Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 7 (22.1.1935)
- Date
- 1935-01-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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'v. , -." •—v T3n™ ^^t^w^^"t™ Seit« 4 JOMSCrff BUNDSCHAtJ Nr. 7, 22.1.1935 Die Welt des Chassidismus Ein Vortrag von Martin Buber In der großen Vortragsreihe des Berliner Jüdischen Lehrhauses bildete der letzte Vortrag am 17. Januar, den Professor Martin Buber über Chassidismus hielt, zweifellos den Höhepunkt dieses an und für sieh bereits auf sehr hohem Niveau stehenden Zyklus. Die Singakademie war mit einem erwartungsvollen und aufnahmefreudigen Publikum dicht gefüllt, und man harte den Eindruck, daß selbst die, die dem Gedankengang Bubers nicht bis in alle Einzelheiten zu folgen vermochten, stets unter dem Bann seiner PersönHcMeit standen. Die Ausführungen Bubers gaben einen Einblick in die Gedankenwelt des Chassidismus, die er nicht nur aus der Sache heraus entwickelte, sondern vor allem stets in Vergleich zu anderen religiösen Strömungen setzte. Chassidismus ist eine echte Wandlung im Innersten des Volkes^ eine gejn e i n s c h a f t s h,\ 1 d e n d e Bewegung. Er ist entstanden in einer uoch mittelalterlichen Welt des Ostjudentums, das unter zahllosen Bedrückungen und Verfolgungen stand. Auf diese äußere politische Lage antwortete das Judentum aber nfcht durch Askese, durch ein Sich-der-Welt-Verschließen, sondern es ging auf die Welt ein, so wie sie beschaffen ist. Der<Grundgedanke des Chassidismus ist der Glaube an die Heiligung des Alltags Und an die Erlösbarkeit aller Dinge. Wenn man oft den Chassidismus als eine „Auflehnung des Gefühls" gegen den Rationalismus bezeichnet hat, so betrachtet Buber diese Charakterisierung als ein vereinfachemies Schlagwort, das nicht alles unifaßt. Gefühl kann die Wirklichkeit eröffnen oder verstellen, je nach der Haltung des Menschen; auf die Wirklichkeit kommt es an. Die eigentliche Fragestellung des Vortrags war: Wie verhalt .-ich der (. h ,i s i d i s in u s zur U c b e r I i e - fern ü :r? Alle Erneuerung ergibt sich aus dem Willen zur Rückkehr /imi Ursprung, i>en Erneuerern ist es immer um das Alte zu tun. um das richtige Alte; sie reduzieren nicht. Das Karin rtimi /. B. oder die Reform im 10. Jahrhundert waren de-halb keine Erneuerungen. Es geht auch liier um die Wirklichkeit, uaiiiiich die Wirklichkeit des Ursprungs, die Beziehung /u Gott. — Als eins der wesentlichsten Eieui' üic ist in der Gedankenwelt des Chassidismus der Bi grill der K a w w a n a suiksam, den Buber mit „Intention", „Ausrichtung", nie r-et/t. Der Chassidismus hat die Kawwana aut den Alltag aai-gedehnt und die Lehre vertreten, da 15 der Bund mit (Sott davon abhängt, ob die Menschen mit ihrem ganzen Sein die-c Richtung auf Gott hin „meinen". Es geht '.nn die Gegenseitigkeit von oben und unten, um die Erlösung der Welt, und ekommt darauf an, ob der Mensch das ihm Ausgegebene mit gui/rm Merzen tut. Es gab zw ei Heu e■umgen, die ebenfalls eine solche Rückkehr zum Ursprung predigten und die deshalb als Vergleich herangezogen wurden. Einmal ist die P r o p h c t i e eine Kundgebung der Machtlosen gegen die Mächtigen. Sie ist der Protest gegen den OpferkuB. Aber was meinen die Propheten damit? Sind sie wirklich Gegner des Opfers? Nein, sie sind nicht Gegner des Opfers, simdeni Gegner eines sinnlos gewordenen Opfers. Wenn die Opferhandlung mechanisch, gleichsam als selbstverständlich vollzogen wird, dann ist sie ihres Sinns beraubt; gegen diese Sinnentleerung geht der Kampf der Propheten. "(Eine gemeinschaftsbildende Wirkung hatte die Prophctie nicht.) .....- Sodann hat auch das Urchristentum das Streben zum Ursprung. Deutlich ist es im Matthäus- Evangelium gesagt, daß Christus gekommen ist, „nicht aufzulösen, sondern zu erfüllen". Die Radikalisierung der Gebote der Thora wird angestrebt, und das Ziel ist, dadurch die Menschen vollkommen zu machen. Der Chassidismus mutet den Menschen nicht zu, vollkommen zu werden. Er sagt: Ihr sollt heilig sein. Der Mensch soll alle Handlungen heiligen, die er in der Welt zu vollziehen hat. So wirkt jeder Mensch an der Erlösung der Welt mit. Paulus zieht aus der Unmöglichkeit, aus eigener Kraft vollkommen zu werden, die Folgerung des Anschlusses an Christus. Aus der Radikalisierung der Gebote folgt für ihn die Hingabe an den Mittler. Auch die Chassidim haben dem Zaddik mittlerische Funktionen zugeschrieben; aber es war cm wesentlicher Unterschied. Christus wurde betrachtet als einer, der vom Himmel gesandt ist, der Zaddik aber ist einer aus unserer Mitte, ein Mensch. Im Zusammenhang mit der Forderung der Vollkommenheit des Menschen steht die Frage der Sündhaftigkeit Das Christentum lehrt, daß die „fremden Gedanken"_ im Menschen, die ihn von göttlicher Vollkommenheit wegziehen, ein unüberwindlicher Sündenstand des Menschen sind (Erbsünde). Damit wurde die Entscheidung des Menschen unwirklich; und es entspricht nur der Logik der Entwicklung, wenn Luther die Auffassung vertritt, „sola fiele", allein durch den Glauben könne der Mensch selig werden. Der Chassidismus hingegen sagt, daß der Mensch die „fremden Gedanken" um seines Sichentscheidens willen hat. Man kann keinem Menschen sagen, wie er sie los wird, weil man ihm die Entscheidung nicht abnehmen kann. Die Lehre von den zwei „Jezarim" (was Buber nicht als „Triebe", sondern als „BiId s a m k ei t" übersetzt), nimmt im Judentum die Form an, daß der Mensch Gott nur mit beiden, mit dem Jczer tow und dem Jezer hara, dienen könne. Der Jezer hara („böse Trieb") gibt uns gleichsam die höchste Chance, das Gute zu tun. Der Chassidismus zieht daraus die Folgerung, daß alles geheiligt werden kann. Die Kawwana, die im Christentum umgebogen ist zu einer Gesinnungsbeschaffenheit, die vor Anwandlungen bewahrt, wird im Chassidismus zu einer die ganze Wirklichkeit des Menschen umfassenden Konzeption. AnfangertdQrfen Ist ihm —Im Gegensatz zum Christentum — der Sinn des Lebens Die ganze wirkliche Welt wird in das Gebet hin eingenommen. Aber es geht stets um das, was wir vermögen. Es wird keine unerreichbare Vollkommenheit verlangt. Aus der Vorstellung des J i s c h u d, der Einung, schöpft der Chassidismus den Glauben an das erlösende Tun des Menschen. Die messianische Kraft ist in die Menschheit ausgestreut und jeder Mensch hat an ihr Teil. (Jeder Automcssianismus aber ist ein Uebergriff, solange die Gebote nicht erfüllt sind.) Zum Schluß noch eine soziologische Betrachtung: der Chassidismus stützt sich auf den „Am Haarez", auf die breite Masse, auf die die Gelehrten verächtlich herabsahen. So ist der Chassidismus ein Aufstand des Am Haarez gegen eine sozial zerklüftete Welt, in der er nichts bedeutet. Im Christentum, das sich ebenfalls auf den Am Haarez stützt, hat dieser keine Funktion. Im Chassidismus aber hat er ein Amt: er ist der Mensch der schlichten Seele, der Mensch der Einheit, aus dem die Erlösung hervorgehen kann. Und noch ein zweites: Paulus dehnt seine Verheißung an den Am Haarez über alle Völker aus; der Chassidismus hingegen bleibt im Volkhaften, weil er hier den Beginn einer Gemeinschaft der Menschheit sieht. Erst wenn innerhalb des jüdischen Volkes die Gemeinschaft verwirklicht ist, wird die Gemeinschaft der Welt zustande kommen. Die Thora, so schloß Buber, wird von Zlon ausgehen; aber sie muß vorher in Zion eingegangen und dort eine lebendige Wirklichkeit geworden sein. Dr. N. Alfred Jeremias Der dieser Tage in Leipzig verstorbene Prof. Alfred (Jeremias war einer der Vertreter des sogenannten Panßabvionisniüs, der die Kultur des gesamten alten Orients, auch die des Alten Testaments und des jüdischen Volkes, in Abhängigkeit brachte von dem groben Kulturzentrum Babylons, dessen Träger die Sumerer waren. Die Forschungen von Jeremias sind für die Aufhellung der geistigen Zusammenhänge im alten Orient von weittragender Bedeutung, auch wenn man nicht alle seine Konsequenzen annimmt. Die These, die er in «lein Satz ,i:n lrn> kte: „Die sumerische Geistesktiltur hat für die E i n h e i t I i c h k <_■ i t d e r M e n s c h Ii e i t s b i 1 - dung eine schöpferische Bedeutung" -- verdient gewili Zustimmung; auch für die aitjudische Geiste-geschiciite ist es uneiLibiii h, sie nicht i-nliert, sondern im Zusammenhang mit der Gc-aiutkuhur des Zeitalters zu betrachten, Alfred Jeremias wurde gi gen Ende des Weltkrieges, als - w ie er schreibt — die Auiiht 1k-tarn!, „daß ein neues grobes Deutsches Reich durch «i ine Verblödung mit dem im O-ten geschaffenen neuen po'iii>-chcn Könj.gieich drei Millionen Ostjuden in seine Grenzen bekommen sollte", von der deutschen Regierung zum Studium der Judenfrage nach Polen geschickt und hat in'einer Broschnre „j u di.se h c F r ö in m i g k e i t" (Verlag Hinrichs, WH), seine Eindrucke niedergelegt. Obwohl seine Betrachturigswiise die eines christlichen Theologen ist und daher jiidischei si its nicht imeinge-chraiikte Zustimmung finden kann, ist es doch heute von Reiz, diese Broschüre von Jeremias durchzublättern. In der Einleitung zu dieser Broschüre, die interessante Beobachtungen über' jüdische Bräuche, jüdische Anschauungen und judisches Volksleben enthält, sagt der (seine rein arische Abstammung betonende) Gelehrte: „Alle antisemitischen Bewegungen des Abend- /andes gehen in ihren extremen Formen von dem Irrtum aus, als ob geistige Bewegungen (und die stehen immer hinter dem Judentum) mit Gewaltmitteln ausgerottet werden könnten, und haben in ihren gemäßigten Formen den Mangel, daß sie unter dem Einfluß einer tiefgehenden Rassen abneig tt n g sich nicht die geringste Mühe geben, i n d i e j ü d i s c h e V o 1 k s s e e I e einzudringen. Wenn das geschehen würde, so würde vielleicht das Resultat die Erkenntnis sein, daß hier hohe Werte vorhanden sind, die zwar in einer künstlichen Vermischung und Assimilierung mit der kultur-morphologisch ganz anders geschichteten abendländischen Zivilisation verheerend wirken können, innerhalb einer für sich bestehenden Judenheit aber Bedeutung haben könnten. Es gibt keine der Judenheit kongenialere Bewegung als die des Zionismus. Er mag sich taktisch noch so unrcligiös gebärden, im tiefsten Grunde ist er religiös schon in seiner Bindung an das heilige Land, und muß es sein, weil für die Judenheit als einer orientalischen Geisteswclt alles, auch die Politik, von Religion getragen ist und sein muß." Jeremias hat sich um dieses nähere Kennenlernen des Judentums sehr bemüht. Und obwohl er gewiß im einzelner» manches mißverstanden hat und sicher auch nicht judenfreundlich voreingenommen war, wurde man wünschen, daß die Darstellung dieses als deutschen Vertrauensmannes entsandten Mannes im deutschen Volk mehr bekannt geworden wäre als Mc es wohl tatsächlich geworden ist Marie von Bunsen, die bekannte deutsche Schriftstellerin, ist dieser Tage fünfundsiebzig Jahre alt geworden. Auch wir dürfen bei einer solchen Gelegenheit feststellen, wieviel Sympathie sie sich erworben hat. Daß Marie von Bunsen von vornherein auch für jüdische Dinge und Menschen einen offenen Blick hatte und sie weder voreingenommen noch kritiklos beurteilte, sieht man an ihren Memoiren. Ihr Großvater und ihr Vater waren mit Jakob Bernays wohlbekannt, und sie erzählt, daß es in ihrem Elternhaus verboten war, verächtlich und lieblos verallgemeinernd von Juden zu sprechen. Zu Haus und auch sonst kam sie häufig mit Juden zusammen, sie erwähnt etwa, daß unter den vierzig Teilnehmerinnen eines schwierigen philosophischen Kurses die Frau Diltheys und sie selbst „ganz, allein das blauäugige, christlichgermanische Element" vertraten, daß sie in jüdischen Häusern (bei Arnold, Stern, Warburg, Felix Deutsch), verkehrte, und sie schwärmt von Cornelia Richter, der Tochter Giacomo Meycrbcers: „Man hat sie gelieht." Von einer Reichstagssiizung erzählt sie, wie Paul Singer sprach: „vorzüglich, gemäßigt, nur manchmal in ein jüdisches Pathos verfallend", und von einer Unterhaltung bei der Kaiserin Friedrich, bei der sich der rumänische König gegen den Vorwurf der Judenfeindlichkeit verteidigt habe. Durch Julius Rodenbergs „Deutsche Rundschau" wurde Marie von Bunsen in die deutsche Literatur eingeführt, sie lernte die „Modernen" kennen, aber „Ludwig Fulda machte den angenehmsten Eindruck der hiesigen Literatur". Beim Berliner Kongreß sieht und hört sie Disraeli: „weder edel noch groß, höchstens klug und fein.... Ich habe ihn nicht gemocht." Aber durch seinen Biographen Maurois, fügt sie hinzu, als sie fünfzig Jahre später diesen Eindruck kontrolliert, lernte sie auch Disraeli verstehen. Kunstausstellung in Stockholm. Unser Stockholmer H. R.¬ Korrespondent sehreibt uns: In der Stockholmer Galerie Moderne zeigt der früher in Berlin (jetzt Paris) lebende jüdische Maler Erich Isen bürg er 31 seiner Gemälde (Porträts, Landschaftsbildcr usw.). Die Ausstellung erfreut sich seitens der Presse freundlicher Würdigung und regen Zuspruchs des Stockholmer Publikums. Es ist heute höchste Zeit, der „Jüdischen Rundschau" das Bezugs-Geld für Februar - 2 Mark - zu überweisen. Tun Sie es bitte noch heute: jeder unserer Freunde kann sich denken, daß es für die „Jüdische Rundschau" ein wesentlich leichteres Arbeiten bedeutet, wenn sie die Bezugs - Gebühren zur rechten Zeit erhält. Abschied von Ernst Simon In diesen Tagen kehrt Dr. Emst Simon nach längerer Tätigkeit in Deutschland wieder nach Palästina in reinen neuen Wirkungskreis zurück. Aus diesem Anlaß erhalten wir die nachstehenden Zeilen. Red. In diesen Tagen verläßt Ernst Simon Deutschland, um nach Palästina zurückzukehren. Seit einigen Jahren haben wir hier die Einrichtung der „Sendboten": Palästinenser betätigten sich in bemerkenswerter Weise auf dem Gebiete der zionistischen und bündischen Erziehung sowie des hebräischen Unterrichts. Ernst Simon war oer erste Abgc.vindte ohne Auf>a 7 und ohne Sonderauftrag von drüben her; aber in aller Freiheit, in der Freiheit, die man ihm gab und die er sich nahm, war er der Sendbote eines lebensvollen Judentums, das daran geht, die Lehre anzuwenden und die Anwendung zu lehren. Seine Tätigkeit vollzog sich im Rahmen der von Martin Buber begründeten und geleiteten „Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung" und in enger Gemeinschaft mit Marti« Buber. Die Absicht der Mittelstelle ist, jüdische Bildung aus den Quellen zu begründen, sie zu einer lebensnahen Darstellung zu bringen und zu einem sicheren Gang der Methode anzuleiten. Das geschieht in Zusammenarbeit mit denjenigen, die das Erarbeitete weiter zu verwerten haben, mit Lehrern der Schule und Erwachsenenbildung und mit Jugendführern. Zu diesem Zwecke werden an verschiedenen Punkten Deutschlands, und zwar an solchen Orten, die der Konzentration günstig sind, Lernzeiten eingerichtet, in denen jeweils Auswahlthemen von exemplarischer Bedeutung möglichst quellenmäßig erarbeitet werden, in der Weise der Konzentration, d. h. so, daß der Gegenstand in seiner Bestimmtheit, Ausdehnung und Wirkung (Aktualität) erkannt wird. Die Arbeit, die hier geleistet wurde und wird, ist ein wichtiges Kapitel in der Einkehr zum Judentum. An dieser Arbeit hatte Ernst Simon in der kurzen Zeit seines Verweilens in Deutschland; einen außerordentlichen Anteil. Er vervielfachte seine Kräfte und war überall bei den Kolonnen der fliegenden Bildung, ohne daß das Niveau seiner Referate und Gespräche unter dem Tempo litt. Die Gegenstände, mit denen er sich auseinandersetzte, waren die fruchtbaren Momente der jüdischen Geschichte; richtiger: bestimmte Persönlichkeiten oder Situationen wurden von ihm als fruchtbare Momente der jüdischen Geschichte erfaßt. Ein solcher Moment ist dann gekommen, wenn die Wege des Juden und des Politikers zusammenstoßen, so daß eine Grenzregulierung und eine Entscheidung gefordert ist, wie das jn dem leidenschaftlichen Durchbruch des Propheten Jercmi a geschieht oder wenn das Judentum, in eine erregende Zeit hineingestellt, nicht nur um Brot und Leben, sondern um seinen "Charakter und gegen die billigen Losungen und gegen Selbsttäuschung zu kämpfen hat. Der Schtadlan Jos sei von Rosheim ist ein Beispiel dafür. Es kommt dabei auf eine Art Lehre von den Grenzen der politischen Begriffs- und Tatbildung heraus. Ihr Verfasser, dem jüdischen Volksleben Palästinas verbunden, durch die politische Erfahrung in Palästina gewitzigt, au der englischen Geschichte und Politik geschult und im Grundsätzlichen unnachgiebig, bleibt aber nicht am Negativen haften und nicht allein mit der Grenzziehung beschäftigt. In den vielseitigen, von ihm aufgedeckten Beziehungen und in der Vereinigung auseinanderfallender jüdischer Bereiche, insbesondere mit der Heranziehung des Halachischen, erscheint, mag es sich um einen Menschen oder um eine Epoche handein, immer ein ganzes Geschichtsbild. Sicher liegt in der von Ernst Simon geübten Darstellung auch eine Gefahr, die Gefahr des Essays, insbesondere dann, wenn an einzelne biographische Notizen ganz : große Geschichtsvorgänge angelehnt werden. Aber schließlich teilt Ernst Simon die Wertschätzung der Asmadhta mit bedeutenden Lehrern unserer Literatur. Es ist seiner Tätigkeit auch sonst noch einiges nachzusagen. Wir haben das deutliche Empfinden, daß^ auch mit seiner Hilfe die religiöse Diskussion ein Stück vorwärts gebracht worden ist, daß die neue von ihm versuchte Grenzziehung nicht mehr mit der alten von Liberalismus und Orthodoxie zusammenfällt. Und die Bewegung hat sich von ihm auf die Diskussion übertragen, und wenn hier auch noch nichts spruchreif ist, so tut doch schon die Wahrnehmung gut, daß man hier und da vom Stellungskrieg zum Bewegungskrieg übergegangen ist. Zuletzt: Die Vorträge, die von Ernst Simon gehalten worden sind, und die ganze Art seiner Betätigung hier sind ein kräftiger Beweis dafür, daß die Einschränkung, der wir unterliegen, nicht Enge zu bedeuten braucht. Sie förderten die Geschmacks- und Urteilsbildung im deutschen Judentum, und man konnte aus ihnen den Unterschied zwischen „leichten Teigwaren" und bildungsechtem Gut lernen. Wir sind den Geistern, die ihn riefen, dankbar. Wir verdanken ihm ein fruchtbares pädagogisches Jahr. Es möge erlaubt sein, ihn nach Palästina zu entlassen mit den Worten der Begrüßung, die Jeruchim Schmelkes im „Weg ohne Ende" an Perez richtet: Ihr seid eine große Freude. Max Grünewald, Mannheim. Richard Beer-Hofmann las Sonntagnachmittag fm Radio (Wiener Sender) aus eigenen Werken vor. Zur Einführung schickte Oscar Maurus Fontana einige Worte der Charakteristik des Beer-Hofmannschen Lebenswerkes voraus. Beer-Hofmann gruppierte seine Vorlesung um drei Fraucngestalten: die alte Bäuerin aus der Novelle „Der Tod Georgs", die Stammutter Ruth, die in dem Gespräch des Knaben Abjathar mit seiner Pflegerin (1. Szene des „Jungen David") in ihrer mythischen Größe in die Vorstellung des Hörers tritt, und Davids Frau Maächa, die gleichfalls nicht selber auftritt, sondern von deren überirdischer Schönheit (in der 3. Szene) der junge Dichter David zu seiner SchwesteT Serujah in poetischer Verzückung spricht. Der Dichter gab in seinem fein abgetönten, alle Akzente scharf zur Geltung bringenden Vortrag diesen Szenen einen packenden Rhythmus und tiefe Wirkung. Zum Schluß fügte er das ergreifende Gedicht „Der weite Weg" an (bekannt aus einer Veröffentlichung in der Zeitschrift „Corona"), vielleicht ein Selbstbekenntnis, das von den immer stärker werdenden Einsamkeiten spricht, die als etwas bitteres, aber auch großartiges Ergebnis eines Menschenlebens gefunden werden. Film-Notizen In den zusammenfassenden Aufsätzen der amerikanischen Filmkritiker über die filmischen Ereignisse des vergangenen Jahres wird mit besonderem Bedauern Charlie Chaplins „Abstinenz" vermerkt. „Der filmischste aller Filmkünstler" habe sich noch immer nicht den veränderten Aufgaben (und dem Niveau) des modernen sprechenden Films anbequemen können und das ganze Jahr 1934 hindurch nicht nur geschwiegen, sondern sich auch unsichtbar gehalten. Man hofft, ihn wenigstens dieses Jahr auf der Leinwand wiederzusehen. In Hollywood wird ein Film vorbereitet, dessen Inhalt die Lebensgeschichte der Sara Bernhardt sein wird. Die Hauptrolle will Marlene Dietrich spielen. Alexander Granowsky, der frühere Regisseur des Moskauer Jüdischen Künstler-Theaters, auch in Deutschland durch seine Inszenierungen bekannt, hat sich bereits vor Jahren dem Film zugewendet. „Moskauer Nächte", der erste größere Film, den Granowsky in Hollywood aufgenommen hat, wird jetzt mit großem Erfolg in Ncw-York gespielt. ■ i