Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 4 (11.1.1935)
- Date
- 1935-01-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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^^^—^—^m >"»«.». Mr. 4, 11.1.1935 JODISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Studenten vor 35 Jahren Erinnerungen an die „Demokratischzionistische Fraktion" Von Dr. Ahron Eliasberg, Rechowoth Die ersten Pläne Im Anfang hatte es eine Studentenkonferenz sein sollen, wie bei einer rein ideologischen Bewegung. Der Plan, die zionistische Studentenschaft zu organisieren, ist nicht viei jünger als die zionistische Organisation selbst. Der erste, der ihn in Westeuropa aufstellte, war m. W. mein Universitätsfreund Ahraham Kasteliansky, dessen reiches Leben in diesen Tagen einen wahrhaft tragischen Abschluß gefunden hat. Es geschah aus jugendlichem Hochgefühl über die soeben geschaffene zionistische Position: eine neue Ortsgruppe und eine neue „Vereinigung jüdischer Studenten" (nachmals VjST. genannt) an der Universität Leipzig, deren kumulativer Präsident Martin Bub er war, und ihn nahm K. als Vorsii/enden eines Initiativkomitees zur Vorbereitung der Konferenz in Aussicht: Damit stieß er sofort auf den heftigsten Protest eines unserer Bundesbrüder, denn es war für Buber schon damals charakteristisch, daß alle, die mit ihm in Berührung kamen, zu ihm sehr ausgesprochen Stellung nahmen. Er kannte nur Verehrer oder Gegner. Bubcr aber erklärte sich zur Mitarbeit bereit und sprach darüber mit dem anerkannten Führer der „Jungen", Leo Motz kin. Es war Ende Dezember 1890 in Berlin, ich war bei der Unterredung zugezogen. Motzkin, der um ein Jahrzehnt Aeltere, in der prä- und kongreß-zionistischen Praxis Gereifte, war skeptisch und die Idee wurde nicht weiter verfolgt. Aber sie lebte in manchen Köpfen und Grüppchen weiter, ein schwaches Leben von gelegentlichen Forderungen una Resolutionen. Bis ihre Zeit gereift war, bis die zionistische Organisation sich hinreichend differenziert hatte und — sieb der richtige Mann fand. Weizmanns Initiative Die akademischen Herbstferien 1901 verbrachten wir, der Genfer Privatdozent Dr. C h a i m Wcizmann und ich, der ich in Heidelberg studierte, in unserer Heimatstadt Pinsk: Weizniann war stark „oppositionell" eingestellt, natürlich im Sinne einer „allerlovalsten Opposition". Als in einer Vorstandssitzung der Pinsker Ortsgruppe die Veranstaltung einer großen Leier anläßlich der gerade erfolgten Eröffnung lies jewish Colonial Trust (Kolonialbank) behandelt wurde, war es Weizmann, der Widerspruch erhob. Was wolle man „feiern"? Daß die Bank nach dreijähriger Arbeit ein Achtel ihres Kapitals beisammen hätte? Wollten wir mit solchen Leistungeil die Ziele des Zionismus verwirklichen? — Die Eindrücke, die er in den drei Monaten seines damaligen Aufenthalts in Rußland gewonnen hatte, faßte Weizmann in einem Expose zusammen, das er Herzl überreichte. Er schilderte die allgemein herrschende Unzufriedenheit mit dem einseitig „politisch-diplomatischen" Kurs und übte selbst energisch Kritik. Herzl nahm die Schrift nicht eben gnädig auf, bestätigte aber den Empfang in einem versöhnlichen Brief, worin er „die wertvolle, aber verirrte Kraft" zu positiver Mitarbeit zurückrief. Weizmann weihte mich in seine Vorarbeiten zur Einberufung einer Konferenz zionistischer Studenten nach Basel anläßlich des bevorstehenden fünften Kongresses (1901) ein, und beauftragte mich mit der Abfassung eines ersten Propaganda-Artikels für — „Die Welt", das amtliche Zentralorgan der Organisation. . . . Wie unschuldig jene Zeiten waren, mag auch die Geschichte meines Delegiertenmandats zum Kongreß illustrieren. Viele Ortsgruppen und sogar ganze Landsmannschaften hatten keine geeigneten Kandidaten oder nicht solche, die die weite Reise auf eigene Kosten unternehmen konnten. Man half sich, indem man sich von „Prominenten" vertreten ließ: Nordau, David Wolffsohn, Mandelstamm z. B. vereinigten auf diese Weise in ihren Händen zuweilen ein halbes Dutzend russische, rumänische, südafrikanische „Mandate". Am meisten wurde natürlich Herzl selbst beehrt. Ja, ihm wurden Blankoniandate zur Verfügung gestellt, die er nach Belieben verteilen durfte. Herzl wollte sich mit der Sache nicht befassen, und übergab die Mandate listenweise an Personen seines Vertrauens. Eine von ihnen war Weizmann und von ihm wurde ich mit Ploesti in Rumänien belehnt. Mein Artikel entsprach irgendwie nicht Weizmanns Intentionen. Ich kam infolge der Kürze der Zeit nicht mehr dazu, ihn umzuarbeiten. Wahrscheinlich hätte die „Welt" ihn auch nicht gebracht. Herzl war über die Veranstaltung sehr ungehalten, in den „Tagebüchern" äußert er sich recht abfällig über sie. Er verbot sogar dem Chefredakteur der „Welt", es war Buber, über sie zu berichten. Es war dies einer jener zahlreichen Konflikte, die kurz vor dem Kongreß es war, wie gesagt, der fünfte zu Bubers Rücktritt führten. Die „Studentenkonferenz" Ungefähr acht Tage vor Beginn des Kongresses, etwa am 21. Dezember, kamen gegen vierzig Teilnehmer der Studentenkonfcrenz zusammen. Die Sitzungen wurden von Motzkin geleitet und in seiner Abwesenheit von Weizmann. An weiteren Teilnehmern weiß ich noch zu nennen: Lcjb Joffe, Abersohn, Borochow (Berachjahu), Feiwci, Lilien, ferner unter Vorbehalt: Trietsch, Emil Simonsohn, Metniatui- Cohen, Mossinsohn. Buber traf erst am zweiten oder dritten Tag ein und wurde, schon damals, mit erwartungsvollem Respekt begrüßt. Was mich betrifft, so war ich zusammen mit dem Ehepaar Josef Klausner aus Heidelberg herübergekommen, sehr gegen den Willen meines Vaters, dem dieses oppositionelle Treiben der Jugend unsympathisch war. Die Verhandlungen hatten Niveau. Ihren Höhepunkt bildete Abersohns Referat über Galutharbeit, in dem er mit dem sozialistischen und antizionislischeii „Bund jüdischer Arbeiter", kurz „Bund" genannt, abrechnete. Diese Auseinandersetzung war damals von Bedeutimg. Fast die ganze russischzionistische Jugend schielte beständig nach links hinüber. Die Furcht, „dort" für reaktionär, für einen „Bourschuj" gehalten werden zu können, machte manche zionistische Gesinnung unsicher. Das nach Form und Inhalt vollkommene Referat wurde mit Enthusiasmus aufgenommen. Wenn der „Bund" einmal zerfalle, so würde man seinen Niedergang ab heute rechnen, verkündete Jaffe. Nun, diese Prophezeiung hat sich bekanntlich nicht erfüllt. In der „Jewsekzia" und anderen Verwandlungen lebt er heute noch. Auch die ziemlich zahlreichen Gegner unter den Gästen folgten mit Aufmerksamkeit den Ausführungen. Als aber Abersohn den „Bund" einmal direkt apostrophierte, nicht («parlamentarisch, aber scharf, da erscholl aus dem Publikum: „Lüge!" Entrüstung, Proteste, Geschrei. Weizniann, der gerade präsidierte, forderte den Zwischenrufer auf, sich zu melden. Der Täter erhob sich tum wurde von Weizmann aufgefordert, den Saal zu verlassen. Sturm auf der Gegenseite. „Ich appelliere an die Versammlung", schrie der Täter. Es wäre sicher zu einem peinlichen Skandal gekommen, wenn nicht einer der Teilnehmer von sich aus den Antrag gestellt hätte, über die Zulässigkeit des Ausschlusses abzustimmen. Eine überwältigende Mehrheit billigte Weizmanns Vorgehen. Den Bundisten blieb nichts übrig, als den Saal zu verlassen. Nicht alle taten es mit Würde, eine ganze Reihe wetteiferte miteinander, wer die Tür am lautesten zuschlüge. In den Couloirs ging es erst recht lebhaft zu. Ein Bundist schrie auf einen der Unsrigcn ein: „Ihr said alle Bourschujen" und dann noch: „je un a Bourschuj hob ich foind wie a Chaser!" . . . Die Verhandlungssprache war russisch, sehr bezeichnend für jene Zeit. Einen polnischen, will sagen kongreßpolnischen, Zionismus gab es nicht. Die wenigen Zionisten in Warschau und Lodz, waren „Lutwakes" und sprachen russisch. Zur Konferenz waren aber einige Leute aus Deutschland und den deutschsprechenden Teilen Oesterreichs gekommen, die gegen das Russische protestierten. Die „Fraktion" entsteht Nach der Konstituierung der Versammlung stellte es sich heraus, daß die meisten Teilnehmer zugleich Kongreßdelegicrte waren. Dies hatte zur Folge, daß Motzkin und Weizniann, die ausgezeichnete Parlamentarier waren, die Schaffung einer Kongreßgruppe herbeizuführen begannen. Die eingebrachten Resolutionen wurden auf die Bedürfnisse der Kongreßarbeit abgestellt. Die mit Ja gestimmt hatten, wurden für Mitglieder der Kongreßgruppe erklärt, die sich „Demokratisch-zionistische Fraktion" nannte. Was wir wollten, war nicht allen klar und jedenfalls nicht der Gesamtheit. Dies zeigte sich besonders, als die „Programmkommission" gewählt werden sollte. Es hatte sich herausgestellt, daß mehrere Strömungen vorhanden waren, die man etwa folgendermaßen charakterisieren konnte: eine achad-haamistische Kulturgruppe (Klausner, Buber, Fciwel u. a.), eine politisch-praktische im Sinne der „Politik der Erfolge", deren Exponenten Motzkin und Weizmann waren, dann wiederum eine weltlich-traditionslose (Abersohn). Aus der Hafiara für Schabbaf, 12. Januar Du aber fürchte dich nimmer, mein Knecht Jaakob. jissrael, Infi dich nimmer bestürzenl denn, wohlan, ich befreie dich fernher, aus ihrer Gefangenschaft Land deinen Samen. Dann kehrt Jaakob heim und ist still und ist sorglos, und keiner scheucht aut. Du farchle dich nimmer. mein Knecht Jnakob - SEIN Erlauten -. denn ich bin mit dir. Denn machte ich den Garaus allen Stämmen, dahin ich dich versprengt habe, dir wflrde ich den Garaus nicht machen, züchtigen nur werd Ich didi rechtens, kann dich sirafledig nicht ledigen. Jeremia, Kap. 46, Vers 27/23 fübnrse/zt von Buber) Manche, die keine einseitige Einstellung hatten, beschrieben ihre Zettel mit den Namen der Vertrcier aller Richtungen. So auch ich und wurde deswegen von Mot/kin verspottet. Ich verstünde nichts von Politik, in der die Alajorität herrschen müsse. Die nun gewählte Kommission, bestehend aus Motzkin als Vorsitzenden, Abcrsohn, L'eiwcll, Jaffe und Klausner, erhielt die Aufgabe, ein Programm /u verfassen. Und so zogen wir in die Koiigrefischlacht. Ihren Höhepunkt erreichte sie mit dem Exodus der „Fraktion" nach Ablehnung ihrer kulturpolitischen Anträge, Antrage jener Art, deren taktische Bedeutung über ihre sachliche hinausgeht. Beim Verlassen des Saales wurde aus unseren Reihen „Pfui" gerufen, Herzl glaubte, der Täter sei Feiwel, der ihm persönlich nahestand, und war deswegen verstimmt. Aber es war nicht Feiwel, sondern Klausner. Dem Exodus war ein Rededuell /wischen Mot/kin und Her/! vorausgegangen. Als Motzkin auf dem Rcdncrpodium erschien, wurde er von der Zuschauertribüne herunter mit Rosen bestreut die Tat einer begeisterten „Frak/ionistin" (Emil Simonsohns Bonmot von den Frak/ioiiisteu und Fiack-Zioiiistcu wurde viel belacht). In seiner Antwort verglich Her/1 ihn tnit jenem römischen Kaiser, der unter einer Flut von kosen den Tod fand. Doch in jenen Tagen, da das Gemeinsame an unserem Zionismus dessen stärkster Teil war, wurden solche Kampfe nicht zu tragisch genommen. Sobald wir uns nur auf der Zuschauertribüne niedergelassen hatten, direkt über den Plät/cn des Aktion.s-Comites, rief Wolffsohn Lilien, dessen Leistung auf dem Kongreß sehr gefeiert wurde, zu, er möchte doch herunterkommen. Aber der Künstler ward nicht zum Streik, brecher. Und als zu Silvester Wolffsohn neben dem Aktions- Comitc den prominenten Führer der Fraktion einlud, da wurde die Versöhnung feierlieh vollzogen und am nächsten Tage ließ sich Her/1 mit der ganzen „Fraktion" sogar photographicren. Die Programm -Kommission Im folgenden Sommer, 1902, kam in Heideiberg die Programmkommission zusammen. Die Sitzungen, die Tage in Anspruch nahmen, wurden bei Klausner abgehalten. Nur die letzte, die bekannte zionistische Nachtsitzung, konnte wegen des Einspruchs von Klausners Wirtin nicht dort stattfinden. Ich stellte mein Zimmer zur Verfügung und hoffte nebenbei, auf diese Weise etwas von den Verhandlungen zu erfahren. Aber Motzkin, der nicht ohne Hang zur Wichfigtuerei war, legte sein präsidiales Veto ein: Ich war nicht Mitglied der „Kommission". Ich mußte mich fügen, stellte alles, was ich an teewirtschaftlichen Gegenständen besaß, auf den Tisch, dazu einen Suppenteller ais Aschbecher, und begab mich ms Freie. Um 12 Uhr nachts kam ich zurück. Wer eine Kneipe um diese Zeit kennt, weh'!, wie es bei mir aussah. Aus den Rauchwolken ragte ein kegelförmiger Gegenstand hervor, mein gehäufter Suppenteller. Ich erklärte diesmal, bleiben zu wollen und die Erlaubnis winde mir mit sämtlichen Stimmen gegen Mot/kin gewahrt. So wurde ich zum Zeugen der 'Schlußverhandlung. Die Sitzung konnte schon gegen -1 Uhr früh zu gutem Ende geführt werden. Das Programm, das im wesentlichen Motzkius Werk war, wurde von ihm endgültig redigiert und im Herbst 1002 gedruckt. Es war ein hervorragendes Dokument zionistischer Gcistcsgcschichtc. Chronik um Elkele Erzählung von Marcelle Blank Die Entstehung des Ohettobrandes zu Frankfurt a. M. ist fiie aufgeklärt worden und Verläßliches hierüber findet sich in keiner Chronik verzeichnet. Es sind mannigfache Annahmen geäußert worden, worunter solche abergläubischer und mystischer Art die häufigsten waren. Doch wurden dergleichen Angaben von aufgeklärten Christen und Juden widerlegt. Auch nachfolgende Geschichte, die ein Zeitgenosse einige Jahre nach dem Brande niedergeschrieben hatte, wurde später unglaubwürdig befunden. Uns soll sie indes interessieren, da Glaube oder Unglaubwürdigkeit der Geschehnisse für uns licht so sehr ins Gewicht fallen, wo echtes Mit- oder Nacherleben altjiidisch.cn Volksempfindens dargeboten wird. Die Wiedergabe soll in einem Stil gebracht werden, der die Erzähhmgsart des 18. Jahrhunderts der heutigen Schriftsprache angleicht. * . Das Haus des Rabbi stand nahe der Synagoge und war gar schmuckes Gebäude. Dieweil der Rabbi ein großer Wohltäter war an seiner Gemeinde, hatte er das obere Stock- Werk, so auc|, nocn Jas Dachgeschoß, an eine Witwe abgegeben. Selbige war eine alte, mürrische Frau, die ihr Leben durch Vermieten von Stuben an Bachurim fristete. Ein Kärglicher Unterhalt, wie der wohllöbliche Leser sich zu errechnen vermag, denn ein Bachur, „der die Heilige Lehre Weder als Krone damit zu glänzen, noch als Spaten damit zu &ra-k 8l'',rauc'lcn darf", findet, als er ein wahrhafter Jünger bleiben will, nur wenig Muße, sich irdische Güter zu erwerben. ... Dieweil es eine Mizwa ist, Bachurim umsonsten zu verköstigen und zu beherbergen, nahm die Frau dieses Geld Iucnt unmittelbar von den Schülern, vielmehr waren solche ■auf Kosten der Gemeinde bei ihr untergebracht, das will beij^LI"' cla!! l,ic Kasse der Gemeinde und zum großen Teil der Rabbi wiederum selber das Mietgeld an die Wirtin bezahlten. Da die Wirtin gar viele Stuben und Kammern vermietet hatte, und dieweil sie selber eine alte kränkliche Frau war, konnte sie die viele Arbeit nicht allein besorgen. Sie hielt sich vielmehr eine Magcl, Elkele geheißen, kaum LI Jahre alt, ein armseliges Ding, blaß und schmächtig, doch nicht ohne Anmut und fromm in ihrem Herzen. Elkele fegte die Stuben, ordnete die Betten und trug Wasser vorn Brunnen in die Kammern der Bachurim. Sie tat es mit recht viel Sorgfalt und ohne Murren, obwohl die Wirtin ein gar zänkisch Weib war, das alle üblen Launen an ihr ausließ und sie oftmals, ohne Anlaß, in die Rippen stieß. Die Bachurim, die über den Büchern hockten, bemerkten das nicht, vielmehr taten sie selbst dem Mädchen noch Ucbles, indem sie über dessen Kraft von ihm Arbeit verlangten, und als es sie nicht auszuführen imstande war, es noch bei der Wirtin verklagten. Nur einer war gut zu ihm, voller Mitleiden und Nachsieht, ein Bachur von 17 Jahren, ein stiller Gesell, der im obersten Kämmerlein hauste und Mendel mit Namen hieß. Er war von fern her nach Frankfurt gekommen, des Rabbi Schul zu besuchen, und dieweil er mit niemandem viel redete und stets für sich blieb und nächtelang Licht brennen ließ in seiner Kammer, indes er über Büchern hockte, gingen die widerstreitendsten Aussagen über ihn. Es hieß, daß er ein Enikuräer sei und die Bewohner der Gasse, insbesondere die Bachurim, warteten nur auf den Tag, der ihnen einen Beweis der Ketzerei bringen würde. Einzig Elkele hörte nicht auf die Reden der Leute und sie glaubte, daß der Bachur, den sie im stillen Herzen liebte, ein Gottesfürchtiges sei, der tage- und nächtelang über heiligen Büchern hocke. — Er war sehr freundlich zu Elkele, artig und rücksichtsvoll und hatte nimmer dulden wollen, daß man zu viel von ihr verlangte. Oft in der Früh, eh' er ins Rethamidrasch ging, legte er sein Bett selber zurecht, fegte die Stube, aut daß das Mädchen keine Arbeit bei ihm fände. So Elkele hernach in seinem Zimmer stand, war sie ob seiner Fürsorge gerührt, und dieweil sie durchaus etwas Liebes zu ihm tun wollte und nichts anderes finden konnte, beschäftigte sie sich damit, seine Bücher auf dem Brett zu ordnen und sie vom Staube zu befreien. Sie tat solches des langen und mit großer Achtung vor den heiligen Werken, deren sie keines aufzuschlagen wagte; hatte doch Rabbi Jehuda der Fromme schon vor Zeiten gesagt: „Gelehrsamkeit bringt die Frau auf Ahwege." Diesem Ausspruch eines Weisen zufolge, hütete sich Elkele wohl, sich durch Lesen ihr unbekannter Bücher zu versündigen; desto mehr befleißigte sie sich, auf indiiekte Weise, heiligen Werke, ihr Teil Wenngleich Elkele, wie durfte, so kannte sie sich \orneliiniicli durch Reinhalten der an der Gelehrsamkeit tu izutragen. soi ben erwähnet, nicht viel lesen dennoch in den Geboten und V beobachten illmorgendliel •hen sah, um! l tiesergleichen i alte die daß niemals fehlte. Daher sagte sie habt so viele und gewiß kostbare iruni lehnt Ihr sie nit, wie es ge- Bachurim aus, daß sie am heiligen als das Mädchen ebenfalls liebte und war, grollte er ihr solche Bücher doch niemand, daß ich Ordnungen aus, die ein Bachur zu halb wunderte sie sieh, daß sie; Bucher in Mendels Kämmeilcin sti auch nur ein einziges der Werk« eines Abends zu ihm: , Bücher, Bachur Mendel boten ist, an andere Inhalt teilhaftig werden Der Jüngling erschrak gar heftig, solches sagte. Doch da er sie im stillen ihrer Treu und Rechtschaffenheit gewiß nicht, vielmehr sagte er: „Gott behüte, nit, zeig niemand die Bücher und sag sie hab." Elkele erschrak, doch ein Blick in Mendels klare Augen beruhigte sie und sie konnte nicht glauben, daß er ein Unrecht tue. Daher fand sie kein Arges bei dem. was er sagte, und sie wollte sich nichts Böses dabei denken. Doch der Ewige —- gepriesen sei Er! hatte im Sinn, das Madchen zu prüfen; 'und als Elkele andern Tags allein in des Bacillus Zimmer stand und die Bucher vom Staub befreite, ließ der Heilige -.....- gelobt sei Er — ihr eines der Bücher aus der Hand entgleiten, und indem selbiges aufgeschlagen auf die Erde fiel, ward dem Mädchen das Geheimnis um den Bachur kund. Es war ein entsetzliches Geheimnis, denn anstatt der Buchstaben, in denen die heiligen Schriften geschrieben sind, starrten unheilige Lettern sie an, solche, wie Elkele draußen von den Toren gesehen hatte. Elkele war darob sehr betrübet, dieweil es ihr aber nicht gelingen wollte, ihre Liebe zu dem Bachur aus dem Herzen zu entfernen, betete sie zu Gott, daß er die Seele des Geliebten erleuchten möge und ihn zu der Heiligen Lehre zurückführen möge. Mag sein, daß dieses Gebet nicht Kraft genug hatte oder daß Elkele in ihrer frommen Unschuld dennoch unwissentlich gesündigt, oder daß der Heilige — gepriesen sei Er! — alle Kinder der Gasse strafen wollte, indem Er so schreckliches Unglück durch Elkelcs Liebe entstehen ließ; — allenfalls laßt uns sehen, wie die Geschichte weitergeht: L