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Jüdische Rundschau · 1935-01-15 · Heft 5 (15.1.1935) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 5 (15.1.1935)
Date
1935-01-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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JODISCHE RUNDSCHAU Palästinensische Umschau NR. 5, 15. JANUAR 1935 Konjunkturauswüchse Von unserem palästinensischen Korrespondenten g.l. Tel-Awiw, 1. Januar 193& 1. Spekulation* Die Witzbolde meinen, das erste hebräische Wort, das der neue Einwanderer heute lerne, sei „Migrasch", Grundstück. Und es mache da keinen Unterschied, ob der Palästinabegeisterte aus Berlin komme oder aus Warschau, aus Johannisburg oder aus New York. Reich und arm, jung und alt, ob Unternehmer oder Arbeiter oder Intelligenzler, alle verfallen dem gleichen Fieber. Schon im Ausland fängt es an, mit den verschiedensten lockenden Angeboten, aut den Schiffen geht es weiter und im Lande sitzen die Bodenmakler in den Cafes bei Verhandlungen und neuen Plänen, ihre Schilder, die Unerhörtes bei geringer Anzahlung versprechen, blicken von allen Litfaßsäulen, von den Häuserwänden, von Tafeln, in allen möglichen Gegenden in den Sand gerammt. Böden in der Stadt und auf dem Lande, für Pflanzungen und Industrien, für Wohnungen. Jeden Tag taucht eine neue „nie wiederkehrende Gelegenheit" auf. Jeden Tag sind die Banken, die Büros der Anwälte, die Stuben der Makler überfüllt. Das Netz der Spekulation zieht sich mit tödlicher Sicherheit über dem Lande zusammen, und wer sich gestern noch seinen Schlingen entziehen konnte, verfällt ihm heute um so sicherer. Zu Beginn der Konjunktur sah man die Steigung der Bodenpreise als etwas Selbstverständliches: Eine große Nachfrage und ein geringes Angebot. Eine durch die Immigration gesteigerte Nachfrage muß die Preise in die Höhe treiben. Man'machte also gute Miene zum bösen Spiel, kalkulierte dementsprechend seine Wohnungen und seine Pflanzungen. Bald zeigte sich jedoch das Unvermeidliche. Die erhöhten Ausgaben, die die großen Preissteigerungen mit sich brachten, mußten abgewälzt werden und wurden es auch, wie immer auf den Konsumenten. Damit begann eine Schraube ohne Ende, Steigerung der Wohnungs- und Ladenmieten, der Löhne — durch den herrschenden Arbeitermangel noch verstärkt — allgemeine Erhöhung der Lebenskosten — der Leidtragende war der kleine Mann, ob er nun hinter dem Ladentisch stand oder in der Fabrik arbeitete oder als Arzt sich durchzuschlagen versuchte. Es kam zu Teuerungszulagen, sogar die Regierung, die nicht so leicht zu derartigen Maßnahmen zu bewegen ist, mußte in den Gehältern ihrer Beamten der Situation Rechnung tragen. Das war für bestimmte Kreise eine Erleichterung, eine Lösung des Problems konnte damit nicht versucht werden. Dali trotz allem das Spekulationsfieber weiter stieg, war nur dadurch möglich, daß die dauernd anhaltende Immigration immer neuen Bedarf und immer neues Kapital ins Land pumpte. S. Massenpsychose. Zu Beginn der Konjunktur harten in der Hauptsache die größeren Leute und die Makler sich in die Spekulation gestürzt. Man erwarb Flächen, parzellierte, verkaufte und hatte — auf die einfachste Art der Welt — große Gewinne eingeheimst. Das Geld begann sich bei diesen Geschäften an einigen Stellen zu akkumulieren. Der kleine Mann sah dem zu, seufzte, zahlte seine höhere Miete, verlangte Schutz und blieb — von einigen Maßnahmen, wie der Regelung der Mieten im vorigen Jahre, abgesehen — Konversion der Hypothekenbank Herabsetzung des Zinsfußes Von unserem gl-Berichterstatter Die Obligationen der palästinensischen Hypothekenhank (General Mortgage Bank of Palestine Ltd.) sind' in den letzten Jahren in immer steigendem Maße vom Markte aufgenommen worden, weil der Kapitalimport die Nachfrage nach sicheren Investitionsmöglichkeiten im Lande vergrößerte. Ende 1934 betrug der Wert der verkauften Obligationen mehr als 800 000 Pfund. Auch das Aktienkapital der Bank wurde von 80000 auf 200 000 Pfund erhöht. Im Jahre 1934 gab die Bank Bauanleihen im Werte von 700 000 Pfund aus. Mit dem vergrößerten Geldzustrom zeigte es sich, daß Anleihen zu einem billigeren Zinsfuß zu haben waren. Die Bank geht daher, wie bereits kurz gemeldet, jetzt an eine Konversion ihrer Obligationen. Zum 1. Juli 1935 werden Obligationen, die mit 7 »,<> verzinst wurden, durch neue ersetzt, die nur 5 "<> abwerfen. Obligatiousinhaher, die jetzt bereits ihre Papiere konvertieren, erhalten eine einmalige Gratifikation von 4 »;„. Innerhalb der gegebenen Frist von 0 Monaten steht es den Obligationsinhabern frei, sich eine andere Anlagemöglichkeit zu suchen. Die Bank hofft, durch die Senkung des Zinsfußes auch ihren Gläubigern leichtere Bedingungen gewähren zu können. Die Konversion umfaßt Obligationen im Werte von 333 000 Pfund. Die Neuausgabe der Obligationen wird von Robert Benson & Co., London, garantiert. Die Hypothekenbank wird also in Zukunft noch größere Mittel als bisher für Bauanleihen zur Verfügung haben. Sie arbeitet in den Städten und denjenigen großen Kolonien, in denen bereits ein Markt für Häuser besteht. Die Konversion der Obligationen ist ein Zeichen für die steigende Geldfülle des Landes. Die Uebernahme der Garantie durch eine so bedeutende Bank wie Benson and Company beweist, daß auch die Londoner City Vertrauen zu der Wirtschaftslage im Lande gefaßt hat und sich zu Verbindungen mit hiesigen Banken entschließt. Die Hypothekenbank wird von der Anglo Palestine- Bank kontrolliert. schutzlos. Dann aber begann sich der Appetit nach einem Stück Land in den weitesten Kreisen auszubreiten, wie es immer in solchen Konjunkturzeiten der Fall ist. Anstatt den relativ wenigen bei dem gewinnbringenden Geschäfte zuzusehen, versuchte man auch für sich ein Eckchen zu ergattern. Der „Migrasch" beschäftigte den Schuhputzer auf der Straße, den kleinen Kaufmann, den Arbeiter. Eine ganze Reihe von Gesellschaften stellten sich auf diese neue Kundschaft ein. Man parzellierte so klein, wie es nur irgend ging, man führte Abzahlungsgeschäfte ein, man annoncierte und plakatierte. Schon im Sommer dieses Jahres konnte der „Matate"■> das satirische hebräische Theater, das immer eine gute Spiegelung der Landesverhältnisse enthält, drei Bodenverkäufer auf die Bühne stellen, deren einziges Kapital darin bestand, daß der eine mit einem Effendi gesprochen, der zweite ein paar hundert Dunam gesehen, der dritte davon gehört hatte. Diese Karikatur war nicht so sehr tibertrieben. Während am Anfang für reale Objekte hohe Preise gezahlt wurden, bemächtigten sich jetzt auch Elemente des lukrativen Spiels, die überhaupt nichts zu bieten hatten und eine grausame Irreführung des Publikums vorbereiteten. Der Käufer sah den Boden gar nicht, wenn er den Vertrag machte. Die Lage des Grundstücks wurde in den vagesten Andeutungen angegeben, „bei" Tel-Awiw, „bei" Rechowoth, „auf" dem Karnui. Es konnte sich dann herausstellen, daß dieses Tel-Awiw zwanzig oder dreißig Kilometer von der Stadt entfernt bei einer Kolonie lag oder gar ganz im Süden in der Wüste von Beer Schewa, daß zwischen Rechowoth und dem Ort „dabei" ganze Strecken und arabische Dörfer lagen, daß die Plätze auf dem Karmel viele Kilometer von der Stadt Haifa entfernt waren. Dazu wurden die Grundstücke so klein parzelliert, daß sie unter den bestehenden Bauvorschriften gar nicht für Einzelhäuser benutzt werden konnten und Bankgarantien, die keine DAS UNWETTER IN PALÄSTINA Bilder aus Sichron-Jaakow lotos: Michael Haas \ "' ' "Mf _ MM* * . 'MflP»"'1 *> —■—" ■ *^ % . ' •> t», Ii - . '«> -»» ■ t> " , "•■ 'jr** ' .' Vom Berghang rollende Sleinmassen zertrümmerten ein Holzhaus Die Wolken vor Ausbruch des Unwetters M^k Viele Arbeiter sind damit beschäftigt, die Straßen auszubessern Riesige Steinblöcke werden i'o/i mehreren Arbeitern beseitigt waren, nämlich nur als Reklame auf den Plakaten standen, vervollständigten das Bild eines wahren Tohuwabohu, bei dem alle möglichen dunklen Existenzen ihre Taschen füllten. Nur die Massenpsychose, die jeden hoffen ließ, doch etliches Geld bei dieser Goldgräbern zu erwischen, erklärt es, daß trotz immer lauter werdender Proteste und trotz aller möglichen Gerüchte auch der fadenscheinigsten Gesellschaft die Käufer nicht fehlten. Konjunktur, Spekulation, Migrasch, — da half keine Warnung, keine Erklärung, kein Singen und kein Beten. 3. Das Ausland. War schon die Situation in Palästina peinlich genug, so gestaltete sie sich im Ausland noch toller. Hier .....- ob es nun Polen war oder Sudafrika -...... war das jüdische Publikum erfüllt von den großen Möglichkeiten Palästinas. Die Nachrichten über die Konjunktur wuchsen mit der Entfernung, wie ja auch die Nachrichten über die Schwierigkeiten häufig mit der Entfernung wachsen. Sowohl der Geldmann, der' Anlagen suchte, als auch der kleine Mann, der seine letzten Ersparnisse zu-ammenkraf/te otler sein bißchen Habe verkaufte, um sieh, in Palästina ein Stückchen Land zu sichern, konnte die Situation aus der l erne nicht immer richtig übersehen. Das Resultat waren Irreführungen, Scheinkäufe, Erwerbungen von auf lanye Zeit hinaus unbrauchbaren Bodenstücken. Die Konjunktur und Spekulation schaffen im Ausland noch groteskere Verhältnisse als im Lande selbst. 4. Bekämpfung? In der hebräischen Presse waren schon seit längerem warnende Artikel gegen die Spekulation üblich geworden. Eine wirksame Bekämpfung des Ucbels wäre nur auf zweierlei Arten möglich gewesen: entweder eine Erfassung der unberechtigten Gewinne auf dem Steuerwege und ihre Verwendung für öffentliche Zwecke — zum Beispie! Erstellung billiger Wohnungen — oeier die Ansammlung großer Bodenflächen an einer verantwortlichen Stelle, die durch ihr Gewicht und Prestige regulierend auf den Markt hätte wirken können. Tatsache ist, daß nichts geschah. Der Keren Kajemeth Lejisrael hatte keinen städtischen Boden in Tel-Awiw, dem Hauptsitz der Spekulation, und war daher machtlos. Für Jerusalem gilt dasselbe, und in Haifa, wo in den Böden der Bay große Reserven bereit lagen, spürt man ebenfalls nichts oder sehr wenig von einer regulierenden Hand. (Warum das der Fall ist, wäre einer genaueren Untersuchung wert. Es ist interessant, daß die Oeffentlichkeit sich bisher mit dieser Frage kaum befaßt hat.) In den letzten Wochen hat der „Dawar", das Arbeiferblatt, einen Versuch gemacht, wenigstens die schlimmsten Auswüchse der Spekulation anzuprangern. Die Art der Verträge wird publiziert, Einzelfälle genannt, wo Kauflustige in bezug auf Preis, Lage der Flächen, Beb-imingsmöglichkeit irregeführt wurden, Banken, die an den Geschäften beteiligt sind, werden mit Namen genannt. Der Grund für diese Kampagne war die steigende Beunruhigung unter der Masse der kleinen Leute, die zu spüren begannen, daß etwas nicht stimmte, von den Maklern und Banken Aufklärungen verlangten und bereitwillig Material in die Redaktion brachten. Fraglos wird durch diese konkrete Warnung und die Publizierung von Material ein Druck der öffentlichen Meinung erzeugt, der manchen kleinen Mann davor bewahren wird, seine paar Spargroschen in „den Boden zu versenken". Und auch das ist bereits ein Fortschritt. 5. Der moralische Aspekt. Die wirtschaftlichen Nachteile des Spekulationstauinels sind klar: Uebermäßige Steigerung der Eebeuskosten, Absperrung des kleinen Mannes vom Boden. Aber der gegenwärtige Zustand hat auch einen moralischen Einfluß, und der ist ebenso wichtig wie der ökonomische. Fs wird eine Atmosphäre geschaffen, in der die leichten unberechtigten Gewinne als Selbstverständlichkeit gelten und jeder, der sie nicht zu erraffen versteht otler ablehnt, etwas mit ihnen zu tun zu haben, als Schlehmil angesehen wird. Treu und Glauben in den Geschäftsusnncen leiden schwer. Man übertrifft sich gegenseitig in der blumigen Ausmalung von Vorteilen, die nur in der Phantasie des Verkäufers bestehen. Nicht mehr Leistung und Gesinnung wird das Entscheidende, sondern die Wendigkeit und Geschicklichkeit, mit der man das Rad der Spekulation im Rollen hält. Für das junge und formbare Palästina muß diese Atmosphäre wie eine Pest wirken. Da genleiht kein Gemeinschaftssinn, keine Rücksicht auf den Nachbarn, keine Verantwortung für das Ganze, ja nicht einmal die normale reelle Geschäftsführung. Die Blase der Konjunktur bläht sich auf, bis sie der feinste Nadelstich zum Platzen bringen kann. Für das Ausland muß diese Art der palästinensischen Bodenverkäufe und Propaganda eine schwere Senkung i rrt Prestige der P a 1 ä s t i n a b e w e g ti n g bedeuten. Nicht umsonst fragt sich heute schon so mancher alte Arbeiter, ob er gefiebert und gehungert hat, damit Palästina das Gesicht bekommt, das zu entstehen droht. Es gilt heute als etwas geschmacklos und altmodisch, wenn man von diesen moralischen Gesichtspunkten spricht, und auch mancher Wirtschaftler schüttelt über diesen Kampf gegen Windmühlen den Kopf. Es sei, so meint er, „unvermeidlich", daß ein rasch wachsender junger Kapitalismus derartige Auswüchse mit sich bringt. Sie seien notwendige Begleiterscheinungen. Man darf sich jedoch in der heutigen Situation mit solchen Theorien nicht zufrieden geben. Die Sauberkeit des öffentlichen Lebens in Palästina und nicht nur das Geld vieler kleiner Leute steht auf dem Spiel. Vielleicht sind die Dinge bereits so weit gediehen, daß die überall ineinander verschlungenen Interessen auch den leitenden Personen die Hände binden. Dann muß sich aus den letzten Unabhängigen eine Gruppe bilden, die das öffentliche Gewissen repräsentiert. ■

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