Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 6 (18.1.1935)
- Date
- 1935-01-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6, 18. 1.1735 JODISCHE RUNDSCHAU Seife tt Franz Werf eis Der Weg der Verheißung Franz Werfeis Bibelspiel, das Max Reinhardt in Szene setzen wird, erfordert einen ganz außergewöhnlichen Bühnen - Aufbau. Das Schaugerüst muß aus fünf Bühnen bestehen, die stufenweise übereinander gelagert sind. Die erste Bühne, auf der die Handlung der mittelalterlichen Gemeinde spielt, stellt ein B e t h a u s vor. Hier sind die Menschen auf der Flucht, von der Not vereint und warten auf das Schicksal, das der König über sie verhängen wird. In der Mitte dieses Bethauses ist der Almemor, wo später die Thorarolle aufgetan und gelesen wird. Von der Hintergrundsmauer des Bethauses steigt in Gestalt einer Straße die zweite Bühne leicht an. Die dritte Bühne verkörpert eine aufwärts führende Windung der Straße mit einem großen Mittelschauplatz und erhöhten Plattformen zu beiden Seiten. Drei Stufen über dem Mittelschauplatz beginnt die vierte Bühne, auf der alle sakralen Handlungen des Stückes spielen. Auf dieser „Altarbühne" findet man also den Opferfelsen Moriah, den Aufstieg zum Sinai und den Altarplatz des Tempels« Ueber dem Altar steigt die fünfte Bühne, die Sphäre der Engel und des göttlichen Wortes als die ,,H i m m e 1 s t r e p p e" empor. Sie wird von einem mächtigen Felsentor umrahmt und ist durch fernende Schleier dem menschlichen Geschehen entrückt. — Von dem ,,Weg der Verheißung", dessen (auszugsweise) Veröffentlichung hier zum erstenmal erfolgt, bringen wir in der heutigen Ausgabe das Vorspiel und einen Teil des ersten Aktes. *jfßrinsCl A^^fe^f^^. $01 </ir&e*c*fc dUm<i4k>Ue,Jrtto~ch^m'(l ntnig« Hn* frut^uJHfiy Se/n/ 9&4 ein MuutM* tM. h *****JÜh tt>>n»m wvrJfjTm twä*^ Yttotoh^ titti(Sditty &i M+ivtflMt Jsikäs J(rm* fajHnUm*' 0if^4c^Hr MnrtttTjrfAvnS &j>*rjt*»*± t+> f**> Zt'<J<ti£^» dam, aJM^<*fa*»™»^ 440 <t*>jje*$ a» **m**M» M&tf *f*V*my *™ &0e^nfe^m<ctotc*kj -fi&rb JSltlttrzlei, * fy'tJetZj&nt»^ dem™* (jfy Copyright hy Fr»m Werf«!, Wien. (Ntchdrack T«rbo(«B> DAS VORSPIEL Vor Beginn des Geschehens ist das Schaugerüst durch einen Vorhang aus Lichterschnüren gegen die Zuschauer abgeblendet. — Man hört plötzlich einen scharfen Trommelwirbel, einen langen klagenden Stoß auf dem Widderhorn und dann ein stöhnendes Gemurmel, das immer stärker wird. Zugleich verlischt der Licht-Vorhang und aus dem Dunkel taucht das Gebethaus Bin Teil der Gemeinde, durchwegs alte Männer, ist schon versammelt. Sie hocken in ihren weißen Sterhcgewändern auf niedrigen Schemeln oder auf der Erde vor der Lesekanzel. Manche haben nach der Trauerliturgie um den zerstörten Tempel einen Kvrzenslumpf vor sich stehen. — Durch zwei enge Pforten rechts und links drängen sich die anderen Verfolgten. Die meisten schleppen Säcke auf dem Rücken. Die Frauen und kleinen Kinder verschwinden in ihrer Abteilung, die durch eine Balustrade abgeschlossen ist. Der Vorsteher regelt die Ordnung DER VORSTEHER (scharf flüsternd): Keinen L8rm! Könnt ihr nicht leise auftreten? ... Schwarze Nacht ist es in Israel. DER WIDERSPRECHER (hämische Stimme): Wann war es jemals Tag in Israel? DER VORSTEHER: Vorwärts! Die Frauen in ihren Raum! Seht zu, daß die Kinder still sind! EIN ÄNGSTLICHER: Habt ihr auch Wächter ausgestellt? Damit sie uns warnen, wenn der Pöbel kommt, oder des Königs Soldaten, um uns zu erschlagen ... DER WIDERSPRECHER: Was nützt es, wenn die Wächter uns warnen? DER VORSTEHER (zu den beiden Türhütern rechts und links): Fehlt keiner mehr? ... Dann versperrt die Türen! EIN TORHÜTER: Wir können die Türen nicht versperren, Vorsteher ... Unser Lehrer ist ja von seinem Bittgang noch nicht zurückgekehrt ... DER VORSTEHER: Der Rabbi hat uns geboten, nicht zu warten. DER ÄNGSTLICHE: Unser Rabbi macht einen Bittgang zum König ... Vielleicht wird uns das retten ... VERSCHIEDENE STIMMEN: Gott, gepriesen sei er, ist barmherzig ... Unsere Gemeinde wohnt seit Jahrhunderten in dieser Stadt ... Warum sollen sie uns töten oder verjagen? ... Der König wird Israels Feinden verbieten, den Pöbel weiter aufzuhetzen... DER WIDERSPRECHER: Dieses Volk kommt nie zur Vernunft ... Immer wieder wird es geschlagen und immer wieder betrügt es sich selbst mit der ewigen Hoffnung. DER FROMME (erhebt sich in einer Gruppe von anderen Frommen, die den Gebetmantel über den Kopf gezogen haben): Es ist die Strafe des Abfalls! Jammert nicht, hört nicht auf die Reden der Unwissenden, laßt uns keine Zeit verlieren . . . Die Nacht hat noch kaum begonnen. Wir wollen beten, den Ewigen bestürmen, den Barmherzigen erschüttern . . . Schlaget den Vorhang von der heiligen Lehre zurück, damit unser Auge nichts anderes sehe als sie! (Der Vorhang der Thoranische wird aufgezogen:) Kümmert euch nicht um Tod und Leben, entfachet eure Kraft, damit wir Messias hernieder zwingen ... DER VORSTEHER: Ist alles versammelt? Kommt noch jemand in der Finsternis?... Er gibt den Türhütern das Zeichen, den Riegel vorzuschieben. Da werden die beiden Türen noch einmal von außen aufgestoßen. Links erscheint, der Entfremdete mit seinem dreizehnjährigen Sohn und bleibt unschlüssig im Rahmen stehen. Rechts kommt erregt der Reiche, hinter sich Diener mit Gepäcktasten. DER REICHE (zu den Dienern): Schafft Platz! Er greift sich ans Herz. Fünf Häuser laß ich in dieser Stadt zurück. Kann ich fünf Häuser mitnehmen? DER WIDERSPRECHER: Das ist eine gerechte Frage! DER VORSTEHER: Man hat euch selten gesehen hier... DER REICHE: War ich nicht wohltätig genug? Ich bin wahrhaftig kein Abtrünniger. Aber ich habe nicht mehr zu den Verachteten gehört. Ein angesehener Mann bin ich, auch unter jenen anderen, ganz und gar ihresgleichen. Der König selbst hat dies und das zu mir gesprochen. An seiner Tafel war ich zu Gast. DER WIDERSPRECHER: Weh uns beiden! Ihr verliert eure schönen Häuser und ich meinen schönen Neid ... DER, REICHE: Warum können wir nicht sein wie die anderen? ... Rückt ein paar Bänke zusammen ... Meinen Nachttrunk! DER VORSTEHER (scharf): Es wird hier gefastet und gewacht in dieser Nacht! Um den Entfremdeten und seinen Sohn hat sich indessen eine Gruppe gebildet. STIMMEN: Ein Fremder ... ein Fremder ... DER ENTFREMDETE: Kein Fremder ... nur ein Entfremdeter ... DER VORSTEHER: Was sucht ihr hier? DER ENTFREMDETE: Längst halte ich euch, die Gemeinde meiner Geburt, schon vergessen. Seitdem ich ein Knabe war, wie hier mein Sohn. Denn ich war aufgegangen im Volke draußen. Ich lebte zufrieden und wollte nicht gemahnt sein an euch, an das Vergangen—Dunkle. Laßt mich offen sein! Ich wäre nicht zurückgekehrt, wenn das Volk draußen mich nicht an meinem Gesicht erkannt hätte. Nun muß ich Schutz suchen in dem vergessenen Hause, für mich und meinen Sohn . . . Heftige Bewegung in der Gemeinde. DER WIDERSPRECHER: Nur herein ins gute dumpfe Loch! Da gibt es keine Durchbrennerei. Läßt du dir auch ein fein neues Aussehen schneidern, die Stunde kommt, und zurück mußt du ... STIMMEN: Sein eigener Vater, er möge sich der zweiten Welt erfreuen, würde ihm die Tür weisen ... Warum sollen wir uns mit einem Abtrünnigen belasten ... Sie mögen zu denen gehen, die sie gesucht haben . . . Der Entfremdete macht eine Bewegung, als wolle er gehen EINE FRAUENSTIMME: Nehmt ihn auf für das Verdienst seiner frommen: Eltern ... DER FROMME: Es soll keine Seele in Israel verstoßen werden!i DER VORSTEHER: Bleibet! Er führt den Entfremdeten und den Dreizehnjährigen zur letzten Reihe der Gemeinde, wo sie sich niederlassen DER ÄNGSTLICHE: Ah! Hört ihr nichts? ... Der Schrei des Pöbels? Oder die fernen Trommeln der Soldaten? MEHRERE FRAUENSTIMMEN: Wo bleibt, unser Lehrer? ... Ist ihm etwas zugestoßen? ... Hat man ihm ein Leid angetan? In diesem Augenblick hört, man ein dreimalig kurzes Pochen an eins der Gitterfenster. Alles springt erregt auf. DER VORSTEHER: Das Zeichen! Unser Lehrer! Der Rabbi! Der Türriegel wird zurückgeschoben. Der Rabbi tritt, von zwei Aclteslen gefolgt, ein. Die Männer der Gemeinde umdrängen und bestürmen ihn mit Fragen, so daß er sich nur langsam den Weg zur Lesckanzcl bahnen kann DIE FRAGENDEN: Hat der König den Rabbi vorgelassen? ... Was hat unser Herr erreicht? ... Wird man uns des Landes verweisen? . . . Darf die Gemeinde zurückkehren in ihre Wohnungen?... Hat der Pöbel wieder geplündert?... Wollen die Großen des Volkes unseren Tod?... Weh, der Rabbi schweigt.. . Das bedeutet den Tod. .. den Tod... Nein, nein... Weh, warum schweigt der Rabbi? Der Rabbi, der inzwischen die Lesckanzcl erreicht hat, beugt sich, den Kopf auf die Arme stützend, stumm und schwer über eines der Pulte. DER FROMME: Still! Fragt nicht mehr. Seht hin! Unser heiliger Rabbi flüstert mit dem Ewigen ... Stört ihn nicht... DIE GEMEINDE: Er flüstert vielleicht mit dem Ewigen... DER WIDERSPRECHER: Vielleicht... Doch vielleicht weiß er nur keinen Rat mehr für sich und für uns ... Der Lärm sinkt zu einem ganz leise stöhnenden Summen zusammen. DER DREIZEHNJÄHRIGE: Vater! Mir ist so bange ... Warum werden wir verfolgt? ... Warum hast dn nie gesprochen? ... Warum habe ich nichts gewußt?... DER ENTFREMDETE: Ich wollte dir das Allerschwerste ersparen, mein Kind... DER FROMME: Er bewegt sich ... Der Ewige ist von ihm gewichen ... (Er nähert sich mit einigen anderen Frommen ehrfürchtig dem Rabbi auf der Lesekanzel.) Unser Rabbi verzeihe! Diese Gemeinde in Israel ist hier versammelt, Mann, Weib und Kind. Sie haben ihre Sterbegewänder angetan und sich kasteit. Die frommen Seelen sind inbrünstig bereit, die Nacht zu durchwachen, und fragen nicht nach ihrem Schicksal bei Sonnenaufgang. Siehe, es sind starke und erfahrene Beter unter uns. Vielleicht gelingt es, den Allmächtigen, gepriesen