Palästina erreichen ließ, lenkte er sein Augenmerk auf die Neben- 1 ä n d e r. Zu diesem Zweck konstruierte er sich ein „größeres Palästina", das von Rhodos und Cilicien über Zypern, der Küste Syriens, Palästina und Teile der Sinaihalbinsei bis Tripolitanien reichte. Vor allem befaßte er sich aber in seiner Propaganda mit Zypern und El Arisch, also mit unter britischer Hoheit stehenden Gebieten, da er mit richtigem Instinkt von der englischen Regierung im Gegensatz zu der türkischen Förderung der jüdischen Kolonisationsbestrebungen erwartete. Die Folge seiner Agitation war ein Versuch im Jahre 1900, galizische Bergwerks-Arbeiter in Zypern anzusiedeln. Er glaubte, daß diese Schwerarbeiter, die gerade damals entlassen worden waren und brotlos wurden, sich besonders gut für die Kolonisation eigneten. Er gründete, um seinen Plan durchzuführen, ein kleines Komitee in Berlin, dem außer mir unter anderem noch Dr. Motzkin und Estermann angehörten. Nach Aufbringung der nötigsten Mittel suchte er einige Familien in Galizien aus und brachte sie nach Zypern, wo sie vorläufig als Irrigationsarbeiter nahe Famagusta bei der Regierung Beschäftigung fanden. Da sie sich aber ihre Tätigkeit anders gedacht hatten — sie glaubten wohl, wie die Rothschildschcn Kolonisten in Palästina sofort angesiedelt zu werden — legten sie bald die Arbeit nieder und wurden dann auf Kosten des Komitees nach Galizien zurückgesandt. Ihre spätere, auch von Herz! auf dem Zionistenkongreß 1903 gegen Trietsch verwertete Behauptung, Trietsch habe sie durch falsche Versprechungen ins Unglück gestürzt, ist ebenso unrichtig wie ihre Aussage, es sei ein unmögliches Klima; während der Frühlingsmonate, wo sie allein in Zypern waren, war das Klima sogar besonders günstig, und die ganze Frühlingsreise hin und zurück hat sie, die ohnehin Arbeitslosen, keinen Pfennig gekostet. Ich erwähne das alles, um eine Trietsch herabsetzende Legende Zu zerstören, wozu ich besonders berufen bin, da ich damals auf einer Orientreise auch Zypern besuchte und sehr erstaunt war, die Kolonisten trotz des herrlichen Frühlingswetters nicht mehr anzutreffen. Trietsch ließ sich aber nicht abschrecken in seinem Kampf für die Nebenländer, und es ist wohl nicht zuviel behauptet, wenn man sagt, daß die EI-Arisch-Expedition der Zionistischen Organisation auch eine indirekte Folge seiner Agitation gewesen ist. Daß auch diese keine praktischen Ergebnisse hatte, ist ja allbekannt. El-Arisch allein erwies sich nach den Erkundungen der Expedition entgegen der Ansicht von Trietsch als ungenügend für die Inangriffnahme einer größeren Kolonisation, und für die Bewässerung der Elrut von Pelurium wollte die ägyptisch-briische Regierung nicht die genügende Menge Nilwasser hergeben. Gleichzeitig begann Trietsch eine sehr rege literarische Tätigkeit zu entfalten. Zusammen mit Dr. Nossig gab er in den Jahren 1902 und 1903 zwei Jahrgänge von „Palästina: Zeitschrift für die wirtschaftliche und kulturelle Erschließung des Landes" heraus, die dann in drei Jahrgängen „Altneuland", durch die zionistische Palästina-Kommission ihre Fortsetzung erhielt, und sodann wieder unter dem Namen „Palästina" zuerst von Dr. Theilhaber und dann bis zur Gegenwart von Adolf Böhm in Wien weitergeführt wurde. Auch hier war also Trietsch ein Pionier, als erster Vertreter der literarischen Zusammenfassung der Palästina-Wirtschaft Sodann folgte eine umfassende Bearbeitung aller wirtschaftlichen Probleme sowohl Palästinas als auch der mediterranen Randlandschaften des Orients, bei der sich Trietsch besonders als guter Statistiker erwies und ein außerordentlich weitreichendes Material zusammentrug. So erschien im Jahre 1906 sein „Palästina - Handbuch" auf Hebräisch, 1907 auf Deutsch und Englisch, freilich vorerst nur der erste Teil, der die allgemeinen Landesverhältnisse Palästinas behandelt, während der zweite Teil (Handel, Industrie und Verkehr) erst 1910 in der zweiten Auflage in dem von ihm begründeten Orieutverlag mit aufgenommen wurde; auch eine dritte verbesserte Auflage wurde nötig. Ferner veröffentlichte er 1907 eine von dem Verein „Esra" herausgegebene, mit Statistik und Karte versehene Broschüre über die „Fortschritte der landwirtschaftlichen Kolonisation Palästinas". Eine Ergänzung seines Palästina-Handbuchs bildete dann aas 1910 im Gea-Verlag erschienene „L e v a n t e - H a n d - buch", das auch den Balkan, die Türkei, Aegypten und Tripolitanien mit umfaßte und gleichfalls drei Auflagen erebte, die dritte stark vermehrt. Im Jahre 1911 veröffentlichte Trietsch als weitere Ergänzung im gleichen Verlag ein „Handbuch über die wirtschaftlichen Verhältnisse Marokkos und Persiens sowie ihrer Nachbarländer (darunter Afghanistans und Beludschistans)" und im gleichen Jahre im Orientverlag eine weltpolitische Studie: „Deutschland und der Isiam". Auch über das „Russische Reich in Europa und Asien" veröffentlichte er ein Handbuch der wirtschaftlichen Verhältnisse, und zwar zusammen mit Hofrat Dr. Axel von Bernstedt, sowie ferner eine Darstellung der „Landesverhältnisse von Zypern", ersteres im Verlag für Börsenu"d Finanzliteratur, Berlin, letzteres im Verlag Heinrich Keller, Frankfurt. Trotz dieser umfassenden literarischen Tätigkeit vergaß er aber nicht sein Lieblingsthema Palästina. So erschienen im Jahre 1910 im Orientvcrlag zwei Vorlesungen, die er in den Wiener Hochschulkursen für Palästinakunde hielt über „Probleme der jüdischen Emigration und Kolonisation", sowie "m selben Verlag ein reizvolles Buch „Bilder aus Palästina"; Berthold Feiwel schreibt hierüber in der „Welt": „Der scheinbar nur herbe und spitze Parteimann, dieser hartnäckigste u"ter den Kongreß-Zionisten, hat da ein Buch geschrieben voll Liebenswürdigkeit, Innigkeit und Wärme, dabei ist das Fragen der Religion Klarere Begriffe! Von Rabbiner Chaim Neu burger (Zum Artikel von E. B. Cohn, „Jüdische Rundschau" 4. 1. 35) Daß es ohne Orthodoxie und Theologie keine Kirche gäbe, mag richtig sein. Richtig mag auch sein, daß es ohne Orthodoxie kein Judentum gäbe. Dagegen ist es nicht richtig, daß die Notwendigkeit einer jüdischen Theologie für den Bestand des Judentums nur vom „Allerweltsjuden westeuropäischer Prägung" angezweifelt wird. Hier soll nicht die alte Streitfrage wieder aufgerollt werden, ob das Judentum Dogmen hat. Die Theologie als die Wissenschaft, die die religiösen Begriffe klärt und sichert, ist aber gewiß nicht nur vom Westeuropäer, sondern auch seit alters von der jüdischen Orthodoxie abgelehnt worden. Gerade jetzt im Maimonidesjahr, das der Verherrlichung unseres größten Theologen gilt, soll man nicht vergessen, daß nach seinem Tode die jüdische Orthodoxie die unerbittlichste Feindschaft gegen sein theologisches Werk zeigte, und daß die Feindschaft gegen diese Wissenschaft bei der Orthodoxie ostjüdischer Prägung bis auf den heutigen Tag fortbesteht. Es dürfte nicht schwer fallen, für diese Geisteshaltung Vorgänger bereits im talmudischen Altertum zu finden. Die Gegnerschaft der westeuropäisch gebildeten Juden gegen Theologie aus einer einfachen Begriffsverwechslung von Theologie und Theologen zu erklären, ist auch nicht angängig. Dem Satz „Nur Theologen können unsympathisch sein, Theologie niemals" wird kein westeuropäisch Gebildeter zustimmen können. Der Kampf, den das westeuropäische Denken seit Beginn der Neuzeit führt, ist hauptsächlich kein Kampf gegen Theologen, sondern ein Kampf gegen die Theologie. Es spricht ihr eben den Charakter einer Wissenschaft ab und damit alle Fähigkeit, religiöse Begriffe zu klären und zu sichern. Theologie ist ihm durchaus unsympathisch, weil es sie als unwahrhaftig empfindet. Die alten philosophischen Beweise unserer mittelalterlichen Religionsphilosophen und die neuen philosophischen Beweise von E. B. Cohn in Ehren, aber die Abneigung der modernen Denker wie der religiösen Individualisten gegen die Theologie beruht doch auf mehr als einer „einfachen Begriffsverwechslung". Letztlich, meint E. B. Cohn, ist die Frage des religiösen Verhaltens zu Recht, Disziplin, Kultus, Lchrordnung, Ritus, evtl. Dogmen — kurz, zu dem, was er Orthodoxie und Theologie nennt — eine Frage der menschlichen Natur, und damit hat er zweifellos recht. Er unterscheidet zwei religiöse Haupttypen, die „Mosesmenschen" und „Jesusmenschen": Jesusmenschen wären solche, die die erwähnten religiösen Güter ablehnen, religiöse Individualisten wie Jesus von Nazareth, Mosesmenschen solche, die sie anerkennen, Paulus auf seine Art nicht weniger als die Pharisäer. Zunächst zur Charakterisierung dieser beiden Typen: Der religiöse Individualismus ist mit Bezeichnungen wie „Sirenenruf", „schöner Trug", „neue Illusionen' nicht abgetan. Die Erklärung der ethischen Hochrangigkeit freireligiöser Naturen aus den „religiösen Erbmassen vergangener Jahrhunderte" ist zumindest sehr gewagt; auch ist damit unethisches Verhalten orthodoxer Menschen nicht erklärt. Die historische Tatsache, daß die Pharisäer und Paulus „recht" behalten haben, ist noch kein Beweis für das innere Recht und die innere Wahrheit von Orthodoxie und Theologie. Gerade einem jüdischen Theologen, der weiß, wie die historische Niederlage der Juden von christlichen Theologen als Beweis für die Wahrheit des Christentums gebraucht wird, steht eine solche „Beweisführung" aus dem historischen Erfolg schlecht an. Mir erscheinen aber diese beiden Typen für das Judentum überhaupt nicht glücklich gewählt. Man muß nicht jedem glauben, der sich einen religiösen Individualisten nennt. Religiöse Individualisten sind Genies, und Genies sind äußerst selten. Jesus von Nazareth war einer, aber die liberalen Westjuden, die sich so bezeichnen, sind es bestimmt nicht. Sie leben genau so in den religiösen Konventionen ihrer Gemeinschaft wie die Orthodoxen in denen der ihren, nur daß die religiöse Ordnung der liberalen Gruppe der orthodoxen an Ganzheit und Unbedingthcit sehr nachsteht. Beim liberalen Westjudentum handelt es sich um keinerlei religiösen Individualismus, sondern in erster Linie um ein Mittel zur Assimilation an die liberale westeuropäische Umwelt. Man muß daher bei der Beurteilung des westjüdischen Liberalismus, dessen Hauptmotiv ein außerreligiöses ist, als religiöse Erscheinung äußerst vorsichtig sein. Es ist vielmehr ratsamer, für das Judentum zwei andere religiöse Typen zu unterscheiden, die weder mit den „Mosesmenschen und Jesusinenschen" noch mit den Orthodoxen und Liberalen etwas zu tun haben, sondern diese überall durchkreuzen: den Typ der unmittelbaren II erzen sfrörnmigkeit und den Typ der vermittelten Religiosität, die ihre Impulse aus den überlieferten Urkunden der Offenbarung schöpft. In der Praxis kommen diese beiden Typen äußerst selten tinvermischt vor; sie bilden auch keinerlei Gegensatz, sondern müssen im Gegenteil einander ergänzen und durchdringen. Es ist nicht die Aufgabe des Judentums, den einen Typ auf Kosten des anderen hervortreten zu lassen, sondern sie zu eine m harmonischen Typ zu verschmelzen. Vermittelte Religiosität ohne unmittelbares religiöses Erlchen ist inhaltlos; unmittelbare Religiosität ohne Kenntnis der religiösen Quellen und Uebung der religiösen Bräuche ist formlos. Beide zusammen ergeben erst die Religion des Judentums. Erwiderung Von Emil Bernhard Cohn Zu obigen Ausführungen erwidere ich folgendes: 1. Was Maiinonidcs anlangt, so liegt, wie mir scheint, ein Irrtum Neuburgers vor. Maimonides wurde nicht wegen seiner Theologie, sondern wegen seiner Theologie angegriffen, die die Offenbarung der Vernunft zu unterwerfen suchte, und ihn zum Stammvater der Aufklärung und also zum direkten Vorläufer Spinozas macht. 2. Was die Frage der Theologie und der Theologen betrifft, so habe ich in meinem Aufsatze gar nicht geleugnet, daß die Theologie den Gebildeten unsympathisch war und ist, sondern nur verlangt, daß diese Antipathie korrigiert werden müsse, weil Theologie wie Orthodoxie an sich notwendige und daher aller Sympathie und Antipathie enthobene Gebiete seien. Eine Mitschuld an ihrer Mililiehigkcit trage eine bestimmte Art von Theologen und Orthodoxen. Darin bestehe der Irrtum der gebildeten Laien. 3. Das unethische Verhalten gewisser orthodoxer Menschen habe ich freilich nicht erklärt, es ergab sich aber von selbst. Es tritt dann ein, bzw. die religiöse Uebung hört dann auf, Seelen- und charakterbildend zu sein, wenn durch leere Gewohnheit die an sich und ursprünglich innerliche Form abgeflacht wird und aufhört, Seelenausdruck zu sein. Gerade darum wies ich auf mein zitiertes Buch hin, das diese Frage nach allen Seiten hin behandelt und dessen Forderung auf Seelen formung und beseelte Form ging, also gerade auf das, was zum Schluß auch Neuburger zu verlangen scheint. Nur die Menschen sind es, die die guten Dinge verderben. 4. Ich halte die Unterscheidung von Moses- und Jesusnaturen für ganz glücklich, weil klar, wogegen die Formulierung Neuburgers mir mit dem Individualismus wieder zu paktieren scheint und das Problem aufs neue verschleiert. Zu behaupten, „religiöse Individualisten seien Genies" scheint mir mehr als gewagt. Nein, sondern es gibt nur unter tausend solchen alle tausend oder fünfhundert Jahre einmal ein Genie. Unter den jüdischen Individualisten des letzten Jahrtausend kenne ich nur eines, Spinoza, und der war da/u nur in sehr bedingtem Sinne religiös. Er war Pantheist und also nach Schopenhauer nur ein „höflicher Atheist". Der Baalschem, den man auch noch nennen könnte, war wieder nur in sehr bedingtem Sinne ein Individualist, indem seine Lehre zwar die Seele des Menschen ansprach, im übrigen aber ganz auf dem Boden des Gesetzes und des (iehorsams verblieb. Buch von markantem jüdischem Stammesstolz getragen". Auch während des Weltkrieges befaßte sich Trietsch mit Themen des Orients und des Judentums, so z. B. mit dem Aufstieg des Islam, den Juden der Türkei, Juden und Deutschen, Deutsch als Weltsprache; er setzte sich bis zuletzt für die Mission Deutschlands in Vorderasien ein, hoffend, daß hierdurch sich den Juden ein freier Eintritt Hl Palästina und die Nebenländer eröffnen werde. Sein wichtigstes Werk ist aber wohl das schon 1912 fertiggestellte, aber erst 1917 im Orientverlag erschienene 474 Seiten umfassende Buch über „Jüdische Emigration und Kolonisation", das seinen Wert behalten wird, wenn auch alle Mitteilungen, Statistiken und Tabellen seiner Handbücher längst veraltet und überholt sein werden. Trietsch schreibt selbst im Schlußwort: „Dieses Buch bildet in einer gewissen Hinsicht den Abschluß einer Reihe von größeren Arbeiten über das Problem der jüdischen Orient- Kolonisation. — Nach der Materialsammlung der jüdischen Palästina-Zeitschriften, deren Reihe ich begonnen und in den schwierigsten ersten Jahren durchgehalten habe, und nach dem Palästina-Handbuch (und seinen Nebenbüchern, dem Levante-Handbuch und dem Bande über Zypern) bildet das vorliegende Werk die letzte notwendige Ergänzung; es ist sozusagen das Buch über die unseren Menschen und dem Orient angepaßte Kolonisation". Das Material, das Trietsch in diesem Werk zusammengetragen hat, ist geradezu erstaunlich und sehr vieles davon, sollte auch jetzt noch von den am Aufbauwerk in Palästina Beteiligten recht sehr beherzigt werden. Nach Beendigung des Krieges begann für Trietsch eine stillere Zeit. Als scharfer Kritiker der vor allem aut Landwirtschaft gerichteten zionistischen Kolonisation trat er für Kleinindustrie und Gartenstadt ein, und, gestützt auf diese, glaubte er eine Masseneinwanderung ermöglichen zu können. Diesen „Maximalismus" vertrat er in seiner Zeitschrift „Volk und Land", in Broschüren und auf Tagungen. Seine Phantasie ließ ihn die praktischen Realitäten oft vergessen. Daneben arbeitete er viel schriftstellerisch und auch zeichnerisch, hatte er doch von seiner handwerklichen Ausbildungszeit her ein besonderes Talent für graphische Darstellungen, aber seine umfassende literarische Tätigkeit war beendet. Um so mehr interessierte und arbeitete er für die praktische Seite der Kolonisation; namentlich die Intensivierung der Landwirtschaft lag ihm, wie früher literarisch, so jetzt praktisch am Herzen. Wenn er auch hiermit nicht viel Erfolg hatte, da die Zeit hierfür noch nicht reif war, und er, schon infolge seines sarkastischen Wesens vielfach auf Widerstand stieß, der sich auch bisweilen in satirischen Bemerkungen über „Gemüse- Etagen bau" usw. äußerte, so ist doch nicht zu verkennen, daß wie in allem, was er erstrebte, ein richtiger Kern war, wenn er auch in seinen Forderungen der Zeit vorauseilte. Vor einigen Jahren entschloß er sich denn, selbst mit gutem Beispiel voranzugehen; er siedelte nach Erez Israel über, um sich dort der intensiven Hühnerzucht und der Imkerei zu widmen. Er sollte die Erfolge nicht mehr erleben. Aber alle, die ihn wirklich kennengelernt haben, und die seine trotz herben Wesens gütige Seele, seine selbstlose Hilfsbereitschaft und seinen idealen Sinn kennengelernt haben, werden diese markante Figur der Frühzeit des Zionismus in dankbarer Erinnerung behalten. O 11 o War b urg | Fritz EngeT| Wie wir bei Redaktionsschluß erfahren., ist Fritz E n g e I'gestorben. Er ist 6b Jahre alt geworden. Enge! war als junger Mensch ins „Berliner Tageblatt" eingetreten und hat sich während der literarischen Kämpfe um den Naturalismus bereits einen Namen als Theaterkritiker gemacht, den er auch in späteren Jahren, nun als der mildere, dämmende und ermunternde Befürworter des Nachwuchses sich erhielt. Er war gewissermaßen die literarische Stimme des Berliner liberalen jüdischen Bürgertums. Zum Judentum hat er sich immer bekannt und gehörte seit Jahren dem Vorstand des Centrai-Vereins an. Engel betrachtete sich gewiß nicht in erster Linie als Juden, seine Tätigkeit .auf dem Felde der deutschen Literatur hat er natürlich nicht unter jüdischem Gesichtspunkt ausgeübt; als Kind einer anderen Aera glaubte er aber auch für die jüdische Sache etwas zu tun und war bereit, seinen Namen für Jüdisches herzugeben. Von unserer Auffassung des Judentums und der Judenfrage war er weit entfernt, doch hat er sich durch seinen Neffen Ernst Simon auch über Palästina unterrichten lassen und war sich wohl zuletzt bewußt, daß eine neue Art jüdischen Denkens und Fühlens die alte, der er angehörte, abgelöst hat Hebräischer Fernunterricht in Blindenschrift. Wie uns mitgeteilt wird, veröffentlicht „Hamaor" (Zeitschrift für Blinde und Blindcnfreunde, herausgegeben von Dr. Dr. Ludwig Cohn, Lektor für Blindenkunde an der deutschen Universität Prag, Dr. Max Gcffner, Wien, und Dr. Walter Philipp, Berlin- Grunewald) hebräische Fem-Lektionen in Fortsetzungen. Die Lektionen, die dem hebräischen Lehrbuch °VK l?3'? JYnay „Hebräisch für Jedermann" von Dr. Kaliko entnommen sind, erscheinen in Blinden-Punktdruck.

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