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Jüdische Rundschau · 1935-01-11 · Heft 4 (11.1.1935) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 4 (11.1.1935)
Date
1935-01-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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mmm JODISCHE RUNDSCHAU Palästinensische Umschau NR. 4, 11. JANUAR 1935 Städtebausorgen in Tel-Awiw ■ Neubauten ohne Zahl . . . Seit einigen Tagen prangen in den Straßen Plakate, die die Eröffnung eines neuen Kinos ankündigen. Gegenüber dem Mugrabi, das einen Kino- und einen Theatersaal enthält, steht dieser Neubau, der mit einem mit Glasziegeln verkleideten Turin versehen ist. Im März wird ganz in der Nähe davon das fünfte große Kino in der A 11 e n b y - straße dazukommen, dessen riesige Eisengerüste jetzt als die größte bisher in Tel-Awiw aufgeführte Eisenkonstruktion in die Lüfte ragen. Wenige Sehritte von hier, an der Ecke der Nachlath-Benjamin-Straße, steht — vorläufig noch im Rohbau — das erste monumentale Geschäfts- und B ürohau s, ein stattlicher, architektonisch schöner Komplex, der, wie verlautet, auf der gegenüberliegenden Seite bald ein Pendant erhalten soll. Tel-Awiw gewinnt immer mehr den Charakter einer modernen Großstadt. Aber wie dieses Großstadtproblem im allgemeinen behandelt wird, erfüllt den aufmerksamen Beobachter doch mit Sorgen. Denn alles, was hier geschieht, trägt den Charakter der spekulativen Privatinitiative, und man vennißt die leitende und alles regulierende Hand. Es entstehen allenthalben Neubauten mit großen Gcschäftslokalen. innerhalb eines Jahres hat sich das Straßenbild der inneren Stadt vollkommen verändert und hat einen geradezu beängstigenden Rhythmus angenommen. Zu den vielen Restaurants und Kaffees, neben denen die kleinen und anspruchslosen, meistens aber auch recht wenig ansprechenden „Maehlawahs" ein kümmerliches Dasein führen, sind nun auch zwei Bars hinzugekommen. Die bescheidenen Gasosbuden müssen modern eingerichteten Eisdielen weichen, die jetzt, während der kühlen Jahreszeit, Spritzkuchen, Waffeln und Kartoffelpuffer — lauter Neuerungen im Lande — fabrizieren und in riesigen Mengen absetzen. Ecke der Bialikstraße gibt es seit kurzein ein Lokal ä la Aschinger mit belegten Broten, kalten Platten, Würstchen mit Sauerkraut, Bierausschank und einer Kaffeeabteilung, und als neueste Großstadtattraktion wird demnächst ein großes Einheitspreisgeschäft eröffnet werden. Der Auto- und Autobus verkehr verstopft oft die viel zu engen Straßen, die zum Teil schon als Einbahnstraßen eingerichtet sind. Und obgleich die Autobusse in schneller Folge hintereinander fahren, muß man oft 10—15 Wagen vorbeilassen, bis man einen Platz bekommt. Die Regierung Läßt — mit Recht — die Einstellung neuer Wagen und den Bau größerer Wagentypen nicht zu, da eine weitere Belastung des Verkehrs untragbar ist. bei dem ständigen Wachstum der Stadt aber fragt man sich, wohin dies alles führen soll. Denn wenn man die Dinge so weiterlaufen läßt wie bisher, so wird die Expansionsmöglichkeit bald durch die Unmöglichkeit der Entwirrung eines sich immer mehr zusammenbauenden Knäuels gedrosselt werden. Die Stadt dehnt sich nach den verschiedensten Seiten immer mehr aus. Es entstehen neue Wohnviertel, die schon so weit vom Zentrum entfernt liegen, daß sie nicht mehr zu Fuß zu erreichen sind. Es müssen daher in absehbarer Zeit neue Autobuslinien eingelegt, die Wagenfolgen verdichtet und Möglichkeiten geschaffen werden, die den. Verkehr von Grund auf regeln. Das „GroBstadlproblem" drang«! Bis jetzt ist Tel-Awiw aus einer Reihe von T e i 1 - b c b a u Ii n g s p 1 ä n e n zusammengesetzt worden. Man erweiterte die Stadt, indem man hier und dort ein neues Viertel erschloß, und gab sich mit einer gewissen Sorglosigkeit der Freude über das außerordentliche Wachstum hin. Man sah mit Staunen, wie an Stelle ärmlicher Holzbaracken stattliche Häuser entstanden und die kleinen Verkaufsbuden in moderne Läden ausgebaut wurden. Das ging alles an, solange der Charakter einer bescheidenen Mittelstadt nicht überstiegen wurde, und man konnte sich die hier immer neues Kapital investierende Privatinitiative gefallen lassen. Jetzt aber hcißi es, das Problem „Großstadt" als dringende Forderung mit allen daraus resultierenden Konsequenzen zu erfassen und mit Energie zu lösen, wenn man nicht Gefahr lauten will, daß dieses Aufbauwerk an einem undisziplinierten Individualismus scheitert. Es ist daher höchste Zeit, selbst unter momentanen großen Opfern, die sich aber bald als rentable Voraussicht ergeben werden, einen Stadtbaupia n aufzustellen, der gewisse noch zu behebende Mängel 3800 Dezember-Einwanderer Jerusalem (Palcor). Nach den soeben zusammengestellten provisorischen Ziffern sind im Monat Dezember 1934 3800 Juden legal nach Palästina eingewandert. Insgesamt sind im Jahre 1934 mehr als 42 000 jüdische Einwanderer k'i'al nach Palästina gekommen. Im Jahre 1933 betrug die Gesamtzahl der legalen jüdischen Einwanderer 30 327 Personen. abstellt und darüber hinaus die Entwicklung Tel-Awiws als moderne Großstadt für die Zukunft sicherstellt. Es handelt sich hierbei nicht nur um die architektonische Gestaltung der Stadt, sondern um lebenswichtige Funktionen, die so sehr miteinander verknüpft sind, daß 'man hygienische, wirtschaftliche und verkehrstechnische Fragen, die Leben und Gesundheit der Einwohner angehen, nicht voneinander trennen kann. Schafft Plätze I Was zunächst den Verkehr als solchen betrifft, so müssen im Zentrum der Stadt unbedingt Entlastungsstrahen und an einigen wichtigen Knotenpunkten Plätze geschaffen werden, was nur durch Niederlegung verschiedener Häuser möglich ist. In einigen Monaten wird z. B. der Autoverkehr von Jerusalem, der bis jetzt über Jaffa geleitet wird, direkt in die Herzlstraße einmünden. Die Herzlstraße läuft sich aber an dem ihr quer vorgelagerten Gebäude des Herzlgymnasiums tot, und der riesige Warenverkehr muß daher rechtwinklig abgelenkt werden, was bei den schmalen Straßen zu Stauungen führen muß. Die Abtragung des HerzIgymnasiums und die Weiterführung der Herzlstraße parallel zur Nachlath-Benjamin-Straße stehen ja schon lange zur Diskussion. Hier wäre nun Gelegenheit, nicht nur einen Durchbrach durchzuführen, sondern einen Platz zu schaffen, der für Tel-Awiw ein Novum bedeuten würde. Es ließen sich Häuserreihen mit Arkadengnngen anlegen, die Schutz vor der Sonne bieten und als Verkaufsstände ausgenützt werden könnten. Man könnte hier eine architektonische Einheit schaffen, eine Art Marktplatz, vielleicht einen Obst- und Gemüsemarkt, der zugleich mit manchen unhvgienischen Zuständen an anderen Stellen aufräumen würde. Die Frage von Marktplätzen ist ebenfalls akut, denn die bisherigen ganz unzulänglichen Anlagen reichen bei den weiten Entfernungen der Wohngegenden schon lange nicht mehr, und es ist ziemlich unbegreiflich, daß man z. B. in den neuen Stadtteilen „Tel-Nordau" und „Rosch Tel- Awiw" nicht für Marktanlagen Vorsorge getroffen hat. Von den unhaltbaren und direkt lebensgefährlichen Verkehr s v e r h ä 11 n i s s e n in der All enby straße am Schnittpunkt der Nachlath-Beiijamin-, Karmel- und Scheinkinstraße wollen wir hier ganz schweigen, weil hier besonders schwierige Probleme vorliegen. Es sei nur der jetzt noch mögliche Ausbau einer anderen Stelle erwähnt, der die Beseitigung eines großen Mißstandes herbeiführen würde. Man projektiert einen neuen Bahnhof in Tel-Awiw. Das jetzige Bahnhofsgelände wäre zu einer Autobuszentralhaltestelle auszubauen, von wo aus sämtliche Linien, die jetzt in den verschiedenen Nebengassen verklemmt sind, abgehen. Die Zustände, die heute an den Ankunfts- und Abfahrtsstelleii herrschen, sind oft katastrophaler Natur und bilden den steten Anlaß zu Verkehrsstockungen. Aufgaben der Öffentlichen Hand Natürlich gehören zu all diesen Projekten städtischer Grundbesitz und Kapital, ohne die ja die soziale Arbeit der Stadtverwaltung unmöglich ist. Tel-Awiw hat in dieser Hinsicht so gut wie nichts getan. Es wird gebaut und gebaut, jedes kleine Fleckchen verbaut, um Gewinne zu erzielen. Geschäftshäuser, Kinos und private Bautätigkeit machen noch keine Stadt; die öffentliche Hand hat noch andere Aufgaben zu erfüllen, die auch über die Regelung des Verkehrswesens weit hinausgehen. Außer dem Rothschild-Boulevard, der sich als Grünanlage halbkreisförmig um die jetzige Stadt legt, besitzt Tel-Awiw keine Frei- und E rhu! u n g s p I ä t z e, so daß z. B. keine Aufenthaltsorte für Kinderwagen und Spielplätze für Kinder vorhanden sind. Die Kinder sind zum großen Teil auf die Straße angewiesen, und die Unfallstatistik kann in Zahlen die traurigen Folgen dieser Zustände belegen. Der Strand genügt natürlich bei einer Ausdehnung, wie sie Tel-Awiw jetzt schon hat, bei weitem nicht mehr. Einige kleine Anlagen, die zudem unzweckmäßig angelegt sind, sind nicht ausreichend und liegen auch direkt' an Verkehrsstraßen. Solange die Stadt noch nicht über einen gewissen Umfang hinaus behaut war, genügte das umliegende Freiland. Jetzt ist es schon mit großen Schwierigkeiten verbunden, dem Häusermeer zu entrinnen und eine stille Genend zur Erholung aufzusuchen. Und noch da/u ii Schabbat und an den Feiertagen, der werktätigen Bevölkerung, die dafür gesorgt werden, daß man plätze erreicht. Eine moderne Lungen" anlegen; sie ist nicht i einer Stadt, in der am den ein/igen freien Tagen Verkehrsmittel ruhen, muß bequem zu Fuß R u Ii e - Großstadt muß ,,künstliche nur Arbeits- und Betriebsstätte, sondern Wohustätte und muH daher auch auf die Gesundheit ihrer Einwohner bedacht sein. Es ist nicht zu verkennen, daß die Verhältnisse in Tel-Awiw besonders schwierig sind. Die Stadtverwaltung hat atier die Pflicht, auch in dieser Richtung Vorsorge zu treffen und darf es unter keinen Umstünden zulassen, dali — wie es soeben geschehen ist— eine der schön■ftm Gartenaiilagen dem Bau eines Hauses geopfert wird. Hier muß Einhalt geboten werden. SchSnhelt ist kein Luxus Und was nun endlich die Künstlerische und ästhetische Seite eines Stadtbebauungsplaiies betrifft, so handelt es sieh hier auch nicht um Luxus, sondern um ernste Existenz fragen. In Städten mit einem alten, historischen Kern gilt es, den Charakter zu wahren und keine zu starke Diskrepanz zwischen den früheren, meist organisch gewachsenen Teilen und den neuen Bezirken entstehen zu lassen. Das moderne Haus ist in seiner Gestaltung meist auf die einfachste Form zurückgeführt. Man erstrebt eine möglichste Annäherung an den Kubus. Besonders in Tel-Awiw baut man allgemein nach diesen modernen Prinzipien, und es besteht die Gefahr einer gewissen Eintönigkeit. Das Verhältnis zwischen Bauherrn und Architekten ist hier meist ein sehr schwieriges, da die ersten meist nur den Gesichtspunkt gewinnbringender Ausnützung gelten lassen und noch kein Verständnis für den Kunstwert eines Bauwerkes besitzen. Daher gilt es hier ganz besonders, das Augenmerk auf eine Harmonie zwischen Hausbau, Straßenanlage und Stadtbau zu legen. Es ist Aufgabe des Stadtbaumeisters, zu verhindern, "daß die Privatinitiative nur an sanitäre und ingenieurwissenschaftliche Vorschriften gebunden ist. Denn Städtebau ist nicht nur ein volkswirtschaftliches Problem. Der Architekt ist dazu berufen, Werte zu schaffen, die für die geistige Entwicklung und die Gesundheit des Menschen ebenso unerläßlich sind wie die hygienischen Maßnahmen des Arztes. Dr. Karl Schwarz, Direktor des Museums Tel-Awiw Kurt Blumenfeld spricht Hebräisch Am 31. Dezember veranstaltete der hebräische Kreis („Chug iwri") der Einwanderer aus Deutschland im Rahmen der in Jerusalem schon eingebürgerten wöchentlichen Zusammenkünfte einen Vortragsabend mit Blumenfeld als Redner. Das gemütliche Klublokal in Rechaviah enthielt doppelt soviel Personen als seine theoretische Fassungskraft beträgt. Aber wir wissen aus der Mischna, daß es schon in biblischer Zeit als ungehörig galt, sich in Jerusalem über Platzmangel zu beklagen. Also: Blumenfeld hält zum erstenmal öffentlich eine hebräische Rede. Sozusagen seine Jungfernrede. Herzliches und ermunterndes Lachen begrüßt ihn. Bald hat er die erste Schüchternheit überwunden und legt los, daß alle Anwesenden — sogar Universitätslehrer darunter — zärtlich und bewundernd an seinem Mund hängen, zugleich auch etwas ängstlich, etwa wie wenn man einen Seiltänzer bei seineu riskanten Evolutionen beobachtet. Er verfügt über einen überraschend großen Wortschatz und hat auch offenbar erfolgreich mit dem Engel (oder Teufel?) des „Dikduk" gerungen, wobei es ja nicht ohne gewisse Verrenkungen abzugehen pflegt. Man merkt seinem Hebräisch an, daß es nicht auf klassischem Boden gewachsen ist, sondern aus moderneren Quellen schöpft, aber das ändert nichts daran, daß er schon jetzt über ein theoretisches Thema mit erstaunlicher Fertigkeit zu reden vermag. Man kann nachfühlen, was es 'l'r ihn heißen muß, das gedankliche Material in die ungewohnte Form zu gießen. In diesem Kampf zwischen Hirn und Zunge geht es natürlich nicht ohne Narben, Umgruppierungen und gelegentliche Rückzüge ab, denn wie sollte er seine Rdicbteii „Könige des Zwischenreichs" oder gar „in der C|genen Sauce schwimmen" auf hebräisch wiedergeben? Aber auch in kritischen Situationen zeigt er die alte Gewandtheit, )m Notfall hilft das Publikum durch Zurufe. Die Rede hinterließ starken Eindruck. Die Tatsache an sich, daß der seitherige Führer der deutschen Zionisteu mit semer eigenen Person beweist, daß es geschafft werden kann, wenn nur der Wille da ist, hat noch eine tiefere Bedeutung. Wer mit der Geschichte des Jischuw vertraut ist, «er weiß, daß es in anderen, der sprachlichen Herkunft nach einheitlichen Gruppen kaum denkbar gewesen wäre, innerhalb eines Jahres nach der Einwanderung Versammlungen in hebräischer Sprache abzuhalten Der systematische und sogar doktrinäre Charakterzug, den der Jude aus Deutschland mitbringt, wirkt sich hier in durchaus positiver weise aus und läßt einen erfreulichen Entschluß zur Einordnung erkennen. Positive Assimilation also, im Gegensatz zu der negativen, von der. Blumenfeld sprach. Aber über den Inhalt des Vortrags und der Diskussion soll hier nicht gesprochen werden, denn in der Form lag die Bedeutung des Abends, der etwas von einem Familienfest an sich hatte, der aber über den unmittelbaren Anlaß hinauswuchs zu einer Kundgebung des kulturellen Aufbaus. (Nebenbei: Es gab am gleichen Abend auch noch anders' geartete Silvesterfeiern.) Eugen Mayer rr 111 rr i f 11 n i n i rn i m 111M f i i u i t n n n m < 11111 m i m r t r 11 r r 111; 11 ii i r: t 1111111 r 11111 m t < 11111; i f 11111 i 1111111111 < m 11 p 1111 m 1111 > r.....l r 111 ri i t r 111 e i: 11 iin IM REGEN Von S. S c h a 1 o m Trüb sind die Scheiben, die nassen, Stühle und Tisch sind verlassen. Die nackten Wände verblassen Im Regen. Leer unsre Stunden verstreichen. Einsam auf Lagern, auf bleichen, Wir zahlen der Tage Entweichen Im Regen. In den Furchen gelöscht unsre Schritte. Zurück in der Ewigkeit Mitte Kehrt Weide und Weinberg und Hütte Im Regen. Die Farben der Welt sind verblichen. Die Stimmen des Lebens entwichen Und Sabbat und Werktag sich glichen Im Regen. Doch plötzlich erweckt In den Kammern Das Schlagen von glühenden Hammern Das ölut aus den dämmernden Jammern Des Regens. Brüder, in solch roten Stunden Gebt frei Eure Herzen den Wunden. Ihr werdet erlöst und gesunden — Plötzlich, im Regen. Aus dem Hebräischen übertragen von K&ie Freimann Das vorstehen«! abgedruckte Gedicht „Regen" stammt von einem jungen palästinensischen Dichter. Mit Rücksicht auf die großen Regenfälle in Palästina, die jetzt das aktuellste Alltag»creignis im Lande bilden, kommt es zur rechten Stunde. Red, Ideal und Wirklklikeit Im „Dawar" stellt der hebräische Essavist Elieser SteitP man Ideal und Wirklichkeit, Erstrebtes und' Erreichtes in Palästina in scharfer Antithese einander gegenüber. Auf der einen Seite die Freude über die erreichte Vereinigung der vielen Zersprengten des Volkes, von Volk und 1 and, Erde und Himmel, Form und Inhalt, die Wiederbelebung der Sprache, die Eimnig des Einzelnen und der Gemeinschaft. In den Diasporaländern waren wir Menschen, die ein doppeltes oder ein halbes Leben führten, Mensch-Sein und Jüdewein war getrennt, unser Kulturleben war halb ein Stuck ererht-r I Eiligkeit und halb ein Stück gclehtcr fremder Weltiii hkeit, halb Westen und halb Osten. Hier aber streben wir zur Vollkommenheit, zu den Ur.sprungstpiellen, hier wollen wir aus den Urquellen unseres Stammes neues Leben schöpfen. Aber auf der andern Seite: die Wirklichkeit ist noch nicht gestaltet, das Chaos herrscht. Wir >ind eine Masse von Immigranten, die noch nicht „Olim" geworden sind. Noch fehlt die Hauptsache: eine große, leitende K u 11 u r i d e e, ein wahrer und klarer Wille zur Schaffung einer neuen Lcbenslehre; nicht nur, daß dieser Wille noch nicht da ist, die herrschende Stimmung ist die einer Ironie gegenüber jeder solchen Idee. Ueber unserm Autbau ist die eine Regel geschrieben: Nur „praktische'1 Menschen können Palästina aufbauen und ein praktischer Mensch ist der Mann, dessen geistige Organe abgestumpft sind, der auf feine und subtile Dinge pfeift, der die Träumer stolz verachtet. Was uns nottut in Palästina ist schöpferische Originalität und nicht Nachahmung, nicht Uebersetzung fremder Kulturen und keine fremden Anleihen. Seit 2000 Jahren nehmen wir Anleihen auf, die Zeit ist gekommen, sie zu zahlen. Wir haben von den Völkern nicht nur Straßen und Brücken und Eisenbahnen entliehen, sondern auch Lieder und Bilder und Melodien. Als einzelne haben wir wohl in Wissenschaft und Kunst mitgeschaffen, aber als Gesamtheit saßen wir fast immer an fremden Tischen. Jetzt haben wir die Pflicht, so wde wir mit eigener Hand unsern Boden pflügen, auch unsere eigenen Lieder zu singen. Nur eigene Schöpfung wird uns unsern menschlichen Wert zurückgeben und die fast übermenschliche Anstrengung rechtfertigen, die mit unserer Rückkehr zum Lande verbunden ist. So ist also unser erstes Gebot: Rückkehr zu unsern eigenen Quellen! Was aber finden wir in Palästina vor? Der Jischuw schätzt gering, was geistige Schöpfung ist. Nur ganz wenige haben in Palästina das Hebräische zu einem eigenen starken Erlebnis gemacht, Zchntausendc gebildeter Juden wohnen in Palästina, die auch, weint sie Hebräisch sprechen oder radebrechen können, die Sprache doch nicht zur Angelegenheit ihres Herzeus gemacht haben. Selbst diejenigen, die hebräische Erziehung erhalten haben, haben keine seelische Beziehung zu den Werten, die in der. Sprache geschaffen worden sind.

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