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Jüdische Rundschau · 1935-01-18 · Heft 6 (18.1.1935) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 6 (18.1.1935)
Date
1935-01-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 6, 18.1.1935 JODISCHE RUNDSCHAU Seite 3 die Perez Smolenski Zu seinem 50. Todestage am 16. Schwat Es ist etwas Glutvolles im Leben Smolenskis. Es währte nur 43 Jahre (Smolenski wurde am Schuschan-Purim 1842 in einem Städtchen im Gouvernement Mohilcw geboren), war von materiellen Entbehrungen, Sorgen aller Art und zuletzt auch förmlich von Tuberkulose verzehrt — und dennoch so arbeits- und gedankenreich, daß wir auch heute noch sein Pulsieren fühlen. Smolenski versuchte sich als Romanschriftsteller (am bekanntesten sind „Der Irrende" und „Des Esels Begräbnis"). Allein seine Romane haben mehr ein literarhistorisches als ein literarisches Interesse. Sie wollten realistisch sein, sind aber erfunden, leiden an überlangen Dialogen, und es ist zwar bewundernswert, was er alles im Rahmen des biblischen Stils auszudrücken vermag, aber dies% Rahmen bleibt doch zu eng Eine unvergängliche Spur in der Geistesentwicklung des Judentums hat Smolenski vielmehr durch seine publizistischen Schriften hinterlassen. (Diese wurden 1925 26 vom „Keren Smolenski Jerusalem" herausgegeben. Eine Auslese aus Smolenskis publizistischen Schriften in deutscher Uebersetzung bereitet der Schocken-Verlag vor.) Smolenski hat seine Jugend in TalmudscTiulen verbracht. Allein — ein wohl nicht gerade häufiger Fall — die ungeheure traditionelle Gelehrsamkeit des Judentums nahm er in sich — seine Schriften bezeugen es — nicht wie eine tote Masse auf, sondern mit einem lebendigen historischen Instinkt, in Beziehung zum jüdischen Volke und seinem Dasein. Dennoch fühlte er sich, wie so mancher Ostjude vor und nach ihm, von der westeuropäischen Kultur unwiderstehlich angezogen. War doch der Glorienschein des „Dessauers" und der Berliner Aufklärung in alle Judenstädtchen des Ostens gedrungen. 1867, also fünfundzwanzigjährig, verlädt er Rußland und sucht Prag, Wien, Berlin, Paris und London auf. Dann läßt er sich endgültig in Wien nieder und gründet hier 1868 seine hebräische Zeitschrift „Haschachar" („Morgendämmerung"), die er, mit Unterbrechungen, bis zu seinem Tode herausgibt. Kennzeichnend ist der programmatische Artikel, mit dem er diese Zeitschrift eröffnet, und in dem es u. a. heißt: „Der Glaube, daß unser Gallith einmal ein Ende nehmen wird und die Juden einen eigenen Staat wieder besitzen werden, gereicht uns keineswegs zur Schande. Ebensowenig das Festhalten an unserer alten Sprache. Denn in ihr ruht die geistige Kraft unseres Volkes. Wer uns von ihr entfernen will, hat Böses im Sinn gegen die Existenz unseres Volkes. Daher sei es von vornherein gesagt: wie ich die Scheinheiligen unter uns be- Aut dem Jüdischen Lexikon kämpfte, so werde ich auch gegen jene kämpfen, die die Juden von ihrer geistigen Erbschaft loslösen wollen." Wie sind diese Worte zu erklären? In ihnen drückt sich die ungeheure Enttäuschung aus, die Smolenski an den Westjuden, besonders an den deutschen Juden erlebte. Sein dominierender Eindruck war der, daß sie sich, um mit der Bibel zu reden, immer mehr von dem „Felsen, aus dem sie ausgehauen", entfernen. Die Reformbewegung empfand er als ein Rütteln an den Grundfesten des Judentums. Sie veranlaßt ihn, sein berühmtes Werk mit dem kennzeichnenden Titel „Ewiges Volk" („Am olam") zu schreiben. Sein Grundgedanke ist, daß alle früheren Reformen im Judentum vom Volke selbst herbeigesehnt wurden und organisch entstanden, niemals aber aus einer äußeren Tendenz heraus gemacht wurden. Die Gestalt, die jetzt Smolenski unausgesetzt verfolgt, ist Mrndelsso h n. Ihm wirft er vor allem die Tendenz seiner Bibelübersetzung vor. Während frühere Bibelübersetzungen (ihm schwebt vor allem wohl die Sentuaginta vor) den Zweck verfolgte, die Heilige Schrift Nicht-Juden oder Juden in einer ihnen bekannten Sprache zu vermitteln, hat Mendelssohn die Bibel in eine den Juden wenig bekannte Sprache übersetzt: sein Ziel war ja eben, durch die Uebersetzung den Juden das Deutsche beizubringen. Dadurch aber hat er die Bibel zum Werkzeug degradiert und den Anstoß dazu gegeben, daß die deutschen Juden sich immer mehr vom Hebräischen und schließlich vom Judentum selbst entfernten. Das Schicksal schon der nächsten Nachkommenschaft Mendelssohns selbst bezeugt das. Smolenski schätzt auch die Verdienste Mendelssohns: die Erlernung des Deutschen war freilich für die Juden in Deutschland eine Notwendigkeit (sie sollte aber, meint er, auf anderen Wegen als gerade durch die Bibelübersetzimg geschehen), ebenso die Teilnahme an Kultur und Zivilisation. Allein auf Mendelssohn führt Smolenski auch jene Ansicht zurück, die dem Judentum alles Voikliche abspricht, in ihm lediglich eine Konfession erblickt — und daher bleibt sein Gesamturteil über Mendelssohns Einfluß negativ. Doch nun kommt das Merkwürdige: Smolenskis eigene Konstruktion des Judentums. Doch lassen wir ihn selbst sprechen. „Gegen die Erlösungshoffnung sowie gegen das Hebräische kämpft man an, als trennten sie beide in der Tat die Juden vom Landesvolk. Sehen denn diese Gegner nicht, daß die Juden im Geiste sich von allen anderen Völkern trennen, heute wie vor zweitausend Jahren? Oder verstehen sie nicht, daß, wenn diese geistige Schranke fällt, mit ihr auch die Judenheit selbst verschwinden muß?" („Eth laassoth", Kap. 2, Haschachar, Jahrg. 4.) Und noch im „Eth lataath", Kap. 5 (Haschachar, Jahrg. 6 -8) betont er gleichfalls, daß wie das Festhalten am Hebräischen und die Hoffnung auf den Wiederaufbau Palästinas, so auch die jüdische Nationalität nur geistiger Natur ist, die die Juden nicht hindert, treue Söhne ihres Geburtslandes zu sein, und keine praktischen Konsequenzen hat. Hat nicht der ganze Dualismus der jüdischen Problemlage in diesen Formulierungen einen kennzeichnenden Ausdruck gefunden? Auf der einen Seite das Judentum als geistige Nation — daher Kampf gegen offene oder versteckte Assimilation aller Schattierungen; auf der anderen Seite: das Judentum eine geistige Nation — daher keine praktisch-politischen Konsequenzen. Allein die Zeit hat ihn eines anderen belehrt. Die Drangsalierung der Juden im Osten, vor allem in Rumänien und Zum WodienabsdiniH für Sdiabbai, 19 Januar Die Legende erzfihli: Als die Aegypfer beim Durchzug durdi das Rote Meer vom Wasser verschüttet wurden und Israel gerettet war, bereiteten sich die Engel, ein Danklied vor dem Heiligen, gelobt sei er, zu singen. Da wandte sich der Heilige, gelobt sei er, zornig zu ihnen und sagte: Die Geschöpfe meiner Hände versinken im Meer und Ihr wollt Jubellieder anstimmen 1 ( Babylonisdier Talmud, Megillah iO) in Rußland, zwingt zu „praktischen Konsequenzen". Und Smolenski gehorcht ihren Erfordernissen. Die Auswanderungsfrage ersteht gebieterisch. Und seit dem X. Jahrgang des „Haschachar", also seit Ende der 70er Jahre, beginnt Smolenski unausgesetzt auf Palästina hinzuweisen. Er kämpft gegen die „Alliance Israclite", weil sie, statt den Auswanderungsstrom auf das Heilige Land zu konzentrieren, ihn vielmehr bewußt zersplittert. Er verfaßt in deutscher Sprache ein entsprechendes Memorandum und beantwortet in den Nächten die Unzahl an ihn in Auswanderungsfragen gerichteter Briefe im gleichen Sinne. Er verlangt -- vergeblich --- die Einberufung eines Kongresses. Er wirft den Juden „schändliche Passivität" vor in einer Zeit, da viele bereits lialbvergessene Völkerschaften: Griechen, Serben, Bulgaren, eine rege und erfolgreiche Renaissance-Tätigkeit entwickeln. Speziell im Hinblick auf Palästina aber predigt er die Notwendigkeit einer Verständigung mit cier Türkei zur Erlangung einer offiziellen Niederlassungserlaubiiis für Juden; Kampl gegen die Chalukah; Organisation des Judentums in der Diaspora in Form von Ortsgruppen, deren Mitglieder nach dem Heiligen Lande auszuwandern beabsichtigen; Berufsumschichtung der Jugend; Voraussendung von Chaluzim (das Wort prägte er bereits); industrielle Kolonisation Palästinas neben der landwirtschaftlichen. Kur/, wir sehen, wie er das Problem bereits durchdacht und Grundgedanken und Begriffe geprägt hat, mit denen wir heute täglich timgehen, die aber zu einer Zeit nur einem feurigen und wagemutigen Geiste entstammen konnten. Dr. Elias Hurwicz Soziale Fürsorge bei den Juden. Gelegentlich eines in der Londoner „Times" veröffentlichten Aufrufes einer englischen Gesellschaft für Tuberkulose-Bekämpfung, worin die Kirchen aufgefordert werden, sich dieser Sache anzunehmen, weist der Einsender darauf hin, daß die soziale Fürsorge nirgends höher entwickelt sei als bei der „jüdischen Nation". Das mosaische Gesetz mit seinen hohen sozialen Forderungen habe zur Folge gehabt, daß bei den Juden durch Jahrhunderte hindurch die Müttersterblichkeit sehr niedrig und die Säuglingsgesundheit eine sehr hohe ist. Da es sich um ein religiöses Gebot handle, hätten auch die Rabbiner sich ebenso für das soziale und physische Wohlergehen eingesetzt wie für die geistigen Bedürfnisse des Heims. ORANGEN ALS „STRANDGUT" IN TEL-AWIW Infolge eines plötzlieh aufkommenden Sturmes während des Unwetters kenterten am Strande von Jaffa 16 Boote, die 400(1 Kisten Orangen enthielten, nnj ii< r Fiihrt zu den vor dem Hafen liegenden Frachtschiffen. Die Besatzungen retteten sich schwimmend, während die Orangenkisten von den Wellen an den Tel-Awiwer Strand geworfen wurden. Unsere Bilder, zeigen die an den Strand gespalten, zum Teil aufgebrochenen Kisten und die Bemühungen um ihre, Bergung aus dem Wasser, Foto.. Cham, Siirubd, Tri Auw ZUR FEIERLICHEN EINWEIHUNG DER OELLEITUNG MOSSUL-H AUA luv m *> i> Ü ie> 3* ig s< ric S le :b t« s :r le i« t,: tS* tti <4 •9 i-' il rt 0 V n ■9 e t» e» e w '•' . .?v -,,„ .,» ' *'*"** " ' *^ 'Vv Ti" »•H«»'- :. ■ ,-%*Jw< . »/■» <r jjgti^gg^ fWt^*^^ j^M, mwf' yf \* ' ■ V .....L.£</ . ''^^^^^^mninfM^f' Links: Die Stadt Kirkuk, das Zentrum der Oelquellen im Irak und Ausgangspunkt der Petroleumleitung zum Mittelmeer, wo am "14. ds. Mts. die feierliche Eröffnung durch den König Ghazi von Irak stattfand. — Rechts; Alte Erdöldestillation bei Kirkuk. Neben den Bohrtürmen letzter amerikanischer Konstruktion findet man noch heute die, irdeneri Oefen, in denen wie vor Jahrtausenden das aus dem Boden austretende Erdpech zu trübem Brennöl destilliert wird. Die. Bilder werden um von Dr. Alfred Bonnö, Jerusalem, zur Verfügung gestellt, der anläßlich seiner lleise. nach dem Irak im Jahre 1933 die Aufnahmen machte.

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