Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 6 (18.1.1935)
- Date
- 1935-01-18
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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JODISCHE RUNDSCHAU JlttCVHltWiV ■ B 1 t t NR. 6, 18. JANUAR 1935 Doktor Seidschnur Nächstenliebe Ein Vorwort von Martin Buber Soeben erschien als Band 20 der Schochen-Bücherei eine Reihe von vier Aufsätzen Hermann Cohens unter der Ucbcrschrift „Der Nächste. Vier Abhandlungen Ober das Verhallen von Mensch zu Mensch nach der Lehre des Judentums." Diese bemerkenswerte Publikation, die u. a. auch ein im Jahre 1888 von Hermann Cohen an das Königliche Landgericht in Marburg erstattetes Gutachten über die Nächstenliebe im Talmud enthält, wird mit einem Vorwort Marlin Bubers eingeleitet. Dieses Vorwort bringen wir nachstehend mit Zustimmung des Verlags zum Abdruck. Red. Hermann Cohens hauptsächliche Aeußertingcn über 'die „Nächstenliebe" im Judentum — mit Ausnahme der in seinem nachgelassenen systematischen Werke „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums" enthaltenen — in einem Bändchen dieser Bücherei zu vereinigen, habe ich deshalb angeregt, weil es mir wichtig erscheint, diesen Mann für diesen Gegenstand in dieser Stunde zeugen zu lassen, so weithin als wir vermögen. Zum Sinn der im Mittelpunkt von Cohens Betrachtung stehenden Bibelstellen scheint mir eine Vorbemerkung erwünscht. „Sei liebend zu deinem Genossen als zu einem der wie du ist", heißt es in der Schrift, und kurz danach, wie um durch die besondere Hervorhebung in alle Zeit jeden etwa möglichen Mißverstand auszuschalten: „Sei liebend zum Gastsassen als zu einem der wie du ist". Rea, Genosse, ist der Mensch, mit dem ich gerade zu tun habe, der mir eben jetzt begegnende Mensch, der Mensch also, der mich in diesem Augenblick „angeht", gleichviel ob er mir volkeigen oder volksfrcmd ist. Ich soll, buchstäblich übersetzt: „ihm lieben": mich ihm liebend zuwenden, ihm Liebe erzeigen, Liebe antun; und zwar als einem, der „wie ich" ist: liebesbedürftig wie ich, der Liebestat eines Rea bedürftig wie ich, — wie ich es eben von meiner eigenen Seele her weiß. Daß es so zu verstehen ist, ergibt sich aus den auf den zweiten Satz folgenden Worten: „Denn Gastsassen seid ihr im Land Aegypten gewesen" — oder, wie es anderswo noch deutlicher heißt: „Ihr kennt ja die Seele des Gastsassen, denn Gastsassen seid ihr im Land Aegypten gewesen". Ihr kennt diese Seele und ihre Not, ihr wißt, wessen sie bedarf, und darum, ihr, denen es einst verweigert worden ist, verweigert es nun nicht! Wagen wir es, von da aus die Begründung des ersten Satzes in Worte zu fassen. Sei liebend zu deinem Mitmenschen als zu einem der wie du ist — ihr kennt ja die Seele des Menschen, dem es nottut, daß man liebend zu ihm sei, denn Menschen seid ihr und leidet selber die Menschennot. So ist eine Botschaft des „alten Testaments" zu lesen. Polemiken und Biographien Jüdisch-amerikanische Literatur im vergangenen Jahr Bei den zum Jahresende üblichen Rückblicken auf die Leistungen ihrer Literatur kommen die jüdisch-amerikanischen Kritiker diesmal kaum zu besonders begeisterten Resultaten. Oie Fülle der erschienenen Werke von Juden und über jüdische Themata steht in keinem Verhältnis zu ihrer Qualität, obschon daraus aber durchaus nicht auf einen Mangel an gutdurchschnittliehen Arbeiten zu schließen ist. Aber besonders in der erzählenden Literatur ist die Ausbeute karg. Drei Romane werden hervorgehoben, Waldo Franks „The Death and Birth of David Markand", Maurice Samuels „Beyond Wonian" und Ludwig Lewisohns „An Altar in the Fiekls", in diesen drei Romanen handele es sich vornehmlich darum, „Allheilmittel zur Reform des gesellschaftlichen Lebens, vor allem aber der Judenfrage" zu finden, und obwohl die Kritiker an solchem Bemühen nichts Tadelnswertes finden können, rügen sie doch, daß die Romane im Grunde nur „verkleidete Polemiken" seien. Natürlich hat das vergangene Jahr noch weit mehr solcher Zeitromane gebracht, so Edward Dahlbcrgs „Those Who Perish", aus dem all der Schmerz edler Menschlichkeit spricht: Die Titelhelden des Buches nämlich, die untergeben, sind eine jüdische Gemeinschaft, über weiche die Not des Judenhasses, die große Judennot kommt. Einen ähnlichen Inhalt hat die Geschichte der „German Family" von L. C. N. Stone. Von den von Juden geschriebenen oder jüdische Persönlichkeiten darstellenden Biographien rühmt man besonders das Mendelssohn-Bart h o 1 d y - B u c h von Schinna Kaufman, das gefällig geschrieben ist und mancherlei Neues über den großen Musiker enthält. Ferner, das Resultat neuester Forschungen der Literaturgeschichte, das Dostojewski-Buch von Abraham Yarmolinskv, dem Chef der Slawischen Abteilung der New York Public Library. Dann Margaret Golds m i t Ii s auch hier kürzlieh besprochene Biographie der „Christina of Sweden"; von der gleichen Autorin erschien eine Mcsmer-Biograpliie und wird eine Darstellung Johannes des Täufers angekündigt. Mark Waldman'hat ein Buch „Goethe and the Jews" herausgegeben, G. Williams ein Buch über William Guggenheim. Von Meyer Waxmans Geschichte der Jiidi« sehen Literatur ist der zweite Band erschienen. Jacob de Haas ist der Herausgeber einer einbändigen Enzyklopädie des jüdischen Wissens, Rabbi L. J. Newman einer aus dem Hebräischen, Jiddischen und Deutschen übertragenen Chassidischen Anthologie. Beryl Harold Levy hat ein Buch über Reformjudentum in Amerika, Louis Gershenfeld über die Juden in der Wissenschaft veröffentlicht. Wie uns mitgeteilt wird, erscheint in Kürze im Verlag Rascher 8: Cie. A.-O. in Zürich ein neues Buch von Jakob Klatzkin: ,,D er Er kennt nistrieb als Lebens- und To. d e s p r i n z i p". (330 Seiten.) Dieses Werk stellt einen Versuch dar, Wesen und Entfaltung des Kultnrbewußtscins in Beziehung zur Vitalkraft zu ergründen. Es entsteht ein weltumspannendes System einer Lebensphilosophie, die in eine „Metaphysik der Triebe" mündet. Zu dem neuen Roman von Emil Strauß: Das Riesenspielzcug " Als ich zur Schule ging, las ich Emil Straußens „Prinz Wjeduwitt", das erste Exemplar der Gattung Novelle, das ich bewußt aufnahm — und die Geschichte ist mir noch heute ein Muster der Erzähhingskunst, ja, in gewissem Sinne, die Erzählung schlechthin; die darin geschilderte Begebenheit ist von der Art, die man nicht mehr vergißt Ebenfalls in die Schulzeit fiel die Lektüre des Romans „Freund Hein", der der klassische Schülerroman genannt zu werden verdient — darin der Konflikt zwischen Beruf und _ Berufung, dazu das bittersüße Phänomen der ersten Liebe: das Äuge blendend und den Blick schärfend zugleich. Bei den Dramen „Hochzeh" und „Don Pedro" konnte man die Erschütterung, die sie von der Bühne herab hätten auslösen müssen, nur ahnen; die Aufführung der „Hochzeit" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters lag lange zurück. Und dann kam, nach mehreren merk- und denkwürdigen Prosabänden die Geschichtenreihe „Der Schleier", Variationen über das Thema Liebe, von der Unerbittlichkeit der extremsten Zonen erfüllt: Lava und Gletsclierluft. Jetzt liegt, seit langem erwartet, der große Roman „Das R i e s e n s p i e I z e u g" vor, an dem Strauß fünf Jahre gearbeitet hat. Es sind fast 10!K) Seiten. Ob die Dichtung als Ganzes geglückt zu nennen ist oder nicht, soll hier nicht zur Debatte stehen; wer Straußens Gesamtwerk verfolgt hat, wird auch an diesem Buche nicht vorübergehen können und wird Schönheiten finden. Die Leser dieser Zeitung dürfte es interessieren, daß auch eine jüdische Figur, eine Ncbcngestalt — freilich nicht von nebensächlicher Bedeutung — zu den handelnden Personen des Romans gehört: der Arzt Dr. Seidschnur, mit ausschließlich negativen Zügen gezeichnet, auf die auch nicht ein Strahl von Humor fällt. Doktor Seidschnur ist aus dem Osten in Alemannien eingewandert, aber der Aussprache ist wenig mehr anzumerken (außer etwa dem harten ,,R"). Er ist Arzt in dem Ort, zu dem das Versuchsgut, der Schauplatz der Erzählung, gehört, und ist darauf aus, diesen Hof, auf dem unter Opfer und Entsagung umf jedem Verzicht auf Gewinn ein idealsoziales Experiment unternommen wird: die Zurückführung Intellektueller zu bäuerlichem Dasein und naturgemäßer Lebensweise, käuflieh zu erwerben, um auf demselben Boden ein Institut zu errichten, dessen Betrieb hohe Dividenden verspricht. Diesem selbstsüchtigen Zweck zuliebe sucht er Gutsherrn und Gutsherrin, jeden auf seine Weise, zu umgarnen: den Mann, indem er mit ihm Probleme diskutiert, Ein Jugendbuch aus dem palästinensischen Leben Elicscr Smolly, Der Retter von C Ii u 1 a. Jüdische Jugendgeschichten aus dem neuen Palästina. — Berlin, Erich Reiss Verlag. Durch das gesteigerte Interesse an jüdischen Dingen empfindet jetzt ein größerer Kreis als früher einen deutlichen Mangel in unserer Literatur: wir besitzen nur ganz wenige Bücher, die im besten Sinne des Wortes jüdische Jugendliteratur repräsentieren. Trotz jahrelanger Bemühungen geraten wir in Verlegenheit, wenn wir unseren Kindern jüdische Jugendbücher in die Hand geben wollen. Um so freudiger begrüßen wir es deshalb, wenn der Erich Reiss Verlag — leider erst nach Chanukkah — ein Buch herausgibt, das als Jugendbuch unser volles Lob verdient. Eliescr Smolly, ein in Palästina bekannter Lehrer und Jugendschriftsteller, erzählt in lebendiger, jugendgemäßer (nicht kindischer) Art Erlebnisse aus dem Leben Erez. Israels. Die Geschichte des kleinen, zwölfjährigen Simson, der durch seinen Heldenmut — unter Einsatz seines Lebens — die junge Kolonie vor dein Ueberfall der Araber rettet, die Schilderung des jungen Arnos als Hirten, die Darstellung einer Geburtstagsfeier Bialiks in dessen Garten in Tel- Awiw und all die anderen schönen Erzählungen dieses Buches werden mit echter Spannung und innerer Freude von unseren Kindern gelesen werden. Diese ohne lehrhafte Absicht geschriebenen Erzählungen, bei deren Lektüre das Kind nicht den erhobenen Zeigefinger des Erwachsenen zu sehen vermeint, lassen die Jugend etwas erfahren von den vielen Schwierigkeiten aus den Anfängen der Kolonisationstätigkeit, von den jüdischen Helden der Arbeit, von den Gefahren der Entsmnpfitng — die Erzählung aus der C. h u 1 e g e g e n d ist im Augenblick besonders aktuell - -, von den Taten der ersten jüdischen Schomrim. Das Kind lernt hier den neuen Typus des jungen Juden kennen in seiner Liebe zum Land, zur Arbeit, das Großstadtkind wird staunend von dem besonders innigen Verhältnis des palästinensischen Kindes zum Tier und zur Natur lesen. — Besondere Erwähnung verdienen die guten Bilder Heinz W a 11 e n b e r g s, sowie die vorzügliche Ausstattung des Buches. —rn. Ein Buch für jüdische Frauen Martha Wertheimer: Alle Tage Deines Lebens... 1935. J. Kauffmann Verlag. Frankfurt. Manchmal denke ich, die Bücher in meinem Bücherschrank gucken verwundert und mitleidig zu, was da das kleine Menschlein unter ihren Augen beginnt. Warum sonst drängt sich mir gerade heute ein altes, zerlesenes Büchlein beim Aufräumen einer Schublade förmlich in die Finger — voller Lesezeichen. Es ist die „Techinah" meiner Großmutter, und ihr Name ist nach der zierlichen Weise jener Zeit in Ooldschrift auf dem Einbände zu lesen. Gerade jetzt drängt sich das vergilbte Büchlein zu mir heran, da ich mich mit einer jungen Schwester dieser alten „FTaucnbüchel" beschäftige. Martha Wertheimer wollte keine neue Techinah schreiben; mit vielem Takt hat sie sogar die Form des Gebets vermieden, weil „Israels Gebet seine verbindliche Form in der Tefillah hat." Aber sie schafft den Grundgedanken der alten Tcchinoth für unsere Tage neu: sie gibt der Jüdin unserer Tage einen Begleiter mit, der ihre Fragen lieantwortet, ihr zur Seite steht „in allen Tagen ihres Lebens". Das schlichte Buch ist als Antwort auf viele Frauenfragen dieser Notzeit entstanden; und es stammt von einer Frau, die mit jüdischer Sitte wohlvcrtraut ist und dabei offene Augen hat für die Nöte des Tages. Es behandelt nicht nur die Feststunden des jüdischen Jahres, sondern auch die Eindrücke jedes Frauenlebens in Sehnsucht, Erfüllung, Leid und Freuden. Selbst das neue Kleid ist nicht vergessen. Diese Lebensnähe bei aller Besinnlichkeit wird dem anspruchslosen Büchlein sicherlich viele Freunde erwerben. »bsars deren Existenz er selbst in keiner Weise glaubt, und die Frau, indfrm er Verliebtheit heuchelt. Selbstverständlich hat er nicht die Spur eines Gefühls für das, was rund um ihn vorgeht; was sieh nicht in Zahlen ausrechnen und in Geldwert umsetzen läßt, besteht hir ihn einfach nicht. Krasser Materialist und Atheist, entartet an Leib und Seele, ist ihm alles Primitiv-Herzliche und Derb-Natür'.iclie fremd; statt offener Sprache von Mann zu Mann gebraucht er nur verbindliche Redensarten: seine Hand ist weich und liegt passiv, ohne Druck, in der Rechten dessen, dem er sie reicht. ... Von ihm und seinesgleichen sagt der eigentliche Hehl des Buches zu einem andern: „Er kennt uns, er verkehrt täglich, stündlich mit uns, er kann uns auswendig! Wir — verkehren selten, ausnahmsweise mit ihnen. Kennst du einen? Weißt du, wie er zu Moses steht? — zum Talmud? — zum deutschen Volk? Wir wissen nichts von ihnen. Hast du einmal eine jüdische Zeitschrift gelesen?" — — Als vor einigen Jahren ein Schriftsteller geringeren Ranges überraschenderweise seine Einstellung änderte, wurde ihm vorgehalten, daß. er von einem jüdischen Verleger zuerst gedruckt und von Juden gefördert worden sei. Vorhaltungen solcher Art sind ebenso töricht wie geschmacklos. Woran man aber Emil Strauß erinnern möchte, das ist sein Verhältnis zu seinem großen Landsmann Johann Peler Hebel; in seiner vorbildlichen Ausgabe der poetischen Werke Hebels fehlt keine der berühmten Judcngeschiclit''ii, und in Hebels Judengeschichteri ist zwar durchaus auch der verschmitzte Typ vertreten, aber auch dieser ein Stück Natur, mit ungetrübtem Auge gesehen und, o Wunder! liebenswert. Bei der Haltung, die Strauß jetzt einnimmt, muß es erstaunen, daß der bilduugsmäßige Hintergrund seines Buches nicht ausschließlich aus germanischer oder griechich-römischer Antike zusammengesetzt ist, sondern manches auch dem alttestamentlichen Bereiche entnommen wurde; auch Jargonausdrücke wie „schmusen" und „achcln" werden von seinen Helden ohne Anführungsstriche gebraucht. Der verstorbene Moritz II ei manu hat in seiner Auseinandersetzung mit Chamberl.iiiis Buch über Goethe den überraschenden Satz gesagt: ,,Von Goethe hören wir uns jedes Wort an, wenn auch mit Schmer/, wenn auch mit Widerstreit; von Chamberlain aber keins." In Abwandlung dieses Satzes möchte man dem Autor des besprochenen Buches sagen: Wir hören uns sonst jedes Wort an, das du sprichst, nicht aber das, das den Juden betrifft; denn den kennst du nicht oder kennst ihn nicht mehr. Emanuel bin Gorion Literarische Notizen Der bekannte jiddische Dramatiker L e i w i k, der sich zurzeit in Denver bei New York in einem Sanatorium von den Folgen schwerer Krankheit erholt, arbeitet an einem neuen Schauspiel, das den Titel „So dorn" führen wird. „Ich meine", schreibt Leiwik darüber, „tatsächlich das alte, biblische Sodom, das klassische Land der Bosheit und Intoleranz. Ich lasse Lot und seine Töchter auftreten und aucli die Gäste, die kommen, um die Stadt zu zerstören." Im weiß-russischen Staatsverlag in Minsk ist jetzt Shakespeares Hamlet in einer neuen jiddischen Uebersetzung von J. Goldberg mit einem Kommentar von Nussinow erschienen. (Die erste jiddische Hamlet-Ausgabe, die J. Schwarz besorgt hat, erschien IQ 1S in New York.) Der lettische jüdische Schriftsteller Mark Rosumny hat eine Volkskomödie nach Atendol es Erzählung „Auf Moschiachs Spuren" und ein Libretto geschrieben, das die Lebensgeschichte des „Vaters des jiddischen Theaters", Abraham Goldfaden, enthält und „Hin Wanderlied" heißt. Mark Larvy schreibt zu beiden Stücken die Musik. Im soeben erschienenen achtet) Band der russischen „Literarischen Enzyklopädie" sind einigen jüdischen Dichtern, besonders J. L. P e r e z, längere Abschnitte gewidmet. Perez wird hier (von Professor Nussinow) als K'a<sikcr geschildert, der Realismus und Romantik vereinigt hat und nicht ohne starke erzieherische Wirkung geblieben ist. Gegen Perez wendet der russische 1 iterarhMoriker ein, dal) die letzte Wendung des Dichters, die in den chassi.li«cbcn und Volksgeschienten ihren Ausdruck fand, ihn a's ..Ideologen der nafiona'istischen jüdischen K!ein-Bour«eoisie und der kleinbürgerlichen Intelligenz'' zeige. Im vergangenen Jahre sind in den jiddischen Verlagen von Moskau, Charkow, Kiew und Minsk 2 MW 700 Bücher gedruckt worden, davon llSjtH.K) Lehrbücher. Es handelt sich dabei um 301 verschiedene Werke, so daß die Durchschnittsauflage eines jeden 67CK) Exemplare beträgt. Saul Saphier hat einen jiddischen M a i m o n i d e s - R o - man geschrieben, der jetzt zunächst in amerikanisch-jüdischen Blättern erscheint. Der polnische Schriftsteller Cwoidzinski hat ein Drama „D i c R e 1 a t i v i t ä t s t Ii e o r i e" geschrieben, das mit großem Erfolg im Warschauer Theater Reduta gespielt wird. Der Autor hat seine „Berechtigung", ein solches Stück zu verfassen, bereits vor Jahr und Tag erbracht, er war nämlich Dozent für Physik, ehe er zum Theater ging, Regte führen lernte und auch als Schauspieler auftrat. Das Stück muß recht gescheit und unterhaltsam sein, denn selbst von nationaldcmokratischcr, also nicht gerade judctifreundlicher Seife, empfiehlt man der Regierung', dem „Spiel um Einstein" zu Propagandazwecken den Weg ins Ausland zu erleichtern. Madame F a b u y, die bekannte französische Archäologin, veröffentlicht ein neues Werk über den König S a I o tu o. Die Sensation dieses wissenschaftlichen Werkes findet man in der Vorrede, die N. P o I i t i s, der frühere Völkeibtindspräsident und berühmte griechische Politiker, geschrieben hat. Dieses Vorwort, eine eigene und eindringliche Abhandlung, handelt nämlich vom — jüdischen Imperialismus. Vom jüdischen Imperialismus des Königs Salomo, der einst die „Großmacht Israel" geschaffen hat. Die W i I n a e r Truppe frnstiert wieder in W arsc h a u. Sie hat in der letzten Zeit, soweit sie überhaupt hervorgetreten ist, vornehmlich mit Tcndeinstiickcn, meist russischer Herkunft, experimentiert und nicht viel Glück damit gehabt. Die neuerliche Wendung der Wilnaer Truppe dagegen, die eine unbedingte Rückkehr zur jüdischen Volkskunst bedeutet, wird allgemein begrüßt, und die leeren Kassen füllen sich wieder. Die Truppe spielt jetzt „Kiddusch haschein", eins der populärsten älteren Werke von Sch. Asch, das in der Zeit der süd« russischen Pogrome entstanden ist.