Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 6 (18.1.1935)
- Date
- 1935-01-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 6, 18.1.1935 Jüdische Berufsfragen Bernhard Wachstein Zur Frage des kaufmännischen Nachwuchses Der Zcntralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau 1rilt mit: „Wiederum steht ein Schiilentlassungstermin bevor. Tausende von Jugendlichen treten neu in das Berufsleben ein, ihnen bei der Wahl des künftigen Lebensweges behilflich ZU sein, ist eine der wesentlichsten Aufgaben des Zentralausschusses für Hilfe und Aufbau. An die Gemeinden und an die jüdischen Organisationen, an die Arbeitsnachweise und Berufsberatungsstcllen, an die Arbeitgeber und an alle, die zu helfen in der Lage sind, ergeht der Appell: Schafft Lehrstellen, helft mit bei der Unterbringung unserer Jugend. Drei Monate nur trennen uns von dein neuen Fiiistellungstrrmiii des 1. April. Säumt nicht! Trefft Vorsorge! Her Zentralatisscliuß hat durch seine Richtlinien zur jüdischen B e r u f s p o 1 i t i k zu erkennen gegeben, in welchem üeiste er die Berufsberatung und Lehrstcllenvcrmittlung unserer Juvenil fördern will. Drei Voraussetzungen sind für jede Entscheidung zu prüfen. Die persönliche E i g n u n g — der Wille zur Normalisierung der Berufsverteihnn: der Juden durch Ausbildung in handwerklichen und landwirtschaftlichen Berufen — der Wille zur Schaffung wirtschaftlicher Existenzen. Zur Vcnneiduin» von mißverständlicher Auslegung der Richtlinien des Zei"tra!aiw<chiKse<s zur jüdischen Berufspolitik wird zur F r a n; e des kaufmännischen Nachwuchses folgendes festgestellt: 1. Der Nathwnrlis ht <I.i<IiiMi gefährdet, daß der Drang der lugend in starkem M.ilU* zii hauJarbeitenden Berufen hiiiL'cii!, und tiaü .sj.-h .vlwm seit Jahren ein l.ehr- 1 i n jt s in a ii g e I j in k a ti f in ä n iti« c h e n Wirtschaft ssektur lienu-Miar macht, der k< ine«we(f< eine rein jiidische brsdu i;inüsr i-t, sondern auch im allgemeinen Lehrstellenmarkt Stil!;ui:»• -11 zu h',<>liachtcn ist. Andererseits ist in Betracht /n ziehen, daß der kaufmännische Nachwuchs des VririM-hafts-eltor- \ ielfach ohne Beanspruchung der gemeindlichen Beratun•.-teilen in die kaufmännische Lehrstelle einbin. I fiet.-üis tu!: t ru fliehen kaufinair bi ratun,: Beruf bi;-ch Im vier ja!iou eine . Beruf an:'! darauf k,> > geeignete üsthen Jugend auf Grund der belurclisiliniüliihf Eignung fiir den "aiiiiiiien Vierden kann, die Bcrufscu Mill, in erster Linie für diesen IVr-oiicn auszuwählen. 3. Voraussetzung für die Vermittlung kaufmännischer Lehrstellen ist die Güte der gebotenen Ausbildung, die dem Lehrling gestattet, seinen Beruf möglichst überall in der Welt auszuüben. Es wird dabei die Notwendigkeit in Betracht zu ziehen sein, für die kaufmännischen Lehrlinge eine besondere zusätzliche Ausbildung in sprachlicher und beruflicher Hinsicht in die Wege zu leiten. 4. Lehrzuschüsse weiden in der Regel nicht notwendig sein. Fahrgcldzuschüsse und Unterhaltsbeihilfen werden für Lehrlinge für Klein- und Klcinstgcmeindcn in Betracht kommen, wenn eine geeignete kaufmännische Berufsausbildung im oben genannten bituie in der Kleingemeinde nicht geboten werden kann. 5. Da es sich um ein neues Aufgabengebiet handelt, sollen die Wirtschaftsstcllen Anträge dieser Art vorerst au die Zentralstelle gelangen lassen," Diese Stellungnahme des Zentralausschusses geht auf eine wichtige Frage aus dem Gebiet der beruflichen Ausbildung der jüdischen Jugend Deutschlands ein. Seit zwei Jahren ist die Tendenz efer jüdischen Jugend und auch weiter Elternkreise darauf gerichtet, die Jugendlichen dem Handwerk und der Landwirtschaft zuzuführen. Soweit es sich um Jugendliche handelt, die Deutschland später verlassen werden, um insbesondere nach Palästina zu gehen, ist diese Tendenz gewiß in vollem Umfange zu begrüßen. Man darf aber nicht vergessen, daß ein Teil der jungen Menschen aus sachlichen und persönlichen Gründen seine Existenz später in Deutschland suchen muß und daß der Umfang des Uebergangs zum Handwerk — Landwirtschaft kommt in diesem Fall ja gar nicht in Frage — durch die objektiven Verhältnisse beschränkt bleibt. Aus diesem Grunde ist es wichtig, daß die in früheren Generationen allzu sehr bevorzugten kaufmännischen Ausbildungsmöglichkeiten in gewissem Umfange auch jetzt von denjenigen Jugendlichen, die hierfür besonders geeignet erscheinen, in Anspruch genommen werden. Damit soll gewiß nichts gegen die Tendenz zur Berufsumschichtung gesagt sein — und wir glauben auch nicht, daß der Zenfralausschuß dies beabsichtigt —, sondern es soll nur darauf hingewiesen werden, daß im Rahmen der vorhandenen Aushildungsmüglichkeiten ein gewisser Prozentsatz unseres Nachwuchses sich auch in Zukunft der kaufmännischen Arbeit als der bedeutendsten Existenzquelle des deutschen Judentums wird zuwenden müssen. Und es ist sicherlich ein merkwürdiges Symptom, wenn ein Mangel an jüdischen kaufmännischen Lehrlingen festgestellt wird. Die Rassenlehre an den Universitäten Der „V. B." meldet: Dem Piivatdo/enten Dr. Salier- Döttingen ist die L e h r h e f ä bi « u n g entzogen worden. Hieizu teilt das Ra-senfuilitiseh e Amt mit: „Der R a s > e i; e d a ii k e ist für den Nationalsozialismus ein wichtiges und entscheidendes Stück seiner Weltanschauung. Er kann deshalb nicht zugeben, daß ein akademischer Lehrer sein Amt da/u mißbraucht, Grundgedanken des neuen Staates zu verfälschen und sie unter dem Deckmantel einiger biologischer Schlagworte zu politischer Gegenpropaganda zu benutzen. Als es galt, praktisch für das deutsche Volk und seine rassische Selbstbesinnung im Kampf gegen das j u d a i s t i s c h e System einzutreten, da fand man auf jener Seite nur ein skeptisches Lächeln über eine derart »populäre* Behandlung von Rassefragen. Heute versuchen dieselben Leute unsere Rassenlehre zu korrigieren und mit Begriffen aus längst vergessener Klassenkampfzeit zu vermengen. Statt Klasse verwendet man zeitgemäß das Wort Rasse und spricht deshalb von .sozialen' und ,gesellschaftlichen' Rassen, 7. B. von der Rasse der Kapitalisten oder der Unterdrückten oder gar, wie Salier, von der .Rasse der Korbmacher'. Der neue. Staat hat es s-att, Lehrer zu dulden, die unter Mißbrauch ihrer wissenschaftlichen Stellung versuchen, eine Bresche in das auf gemeinsamer biologischer Grundlage beruhende Erlebnis der Volksgemeinschaft zu schlagen." Antijüdische Beschuldigrungren In Nürnbetg Zeitschrift ..Den | >.'t In n )'. le BI i Kam[ ' m l'ihus < ' tlH < i I* Uli , ' erscheint, wie wir bereits meldeten, die t s c h e Volks g e s ti n d h e i t", heraus- Entlassungr eines Nichtariers als unzulässig; erklärt Eine Entscheidung des Berliner Arbeitsgerichts Das Arbeitsgericht Berlin hat am 17. 10. 1934 ein inzwischen rechtskräftig gewordenes Urteil zur Frage der Entlassung eines nichtarischen Arbeitnehmers gefällt, das eine solche Entlassung aus Rassengründen nicht zuläßt, wenn der Arbeitgeber den Arbeitsvertrag nach der nationalen Erhebung eingegangen ist. In den Entscheidungsgründen heißt es u. a.: „Unstreitig ist die Entlassung des Klägers ausschließlich deswegen erfolgt, weil der Kisigcr Nichtarter ist. Bei einer Gesellschaft von der Art der Jii-klagtcn kann der Umstund, daß einer der Gefolgschafismiigüctler Nichtaricr ist, an sich durchaus einen Grund zur Kündigung des Dienstverhältnisses bilden. Nach Auffassung des Gerichts ist alxT eine solche Kündigung dann nicht zu rechtfertigen, wenn die Beklagte, wie hier, den Dienstverpflichteten noch im Januar 1934, d. h, zu einem Zeitpunkt, als die Bedeutung der Kassenfrage durch die einschlägige Gesetzgebung und die staatspolitische Schulung allen Volksgenossen klar sein mußte, mit allen früheren Rechten und Pflichten übernahm. Die beklagte hätte, von ihrem jetzigen Standpunkt aus betrachtet, von vornherein tlie Weiterbeschäftigung des Klägers ablehnen sollen. Nach der Uebcrzeugtmg des Gerichts kann sich die Deklagte auch nicht darauf berufen, daß eine behördliche Stelle die Entlassung veranlaßt habe. Nach dem eigenen' Vortrag der Beklagten kann dies nicht angenommen werden. Danach ist lediglich anläßlich einer mündlichen Unterredung empfohlen worden, die Frage der Wcitcrhcschäftigung von Nichtariern einzeln nachzuprüfen. Keineswegs ist Weisung dahin erteilt worden, alie Nichiaricr olsne Prüfung zu entlassen. Die Kündigung ist deshalb nicht durch die Verhältnisse des Betriebes bedingt." In Wien starb int Alter von 65 Jahren der Direktor der Bibliothek der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Bernhaid Wachst ein. Mit Wachstein ist ein Gelehrter dahingegangen, dessen Studien zur Geschichte der Juden in Oesterreich und dessen bibliographische Werke weit über den lokal begrenzten Inhalt von Bedeutung sind. Besonders zu nennen sind seine Werke über die Inschriften des alten Judenfriedhofs in Wien. Ferner sind einer größeren Ocffentllchkeit die von Wachsteiii und Landau entdeckten jüdischen Privatbriefe aus dem Jahr 1619 bekannt geworden, die von größtem kulturgeschichtlichen Interesse waren. Die Konfessionen in Oesterreich Bundeskanzler Dr. Sc h tisch n igg hielt in einer geschlossenen Versammlung führender Persönlichkeiten einen Vortrag über aktuelle innen- und außenpolitische Fragen, dessen Inhalt durch eine amtliche Meldung der Öffentlichkeit bekanntgegeben wurde. Nach Erörterung außenpolitischer Fragen kam der Bundeskanzler auf die Stellung der Regierung zur Kirche zu sprechen. Der Kurs, den die Regierung zu gehen habe, sei der österreichische. Dabei werde die Regierung selbstverständlich stets die Rechte aller religiösen Gemeinschatten, in erster Linie der katholischen Kirche, zu der sieh die erdrückende Mehrheit des Volkes bekennt, respektieren. Er gab anschließend seiner besonderen Freude Ausdruck, daß auch die evangelische Oberkirchcnbeliörde, in eindeutiger vaterländischer Weise, gegen tlie konfessionelle Pressehetze im Ausland Stellung genommen habe, „genau so wie auch die israelitische Kultusgemeinde gegen gewisse Auswüchse der internationalen öffentlichen Meinung in dankenswerter Weise eingeschritten sei". Ein christliches Urteil über den Zionismus Die „Kölnische Volkszeitung" vom 14. Jan. berichtet über einen Festabend, der in Köln anläßlich des 80jährigen Jubiläums des „Deutschen Vereins vom Heiligen Land e" stattfand. Bei dieser Veranstaltung hielt Professor D. Dr. Friedrich S t u m m e r -eine Festrede, in der er sich auch mit dem gegenwärtigen Palästina beschäftigte. Er ging in diesem Zusammenhange auf den Zionismus ein und sagte u. a. folgendes: „Die Aussichten auf den Erfolg des Zionismus sind schwer zu beurteilen. Zur geistesgescluchtlichen Würdigung mag gesagt sein: ein Urgcfühl des Judentums sucht liier politisch-wirtsehattlichcn Aufdruck. Der eigentli' he Begründer ist Theodor Herd. Der Zionismus hat manchen Versager zu verzeicluien und aueh manchen Fehler gemacht, jedoch durch Kultivierung von Sumpfstrecken auch Gutes geleistet. Der Idealismus, den die echten Zionislen entfalteten, ist anzuerkennen, auch wenn man der geizigen Gesamthaltung vieler Kolonisten nicht zustimmen kann. Unter den jüdischen Einwanderern, die nach dem Krieg ins Land kamen, war nämlich eine nicht geringe Anzahl religiös abgestandener und bolschewis.li.vh infizierter Elemente. Doch muß gesagt werden, daß die geselzcstreuen Kreise aueh damals nh'ht fehlten, und daß viele der zionistischen „Sozialisten" ihren Sozialismus durchaus nicht im Sinne des Marxismus auffassen. Gegenwärtig mehren sich die Anzeichen, daß eine Stärkung des religiösen Bewußtseins sich vollzieht." Diese Beurteilung ist interessant, da sie von einer Seite ausgeht, die gewiß nicht im Verdacht steht, zugunsten der Juden voreingenommen zu sein. Was allerdings den Satz von den „bolschewistisch infizierten Elementen" anbelangt, so hat der Verfasser selbst gleich darauf gesagt, daß gerade auch die „zionistischen Sozialisten" ihren eigenen Weg gehen. Wer die Geschichte der Palästinaeinwariderung nach dem Kriege kennt, weiß, daß diese Sozialisten vor dem Druck des russischen Bolschewismus, der sich gegen sie als nationale Juden wandte, nach Palästina auswichen. Pünktlichkeit ist die Höflichkeit Ihrer Zeitung. So regelmäßig und auf die Stunde genau, wie Sie jeden Dienstag und Freitag die „Jiidische Rundschau" im Haus haben, so pünktlich möchten wir auch gern Ihre Zahlung für unser Blatt bei uns eingehen sehen. Das vereinfacht unsere Arbeit sehr, und darum bittet die «Jüdische Rundschau Sie, jetzt die Bezugs-Gebühen für Februar — 2 Mark — zu überweisen; ihr Postscheckkonto für Berliner Abonnenten ist: Berlin 71573, für Abonnenten im Reich: Berlin 17392. streit I Im 1) e ■pro i n Ii us f. \lk dM. \ sine! un/utrette Diffamicru Trennung Prospekt für ii ti ic'ii Artikel ■stitiihtr u. a.: i 1.Mit m cii glirnst I d die-es „Der r V.rlruh- Bildung und Weltanschauung i. in i n Kin I i ib i I iiili n hier m ni.it ht d, Sic gehören in den Bezirk der " g, die w eit über den Versuch einer i n M ■!. i M.d- Juden in ■baren!" werden, Rassen- Rassen- ,, nnaiisgeht und geeignet ist, neue Konfliktstoffe, zwischen den rassischen Gruppen zu schaffen. „Üble Nachrede" Vor dem Schöffengericht in Burg hatte sich in einer eintägigen Verhandhing Rudolf Lilie aus Burg zu verantworten. Die Anklage warf ihm vor, sich der üblen Nachrede gegenüber dem stellvertretenden Kreisleiter der NSDAP, des Kreises krichow I, Hans Ziemann, und seiner Mutter, der Ehefrau Bocker, beide in Burg, schuldiggemacht zu haben. Lilie behauptete, dieser sei n l c h t a r i s c Ii e r Abstammung. Das Schöffengericht verurteilte ihn ru 6 Monaten Gefängnis. Im sogenannten Knöpfke-Prorcß widersprach der Nebenkläger der Vernehmung des von der Verteidigung geladenen Sachverständigen Dr. Sternheini, da dieser N ichtarier sei und ein deutsches Gericht keinen Anlaß habe, sich der Hilfe von Nichtariern als Sachverständigen zu bedienen. Das Oericht beschloß in Ueber einst immun* mit dem Antrage des Staatsanwalts, auf den nichtarischen Sachverständigen zu verzichten. Wie die „Frankfurter Zeitung-' meldet, hat das Ehrengericht der Anwaltskammer in Königsberg i. Pr. gegen den Rechtsanwalt und Notar Dr. Georg Cohn ein Vertretungsverbot erlassen, weil er sich vor Justizbeamten über den neuen deutschen Staat verächtlich geäußert habe. Bubers Eröffnungsrede im Frankfurter Lehrhaus Die Eröffnungsrede zum Winterlehrgang 1035 des Frankfurter Jüdischen Lehrhauses war von schöner Musik umrahmt. Die Kamiucrstreichvereinigung der Musikfreunde unter Leitung von Arthur Holde spielte das Conccrto grosso von Corelli und das lyrische Andante von Max Reger. Martin Buber sprach über eine pädagogische Frage: über die Grundtatsache der Jugend unserer Zeit, über den Aufstand ihrer Weltanschauungen gegen die Bildung. Mit „Weltanschauungen" sind hier nicht philosophische Denksysteme gemeint, sondern gruppenmäliige Vorstellungen über die aktuellen Probleme dieser Gruppe. Diese Vorstellungen beanspruchen nicht nur absolute Geltung, sondern sind von dem aktiven Willen getragen, realisiert zu werden. Die Jugend, die diese Weltanschauungen vertritt, protestiert dafegen, daß man sie mit Bildung befasse. Sie habe dazu keine eit und keine Lust, weil sie durch sie von der Realisierung abgelenkt werde. Buber mißt zwar diesem Drang zur Realisierung eine gewisse Berechtigung bei, weil in einer so krisenhaften Zeit nur der vollkommene Einsatz der Pereon Neues entstehen läßt. Aber was wird aus den Weltanschauungen, wenn die Jugend »ich von der Bildung abschließt? Mit Bildung meint Buber nicht die Zuführimg von allgemein Wissenswertem, auch nicht die Bildung der Persönlichkeit als Selbstzweck, sondern eine lebenbauende Bildung. Die Aufgabe der Bildung ist der Aufbau der Person, die nicht Selbstzweck ist, sondern die Voraussetzung einer echten Gemeinschaft. Bildung soll Menschen formen, damit sie den Boden schaffen für wahre Gemeinschaft. Sie leistet dies nicht durch Idealvorstellungen, wie der Mensch sein soll — nicht durch Gedanken von oben her, sondern durch Eröffnung des objektiven Zusammenhangs, aus dem der Mensch kommt. Sie muß ihm Zugang verschaffen zu den Urkräften des Volkes — Sprache, Geschichte, Volksleben. Der Ganzheit der Welt stehen die vieldeutigen Weltanschauungen gegenüber. Bildung erbebt den Anspruch, daß alle Weltanschauungen nur Geltung haben, wenn sie im objektiven Zusammenhang gegründet sind. Die methodische Vorfrage, ob man zu diesem organischen Zusammenhang hinführen kann, ohne dabei durch seine eigene Weltanschauung den Zögling zu beeinflussen, bejaht Buber: Wohl waltet schon bei der Auswahl des Stoffes die eigene Weltanschauung. Aber es gibt doch den Willen zur Tatsachentreue. Die Wahrheit ist der Mittelpunkt, um den sich die vieldeutigen Weltanschauungen gruppieren. Sie sind zumeist so politisiert, daß sie das redliche Verhältnis zur Wahrheit verlernt haben. Und trotzdem erheben sie alle den Anspruch auf völlige Durchsetzung. Wenn die Bildung die Weltanschauungen in gemeinsamer Arbeit zu ihren Wurzeln hinführt, ist damit etwas Neues geworden: eine Zelle echter Gemeinschaft, die gleichgeartete Menschen verschiedener Weltanschauungen umfaßt. Die Bildung prüft nicht nur, wie die Weltanschauungen gegründet sind, sondern auch, wie sie ihre Bekenner wahr machen. Sie verlangt personenhafte Verantwortung: daß man sich mit seinem ganzen Tun einsetzt Die Verantwortung nimmt einem die Gruppe nicht ab. Nur so wird öffentliche Wirklichkeit, anders bloß öffentliche Fiktion; denn jeder Weg führt zu seinem eigenen Ziel, das ihn widerspiegelt. Es gibt unter den vielen Realisierungen, die uns heute begegnen, so viele Scheinrealisierungen, weil die Fiktivgesinnung überwiegt, weil die personhatte Verantwortung so selten geworden ist, weil die Hinführung zu Zusammenhang und Tatsachentreue fehlt, weil die Menschen unseres Zeitalters so „ungebildet" sind. Bildung will jede Weltanschauung zur Echtheit ihres Grundes und von da aus zur Wahrheit ihres Zieles durch personhafte Verantwortung führe«. Der Mensch ist gebildet der den Schein verwirft um der Wirklichkeit willen. i