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Jüdische Rundschau · 1935-02-01 · Heft 10 (1.2.1935) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 10 (1.2.1935)
Date
1935-02-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seit« 4 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 10, 1. II. 1935 Vom Werden einer Großstadt Das neue Handels- und Verkehrszentrum des östlichen Mittelmeers - Eine Stätte jüdischer Schaffenskraft - Wie deutsche Juden dabei mithelfen und was sie dort treiben - Die jüdische Not als Triebkraft des Aufbaus Haifa — nun wirklich „Stadt der Zukunft" Von unserem palästinensischen Korrespondenten. gl. Haifa, im Januar 1. Der groBe Anlauf. Es scheint immer mehr wahr m werden, daß in Palästina die Phantasten recht behalten. Es ist noch nicht lange her, da lächelten die Skeptiker, wenn man von Haifa als „Stadt der Zukunft" sprach. Sie waren nämlich ungeduldig, diese Skeptiker, es ging ihnen alles zu langsam, und sie hatten nicht recht das Vertrauen, um auf die „Zukunft" zu warten. Es gab sogar eine Zeit, wo man lächelnd die Definition für die palästinensischen Städte weitergab, Jerusalem als die Stadt der Vergangenheit, Tel- Awiw als die der (icgenwart, Haifa als die der Zukunft. Aber diese „Zukunft" harte Anführungsstriche, und die grofie Masse der Einwanderung wandte sich nach Tcl-Awiw, der Stadt der Gegenwart. Die erlebte dann ihre Konjunkturen, besonders die jetzige, in der die Läden umgebaut, die freien Plätze zugebaut werden, in der sich die kleinen Leute in solchen Massen stauen, dal} man immer das Oefühl eines zum rcherlaufen gefüllten Kessels hat. Was sich aber in Haifa in den letzten Jahren zugetragen hat und was sich jetzt dort vollzieht, hat die verlachten Phantasten vollkommen gerechtfertigt. Sie machten Haifa zur Stadt des interna t i o n a i t: n Kapital;, und der Großindustrie; sie stellten neben diese die intensive Siedlung; sie ließen in ihren Plänen die Stadt den Berg hinaufklettern und sich weit in die große Haifa-Bay hineindehnen. Heute lacht niemand mehr. Mit einem groß ausholenden Schwung wird heute an der Verwirklichung der Phantasien gearbeitet. Tcl-Awiw bat mehr l: inw ohner. ist lauter, voller, enger, füllt sein Weichbild und schwillt über seine Grenzen. Aber die Projekte, die heute in Haifa durchgeführt werden, Italien größere Linie, lu^en das Pendel der Konjunktur in einem rie-i^en Bogen ausschwingen, greifen mit Macht ins Weite. Viiifach spürt man unter den Juden in Haifa eine Haltung, als seien sie noch „Provinz1', sie fühlen sich immer noch etwas abseits, sie stehen weniger in der Schcinwcrferbcleuchtung der Propaganda und der Presse, sie haben weniger Vorträge und weniger Veranstaltungen, sie stehen nicht so stark in der Tagespolitik wie die Stadt im Süden. Aber alle diese Empfindungen sind tinberechtigt. Für den Besucher, der die Stadt in ihrer erstaunlichen Mannigfaltigkeit sieht, ihre neuen Viertel und Straßen, die riesigen Gebäude, die gelegentlich schon acht Stockwerke in die Höhe schießen, die groben Unternehmungen, die In der Bay im Aufbau begriffen sind, den überfüllten Hafen, mit seinen neuen Gebhuden und Kais — wirkt Tel-Awiw daneben trotz seiner Einwohnerzahl und Fülle etwas provinzlrrisch. Hier in Haifa weht ein stärkerer und frischerer Wind, greift man weiter hinaus als in jeder anderen Gegend im Lande, verwirklicht sich jene Entwicklung, die von den Phantasten vorhergesagt wurde. Oekonomisch gesehen kann es keinem Zweifel unterliegen, daß der große Anlauf, den Haifa in den letzten Jahren genommen hat, in der Tat zu der Stadt der Zukunft führt. Hier spürt man am stärksten den wirtschaftlichen Puls des Landes, hier werden Energien ausfclöst, die auf Jahre hinaus eine entscheidende Rolle in der ntwicklung Palästinas und des Nahen Ostens spielen werden. 2. Das Internationale Kapital. Haifa ist eine gemischte Stadt. In allem. Bevölkerung, Bauarten, Stile, Interessen ergeben ein sehr kompliziertes farbiges Bild. Und in dem Gi misch der Ziele und Interessen wird das internationale Kapital bereits sehr deutlich. Man kennt die Faktoren, die diese Gesellschaften hier zur Investierung drängen. Die geographische Lage der Stadt als Verbindung zum Nahen Osten, Hafen, Petroleumleitung. Wie grofi das Interesse der internationalen Gesellschaften an Haifa ist, erkennt man an der Schnelligkeit, mit der ihre Projekte hier durchgeführt worden sind. Die I. C. I. (Imperial Chemical It;du-■;: ies) hat ihr großes Gebäude an der Eisenbahnlinie und i-.< überall in der Stadt zu spuren. Die LP. C. (Irak Petroleum t ••mpanv) hatte schon vor der offiziellen Eröffnung der Rchrcnlcitung Mossul —Haifa (die am 22. Januar erfolgte) ihre Arbeit aufgenommen. Rein äußerlich fallen die Bauten dieser Konzerne sofort auf. Bei einem Ucbrrhlick über die Bay sieht man zuerst die silbrigen grollen (»eltatiks von Shell und Vacuum-t Hl, weiterhin die Reihe der groben schwarzen Reservoirs der Irak Pcirol. Im Oclhafcn hegen mit groben Rauchfahnen die Schiffe, die aus den l 'Titer w.i^uleitungeii, /wei Kilometer von der Küste, tanken. Neben der von der I. P. C. gebauten Straße laufen ihre I cicphonieiningeu in die Ebene jcsrccl hinein, am eigenen Flugplatz der Gesellschaft vorbei. Das Qcl wird hier wie überall zu einem Staat im Staate. Und neben diesen grofien Bauten reckt -.ich in der Bav die neue Station von R u t h c n h e r g in die Hohe, die die vergrößerten Bedürfnisse Haifas nach elektischer Kraft befriedigen soll. Obwohl von Juden kontrolliert, hat die Ruthcnbcrg-üesellschaft viel englisches Kapital und die Million, die jetzt aufgenommen werden soll, wird auch zu einem guten Teile aus England kommen. Auch die Entwicklung des Ruthenbergschen Elektrizitätsunternehmens ist eine Ehrenrettung der Phantasten. Bei der Gründung hielten viele die Jordanstation für zu grofi und die Leitung des Werkes selbst baute die Stationen in Ilaifa und Tel-Awiw für „Reserve". Heute arbeiten alle Werke, auch die Reserven in voller Kapazität, das neue in Haifa hat bereits so viel Bestellungen wie es nur ausführen kann, und am Tiberlas-See sind iwei neue Stationen geplant. Für Wohnungen, für Industrie, für Werkstätten, für Brunnen verlangt man Strom von alleai Seiten. Alle früheren Berechnungen sind über den Haufen geworfen, zu klein, zu klein! S. Völkermosaik und KonJurVur. Haifa erhalt seine besondere Note durch seine ge hte Bevölkerung) die weniger als an anderen Stellen nebeneinander lebt. Die ganze Anlage des Ortes erzwingt eine stärkere Berührung von Juden, Arabern, Engländern und dem Dutzend anderer Nationalitäten der Hafenstadt. Vielleicht liegt es hieran, daß Haifa in vi.-Icrn einen größeren Horizont hat als Tel-Awiw, vielleicht liegt es an der Größe der zu bewältigenden Projekte und der Nähe des Hafens. In Haifa wird ad oculos demonstriert, daß die Konjunktur nicht nur für Juden in Palästina da ist, daß sie auch die anderen mitreißt, die Araber mit im Strom schwimmen läßt, sie zur Initiative heranzieht. Die Baubewegung beteiligt die arabischen Finanzier.; und Unternehmer in großem Maßstäbe, Auch sie stellen sich im Stil um, bauen modern und im großen Umfange, ein Teil der neu von Juden bezogenen Wohnungen wird von ihnen fertiggestellt und vermietet. So manche der neuen kleineren Industrieuntcrnchmungen und Werkstätten Ist in den alten arabischen Häusern und Läden in der Bahnhofsgegend untergekommen. Daß die wachsende Stadt auch die kleinen Leute in größerem Umfange mit Arbeit versorgt, ihnen und der Umgehung einen größeren Markt schafft, ist selbstverständlich. Und es ist vermutlich kein Zufall, daß Haifa die einzige Stelle ist, wo man von einem aussichtsreichen Beginn der Organisierung des arabischen Arbeiters sprechen kann, der seit Jahren in Verbindung mit der jüdischen Arbeiterorganisation steht und von ihr Anregungen und gelegentlich auch Hilfe empfängt. Auch in dieser Beziehung besteht in Haifa ein stärkerer Antrieb und weht ein freierer Wind als an anderen Plätzen. 4. Der lange Karmel. Sieht man die Stadt von Norden her, über die Bucht hinweg von Akko aus, so erstaunt das Wachstum der Stadt, das sie unaufhaltsam den Berg hinaufpreßt. Wo sind die Zeiten hin, wo Hadar Hakarmei nicht viel mehr war als ein oder zwei Straßen, wo es still war und sich als eine Art gemütlichen Villenviertels betrachten konnte! Jetzt kriecht es stetig den Berg hinauf, und obwohl es immer wieder neue Straßenzüge bekommt, obwohl anschließend Wadis planiert und Abstürze überquert werden, ist es von Tag zu Tag enger. Die bösen Leute meinen, Hadar Hakarmel vereinige langsam die Nachteile von Tel-Awiw ohne seine Vorteile. Das ist übertrieben, denn es bleibt immer wieder die Aussicht auf die Bucht und den Hernion, die großen Wege des Karmel als Spaziergänge. Aber man sitzt in der Tat verzweifelt dicht aufeinander, die Straßen, die Lokale, die Läden sind voll und gedrängt und es ist kein Vergnügen, heute in oder nach einem Regen in diesem Viertel eines der neuen Häuser aufzusuchen, wo es noch keine Trottoire gibt, die riesigen Pfützen auf Schritt und Tritt tückische Fallen legen und die Straßenbeleuchtung weit hinter dem Häuserbau hinkt! Aber die Stadt sucht neue Wohngebiete. Die Phantasten schmieden neue Pläne (auch heute lächeln die Skeptiker und werden unrecht behalten). Der Wohnring wird weiter gezogen und soll einmal in Siedlungen übergehen. In Neve Schaanan oberhalb der Straße Haifa—Tiberias beginnt es und wird sich über die heute immer dichteren Karmelsiedlungen auf dem Rücken des Berges weiter hinüberziehen bis in jene Gegenden, wo heute Haifa seinen schönen Badestrand hat (die Gründung des christlichen Arabers Chajath) und bis hinunter nach Athlith. Man plant hier Käufe, Straßenbau, neue Entwicklungen. Vor dem Fenster, an dem die neuen Pläne hängen, pulst die Konjunktur. Warum sollte nicht auch dieser sich über den langen Karmel spannende Bogen des neuen Haifa in einigen Jahren Wirklichkeit sein? 8. Schwerindustrie und Industrie. Vom Kingsway aus, der großen Straße, die sich am Hafen «ntlangzicht, kommt "man hinaus durch eine alte arabische Gegend, in der es von neuen Werkstätten und Kleinbetrieben wimmelt, auf den Weg nach Afule—Nazareth und biegt auf di« Straße nach Akko ab. Tanks, Oel, das Gerippe der Ruthenberg- Station, und wir sind mitten in der Industriezone. Haifa hat schon vor Jahren die größeren Betriebe konzentriert. Hier raucht die große Zementanlage von „N es eher", hier stehen die Grands Moulins de Palestine, hier arbeitet „Schemen", das Seifen, Ocle, in letzter Zeit auch eine Reihe von Toilettenartikeln im großen Maßstäbe produziert. Jetzt schießen hier die neuen Betriebe aus der Erde. Drei große reihen skh den alten an: da ist die neue Silikat-Fabrik, ein ganz modernes Unternehmen, das heute die Konsumenten direkt vor der Türe hat in den vielen anderen im Bau begriffenen Fabriken, den anschließenden Siedlungen und der im Baufieber sich regenden Stadt. Da ist die gewaltige Eisengießerei, ein für das Land völlig neues Unternehmen, ein Riesenkomplex von Hallen, von denen erst ein Teil steht Da sind Eisenkonstruktionen, mit Eternit gedeckt, in denen die Schmelzöfen glühen und die großen Krane sich geräuschlos an ihren Schienen bewegen. Die Halle für die Emaillieröfen ist eben in Konstruktion, für andere sind erst die Plätze abgegrenzt. Zum ersten Male sieht Palästina derartige Konstruktionen (der Bau wird von Willy Weltsch, der für die Ausstellung in Tcl-Awiw verantwortlich war, geleitet), zum ersten Male einen solchen Betrieb. Weiter hinaus, schon in die Ebene hinein in Kfar Ata, entsteht der dritte grofie Komplex, eine Spinnerei, Weberei und Appretur-Anstalt. Auch hier wächst eine riesige Eiscnhallenkonstruktion, mit Drahtglas gedeckt, in ihrer Aufstellung von lng. Reich überwacht, und spannt ihre kolossalen Eisensparren gegen den blauen Himmel. Und zu beiden Seiten der Straße Haifa—Akko zieht sich die Reihe der kleineren Industrien. Ein Teil ist bereits m Funktion, bei anderen wird erst das Haus erstellt, wieder wo anders werden Maschinen montiert. Eine Fülle verschiedenster Produkte, von Stahlmöbeln zu Würsten, von Sodawasser zu Keramik, von Farben zu Essenzen. Es ist auffallend, daß man sowohl unter den Unternehmern, wie auch unter den Arbeitern in den Betrieben massenhaft deutsche Juden findet. Ein Teil hat seinen Betrieb überführt, der andere hat sich umgestellt und ist hier, statt das Heer der Akademiker zu vergrößern, Unternehmer geworden, ein Teil hat umgeschichtet und lernt arbeiten. Man wird in dieser Gegend nur wenig erfahren, wenn man nicht auch deutsch sprechen kann! Und bei vielem, was man sowohl an Arbeitern wie an Unternehmern sieht, bekommt man Achtung vor den deutschen Einwanderern. Hier liegt viel Energie, viel Lernwille, viel harte Arbeit. Dabei sind nicht etwa alle zufrieden, es gibt Klagen, es gibt Vorwürfe, man hat Schwierigkeiten mit Behörden, jüdischen und anderen, mit Arbeitern, mit Aufträgen. Aber man kämpft sich durch und es läßt sich nicht leugnen, daß das wirtschaftliche Leben in dieser Gegend wie auch an vielen anderen Stellen durch die deutsche Einwanderung einen großen Antrieb erhält. Für alle diese Betriebe ist heute der Absatz kaum ein Problem. Der innere Markt schluckt die Produkte, auch der Export beginnt sich zu regen. Mancher der Betriebe kann nicht auf Vorrat arbeiten, er ist besetzt mit Bestellungen. Dieses Wunder wird natürlich durch die Einwanderung und die dadurch gesteigerte Kaufkraft bedingt. Solange diese anhält, ist auch die Industrie in ihrem Absatz gesichert. Und was nachher geschieht, wenn die Einwanderung abflauen sollte, weiß heute keiner. Dens dam n edj te*q^ LHtae Ueberskhukarte ist einer soeben •rschi««iien neuen Kens HijcwcxLBruschüre üb« Half« «puwroiwa D* Ziffern bsteicbn«a (in jidduchex Sprache) eine Kcthc wichtiger Gebiude,

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