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Jüdische Rundschau · 1935-01-11 · Heft 4 (11.1.1935) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 4 (11.1.1935)
Date
1935-01-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seit« 4 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 4, 11.1.1935 Reisen im Morgenland Drei Tage in Transjordanien*) Von Dr. Robert Beer (Haifa). Wir überschritten den Jordan und damit die transjordanischc (jren/c bei Gescher (in der Mitte /wischen dem Lmck und dem Tiberiassce) und fuhren ins Gebirge hinein. Am Fuße der kalilen Berge liegt einsam ein öder arabischer Friedhof, wie die meisten Friedhöfe nur an den rechteckig Ijrgenden Feldsteinen zu erkennen, die die Gräber einfassen. Mitten unter ihnen befanden sich Frdlöehcr, in welchen wandernde Beduinen ihre Frnteeot rate vergraben hatten, _ tun sie bei ihrer Ruckwaiidcruni; wieder abzuholen; in der Nahe der geheiligten (iraber wußten sie sie vor Dieben sicher. In einem unitnaiK rten i leih; tum fanden wir ein nunmehr als Brunneneinfassung dienendes Sfcinrelief aus alter Zeit. An Ruinen vorbei Die Straße führte uns durch das VC' a d i FI Aar b bergan. Fs ist die Vereinigung einer gminn Anzahl von kleineren und größeren Wadis (Trockenf aleru), m denen man sieh ohne Straße verirren mußte. Trostlos öde ist es hier, kein Baum, kein Strauch, nur Steine, Stau!) und Sonne und ein paar g'anz. kumnu rliche Pflanzen, Ein Polizeiposten, bestellend aus einem Zelt, einem Pferd und einem Polizisten mit Gewehr über der Schulter und blanker licbnspitze auf dem braunen, mit Narkenfuch versehenen Trimenhe!m, hielt un* an und ließ uns erst nach!ans;erc;i Verb.iii.lUm.'en weiterfahren mit der Auflage, uns in 'irbid, der nich-ten Stadt, bei der Polizei zu melden. Je hoher wir kamen, desto mehr belebte sich die Vegetation. Aul der Hohe, die uns den ersten Bück ins Innere des lamhs (j j I e a d freigab, d i-- heute nur spailielt besiedelt ist. Duden wir in den [ ,•!-!><>.Ien gemeißelte (iräheranlagcn und I laiiMTstufen aus chrwtlic her Zeit, wie uns ein Kreuz über dein Ein...mg eines < irabes bewies. In sifmcller I „hrt ging's mm auf der gut angelegten, aber bolpuieil und .staubigen Straße durch das weite Land nach irbid. Hier umdi an .teil uns wie uberall die Mailner lind Kti.ibeii, froh über die Abwechslung, wahrend die brauen und .Mad.iiin abseits -taudeu und uns bestaunten. Fünf bc- ».iihhu- Poll/ist!'!) machten /umu hst Miene, uns die VCeitcrf.uiit zu \ci bieten, wurden aber, nachdem wir sie am der 1 fenniu-h... ked unserer Absichten überzeugt und sie sich telcphomsch VX'e isuii ,en um ihrer \ urce-et/ten Behörde eingeholt ii-itten. freundlich. Sie b -gleiteten uns, da es in Irbid nichts zu sehen gab, in das beu.ichbaite I >oi f Beth Rass auf den 'I rummum der alten Stadt (. a p i t o 1 i a s und /eii.;teii uns de.it l'chC'b'cihscl aus griechis<.her Zeil, Gesimse, Türpfosten mit < )rn:iiiieiiten und ^rk-ihisiheii Inschriften und vor allem i Hicn Sarkophag' mit eiii/uekeuden Reliefs. Die Dorfbewohner, die mit den PoH/j-ien in der Führung" wetteiferteti, zeigten uns einen in der Nahe i.vle:',-nen langen Fekengang, hoch, breit und luftig; durch zahlreiche O-ftnungen fiel das Sonnenlicht herein und überzog die Felsen mit duftendem Grün. Dies war eine Verteidigungsanlage, \i'-lleicht aber auch die Wandelhalle von Capitolits. Nach Irbid zurück:,'ekehrt, pliotographieften wir unsere Polizisten zum Dank für die freundliche Begleitung, eine Sache, mit der man sich iiier schnell die Herzen erobert. Die Heroische Landschaft Weiterfahrt führte uns zunächst durch eine reizlose, leere um! steinige Gegend; doch ganz plötzlich veränderte sich die Landschaft; frisches Grün wuchs zwischen verwitterten grauen Felsen, Berge und Täler mit weiter Fernsicht wechselten ab. Als wir bei glutrotem Sonnenuntergang und beim Geläute der Abcndglocken nach A d s c h I u n kamen (im Altertum Eglon genannt!, glaubten wir uns in ein Städtchen an der Dolomitenstraße »ersetzt. Es liegt am oberen Filde eines grünen, wasser- und baumreichen Tales, voll von Weinbergen und Oelbäunten; die Dolomiten seihst mußten wir uns freilieh hinter den Wolken, die die Talränder berührten, da/udenken. Auch hier zweifelten die Polizisten zunächst an unserer Daseinsberechtigung; durch eine Ilorrah und einigT hebräischen 1 Jeder gewannen wir aber ihr Zutrauen schneller, als wenn wir uns durch Passe legitimiert hatten, und wir dnrtteti auf dem flachen Dache der Polizeisintion unser Nachtquartier aufschlagen. Sie erboten sich uns in die Stadt zu begleiten, wenn wir noch Einkäufe machen wollten, und saßen dann mit uns gemütlich in der kühlen sternenklaren Nicht beim Schein zweier Petroleumlampen auf dem Boden und schlug'cn den Takt zu unseren Liedern. *S Im Rahmen der Artikelserie: ,.Palästinensische Wande- Früh am Morgen standen wir auf und wuschen uns an dem klaren Brunnen, zu dem die Mädchen des Städtchens mit Tonkrüg>en auf dem Kopfe wallfahrteten, um Wasser zu holen. Dann erstiengeu wir in Begleitung unserer Polizisten die das Tal beherrschende Kreuzritterburga Kalaat Rabat. Wir überblickten das ganze Jordaitfal vom Tibenassee rechts im Norden bis zum Toten Meer links im Süden. Den Hintergrund des Sees bildeten die Berge des oberen Galil, weiter rechts ragte das Massiv des Hermull auf. Die Jordanauen, die nur "teilweise zwischen den vorgelagerten Bergen zu scheu waren, erschienen im frühen MorgenHcht schwarz. Daruber erhoben sich die palästinensischen Berpe genau so hellviolett, kahl und kulissenhaft wie die transjordanischen Berg« von Palästina aus erscheinen. Jerusalem über der Nordspitze des Toten Meeres war im Morpendunst nicht zu sehen; dagegen konnten wir schräg gegenüber im Nordwesten im Etnek Beisan, Beth Alpha, Ejii Charod, Afule und darüber Nazareth mit freiem Auge sehen, etwas weiter rechts den Tabor. Dann kehrten wir nach Adschlun zurück, verabschiedeten uns mit Händeschütteln und Tücherschwenken von unseren Gastgebern und dem ganzen Ort und schlugen den Weg! nach Dscherasch ein. Besuch in Dscherasch Dscherasch ist eine unbedeutende arabische Stadt mit teilweise tscherkessischer Bevölkerung1 in einem breiten, flachen, Iceren und steinigten Tal, angeschmiegt an einen Streifen üppig grüner Gärten, die ein kleiner Fluß hervorgezaubert hat. Jenseits des Flusses stehen die Ruinen der griechischen Stadt G e r a s a, im Talmud Geresch genannt, deren Blutezeit im 2. und 3. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung war. l'nter der ausgezeichneten Führung von Pinchas Cohen, Braslawsky und Dr. Outmann erstand uns aus den Trümmern die prächtig« alte Stadt zu neuem Leben. Eine repflasterte Straße von nahezu 1 km Fänge ist von einer Allee korinthischer Säulen flankiert. Sie beginnt am nördlichen Stadttor und führt in gerader Linie durch ein Halbrund von jonischen Säulenarkaden zu dem hochgelegenen Tempel des Zeus. Auf der Rückseite des Tempclhiig>els steht das halbkreisförmige Amphitheater, das 4500 Menschen fassen konnte, mit einem mit Säulen und Nischen reich gezierten Proszenium und dem Blick in die Landschaft, die einmal wunderbar grün gewesen sein muß. In der Mitte der Straße fuhrt eine imposante Freitreppe durch Propyläen hindurch zu der pompösen Tempelanlage der Artemis, der Sclmtzgöttiu der Stadt. Auf der anderen Straßenseite setzt sich die Freitreppe durch eine Säulenhalle hindurch fort bis zu dem 'Mi m entfernten Fluß. Ein prächtiges Nymphaion (Kunstbrunnen) stellt in der Nähe der Propyläen, ein hoher halbrunder Bau mit Säulen, Gesimsen, Giebeln und Nischen, in denen Figuren gestanden haben; unter den Nischen sprang das Wasser in ein tischförmipes Becken und über dessen Rand in ein Bassin, durch dessen Vorderwand es durch Tierköpfe ablief. In der Nähe des Stadttores befindet sich ein zweites kleineres Amphitheater. Etwas abseits an einer der beiden Querstraßen, die die Säulenstraße durch Tetrapylen (Pavillons) überquerten, liegt unter einer dünnen Schuttschicht der schöne Mosaikboden einer Synagoge verborgen. Kleinere Gegenstände, Marmorstatuen und Teile des Mosaikbodens einer christlichen Basilika sind in einem Museum aufbewahrt. Außerhalb der Stadtmauer befindet sich am Südende der Stadt ein Triumphbogen aus trajanischer Zeit, ein ovaler Zirkus und daneben eine Nautnacliia (Arena für Schiffskämpfe), die ihr Wasser durch eine noch sichtbare Wasserleitung zugeführt erhielt. Nach stundenlanger Wanderung durch die verfallene Pracht kehrten wir zur Nacht im Hofe der Polizeistation ein, wo wir wiederum freundlich aufgenommen wurden. Die Nacht und der Morg'en waren so kühl wie in Deutschland im Spätsommer im Gebirge; wir waren ja auch 600 m hoch. Die Nächte in Transjordanien sind kühler als in Palästina, während die Tag<e wärmer sind. Heimkehr Auf dem Rückweg* durch teils mehr, teils weniger bewachsene Täler und Berge — ein einsanier Eichenbaum von 6 rn Stammtimfangi verriet uns, welch große Wälder es hier einmal gegeben hat — kamen wir zu dem Dorf El C h u s s u n. Fs lieg* in weiter leerer brauner Ebene, nördlich begrenzt vom Hermon und den Bergen des Hauran. El Chussun ist insofern bemerkenswert, als es hier eine kleine Gemeinde arabischer Christen gibt, die den Schabbat, die Beschneidung, die Speisegesetze und andere Vorschriften der Thora beobachten. In der weiten menschenleeren Ebene machte uns ein verbogener Wegweiser allerhand Kopfzerbrechen; wir fanden aber den richtigen Weg, überquerten die Mossul- Petroleumleitimg, hielten uns nochmals Kurz bei unseren Polizisten in Irbid auf und fuhren dann in heller Mittagssonne den Wadi El Arab hinunter, dessen weiße Grundfärbung bald gelblich, bald rötlich, bald bräunlich und violett getönt war. Wir fuhren über Tiberias zurück, in steilen Kurven bergan mit dem immer wieder bezaubernden Rückblick auf den See und auf Tiberias. Bei sinkender Sonne lag1 das träumerische Nazareth mit dem Emek im Hintergrund zu unseren Füßen. Dann kehrten wir am frühen Abend nach Flaifa heim. Frobenius in Transjordanien In Kilwa im südlichen Transjordanien, in der Nähe der Hedschasgrenze, untersucht seit drei Wochen eine von dem deutschen Gelehrten Leo Frobenius gesandte Expedition die ursprünglich von dem englischen Archäologen Horsfield entdeckten Felsgravierungeii. Die zahlreich gefundenen Felszeichnungen und Steinwerkzeuge lassen auf einen bisher dort unbekannten prähistorischen Kultur kreis schließen, dessen Zentrum Kilwa als Kreuzungspunkt einer Nordsüd- und Ostweststraße war. Eine ausführliche Veröffentlichung der prähistorischen Funde durch" Frobenius steht bevor. — Wir verweisen bei diesem Anlaß auf die „Kulturgeschichte Afrikas" von Leo Frobenius, die er „Prolegomena zu einer historischen Gestaltlehre" nennt (618 S. mit 161 Bildtafeln, Phaidon-Vcrlag Wien, 4,80 RM.). Dieses grandiose Werk, das auch um seiner selbst willen unser menschliches und kulturhistorisches Interesse verdient, erlangt mm auch für die Vorgeschichte Palästinas direkte Bedeutung, wenn, wie es heißt, die transjordanischen Ausgrabungen einen Zusammenhang mit gewissen prähistorischen Kulturperioden Nordafrias ergeben. Das unsterbliche Zeichen Ich bin auf dem Wege nach Babylon. Einer alten, voll Hunderten von Generationen ererbten Sehnsucht nachgehend, habe ich mich aufgemacht nach der Urquelle, aus der das Leben meines Volkes floß. Auf dem Wege dorthin habe ich eine seltsame Begegnung mit der Unendlichkeit des jüdischen Volkes. Den Weg bis zur Wüste habe ich durch das alte Phönizierland genommen und durch das Gebiet, über das sich einst König Davids Macht bis nach Damaskus erstreckte. Nur wenig abseits vorn Wege liegt B a a I b e k. Inmitten des Landes, in dem alles arabisch-mohammedanisch, arabisch-christlich und — als leichter Firnis darüber — ein wenig pariserisch ist, erheben sich die letzten Säulen des untergegangenen He- Iiopolis mit ihren korinthischen Kapitalen, tut sich der Rest der Mauern, Höfe, Wandelgänge auf, in denen Griechen und Römer die unterworfenen Völker Syriens mit vollendet schönen Opferdiensten, mit Mysterienspielen und Orgien zum Dienste des Jupiter, der Venus und des Bacchus zu verführen trachteten. Noch öffnen sich Pforten in das Innere von Räumen, die längst nicht mehr stehen, noch führen Gänge in unterirdische Gewölbe, die längst dem Erdboden gleich wurden, noch hängt der von den Resten dieser Schönheit fast trunkene Blick an einem steinernen Rankenfiligran, dessen Pracht zwei Jahrtausende nicht vernichten konnten — zwei Jahrtausende mit Erdbeben, bilderstürmenden Angriffen und fühlloser Habgier, die sich der kostbaren Steine als Baumaterial für Hirtenhäuser und Viehtränken bemächtigte. Als Mahnung an die weltbeherrschende Kultur, von der nichts, kein Funke mehr lebendig ist, stehen die Trümmer von Heliopolis-Baalbek inmitten des arabischen Landes, und die kleine Moschee, die sich an die Ruinen des Venustempels klammert, hat nichts mehr abzuwehren — Venus, die Verführerin, ist längst tot und vergessen. Gibt es wirklich nichts, nicht einen Hauch von Leben inmitten dieses Totenfeldes der Kultur? Mein Blick wandert empor an den titanischen Säulen und hängt an dem hauchzarten steinernen Flechtwerk des Dachgiebels, und da auf einmal hebt sich gegen das Himmelsblau eine vertraute Form ab: der sechseckige Davidsstern, wieder und wieder erscheinend in dem Steinornament. War es Bewunderung für den Heldenmut des bekämpften Judenvolkes? War es mystische Furcht vor dem unsichtbaren und unbekannten Gort dieses Volkes? War es eine anmutige Werbung um seine strenge und unzugängliche Seele, welche die griechischen Künstler bewog, das jüdische Symbol int Tempel ihres höchsten Gottes zu verwenden? Die titanischen Säulen geben keine Antwort, sie sind tot wie der Gott, dessen Tempel sie stützten. Leben ist nur noch in dem kleinen sechseckigen Stern in der Höhe, der die herrlichen Formen und blühenden Symbole der mächtigsten Völker überdauert hat — Symbol des Judenvolkes bis auf den heutigen Tag. Helene Hanna Thon ■ i II ■ Die Menschen der finnu-r mehr ergrimmt (deich < sie mit l'ibels 7firn ol ihres VX halt igt,, umkehr ttr hosen H'e-1 einem Kor! über den igeln ) der b'"'scn Zi issetK um dait wissen, viel (j.issr waren auf den fremden Bachur Wenn zwei sich trafen, begannen so- •n über ihn zu entstehen. Elkrle, wenn e \ r»tu Handler kam uns! dergleichen lüeti Bachur \ erneiitnen mußte, geriet in urteil, denn in ihrer 1 iebe wollte sie trotz Geheimnis nichts von des Bachur Sündnehr glaubte sie, daß er bald zum Guten cm werde. Darum s.vjt>- sie: „Fr ist ein Ghachntn und sitzt Tag und Nacht über heiligen Büchern tun) Ihr, die Ihr böse Reden tut, werdet vom 1 wigen gestraft werdtm. Denn die Schrift lehrt uns, daß der Mensch gewarnt sein soll, üble Red' zu reden " Wenn Flkcie also sprach, schüttelten die Redenden die Köpfe und sahen Flkele an, als hätten sie ihre l iebe erkannt. Worauf Flkele beschämt davonlief, indes die bösen Reden von nun an sie und den Bachur gemeinsam betrafen. Dieweil man noch keine Beweise von Mendels Abtrünnigkeit in Händen hatte, machten sich eines Abends drei Bachurim auf, um deren auf listige Weise habhaft zu werden. Als Mendel ins Bcthamidiasch ging, lauerten im Dunkel der Gasse die drei seiner auf, zwei schlichen ihm nach, um zu seilen ob er auch wirklich ins Fehrhaus gehe, und als sie dessen gewiß waren, blieb der eine vor der Tur des Bethatnidrasch stehen, um aufzupassen, und der zweite lief zurück, um dem dritten durch Pfeifen kenntlich zu machen, daß dieser sein geplantes Werk nun werde vollbringen können. Flkele hatte noch spät am Abend in der Küche der Wirtin zu tun. Wie immer, ließ sie einen Spalt der Küchentür often, um auf Mendels Rückkehr zu lauschen. Ihr Herz pochte laut, als sie Schritte auf der Stiege vernahm. Es waren so leise Tritte, wie Elkelc sie nimmer gewohnt war, aber ihr feines Ohr, das dem Liebsten lauschte, vernahm sie dennoch. Wie oftmals, wenn sie von Mendel nicht gesehen sein wollte, löschte sie. das Licht und spähte hinaus. Sic glaubte ihn hinaufgehen zu sehen, gebückt voll Zerknirschung ob seiner Sünden, voll Demut vor dem Ewigen, den er gewißlich vor allen Dingen und ungeachtet der Verleumder gewißlich vor allen Dingen und ungeachtet der Verleumder von ganzem Herzen noch liebte. Da er so leise ging, stockenden Schreckliches geschehen sei, das ihn zu solcher Heimlichkeit zwinge. Seit vielen Tagen und Nächten hatte Elkele in der ständigen Angst gelebt, daß dem Bachur Fluch und Bann drohe, und daß er darob eines Tages sein Bündel schnüren und ohne Abschied von ihr zu nehmen, sich davonmachen könne. „Nun", sagte sie sich, „hat die gefürchtete Stunde geschlagen, er geht in die Welt hinaus, seinen Gott suchend, ohne ihn finden zu können, von Menschen verachtet; und nimmer weiß er, daß ich an ihn glaube, komme was wolle." Kaum wissend, was sie tat, ging sie hinauf, alle Bedenken fielen ab von ihr, sie wollte ihm ihre Liebe gestehen, auf daß er ein Gedenken mitnehmen könne. Die Stiege zitterte unter ihren Füßen, sie ging leise, zögernd, doch dankbar, daß er die Leiter nicht hinaufgezogen harte. Als sie oben war, wunderte sie sich gar sehr, denn es war ein fremdes Licht, das dort in der Kammer brannte. Der Jüngling stand am Bücherbrett, er kehrte ihr den Rücken und war so beschäftigt mit dem Verschnüren der Bücher, daß er sie nicht hatte kommen hören. Sie blieb an der Tür stehen, — da, plötzlich wandte er sich um, und ein Schrei entkam dem Mädchen, als es den fremden Burschen gewahrte ... Sie rannte zur Stiege zurück, doch der Jüngling holte sie ein, packte sie fest an den Armen und verschloß ihr den Mund. Alsdann sagte er, daß sie gestchen solle, das Liebchen des Ketzers zu sein und daß sie wohl allabendlich zu ihm ins Kämmerlein käme und daß sie die Bücher herausgeben una ihn seines Wegs ziehen lassen solle. Elkele, in namenloser Angst, gedachte nur des Geliebten, der von ihrer Liebe noch nichts gewußt und dessen Ansehen und Ruf in der Gemeinde sie durch ihr Tun nun noch ärger gefährdet hatte. Darum flehte sie den Burschen an, niemandem von der Begegnung zu sagen und ohne die Bücher seines Wegs zu ziehen. Doch jener lachte laut und bedrängte sie noch obendrein, worauf sie in Verzweiflung geriet und ihn die Stiege hinunterstieß. Er war so heftig gefallen, daß er sich die Glieder rieb und nur langsam aufstehen konnte. Er war gar sehr erzürnet und rief allerhand Drohungen und Schmähungen aus, die sie in ihrer Ehre kränkten. Dieweil er nach dem Falle die Stiege nicht wieder hinaufgehen konnte, rief er den Aufpasser herbei, daß er die Bücher holen solle. Das Mädchen wollte die Bände nimmer herausgeben, und ehe der Gesell des Burschen Ruf folgen konnte, war. Elkele in die Kammer zurückgelaufen. Um den Geliebten vor Schande und vor Acht und Bann zu erretten, warf sie in verzweifeltem Entschluß die Oellampe um und verbrannte die unheiligen Bücher. Plötzlich erhob sich ein heftiger Wind, der durch die zerbrochene Glasscheibe des Dachfensters blies, und das Feuer flammte hell auf und verbreitete sich. Ehe sich Elkele der Gefahr, die das Feuer mit sich brachte, bewußt ward, vernahm sie das Herannahen vieler Menschen, und Pfeifen schrillte durch das Haus. Da Elkele den Zorn des Geliebten fürchtete, rannte sie den Herannahenden entgegen, und ohne sich zu besinnen, zog sie die Nottreppe, die für Zeiten der Verfolgung hier oben angebracht war, hinauf. Ehe die Anwohner eine Leiter herbeischaffen konnten« hatte das Feuer um sich gegriffen, Rauch füllte das Haus, Flammen züngelten herab, — geängstigt vor des Ewigen Zorn flüchteten sie auf die Gasse. Als sie drunten standen, verdunkelte sich der Himmel und sie hörten Elkele in den Flammen beten, und dieweil sie keinen einzigen Schrei der Todesnot vernahmen, glaubten sie nun an Elkeles Unschuld, warfen sich nieder, zerrissen ihre Kleider und sprachen ihr Sündenbekenntnis. Als Mendel aus dem Bethamidrasch auf die Gasse stürzte, erzählte man ihm, wie alles gewesen und gekommen war. Da war seine Trübnis gar groß, und er begann, Elkele nach ihrem Tode mehr zu lieben, denn er sie je im Leben geliebet hatte. Er sprach sein Teschuwah-Gebet und gelobte, nimmer von der Heiligen Lehre zu lassen. Die Leute indes schickten sich an, das Feuer zu löschen, doch da die Brunnen vereist waren, geschah es, daß der Brand gar so heftig hatte um sich greifen können, auf daß er Leben und Gut der halben Gasse vernichtete. Dies ist die Geschichte von Elkele, der Magd, und so auch noch die Geschichte von der Entstehung des großen Brandes, allwo geschehen ist zu Frankfurt am Main, anno 1711 christlicher und 5171 unserer Zeitrechnung. Aufgeschrieben daselbst im Jahre 5475. Nachwort: Die Chronik um Elkele ist, wie eingangs he* merkt wurde, von späteren Geschichtsschreibern in ihrer Glaubwürdigkeit bezweifelt worden. Da kein Zeuge die Wirklichkeit des Geschehnisses bekunden konnte, haben die Gelehrten die Chronik bis zur Unkenntlichkeit durchstrichen und Sand darüber geschüttet.

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