Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 10 (1.2.1935)
- Date
- 1935-02-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sems 6 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 10, 1. II. 1935 ja rentier Aibtüspaiisi Im Büro, im Hintergrund Ist Heiß Gesamtansicht der Siedlung 1934 Wir haben bereits bei früheren Gelegenheiten auf die Entwicklung der Siedlung Giwath Brenner bei Recbowoth hingewiesen, die unter «tarker Anteilnahme von Chaluzim, die aua Deutschland nach Palastina eingewandert sind, entstanden ist. Diese grofie Siedlung, die zum Teil auf Arbeit in den eigenen Betrieben der Landwirtschaft und des Handwerks, zum Teil auf Au&enarbeit in Rechowoth beruht, umfaßt heute über 400 Menschen. Wir haben einen ausführlichen Bericht über ihre Entwicklung in Nr. 52 vom 29. 6. 1934 gebracht, dem wir den nachstehenden Bericht über die Entstehung der Siedlung entnehmen. (Red.) Vor etwa 5'/» Jahren begann man hier die Alijah aus Deutschland zu konzentrieren. Jene Zeit war dem Zionismus und besonders der Chaluzbewegung in Deutschland nicht hold. Eine schwere Krise, begleitet von Arbeitslosigkeit, war über das Land gegangen. Die Regierung hatte die Tore geschlossen, und einen besonders schweren Schlag erlitt die Chaluzbewegung in Deutschland: der „Blau-Weiß" war in Palästina gescheitert und in Deutschland aufgelöst. Im Zionismus wurden Stimmen laut, die meinten, daß der deutsche Chaluz nicht die notwendige Kraft aufbringen würde, um seine in Palästina herrschenden Aufgaben rti erfüllen. Man sprach vom Abbruch der Hachscharah und hielt es für das wesentlichste Ziel der zionistischen Jugendbewegung, sich zionistisch-politischer Arbeit zu widmen. Es lohnt sich heute zu konstatieren, daß es in diesen Tagen der Brith Haolim (JJWB.) mit seiner Hachscharaharbeit und vor allem mit seinem Kibbtiz Cheruth war, der der schweren Aufgabe der Chahiziuth für die zionistische Jugendbewegung treu blieb. So kann man sagen, daß in jenen Tagen die Voraussetzungen geschaffen wurden, um die große Einwanderung von Chaluzim aus Deutschland zu organisieren und einzugliedern. Im Sommer 1928 verließ eine kleine Gruppe des Kibbuz H a m e u c h a d in Rcchoboth die Kolonie, um ihr Lager eine Stunde Weges südlich von Rechoboth aufzuschlagen. Hier befand sich ein Gelände des KKL von 120 Dunam. In ihm sah man den Ansatzpunkt für eine Hilfswirtschaft dieser Lohnarbeitergruppe. Mit ihm verband man die Hoffnung auf die Errichtung einer großen eigenen Wirtschaft. Die riesigen Orangenanlagen südwärts von Rechoboth verraten heute nicht ohne weiteres, daß diese ganze Fläche noch vor sechs Jahren eine Wüste war. Und wenn die Chawcrim bis dahin von der Kolonie aus mitunter eine Stunde bis zu ihrem Arbeitsplatz gehen mußten, so hatten sie jetzt diesen Weg zu verdoppeln. Auf einem Hügel, zu dem das Wasser von weither mit einem Esel gebracht werden mußte, in der Oede, inmitten von Beduinenzelten, schlug diese Gruppe ihr Lager auf. Mit ihr verband sich die neue deutsche Alijahgruppe, der Ki bbuz Cheruth. Anspornend wirkte es, daß nach den schweren Erfahrungen der vergangenen Jahre es nun gelang, die neuen Einwanderer schnell in die Arbeit und in die Sprache des Landes einzuführen, ihnen einen Einblick in alle Fragen des Aufbaus und des Arbciterlebens zu geben und sie so mit den neuen Aufgaben innig zu verbinden. Wenige Monate vergingen, und die Unruhen im Jahre 1929 unterbrachen jäh die Entwicklung der jungen Gruppe. Nachbarsiedlungen, wenige Kilometer entfernt, Chulda und Beer- Tuwia, gingen in Flammen auf. Der Siedlungspunkt war nicht zu halten und mußte verlassen werden. Man ging auf einen benachbarten Hügel, der zu verteidigen war. Es war so gut wie sicher, daß die Araber die verlassenen Baracken und Zelte in Brand setzen würden. Aber wider Erwarten konnte man nach einigen Wochen in das fast unversehrte Lager zurückkehren, um nunmehr die begonnene Arbeit fortzusetzen. In diesen Tagen gelang es dem KKL, eine Fläche von 1000 Dunam für die Gruppe zu erwerben, und nach einigen Monaten konnte man mit dem Bau der eigenen Wirtschaft beginnen. Arbeit im Gemüsegarten (Uri Roienbtatt) ScWossertuerkstatt Foto TW Bbxft Ritt mit krankem Kind Aus einem Frauenleben in der Fröhzeit der jüdischen Palästinasiedlung 1die heute Palästina schert und sich über die modernen Verhehrsmittel und den Komfort freuen, ahnen nichts davon, daß noch vor kurzer /• it ganz andere Bedingungen im Lande herrschten und die ersten Siedler, die aus Enthusiasmus rar die jüdische Suche hinübergegangen sind, sciueerste F.ntbehrungen und Geiahren durchmachen mußten. Von diesen ersten /.eilen jiidisclten Arheitertebens berichten mehrere Stückt: des Buches „Arbeiterinnen erzählen", das, vom Deutschen Landesverband llechaiuz herausgegeben, im Verlag Kedem, Berlin-Charlottcnburg, in der Vehersetzung von Frau llccha Freier erschienen ist. Wir entnehmen dem Huch die Schilderung einer Frau aus dem Kreise der Wäclili r-Organisatinn „Ilasehomer", die in der Vorkriegszeit sich darum bemühte, die in den Rothschild- Kolonien angesiedeltc-n jüdischen Kolonisten dazu zu bewegen, als Arbeiter und Wächter Juden zu beschäftigen. Noch heute gibt es unter den palästinensischen Arbeitersiedlern viele Männer und Frauen, die jenem Wächterbund „Haschamer" angehört haben. Wir haben aus einem Kapitel des Buches eine Episode herausgeschnitten. Red. Nach dem Gesetz der Wfichterorganisation „Haschomer" war jede» Mitglied verpflichtet, von Ort zu Ort zu wandern, so wie es die W acht erlorderte. Es kam vor, daß man im Laufe eines Jahres den Ort sehr oft wechselt« und schließlich dahin zurückkam, von wo man ausgegangen war. Ehe man sich an einen neuen Platz einrichten konnte, hieß es, aufbrechen und weit erwandern. Von außen gesehen, war das nicht schwer. Sechs Petroleumkflstcn und vier Bretter — das war das ganze Mobiliar. Eine Wohnungsfrage gab es nicht. Die Verwaltung der Kolonie stellte dem Wächter ein Zimmerchen zur Verfügung, das eigentlich eine Küche war. Mehr als zwei Betten und ein Tisch gingen nicht hinein. Da der Vater nachts auf Wacht war, konnte der Sohn in seinem Bett schlnfcn. Für (Ins zweite Kind war kein Platz mehr. Tags Ober stand sein Bettchen draußen, und nachts wurde es ins Zimmer gezwangt. Die Mutter kannte keine Nachtruhe, jeder Pfiff, jeder Schuß and verabredet« Zeichen, durch die ai« &ber alle Vorgange draußen auf da* laufend**, blieb, hielten »i« dauernd wach.. , , Israel Gileadi kam aus dem oberen Galil zurück. Er hatte mit Knlvarisky (dem langjährigen Vorsteher der ICA in Obergaliläa) abgeschlossen, den Boden angesehen, von der ICA ein kleine» Budget bekommen. Die Arbeit konnte schon beginnen. Im Tischri 5677 (September 1916) machten sich die Männer auf, nahmen die Pferde — unser einziges lebendes Inventar — und zogen in den Galil. Die Frauen und Kinder blieben vorläufig zurück. Zwei Wochen später kam die Nachricht, daß nahe unserem Boden Wohnungen wären, und daß ein Kolonist von Metulla nach Tiberias kommen würde, um uns und die Kinder abzuholen. In Tiberias fanden wir den Wagen bereit. Er zog dahin, voll mit Frauen und Kindern. Bis Rosch Pina war es noch so etwas wie eine Chaussee, dann aber ging es schwer weiter, wir blieben immer wieder im Schlamm stecken, denn die Regenzeit hatte schon begonnen. Mitten im H u 1 e (der große, wild«, furchtbare Sumpf im Norden des Moromsees) bekam mein zweijähriges Kind Krämpfe. Keiner von uns wußte, was man in solchem Fall mit einem Kinde tut, wie man es rettet. In Mctulla ist ein Arzt, in Rosch Pina ist ein Arzt, aber wir sind dazwischen, mitten auf dem Weg. Wohin? Umkehren ist ausgeschlossen, wir haben die Ernte auf dem Wagen. Wir halten an, wir reiben das Kind, bis das Blut kommt. Andere sagen, man soll das Kind lieher ganz still liegen lassen. Da kommt ein Araber, ein Beduine aus dem Ilule: „Was macht ihr? Seid ihr von Gott verlassen? Das Kind ist ja tot, laßt es doch in Ruh!" Es kommen noch mehr Araber und alle sagen: „Das Kind ist tot." Vor uns der weite Weg bis Metulla, und auf dem ganzen Wege keine einzige jüdische Siedlung. Wir reiben das Kind, wir legen es still hin, wir reiben es wieder. Du kommt, von den Bergen Metullns herab, von ferne ein Wagen. Hilfe kommt, denke ich. Meinen dreiwöchigen Säugling gebe ich den Frauen, und ich renne, um die Pferde anzuhalten, komme, was wolle! Der Wagen bleibt stehen. „Wo wohnt der nächst« Arzt?" „In MetulTa". Der Fuhrmann, ein Proselyt, ein gesunder, starker Bauer. Sein Sohn neben ihm. Ich bitte ihn, er soll das beste Pferd aussuchen, das Kind mitnehmen und aus aller Kraft nach Metulis reiten. Er besinnt sich, ich gebe ihm eineinhalb Pfund, alles Geld, das wir haben, und verspreche ihm noch mehr. Er ist einverstanden. Ich befehle ihm, sich nicht umzusehen. Er rettet mit dem Kind davon. Er verschwindet ane meinen Augen. Ich reite hinter ihm her. Mein Pferd iet Haut and Knochsa, Ich aitse wie auf der Schneid« Mflc Hart«. . •« Ich bin in dem arabischen Dorf Chalssa, „Kam ein Reiter mit einem Kind im Arm vorüber?" „Ja, er kam vorüber!" „Lobt das Kind?" „Das wissen wir nicht. Es lag in seinem Amt* „Wo gehl es nach Melulla?" „Dugri" (geradeaus). Ich reite weiter. Da sehe ich Von der Spitze des Berge« zwischen Eukalyptusslämmen ein rotes Dach. Mein Herl erzittert. Das ist Mctulla! Ja, da sind die Steinhäuser. Ich springe sofort ab und gehe in den ersten besten Hof. Auf der Erde sitzen Araber. Ich sehe mich gar nicht weiter um: »,Wo ist der Reiter mit dem Kind?" Sie sehen mich groß an: „Hierher kam kein Reiter. „Wo wohnen die Juden?" „Juden? Hier sind keine Juden!" Bestürzt frage ich: „Wo bin ich denn?" Sie antworten: „In Talcha". „Wo geht es nach Metulla?" Sie zeigen auf die Berge: „Dugri". Die Spannung und das Reiten in den Bergen erschöpfe« alle Kräfte. Da kommen mir meine Genossen aus Mes'cha entgegen. Ich frage nach Reiter und Kind. „Ja", sagen sie, „das Kind lebt". Ich traue meinen Ohren nicht. Ich weiß doch, wie es mit ihm steht. Ich verlange, daß sie mir die Wahrheit sagen. Und sie sagen wie aus einem Mundo: „Das Kind lebt!" Ich frage sie, was sie hier zu tun haben. Sie sagen: „Wir verberge» uns vor der Regierung, die Deser* teure und Pferde sucht." „Da, nehmt mein Pferd!" sage ich, „es soll vorläufig hier bleiben." Wie ein Pleil vom Bosen fliege ich auf d* Metullaberge, wie auf Flügeln. Bis heute weiß ich nicht, auf welchem Wege ich lief Ich frage nach dem Haus de« Arztes. Man zeigt es mir. Ich geh« hinein. Die Aerztin er kennt mich sofort und sagt: „Ist es dein Kind, Vogele. (Es war Frau Ben-Ami Solodar, mit der ich im Krankenhaus von Dr. Hillel Jaffe in Sichron Jaakow zusammen gearbeiW« habe.) Ich frage: „Lebt das Kind?" „Es lebt!" antwortet sie, „es hat schon ,Papa* gf**fPj aber es braucht Ruhe, es ist sehr müde und hat hohe« Fieber." „Und wo tat der Papa?" entfahrt ea mir. „Der Papa ist gestern nun Militär geholt mU Gedicht (Kreüetadt, von Metulla) gebrecht worden." Zinnern Ma