Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 6 (18.1.1935)
- Date
- 1935-01-18
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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JODISCHE RUNDSCHAU Ton jji*i«1 isolier Musik NR. 6, 18. JANUAR 1935 Jüdische Theatermusik In einer herrlichen Novelle von Ji/chok Leih Pcrez: „Die Seelcnwanderimg einer Melodie" wird beschrieben, wie aus der Weise eines fröhlichen Hochzeitstanzc-s auf mannigfachen Umwegen erst ein Gebetgesang, dann ein Tanzschlager, eine Opernarie, ein Leierkastenlied und schließlich wieder eine fromme Melodie wird. Als Perez dies schrieb, ahnte er wohl kaum, welche Metamorphosen diese guten, alten, traurigen, tiefen und heiteren jüdischen Lieder dereinst durchmachen würden. I. Alles Motivische und Thematische, was der Musik des jüdischen Theaters /umrunde liegt, ist jüdisch; alle Lieder und Tänze sind jüdische Lieder und Tänze. Die Entwicklungsgeschichte der jüdischen Musik — entsprechend der ganzen Spannungskurve der jüdischen Geistigkeit, vom Ringkampf mit dein Transzendenten, über die Miseren und Freuden eines volkhaft-naivcn Alltags, bis zur bittersten Sclbstpersifiage - ist hier in allen ihren Niederschlagen vertreten: vorn versprengten Rezitativ aus Bibel- und < iebetsweise, von chnssidischer Kontemplation und Fanatik, über Volkslied und Rundtanz, bis zum sclbstkarikierenden Operettenschlager, und dies alles in einer Einheit, wie sie bunter, lebendiger und konkreter kaum vorgestellt werden kann. Diese Einheit in einer Formel unterzubringen ist nicht reicht, da mit der letzten hier erreichten Phase dieser Entwicklungsgeschichte keineswegs, wie man meinen sollte, auch eine eindeutige Sceleulage erreicht ist. Und dies hängt wieder damit zusammen, dali das psvi bische Fundament des Ostjuden viel mehr als er selber weil! und immer zuzugeben bereit ist - sich in komplizierten Windungen, doch in stets ausschlaggebender Kontinuität auf den geistigen Inhalten seiner reli :i'Wn Kulturcpocbcn aufgebaut hat. Die hier zum Ausdruck kommende Kahmig, die rational-gewollte, die bewußte Intention geht nun mit aller Deutlichkeit auf •einen Abbau dieser historisch verwurzelten Einstellungen Und äuliert sieh sogar mein mehr in einer pathetischen Feindschaft, sondern bereits in souveränstem Humor. Und hier ist es von höchstem Ii 'ercsse zu beobachten, wie alles ins Burleske variierte, verzogene oder aufgelöste musikalische Urgut des Volke* den eigentlich künstlerischen, tiefenwirkenden < iehalt nicht aus seinen Ncgieitheitcn. sondern aus dem Positiven, das negiert werden soli, selber bezieht. Die (wenn auch humoristische) Aggression kann gar nicht ganz, bis in den Kern hinein, \oli/ogen werden; denn in der Berührung mit den archaischen < iegciMändcn des Angriffs erweisen sich diese als eine nicht, ja aD die weitaus stärkere Energiequelle. Alle diese .,m vsüschen" Atome - so sehr sie durch die ironische „Eiuklammcruug" schließlich auf ein Minimum hei abgesetzt und nur als folklorislisches Kolorit verwandt werden - bleiben das Ferment des Ganzen, das zutiefst Sinngebende und Wirksamste. Aber wie das Jüdische in seiner ursprünglichen, irrationalen Struktur nicht den weltanschaulichen und artistischen Intentionen dieser Musik entspricht, so ist auch gerade das Gewollt-Auflösende und Gelöste formal-musikalisch viel interessanter und gekonnter. Psychologisch (melodisch) prävaliert das Alte, artistisch (harmonisch und instrumental) das Neue. II. Nach alledem nimmt es nicht wunder, daß auf den folkloristischen Fundus von seifen der harmonisierenden Ausdeutung und sonstiger musikalischer Mittel nicht tiefer eingegangen^ wird. Man benutzt ihn lediglich zum Aufbau einer guten, wirkungsvollen, temperamentgeladenen impressionistischen Theatermusik; mit starken Rhythmen, aparten koloristischen und naturnachahmenden Einfällen sowie allen Effekten heutiger Instrumentation. Der ganze Duktus ist ohne Frage von Offenbach beeinflußt. Ueberhaupt scheint ja Goldfaden - ■ der um 1875 die ersten jiddischen Theater gründete und sie als Direktor, Regisseur, Dichter und Komponist mit mehr als 60 Stücken versorgt hat - so eine Art ostjüdischer Offenbach en miniatlire gewesen zu sein. Aiisge-prochcn originell ist z. R. die Musik zur ..Hexe". Aus der Verbindung von Goldfadens kom eiitioncüer Si-ntinietitali.ät mit Achrons, des eigentlichen Autors, berauschender Rhythmik und farbenprächtiger Instrumentation (endlos langer Harfenorgelpunkt'.), aus der Verarbeitung von Sviutgogal-Melodien zu einem kratzig, hevigc'u Dämonen-Singsang, aus der Verwandlung eines melancholischen in einen wild-orgiastischcn Tanz ergibt sich ein verblüffend-einzigartiges Genre \:>n The Noch eleinentan r annektiert 1 eo Pub „200 Mio" und zur ..Rei-e Benjamins III." die als I ii'heit und bringt ihre Milieu- und Oed hoch starker zur (ieltung. Bei aller verschleierti-n poni-ten durch n alisti-ilie Das < »rchester bemächtigte Sprachmelodien und ahmt Und ebenso das an 1 \pi cssi\ i:,,; zu Diminutiven mit seinem Um- Diskant, seinem ist zu mu-ikal Skala von Mischungen So wird etwa das „Tä . . tä . . ta . . tii . . tä gesang seniler Dämonie, Molieres von Tschernichow ski ins Hebräische übersetzter „Malade imaginerc" mit seinen exzentrischen Sprachmodulafionen, von den Habimahschau-pielern in übergroteske Kurven übertragen, bot dem Komponisten Stefan Wölpe gerade die adäquate Vorlage für seinen dvnamisch bestimmten Musikstil. Am suggestivsten gelang der Schlaftanz, das Duett zwischen Phillis und Thirsis hat bezaubernde Momente. Sonst aber fehlt es der Musik an Dramatik und zwingender Mei'odik Stilistisch verfehlt wirkt dagegen die Mischung aus Zwölftonharnionik und modernisiertem Rokoko. Es besteht eben die Schwierigkeit, neuartigen Musikstil mit den jüdischen Sprachen zusammenzubringen. Jerusalem. Alice Jacob-Loewenson Kompositionen von Max Wachsmann. Im Musikverlag Helvetia (R. Ziessnitz), Berlin NW 21, der bereits eine große Anzahl von Kompositionen von Max Wachsmann verlegt hat, sind von demselben Komponisten Bearbeitungen von hebräischen Melodien erschienen: Das Socharti loch für Violine mit Begleitung von Klavier, Harmonium oder großem Orchester, ferner Symphonische Variationen über die Chanukkah-Hymne für Violine mit Begleitung von Klavier oder großem Orchester. —■ Im Musikvcrlag Paul Raasch, Berlin- Charlotteuhurg 2, sind zwei Bearbeitungen des Joh schimebo von Max Wachsmann erschienen: eine Ausgabe für Violine mit Begleitung von Klavier, Harmonium oder Orchester-, und eine 2. Ausgabe (erleichtert) für Gesangszwecke mit vollstlndigem Text. Musik in Palästina heina, und - Spiee t imer id mtisik. v e r s Musik zu tische Melodie ühlsassozlationen I vtik zeichnen sieh beide Koni- und „sachliche"' Gc-innuug aus. sich gewisser Sprcchmntive und ic nach, verschieft und verzackt. Much -i litte ■laue U-. Das an Modulation und Nuancen, ""ehe Jiddisch mit seiner Neigung ktionen, das ostjüdische Organ tiefster Stimmlage zu höchstem zw ischen kontraren Offenbach in Palästina Ein Witzbold sagte einmal, der berühmteste der Nachkommen Johann Sebastian Bachs sei Jaques Offen-Bach. In diesem Witz, liegt ein tieferer Sinn: der Spötter des /.weifen Kaiserreiches war ein Musiker von ernstem Können. Nicht etwa, weil er in seiner Jugend Fugen und Cellostücke geschrieben hat! In seiner musikalischen Satire steckt eine Zeitkritik, die seinem Schaffen eine geradezu kulturhistorische Bedeutung gibt. Darüber hinaus ist seine Musik von einer Fülle der Erfindung und des Könnens, von einer Meisterschaft der Form und vor allem von einer dramatischen Treffsicherheit, die auch auf dem Gebiet der Großen Oper nicht übertroffen wird. Wenn die Meisterschaft darin besteht, mit den einfachsten Mitteln eine Situation zu erfassen, mit wenig Notenköpfen viel zu sagen -- dann führt eine direkte Linie auch von Mozart zu Offenbach. Mit Mozart verbindet Offenbach auch die Grazie der Tonsprache, die Klarheit des Stils una die Subtilitiit des Klangs. Man war in den letzten Jahrzehnten gewöhnt, in Offenbach beinahe nur den Parodisten zu sehen. Oder die groß aufgezogenen Inszenierungen blendeten das Auge, kitzelten die Nerven, aber sie rührten nicht an den Kern des Werkes, weil die Ausführenden mehr sich als das Werk in Szene setzen wollten. Hier ist eine große Aufgabe für das Theater in Erez Jisrael: die hebräische Verlehendigung Offenbachs. Die Erfüllung dieser Aufgabe ist gerade in den Jahren des Aufbaus um so eher durchzuführen, als die meisten Werke Offenbachs keinen allzu großen Apparat — sowohl für die Bühne als auch für das Orchester — verlangen. Als Direktor der „Bouffes-Parisiennes" hatte Offenbach die polizeiliche Spielerlaubnis nur unter der Bedingung, daß er keine Stücke mit mehr als drei Personen spielte. Von diesem Gepräge gibt es einige Dutzend Operetten und kleiner Opern. Eines der erfolgreichsten und bekanntesten dieser Stücke ist ..Das Mädchen von Elizondo". Die große komische Rolle dieses Einakters, in der ganzen Anlage und sogar auch in einigen parodistischen Anklängen ein Gegenstück zum Figaro in Rossinis „Barbier", ist in wunderbarem Gegensatz zu den beiden lyrischen Partien durchgeführt. Der Höhepunkt in der Charakteristik der Gestalten wird erreicht, wenn zu einer breiten Gesangsmelodie von Sopran ufcd Tenor der Bassist ein Trinklied leise vor sich hinsingt. — Das ist feinste Komik und echte Dramatik. Und beide Eigenschaften sind Feinde der Langeweile — wie der ganze Jaques Offenbach! Karl Salonion, Jerusalem aus i en Mfektfarben Verwendung prädestiniert, zu einer aus Sorache. Sprechsingen, Gesang, in allen Schattierungen schillernde hier zu einem .!" der Hexe Urwieder von neuem von der famosen Idee der palästinensischen Kammeroper eingenommen, der man eine baldige gesunde finanzielle Grundlage und viele Freunde wünscht Alice Jacob-Loewenson Konzert dironik Erstaufführung in Jerusalem: eine hervorragend schöne Gluck-Oper und eine mittelmäßige Offenbach - Operette mit einigen bezaubernden Offenbachiaden und vereinzelten Genieblitzen. Beides textlich (— und teilweise schauspielerisch —) nicht ohne Glück hebraifiziert. „Der betrogene Kadi", eine orientalische Oper vom ritterlichen Gluck, mit faszinierendlebendiger und geistvoller, einfallsreicher, in vielen Farben schillernder Musik zu einem völlig belanglosen Libretto. — Dazu „Dorothea" von Offenbach, eine französische Kleinstadt-Operette von vor 100 Jahren mit dem ganzen bestrickenden Charme ihres musikalischen Erzeugers versehen; (das Libretto ist genau so gleichgültig wie bei Gluck). — -- Benno Frankels Regie — wie immer reizvoll und dekorativ (— wenn auch an diesem Abend durch plötzliche Notbesetzungen nicht ganz, konsequent durchgeführt), durch liebenswürdige und -schelmenhafte Kostümierung und Bühnenbildnern (Isa Hershkowitz) unterstützt; ein wohlklingendes Vokalensemble — (Rudolf Lazar, Samuel Berlin, Mirjam S e g a I, Siegfried Gärtner, Sydney Marco und die im letzten Augenblick „geschickt" eingesprungenen Frau Dr. Schocken und Yaara S v 1 v a); das Jcrusalemcr Kantmerorc bester unter Karl Salomo n, zum erstenmal nichtsolistisch und nach Togcaninis Vorschlag -- mit verstärkten Streichcr-Mitteistimmen besetzt, von gutem Klang, wenn auch etwas zu massiv und rhythmisch-dynamisch nicht ganz auf das Vokalensemble eingearbeitet, — Das Ganze wieder ein durchaus erfreulicher Eindruck. Man ist immer Ein Solistenkonzert folgt auf das andere; ein Programm gleicht dem anderen. Das Wesentliche bleibt die Technik, die konzertante Sensation. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob Thibaud am Anfang ein Vivaldi-Konzert spielt oder der Geiger Nathan Mi Ist ein an zweiter Stelle eine Bach- Solosonate. Die Einstellung, in Europa seit mindestens zehn Jahren überwunden, bleibt immer dieselbe. Man sollte mehr auf das hören, was musiziert wird. Aber das Werk an sich lost eine unglaubliche Gleichgültigkeit aus, besonders wenn es ein unbekannteres oder neues ist. So bleibt es denn auch ganz unwesentlich festzustellen, daß auch Milstein einen außergewöhnlichen Erfolg hier hatte — ebenso wie die grollen Virtuosen. Nach seinem Jcrusalemcr Abend war großer Empfang im Palestine Conservatoire — zweihundert Gäste und eine schöne, feierliche Begrüßungsrede von Norman B entwich. Auch der eminente Cello-Techniker Arnold Földesy wurde hier sehr gefeiert. Vor all diesem virtuosen Glanz traten die Veranstaltungen der Einheimischen etwas in den Elintergrund, auch wenn sie es gar nicht verdienen. Das J e r u s a I e m e r Streichquartett entwickelt sich zu einem ausgezeichneten Ensemble. Strenge Zucht des Leiters und ersten Geigers Emil Häuser, hervorragende Qualität der einzelnen Mitglieder fördern den Aufstieg. Eine wertvolle Bereicherung erfuhr es durch den neuen Bratschisten Heinrich Jacobv, einen Schüler Hindemiths und Besitzer eines schönen Toiis und kultivierter Musikalität. — Die letzten Konzerte des Quartetts — einmal in der „Musical Societv" mit Werken von Debussy, Brahms und Mozart — und einmal in einem Konzert der Histadruth mitwirkend — zeigten zukunftsvolle Perspektiven. Im gleichen Konzert der Histadruth, die sich um die Musikpflcge unter der Arbeiferschaft große Verdienste ererwirbt, sang Channa Kipnis jüdische Volkslieder, von Frau Levite begleitet. Ein erfolgreicher Mozart-Abend der Histadruth stand unter der Leitung von Dr. Karl Salomon, der auch bei der diesjährigen Promotionsfeier der hebräischen Universität eine eigene Passacaglia uraufführte. A.J.-L, „Der Barbier von Sevilla" in Jerusalem Im Beisein des High Commissioner und vieler prominenter Persönlichkeiten fand im Zinema Zion die Jerusalemer Erstaufführung des „Barbier von Sevilla" unter Leitung Golink i n s, des Begründers der palästinensischen Oper, und in hebräischer Text Übertragung von M. Freidman statt. Besetzung: Almaviva: Marcel'Noe, Bartolo: B. Arnstein, Rosina: Mirjam Rapp-Janovska, Figaro: J. Har-Melach, Ba. silio: Rudolf Lazar, Berta: Malka Asnin, Fiorello: A. Mindlm. Die Pianistin Irma Schön berg hielt am Palestine Conservatoirc vor einem Kreis von Musikpädagogen einen Vortrag über: „Die Bewegungen beim Klavierspiel". Mr. Stewart (British Education Department, Jerusalem) veranstaltete in seinem Hause einen interessanten Musikabend, bei dem jüdische und arabische Musiker sich hören ließen. Das dritte Heft der Hebräischen Kinder-Musikzeitschrift „Zlilim" (Redakteur Jochebcd Dostrovvsky, Jerusalem) enthält folgende Beiträge: Eine Biographie Franz Schuberts (Jochebcd Dostrovvsky) nebst hebräischer Uebersetzuug des Liedes: „Wohin?" (mit Notenbcilage), eine Geschichte der Flöte (Grünspohn), „Glida, Glida, Eskimo"( A. Jacob-Loewenson) usw. Jedes Heft enthält hebräische Bilder und erscheint einmal im Monat. Sephardisdie Lieder In der „Edition Orientale de Musique" Alexandrien, sind vor einiger Zelt eine Anzahl von Liedern erschienen, die der dort lebende Komponist Alberto H e m s i unter den Gemeinden der sephardischen Juden in Saloniki und auf Rhodos gesammelt und nun unter dem Titel ,,C o p I a s Sefardies" herausgegeben hat. Unter dem spanischen Wort „Copla" (französisch Couplet) versteht man ursprünglich die einzelnen Strophen eines Liedes. Hier jedoch gilt diese Bezeichnung für das ganze Lied, das von Hemsi bezeichnenderweise auch „Romansa" genannt wird. Diese Lieder sind textlich und musikalisch deswegen so interessant, weil sie die künstlerischen Reste einer Kulturperiode sind, die in der Geschichte des Judentums eine hervorragende Rolle gespielt hat. Das Verdienst Hemsis ist es, die Schwierigkeiten, die der Weiterverbreitung dieser Lieder im Wege standen, beseitigt zu haben, und zwar durch schriftliche Fixierung der bisher mündlich überlieferten Melodien und Texte, Anwendung der lateinischen an Stelle der sonst üblichen hebräischen Schriftzeichen, Verwendung der castilianischen Orthographie, Angabe der Aussprache sowie Uebersetzting der nichtspanischen Ausdrücke. Es sind hauptsächlich l.icbeslieder ernsten und heiteren Charakters, sowie Gedichte balladeuhaften Inhalts. Musikalisch verraten sie ganz deutlich ihre Abstammung aus dem arabisch-spanischen Kulturkreis. Der Reichtum an Mclismen, das häufige Auftreten der übermäßigen Sckund-, verschiedene Altcrierungeii der Mollskala, die typisch für arabische Tonsysteme sind, sowie komplizierte Rhythmen, die sich aus dem Wortakzent ergeben, sind die wichtigsten Charakteristika dieser Lieder. Die Mehrzahl der Melodien ist im wesentlichen nach dem Prinzip der Litanei gebaut, d. h. monotone Wiederholung von kurzen, in der Skala auf- und absteigenden Motiven mit Benutzung der engsten Tonstufen, die mit zahlreichen melismatischen Schnörkeln durchsetzt sind. Daneben finden sich auch Melodien, die intervallmäßig und rhythmisch nichts anderes als Tanzmclodien oder aus solchen entstandene sind. Der stilgerechte Vortrag dieser Lieder erfordert unbedingt die Kenntnis orientalischer Gesangsmanieren wie Stimmglissandi, nasal oder rauh und kehlig klingende Töne, häufiges ralsctticren sowie Leichtigkeit in der Wiedergabe der zahlreichen Mclismen. Eine mustergültige Interpretation konnte man hier in London von der spanischen Sängerin Conehita Supervia hören. Ein Wort noch über die Klavierbegleitung Hemsis. Vom Standpunkt des Musikhistorikers ist sie als nicht stilgerecht zu bezeichnen, da diese orientalischen Melodien keine Har. nionisieriing in unserem Sinne vertragen. Man hat sich ihren Vortrag gänzlich unbegleitct oder so vorzustellen, daß sie zu einer ganz einfachen, nur stützenden Lauten-Begleitung gesungen wurden, wobei möglicherweise ein Holzblasinstrument mit der Melodie unison mitging. Dies dürfte stilistisch der Musikpraxis jener Zeit, aus der die Lieder stammen, am nächsten kommen. Vom Standpunkt der populären Weiterverbreitung und Aufführungsinöglichkeit in den Konzertsälen Europas ist jedoch Hernsi's Kknierairaiigement nur zu begrüßen. Dr. M. Cariier, London Arnold Schönberg-Festschrift (Univcrsal-Edition, Wien). Zum 60. Geburtstag Arnold Schönbergs hat die Univcrsal- Edition eine Festschrift mit Beiträgen bekannter Musiker und Schriftsteller herausgebracht. Die Ehrung der Kenner und zugleich die eines Freundeskreises, dessen Mittelpunkt Schönberg vor einigen Jahren noch war. Neben einer kurzen Glückwunschadresse D a r i us M i 1 h a u d s stehen Beiträge von Franz Wer fei, Jaloweiz („Schönbergs Werk in der Zeit"), von Haba („Schönbergs und die weiteren Möglichkeiten der Musikcntwicklung"), Weilesz, Polnauer (eine nur Fachmusikern verständliche musikalische Analyse), im Aufsatz von David Josef Bach wird von Schönbergs noch unveröffentlichtem Schauspiel „Oer biblische Weg" (t<)27 geschrieben) erzählt. Von der noch nicht fertiggestellten Oper „Moses und Aron" (deren Text auch von Schönberg stammt) ist das Faksimile einer Partiturseite beigegehen. Das Buch enthält noch an Interessantem: ein charakteristisches Photo Schönbergs, das Faksimile seines ersten 1893 geschriebenen Liedes, einzelne wichtige Acullerungen (aus alten, schlecht erreichbaren Büchern zusammengetragen), einen Teil seiner Rede über Mahler, eine vollständige Biographie seiner Werke. Dr. Hans Nathan. PALÄSTINA-SCHAU ESSEN 20. — 22. J A N U A R 1935