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Jüdische Rundschau · 1935-01-18 · Heft 6 (18.1.1935) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 6 (18.1.1935)
Date
1935-01-18
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seit« 12 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 6, 18.1.1935 sei er» zu bestürmen, zu beschwören, zu erschüttern. Möge unser Lehrer die rechten Anordnungen de» Gebetes verfügen. Diese Nacht ist lang. DER RABBI (hebt den Kopf): Diese Nacht ist lnng. Und der neblige Morgen hebt Sich nur mühsam im Novembermonat ... Was wollt ihr? Um Abwendung beten? Den Herrn bestürmen, beschwören, erschüttern, den Unwandelbaren in seinem Plan belästigen? ... Nein, nein, nein! Wir wollen uns erinnern... DER FROMME: Was meint unser Rabbi mit diesem Wort? DER RABBI: Bringt mir die heilige Lehre! Der Vorsteher und die Aeltcslen entnehmen in der vorgeschriebenen Weise der Thoranische die samtbekleidete Gesetzcsrolle and tragen sie an der Gemeinde im Halbkreis vorüber auf die Lesehanzel DER RABBI (während dieses Vorgangs): Ich will mit euch noch einmui den Weg gehen, den unsere Seelen, Israels Seelen, gegangen sind von Anfang der Zeiten bis hierher ... Und der alte Weg soll uns kräftigen für den neuen Weg, der morgen beginnt... Der Vorsteher, der Fromme, die Aeltesten entkleiden nach den gebotenen Gebräuchen die Gesetzesrolle. DER RABBI: Rüstet euch für die staubigen Straßen! Denn der Weg ist unendlich. Sammelt eure Herzen für den brennenden Durst. Denn die Verheißung reicht noch weiter. Was kann uns morgen noch geschehen, nach der Ewigkeit dieser Nacht. Er nimmt aus den Händen des Frommen dia Thora, hebt sie hoch und entrollt sie Erster Teil Die Erzväter Im Bethaus DER RABBI (heeinnt aus der Tlu,rarollc zu rezitieren): „Und der Herr sprach zu Abrain: (ich aus deinem Vaterland, aus deiner \ iiterstadt, aus deinem Vaterhaus in ein Land, das ich dir /.eigen werde . . ." Drr Raum veihlalil zur völligen Dunkelheit. Man sieht nur die hochragende Gestalt des Rahhi mit der Thorarollc Die IIi rn in eist r e p p r (fünfte Ruhne) schimmert allmählich auf, LESUNG DES RABBI: „Und ich will dich zum großen Volke machen und dir einen hüben Namen gehen, und du sollst ein Segen sein . . ." Die Straße .'.-weite Rnhnr) dämmert :u nle'tcher Zeil auf. Der Zug Abraham' erscheint um nnleren Ende der Straße (rechts). Voran $, breitet der Patriarch, reihst, der die tiefverschleierte Sara an der Hand führt. Hinter ihnen Elieser, der Hausvorsteher. Dm 0.</w/«» folgt, Sklaven mit Sack und Pack, :ule!:l Hillen und Hirtinnen. LESUNG DES RABBI: „Er nahm sein Weib Sara und alle Habe, die sie gewonnen hatten, und alle Seelen, die sie erworben hatten in Charan. Und sie zogen aus, zu reisen in das Land Kanaan___" Das Licht wandert immer mit Abraham mit. Während der Lesung dm Rabbi hat sein Zug den Mitt eise hauplatz (dritte Ruhne) erreicht.. Sara und das Gesinde machen halt. Die Leute werfen ihre Lasten ab und heginnen zu arbeiten. LESUNG DES RABBI: „Also erhob er sein Zelt und wohnte im Hain Mamre zu Hebron... Und er baute dem Herrn daselbst einen Altar..." Das Lieht weicht mm Millrlschauphh, denn Abraham und mit ihm. EUc>"r haben wahrend des roriaen die Altarbühne f> Irrte Raine betreten, dir aufleuchtet. Ein paar rohe Sfeimpmd, m bilden einen Altar. Die beiden Männer entzünden ein Fcmr darauf. LESUNG DES RABBI: „Und es beigab sieh, daß an Abrain Gottes Wort geschah in einem Gesicht ..." Die. H i in in e I ■ t r e p p e erstrahlt stärker. Die Erscheinung der Ilcrrliehl.-eit Ut ein unhc^tiniinti's Ceworje. verhüllter Körper Im malten l.i.eht. Eni unbestimmtes Tonqeinrrc begleitet sie. Abraham und Elieser werfen sich zu Enden, CHOR DER HEERSCHAREN: Abraham ... EINZELNE SEHR FERNE STIMME: Abraham fürchte dich nicht! Denn Ich hin dein Schild und dein sehr großer Lohn. ABRAHAM (erhebt sieh zur Hälfte, sein Gesicht verhüllend, Während bliesetniedergeworfen bleibt): Oh Herr, Herr, welcher Lohn wäre mein? Als Kinderloser fahr ich zur Gruft. Elieser, hier, der dienende Mann Wird erben mein Haus, meine Habe ... CHOR DER HEERSCHAREN: Der dienende Mann wird dein Erbe nicht sein. Aus dir kommt dein Sohn und dein Erbe. DIE STIMME: Und errichten will ich den ewigen Bund Mit ihm und seinem Gcschkchte. Au» ihm entfalten sieh Volk um Volk Und viel Könige über die Völker. ABRAHAM (leise, wie zu sich selbst): Soll einem uralten Manne wie mir Aus einer Greisin, wie Sara ist, Ein Kind noch geboren werden? CHOR DER HEERSCHAREN: Sieh in den Himmel und zähle die Sterne! DIE STIMME: Glaubst du? ABRAHAM: Ich glaube. CHOR DER HEERSCHAREN: Dies ist dein Verdienst! DIE STIMME: Gesehlossen, Abraham, hab ich "den Bund. Dein Name sei: Vater der Völker. Die Erde, auf der du ein Fremdling bist, Soll dein Besitz sein, ewiglich ewig! CHOR DER HEERSCHAREN (während die Himmelstreppe und. das Getön verlischt): Vater des Völker-Gewimmels ... Man hört ländlichen Arbeitsgesang. Ahraham und Elieser haben sich erhoben und die verdunkelte Altarbühne nach der linken Seite verlassen. Zugleich lösen sich von der Himmelsireppc drei hohe selbstleuchtende Gestalten und steigen nach rechts ab Der Mittelschauplatz und die Seitenschauplätze werden hell. Sie stellen nun Wirtschaftshof und Landbesitz Ahrahams dar. In der Mitte ist ein Zelt aufgeschlagen. Das Gesinde ist singend mit allerlei Arbeit beschäftigt Abraham und Elieser haben den linken Seitenschauplatz betreten. Elieser begibt sich sofort auf den Wirtschaftshof, während Ahraham in tiefem Sinnen stehen bleibt Die drei Engel haben gleichzeitig mit Abraham den anderen, rechten Seitenschauplatz erreicht, wo auch sie in beobachtender Schweigsamkeit verharren ELIESER (zu den Knechten und Mägden, in die Hände klatschend): Die Stunde kam des brennenden Mittags. Nun laßt die Arbeit und richtet dem Herrn Den Sitz vor dem Zelte, dumit er ruhe. Die Leute stellen ihre Arbeitsgeräte hin. Vor dem Zelt wird eilig ein Teppich mit Kissen hingehreitet. Dann geht Elieser mit dem Gesinde ab. Abraham reißt sich von seinen Gedanken los. Langsam schreitet er auf seine Wohnung zu. Auch die drei Dienst-Engel nähern sieh von der anderen Seite. Abraham läßt, sich auf die Kissen nieder, lehnt seinen Kopf an die Zeltwand und schläft ein. LESUNG DES RABBI: „Und der Herr erschien ihm im Haine Mamre, da er saß an der Tür seines Zeltes, als der Tag am heißesten war..." Die Dienst-Engel machen einige Schritte auf den Schläfer zu. Sie sind alle drei gepanzert und kriegerisch gekleidet, der erste völlig in Weiß, die beiden anderen jedoch in dunkle Purpurfarbe. LESUNG DES RABBI: „Und als er seine Augen aufhob, siehe, da standen drei Männer vor ihm . . ." ABRAHAM (erwacht, staunt, glaubt zu träumen, erschrickt): Herr ... Er taumelt auf, kreuzt die Arme über die Brust und verbeugt sich bis zur Erde vor den unbewegten Gestalten. Herr, fand ich Gnade vor deinen Augen, So geh nicht vorüber an deinem Knecht ... in kindlich freudiger Verwirrung: Man wird sogleich Euch ein Wasser bringen Die Füße zu waschen vom Staube der Straße. Ein wenig Wasser ... Ein wenig Wasser ... Kopilos durch diese höchste Ehre beginnt er nach dem Rechten zu suchen. Elieser, der die Stimme Abrahams gehört hat, läuft herbei. Beide tragen eine Butte zu den regungslosen [Ingeln. Elieser kniet nieder und beginnt mit der Fußwaschung. ABRAHAM: Schnell einen Bissen Brot will ich holen, - Damit ihr das Herz euch möget erlaben. i' Und früher sollt ihr nicht weiterziehn ... DIE ENGEL: Tu, wie du sagtest... ABRAHAM (ins Zelt stürzend): Weib, Sara, drei Maße Von Semmelmehl, vom weißen, vom feinsten... Er kommt mit Kissen und Matten beladen zurück und bereitet die Sitze. Elieser, ein zartes, ein junges Kalb ... Elieser eilt davon ABRAHAM (sich an die Stirn schlagend): Und Milch und Butter und frische Fladen... Er läuft neuerdings ins Zell. Die drei Engel lassen sich schweigend nieder. Abraham kommt mit einem Milchkrug und einer Schüssel zurück. Er stellt die Speisen vor die Gäste hin LESUNG DES RABBI: „Und er wartete auf mit Rahm und Milch und seUte es ihnen vor und blieb stehen vor ihnen, und sie aßen." Die drei Engel lassen den Milchkrug im Kreise gehen und brechen jeder ein Stück vom Brot ab, nachdem sie den Segensspruch gemurmelt haben. Abraham beobachtet sie dienstjert ig strahlend DER WEISSE ENGEL: Abraham ... Wo ist Sara, dein Weib? Ahraham schlägt den Zeltvorhang zurück. Sara steht, glühend vor neugieriger Erregung, im Ausschnitt. Ihr Gesicht ist nicht verschleiert. Die Engel, die mit dem Rücken zu ihr sitzen, scheinen sie nicht zu bemerken DER WEISSE ENGEL: Wenn ich wieder komme über ein Jahr, Hat Sara dir einen Sohn geboren. (Sara lacht halblaut, aber deutlich.) DER ERSTE DUNKLE ENGEL: Warum lacht Sara? DER ZWEITE DUNKLE ENGEL: Warum lacht Sara? Lacht Sara, weil es ihr nicht mehr ergeht Nach Weiber-Weise? Spricht sie zu sich: In meinem Alter soll ich gebären? DER WEISSE ENGEL: Warum lacht Sara? ... Ist vot dem Herrn, Dem Allmächtigen etwas unmöglich? SARA (zitternd, stockend): Ich ... habe ... nicht ... DIE DUNKLEN ENGEL: Nicht also! Du hast gelacht (Sara verschwindet. Der Zeltvorhang fällt zurück) DER WEISSE ENGEL (erhebt sich): Wenn ich wieder komme über ein Jahr... DIE DUNKLEN ENGEL (erheben sich): Uebers Jahr... Uebers Jahr.,. Sie wenden sich zum Gehen. LESUNG DES RABBI: «Und die Männer wandten sich von dannen gegen Sodom. Abraham ging mit ihnen, sie auf den Weg zu bringen.. /< Abraham geht ehrfürchtig als Wegführer voran. Der Wirtschaftshof wird dunkel. Sie betreten den linken Seitenschauplatz. Jetzt ist aber der weiße Engel verschwunden. Abraham bleibt stehen und deutet nach Sodom. Seiner demütig eifrigen Haltung ist anzumerken, daß er eine Frage nicht auszusprechen wagt. Die Engel gehen an ihm vorüber, plötzlich aber bleiben sie stehen und wenden sich um. DER ERSTE ENGEL: Abraham... So spricht der allmächtige Herr: Wie könnt ich verbergen vor dir, was ich tue? DER ZWEITE ENGEL: Denn in dir will ich segnen die Völker der Erde..; So höre, Knecht Gottes ... DER ERSTE ENGEL: Sodom und Gomorrha... DER ZWEITE ENGEL: Ein großes Geschrei steigt von dort in den Himmel Und ihre Sünden unten sind schwer. DER ERSTE ENGEL: Wir aber ziehen hinab, um zu forschen, Ob das große Geschrei die Wahrheit verkünde, Und sie wirklich tun nach diesem Geschrei. DIE BEIDEN ENGEL (ihre Schwerler erhebend): Und ist es wahr, so wollen wir Sodom Und alles, was lebt, dort unten verderben, Denn dazu wurden wir niedergesandt. Die Engel gehen mit entblößten Schwertern über die Straße ab. — Alles wird dunkel, nur die Altarbühne erhellt sich ein wenig ABRAHAM (steigt seufzend zur Altarbühne empor): Herr ... Herr ... Er wirft sich nieder. Herr ... Richter der Welten! Durch die Schleier der Himmelstreppe dringt ein breiter Strahl. ABRAHAM: Vielleicht sind fünfzig Gerechte in Sodom. Willst du um fünfzig Gerechter willen, Die in der Stadt sind, nicht lieber verzeihn? Aengstliche Pause. Fern sei es von dir, daß du an Gerechten Nicht anders wie an Gottlosen wirkest ... Aller Welten Richter, so kannst du nicht richten... DER STRAHL vibriert, während die Stimme ertönt, so daß er selbst zu sprechen scheint: Sind fünfzig Gerechte in Sodom zu finden, So sei um ihretwillen verziehn. ABRAHAM: Herr! Siebe, ich habe mich unterwunden Vor dem ewigen Gott mit Worten zu reden. Ich, Erde und Asche, Asche und Erde ... tastend Vielleicht sinds nur fünf wcn'ger fünfzig Gerechte... DER STRAHL: Verschont bleibt Sodom um fünfundvierzig. ABRAHAM: Und sind es nur vierzig ... DER STRAHL: Auch Gnade um vierzig. ABRAHAM (mit keuchender Eindringlichkeit): Sei nicht zornig Herr, daß ich weiter schwätze ... Und wären es dreißig ... DER STRAHL (schon zögernd): Auch "dreißig. ABRAHAM (schnell): Und zwanzig? DER STRAHL (nach längerer Pause): Find ich zwanzig Gerechte, will ich verzeihn. ABRAHAM (unter qualvollen Tränen): Ergrimme nicht, Herr ... Ich rede noch einmal ... Wenn zehn nur leben ... DER STRAHL (verlöschend): Auch dann noch Vergebung. Dunkelheit und Stille. — Nur aus dem Bethaus dringt die scharfe Stimme des WIDERSPRECHERS: Er betet für die Fremden, er betet für seine Feinde, für Sodom, das uns haßt... STIMMEN: Wer betet für uns?... DER FROMME: Drum seid wie Abraham, unser Vater... Die Fortsetzung bringt am nächsten Dienstag den zweiten Teil des ersten Aktes: „Die Erzvater". Ein Palästinavortrag Dr. Dienetnanns Aus Frankfurt a. M. wird uns berichtet: Im überfüllten Saat der Frank fürt löge sprach Rabbiner Dr. Dienemann über seine Reiseeindrücke in Palästina. Er erörterte ausführlich die Aufbauprobleme des Landes, die Sphäre der werdenden Gesellschaft, die Kwuzoth und Moschawim mit ihrem neuen Menschentypus, von dem er hofft, daß er repräsentativ für das Land bleiben wird. Er ging ferner auf die kulturellen und insbesondere auf die religiösen Fragen Palästinas ein und schilderte die fühlbare metaphysische Sehnsucht, die doit die Menschen gepackt hat. Auch das Schicksal der deutschen Alijah wurde besprochen. Der Vortrag wurde mit alliierordentlicher Aufmerksamkeit entgegengenommen. Eine unerwartete Nachwirkung dieses Vortrags ergab sich am folgenden Tage bei einer Repräsentanten- Sitzung in der Frankfurter Oenicinde. Auf den Antrag der Jüdischen Volkspartei, in den religiösen Kommissionen vertreten zu sein, erwiderte der liberale Fraktionsführer, Dr. Mainzer, daß die Volkspartci als Vertreterin der nationalen Richtung im Judentum naturgemäß religiös indifferent sein müsse, und zur Begründung seiner These bezog er sich u. a. auch auf den Vortrag Dr. Dicnemanns, der in bezug auf Palästina das gleiche berichtet hätte. Der volkspartciliehe Fraktionsvorsitzende Dr. Ponieranz wies den monopolistischen Anspruch und die zu seiner Begründung dienenden Bemerkungen energisch zurück. Dr. Dienemann selbst dürfte über diese Interpretation seiner Ausführungen sehr erstaunt sein.

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