Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 2 (4.1.1935)
- Date
- 1935-01-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2, 4.1.1935 JODISCHE RUNDSCHAU Seite 5 ■x SM <m s V. fr I J> va —-SP Simon Bernfeld 75 Jahre Der breiteren jüdischen Öffentlichkeit, insbesondere den Menschen der Nachkriegszeit, ist vielleicht der Name Simon Bernfelds nicht vertraut. Seit vielen Jahren lebt der Gelehrte in stiller Zurückgezogenheit und tritt kaum noch hervor. Am 6. Januar feiert er seinen 75. Geburtstag. Bernfeld ist einer der Mitschöpfer der neuen hebräischen Literatur und Vorkämpfer der hebräischen Sprachbeweguug. ,,Mein Vaterland ist Palästina und meine Muttersprache •st hebräisch", so änderte er in einem Gespräch mit dem Mitarbeiter der „Jüd. Rundschau". Und mit Recht. Er ist zwar in einem kleinen russischen Städtchen geboren, aber er stammt aus einer Zeit, in der es dort nur zwei Möglichkeiten der Ausdrucksform gab: entweder jiddisch oder hebräisch. Bernfeld bezeichnet sich selbst als einen der letzten Ausläufer der Haskalah. Schon mit vier Jahren, so erzahlt er uns, habe er Hebräisch gelernt und mit acht Jahren Deutsch. Schon in relativ jungem Alter hat er zur Feder gegriffen, und er entschloß sich, hebräisch zu schreibe n, ohne daß er bis heute einen rationalen Grund dafür anführen k .mite. Er empfindet eben!kv;3.?ch als die Sprache seines Denkens und vermag in ihr am stärksten das auszudrücken, was er zu sagen hat. Bernfeld war nach zwei Richtungen hin tatig: als politischer Publizist und als Wissenschaftler. Er war Mitarbeiter und Redakteur zahlreicher hebräischer Zeitungen, in denen er oft zu jüdischen Tagesfragen Stellung nahm. Schon in den achtziger Jahren, noch vor Herzls Auftreten, hat er die nationale W i c d e r - geburt des jüdischen Volkes proklamiert. Aus der grollen Zahl der Bernfeldschen Schriften nennen wir insbesondere seinen ,,Sefer Hademaot"^ eine Quellensamnilung über die Judenverfolgungen 'zur Zeit der Kreuzzüge, erschienen 1921,25. Ferner hat er eine große Anzahl von Biographien herausgegeben, insbesondere über Saadia Oaon und einige Werke über die Kulturgeschichte des deutschen Judentums in der Rcformalionsuml Aufklärungszeit. In einigen seiner Schriften hat sich Bernfdd der deutschen Sprache bedient. Insbesondere ist hier seine B i b e I - U c b e r s e t z u n g mit einer grollen Einleitung in die Bibel (5. Auflage 1927) zu nennen; er war ferner Mitherausgeber des Sammelwerks „Die Lehren des Judentums". Auch in religionsphilosophischer Hinsicht hat er uns mit einigen Büchern beschenkt, insbesondere ist seine Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie „Daat Elohim" zu nennen. Das Alter und das schwere Leiden der Blindheit, das an Dr. Bentfeld haftet, haben ihn dennoch nicht müde machen können. Er ist auch heute noch ein täliger und denkender Mensch. Unter außerordentlichen Schwierigkeiten ist er dabei, sein Lebenswerk über die Entwicklung des Judentums zu vollenden. Mit außerordentlicher Freude am Schaffen erzählte er uns von dem Fortgang dieser Arbeit, die er in hebräischer Sprache noch bei seinen Lebzeiten hofft publizieren zu können, eine Arbeit, bei der ihm insbesondere am Herzen liegt, die Auseinandersetzung des Judentums mit dem Christentuni und dem Islam darzustellen. Eine Fülle von Plänen und Ideen wälzt sich noch im Kopfe des Gelehrten. Mehrmals betonte er uns gegenüber im Gespräch, daß nur seine Blindheit ihn daran hindere, all das auszuführen, was er noch zu sagen hätte. Nur unter außerordentlichen Schwierigkeiten kann man, wie er es ausdrückt, „ein Buch mit fremden Augen schreiben". Um so mehr ist die Leistung und die Energie zu bewundern, mit der er Tag für Tag diktiert und mit Ünermüdlichkeit das zu vollenden strebt, was ihm vorschwebt. Und wenn noch etwas Persönliches gesagt werden darf, 60 ist es dies: Bernfeld empfindet es als die große Tragik seines Lebens, daß er Palästina, für das er ein Menschenalter hindurch gekämpft hat, nicht hat sehen dürfen. „Wenn ich wenigstens nur den Duft des Landes atmen könnte", so bemerkt er wehmütig; aber aus mancherlei Gründen wird ihm dieser Wunsch wohl versagt bleiben. Und er tröstet sich beim Abschied darüber, indem er meint: „Wenn Moses und Aron das Land nicht haben sehen dürfen, dann werde auch ich mich wohl damit abfinden müssen." Wir wünschen dem Jubilar noch recht viele Jahre, in denen es ihm vergönnt sein möge, weiterzuarbeiten und der jüdischen Literatur noch das zu schenken, was er aus dem reichen Born seines Wissens ihr zu geben vermag. Dr. N. „Sensation bei den Weisen von Zion"? Das Berliner „8-Uhr-Abeiidblatt", dessen sensationelle Berichterstattung in bez.ug auf Palästina wir kürzlich erst vermerkt haben, brachte am 2. Januar in großen Lettern die Schlagzeile „Sensation bei den Weisen von Z i o n" und darunter als Untertitel „M e i n e i d s a n k 1 a g e gegen C h a i m W a i z. m a n n u n il Genosse n". Es folgt dann der eigene Drahtbcricht aus Bern, der lautet: ,.ln Hern liiuft der große I'ro/iß. der 'He Echtheit <lrr l> c - r ü Ii in t e ii 1' r c> t o k <> 11 e d c r W e i s t u von 7, i o n zum (Icgenstund hat. In diesem Prozeß lubeu die führendsten Juden der Welt wichtige A u s s a e n gemacht, die »irli nunmehr ids falsch herausgestellt haben. Wie wir soeben huren, i.-t von seilen des ,,\"<)lksbundcs", d<T Nationtilsoziali-ti .eben liewceutif; der Schweiz, Regen folgende Juden Sti u fan zeige wegen Meineid bei der Staat.,,mwaltM bull des Kanton-, Hein eingereicht wordrn: Chjim W a i?. in u n n (Manche, ter), Zioni-I.■nüilm i : S 1 o i .1, i i g ll'.iii-); 1 >berr,ibbii,t r Di. K Ii ich |iri' i s (Si, kh"!iü); M a y c i - K b n e r (< zet te ewilz): Dr. Ii o d e n h e i m e r i Amsterdam); \ e; >n i!i a! und Zinnist I>r. Färbst ein (/"rah): Revotulion.'.r an Rußland Miljukoif (Paris); Rabbiner S \v i a t n i k o t f (Cum ignj) und den Ru-sen N i k o 1 a j e w s k i (Paris). In Anbetracht der Schwere de- \\. rhreehens und der ihm zugrunde liegenden Motive, und in Anbetracht de-sen, daß sich che Schuldigen einem Verfahren zu entziehen suchen werden, haben die Antrag telk r den Erlaß von 11 a i t b e I e b 1 e n beantragt. Wir weiden ihm h weiteres ubir ,tn-r- Angclegenhcit beuchten." Es ist uns nicht bekannt, welche Tatsachen die Grundlage dieses Berichtes bilden und ob das „8-Uhr-Ahendblart" einem Silvesterscher/, oder einer Mystifikation zum Opfer gefallen ist. Jedenfalls hätte die Behauptung, daß sich die Aussagen der „führendsten Juden der Welt" im Berner Prozeß „als falsch herausgestellt haben" unseres Erachtens nicht ohne Beweis aufgestellt und nicht ohne Nachprüfung abgedruckt werden dürfen. „Völkischer Waffenring" Die aus dem „Allgemeinen Deutschen Waffeuring" ausgetretenen s t u d e n t i s c h e n V e r b ä u d e — I ieutsche Burschenschaft, Verband der Turncrschafteii, Deutsche Sangerschaft, Deutsche Wehrschaft, Nauinburger Thing und Akademischer Eliegerring — haben am 15. Dezember in Berlin einen „Völkischen Waffeuring" gcgründit. Ueber seine Grundsätze wurde eine Niederschrift abgefaßt und sämtlichen zuständigen Stellen des Staates und der NSDAP, zur Kenntnis gegeben. In dieser Niederschrift wird eingangs unter anderem zur Frage des Mitgliederbestandes Stellung genommen und im Sinne der Ziele, die bei Austritt der Deutschen Burschenschaft aus dem AUW. bekanntgegeben wurden, bestimmt, daß dem „Völkischen Waffenring" nur solche Verbände angehören können, „die in ihren O I i e d e r u n g c n ausnahmslos weder J u d e n s t ä in m 1 i n g e, jüdisch Versippte, noch Angehörige von L o g c n, O r d e n oder ihren Nachfolgeorganisationen dulde n." Schutzhalt Das „AllgäitCT Tagblatt", Kempten, vom 27. Dezember meldet aus Memmingen: „Per Bevolkciiing Memrningens hatte sich eine große Erregung bemächtigt, als das noch nach der Machtübernahme gegen die Bewegung gerichtete unglaubliche Verhalten des jüdischen Geschäftsführers bei Wohlwcrt, Johann Gcstrg .Meyer, bekannt Wirde. Abends sammelte sich eine .Menge von etwa 300 Personen vor dem jüdischen Wauuhaus an. Die Menge gab ilner Entrüstung über die Anwesenheit dic.-e» Juden in einer Stadl, die als Hochburg der Bewegung bekannt ist, stiirmisclieu Au-diuck. Der Jude .Meyer mußte .schließlich zu sei n e in persönlichen Schutz in Polizeigewahrsam verbracht werden." Umgeworfene Grabsteine Aus Beckum wird gemeldet: Bezüglich der Grabsteine, die auf dein israelitischen Friedhof in den letzten Tagen umgeworfen wurden, teilt die Polizeiverwaltung mit, daß es sich hier um einen D u in m e n j u n g e n s t r e i c h handele. Die polizeilichen Ermittlungen haben Schuljungen als die Täter überfuhrt. Die Litern der Kinder haben sich bereitgefunden, die Schäden zu ersetzen. Es handelt sich insgesamt um fünf Grabsteine aus den Jahren von 18sSS bis 1893, und zwar von Familien, die nicht mehr in Beckum ansässig sind. Der Generaldirektor für Handel und Industrie beim Wirtschaftsdepartement im Haag Dr. H. M. H i r s c h f e 1 d ist von König Victor Fmanuel zum üroßofüzier des Ordens der Krone Italiens ernannt worden. Die jüdischen Ärzte Ueber die Zahl der jüdischen A e r z t e, insbeson« dere der Kassenärzte, werden Angaben von den zuständigen Stellen im „Deutschen Aerzteblatt" veröffentlicht. Danach gab es bei Beginn der nationalen Revolution in Deutschland ö I 8 S jüdische A e r z t e. Bei einem Gesamt« bestand von 50 000 Aerzten machte der jüdische Anteil 13 Prozent aus. Berlin hatte 3000 jüdische Aerzte. Im. Laufe des Jahres 1033 verringerte sich die Zahl der Nicht« arier durch Auswanderung um 37S. Die Zahl der emigrierten Aerzte beirägt somit noch nicht 1(1 Prozent. Von der Teilnahme an der Kassenpraxis sind 16f>7 nichtarische Aerzte ausgeschlossen worden, von denen fast 500 auswanderten. 11%) sind in Deutschland noch ärztlich tätig, 36-11 sind zur Behandlung der pflichtversicherten Bevölkerung zugelassen. Die restlichen 1070 nichtarischen Aerzte setzen sich teils aus solchen zusammen, die ihre Zulassung beantragt haben, teils aus alten Aerzten oder solchen, die aus irgendwelchen Gründen auch früher keine Kassenpraxis ausgeübt haben. Von den 5000 nichtarischen Aerzten, die heute noch in Deutschland leben, sind 3500 Allgemeinpraktiker und 2100 Fachärzte. Der durchschnittliche 1 lumlertsatz der nichtarischen Kassenärzte von der Gesamtzahl sämtlicher Kassenärzte beträgt heute 11,4 Prozent. In den Großstädten ist der durchschnittliche Himdertsatz mehr als doppelt so groß als der Reichsdurchschnitt. Der Großstadthundertsatz von 26 Prozent wird von einer Reihe von Städten noch übertreffen: von Berlin mit 13 Prozent, Breslau mit 30,S Prozent, Frankfurt a. M. mit 3?,7 Prozent, Hamburg mit 28,8 Prozent und Königsberg mit 27 Prozent. Von einer Gesanitzahl von 50 000 Aerzten sind 32 (KW) oder 64 Prozent zur Kassenpraxis zugelassen. Von den 6500 jüdischen Aerzten waren bis 1033 rund 82 Prozent zur Kassenpraxis zugelassen. Nach Ausschluß von 1667 nichtarischen Aerzten sind noch 3641 oder 6 0 Prozent als Kassenärzte t ä t i g. IN ALLER KÜRZE Der Oberrabbiner von Frankreich, Israel L c vi, ist schwer erkrankt. Vom 3!l. Dezember bis 1. Januar fand in Mährisch-Osfrau der Delegiert «mag der t s c Ii e c h o s 1 » w a k isclicn Z i o - nisten statt, bei dem Dr. Rufeis.cn ein groB angelegtes Kelerat über die Lage ins Zionismus und über die Situation der tschechoslowakischen Judciisehaft hielt. Ferner referierte der jüdische Abgeordnete des tschechischen Parlaments, Dr. Üo Idstein. In einem Telegramm an den Präsidenten Masarvk winde mitgeteilt, daß die von den tschcchoslowakischen Zionistcn neu zu gründende Siedlung m Palästina den Namen „K f a r Masarvk" (Masai \ U-i )oi t) erhalten soll. Von der Palästina-Regierung wird offiziell mitgeteilt, daß dem Führer der Jung-Revisionisteii. Dr. J e v i n, auf Grund seiner Verurteilung im Birjonim-Prozcß das palästinensische Bürgerrecht aberkannt wurde. Vor kurzem wurde bereits dem ebenfalls im Birjoniui-Prozcß verurteilten A c h i - M e i r das Palästina-Bürgerrecht entzogen. In der „Official Gazette", dem palästinensischen Anifsblatt, wird eine Verordnung veröffentlicht, die die Regierung zu einer n a c h t r ä g lieh e n F r Ii ö h u n g des FI a u shaltsvura Uschlags u m 30 235 Pfund ermächtigt. Von diesem Betrage sind 21000 Pfund für Ausbau der ländlichen Siedlung und über 7000 Pfund für Investitionen im Postwesen bestimmt. Die „Nachrichten für Stadt und Land" in Oldenburg melden aus Jever: „Für die Ausfuhr nach Palästina, wohin in der letzten Zeit schon mehrfach über Emden jeverländisches und ostfriesisches Zuchtvieh verladen worden ist, werden auch jetzt wieder im Jeverlande Aufkäufe an weiblichen llerdbtichtieren mit hohen Milchleistungen getätigt. Die dafür gezahlten Preise sind durchweg sehr befriedigend." Im offiziellen Organ der griechischen Regierung wird ein Dekret veröffentlicht, durch das der Anspruch der jüdische u W o h 1 f a h r t s e i u r i c h t u n g e n auf staatliche Beihilfen aus dem Budget des Ministeriums für soziale Wohlfahrt ausdrücklich anerkannt wird. Der Direktor der englischen Großbank „Lloyd's Bank", Captain Banson, ist in Begleitung des Vize- Präsidenten der Fnglish Zionist F'edei at'ion, Israel S i e f f, nach Palästina abgereist. Fs wird angenommen, daß die Reise des Bankdirektors mit der Erteilung von Krediten ^an jüdische Kolonien und Unternehmungen in Palästina im Zusammenhang steht. Eine in Wilna verstorbene Katholikin, Jadwiga 0 Zernien owska, hinterließ 10 00« Zloty für C h a 1 u 7 a r b eit. Ihr Solm und ihre Tochter kamen nach Warschau, um diesen Betrag dein Rabbinat zu übergeben, das Rabbinat verwies sie an das Palästina-Amt. Dabei erklärte der Sohn, er habe erst jetzt erfahren, daß seine Mutter als Jüdin geboren wurde. f'ß Wo kommt Ihr denn her? fragte die Frau. Von hier, sagte der Alte. Ich weiß, sagte die Frau. Ihr seid hier geboren. Aber Wo wart Ihr die ganze Zeit? Der Alte zeichnete einen großen Kreis auf den Tisch, als Wollte er sagen: überall. Als ich tortging, sprach er, waren hier tiberall Juden. Aber als ich das lelztemal vorbeikam, gab es keine mehr. Und jetzt sind wieder viele gekommen? Ja, sagte der Bauer, wir kommen alle hierher zurück'. Hm, hm, nickte der Alte. Meinst Du, dal) es gut ist? sagte die Frau. Was tut Ihr hier? fragte er. Du siehst doch, sagte der Bauer. Ja, das ist gut, antwortete er langsam. Alle drei schwiegen. Ich möchte Luch alles sagen. »eine Stimme war jetzt frisch und hell, als wäre sie gut «»geruht aufgewacht. e ,"lr„nabt saubere Hände und drei Kinder. Ich möchte euch alles sagen, nickte er. Wir wollen gut Obacht geben, sagte der junge Bauer. Die Frau nickte. Sie setzte sich /.urecht wie eine liebe Mutter, die dem Sohn zuhören will. m^0^ wo"<c> ,,e8eWtn er, daß einmal einer nicht sterben sollte mit achtzig. Einmal sollte einer immer das gleiche wieder erleben. Vielleicht vergißt er so nicht, was ein Mensch erleben kann, dachte Gott. Vielleicht erkennt der Eine dann, was JCft will. Und da schickte er mich auf die Reise. Beim Abschied sprach er zu mir: Findest Du einen Judenmann mit sauberen nanden und eine Judenfrau mit reinem Herzen und sie sitzen auf eigener -Scholle und sie bearbeiten sie mit eigenen nanden und Du siehst, daß sie glücklich sind in ihrer Arbeit und sie haben Kinder gezeugt an Zahl mehr als sie selbst — «o darfst Du ihnen sagen, was Du auf Deinem langen Weg gefunden hast und Du darfst Dich hinlegen und ruhig sterben. Und was will Gott? fragte der Bauer. Gort möchte ruhen, sagte der Alte. Er möchte nur, daß an paar Menschen ihn verstanden haben und sein Werk fortsetzen. Denn er hat nichts mehr zu tun. Bist Du sicher? fragte die Frau. Ich habe das ganze kiar erkannt, antwortete der Alte. Gott war da, um seine Kraft in tausend Ströme Tun auszugießen. Aber nun tuen die Menschen nicht aus seiner Kraft. Sie handeln nicht. Sie beten nur und tuen aus Schwäche anstatt aus Kraft. Sie sind schwach, sagte der Bauer. Der Alte brachte ihnen seinen Kopf ganz nahe. Es selbst hat schuld! sagte er gewichtig, als wäre dies «in großes Geheimnis. Was sagst Du, rief die Frau, er ist frei von aller Schuld. Nein, sagte der Alte, er hat sie schwach gemacht. z\nfangs gab er sich zornig und hat sie erschreckt und sie die Angst gelehrt. Sie können es nicht vergessen. Alles Schlechte geschieht aus Angst. Er weiß es ganz genau. Darum ist er jetzt so still zu allem Schlechten, was geschieht. Angst, fragte der Bauer, was ist das? Du kennst sie nicht, sagte der Alte. Sonst dürfte ich hier nicht sprechen. Als Gott sah, was er angerichtet hatte und daß die Menschen ihn nicht ruhen ließen, sagte er zu mir, geh auf die Reise und sieh, woran es liegt. Warum wollen sie nicht glücklich werden, wie ich es "war am sechsten Tag? Vielleicht findest Du den Fehler. Geh, ich bin's leid, sagte Gott. Das kann ich nicht in der kurzen Zeit meines Lebens, sagte ich. Du sollst leben, bis Du den Fehler gefunden hast, antwortete er. Wenn Dir dann ein Judenmann mit sauberen Händen und eine Judenfrau mit reinem Herzen begegnen und sie arbeiten in Frieden auf eigener Scholle, so magst Du ihnen sagen, warum sie glücklich sind. Sie sollen ihren Kindern zeigen, wie sie es tun und nichts anderes. Dann habe ich eiu Geschlecht, das in meiner Kraft wirkt. Ich wäre Dir für die kleine Gefälligkeit sehr dankbar, sagte Gott. Gut, sagte ich. Müssen es aber Juden sein? Ja, sagte Gort. Darauf lege ich Wert. Sic haben mich anfangs am besten verstanden und ich möchte mich nicht noch einmal aufregen. So bin ich ausgezogen, erzählte der Alte weiter, immer vorwärts mit der Geschichte. Ich mußte mich mühen und plagen und war reich und wieder arm, manchmal war ich König und die Menschen beugten sich und oft beugte ich mich vor anderen und setif/tc. Ich habe wohl tausend Kleider getragen, immer nach der Mode. Ich habe allen ins Herz gesehen: Annen und Reichen, Kriegern und Feigen, Frauen und Wollüstigen, Papslen und * Eiferern, Verführten, Bankdirektoren, Schacherern und Entdeckern allen habe ich ins Herz gesehen: Keiner war glücklich. Sie \ ersuchten alles, um glücklich zu werden. Mit allen Mitteln brühten sie Unruhe in die Welt. Sie nannten das: die Weit bewegen. Aber sie bewegten nichts. Gott durfte nicht ruhen. Hast Du den Fehler gefunden? fragte die Frau. Ja, sagte der Alte. Die drei schwiegen. Sie fürchten sich, sagte der Alte. 1 Sie fürchten sich allein zu sein mit der Stimme ihres Herzens. Darum jagen sie den Menschen nach. Sie fürchten sich zu verhungern. Darum nehmen sie den anderen das Brot fort. Sie furchten sich zu sterben. Darum töten sie die anderen. Mit drei Aengsten hat Gott sie erschreckt: der Ein« samkeitsangst — wo alles voller Liebe ist, der 1 lungersangst — wo alles voller Brot ist, der Sterbensangst — wo alles voller Leben ist. Und was Ist gut? fragte der junge Bauer. Dies hier, sagte der Alte. Das Brot von der Hand. Diö Liebe aus dem Herzen. Das Teilen ohne Bitterkeit. Ihr ver« traut dem Tag. Ihr vertraut der Erde, Ihr vertraut der Sonne, Ihr vertraut dem Regen. Das ist gut. Euch freut das Blühen Eurer Felder. Ihr helft dem Nachbarn, wenn seine Handschwach wird, sein Land zu pflügen. Ihr freut Euch, wenn Ihr Euch anseht. Ich habe es wohl beobachtet. Du, Frau« pflegst die kranke Nachbarsfrau, daß auch sie sich wieder, treuen darf. Dies ist das Glück. Lehrt es Euere Kinder. Der Alte stand auf, wickelte sich in seinen Mantel ein» und legte sich schlafen. Am anderen Morgen war er totj Sie begruben ihn unter dem Fclsvorsprung.