Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 103-104 (29.12.1933)
- Date
- 1933-12-29
- Page
- Seite 1026 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 1015 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 103/104, 29. XII. 1933 daß von den Männern, die in der Mitte des vorigen Jahrhunderts den Kampf um die Zulassung zum Parlament führten, einige dem Kreis dieser liberalen Synagoge angehörter!, wenn auch die zentrale Figur dieses Ringens, Lionel de Rothschild, sich ebenso zu United Synagofues zählte, wie dies seine Familie bis heute tut. Die zweite liberale Synagoge ist weit radika- ]*rer Art: sie hat eine Zeitlang den Soiintagsgottcsdienst sehr Sropagicrt, führt ihn aber heute nur noch neben einem ziemch regelmäßigen Sabbatiigottesdienst durch, der sich — im Lande des week-end! — offenbar doch als unentbehrlich erwiesen hat. Zu den geistigen Führen! dieser Synagoge gehört der in allen Kreisen des englischen Judentums hochverehrte Claude Montefiore, dessen ethischer, einem entkernten Christentum angenäherter Judaismus allerdings immer wieder den Widerspruch seiner Gegner, von Achad Haani bis Chief Rabbi Hertz, herausgefordert hat. Von den beiden Rabbinern dieser Synagoge ist der eine einer der Führer der englischen Assimilantcn, der andere ein begeisterter Zionist, der erst neulich gemeinsam mit Dr, Weizmann in einer großen jiddischen Volksversammlung aufgetreten ist. Auch dieser Zug unterscheidet die englische Reform entscheidend von der deutschen und nähert sie eher der amerikanischen an, wo ja die anfängliche Gegnerschaft der Reiormrabbiner gegen den Zionismus auch immer st;irkc-r einer freundlicheren Haltung Platz gemacht hat. Als ein Kuriosum mag noch vermerkt sein, daß in! Vorratim dieser Synagoge zwei Lichtsignale in genau der gleichen Weise den ״Verkehr“ regeln, wie auf den Straßen Londons: bei rotem Licht ist der Eintritt verboten, bei grünem gestattet! I'eherblickt man das Gesamtbild und vergegenwärtigt man sich den konkreten Eindruck der besuchten Gottesdienste, — fast überall am Freitagabend gähnende Leere, am Sabbath gefüllte Synagogen, .- so ergibt sich etwa folgendes Resultat: das englische Judentum ist in seiner breiten Schicht ko ns erv a ti v e r als <j a s d e 111 s c!1 c, oder mit anderen Worten: weniger orthodox und weniger liberal. Die Extreme sind zu keiner rechten Ausbildung gekommen, die Mitte hat das Feld behauptet und ihre eigene parlamentarische Gesetzmaßigkeit mit der jüdischen ״Orthodoxie“ identifiziert. Dieser Uniformität entspricht es, daß cs in England im Grunde nur eine jüdische Zeitung gibt, den ״Jewish Chroniele“, der ebenso wenig wie der gefüllte Fisch auf dem Freitagabend- Tisch des englischen Juden fehlen darf. Es gibt daher auch keine ernsthafteren ideologischen Kämpfe, was für die Problematik dos Zionismus, von der wir noch im besonderen Zusainmenhang zu sprechen haben werden, von sehr ernster Bedeutung ist, Alles wird mehr oder minder kampflos überliefert, es wird kampflos bewahrt und bröckelt, wenn auch sehr langsam, kampflos ab, Eine Studentengemeinde Um mit etwas Erfreulichem zu schließen, sei noch von einem Besuche in Cambridge und dessen jüdischen Eindrücken erzählt. Die herrliche alte Stadt, die in ihrem Zentrum, trotz der modernen Verkehrsmittel mit den kirchenburgähnlichen Colleges einen völlig mittelalterlichen Eindruck macht, ist Lnsofern mit Heidelberg zu vergleichen, als sie ohne die Studcnlen jede Bedeutung verlöre. Auch das Straßenbild wird von den Studenten beherrscht, aber es sind nicht die bunten Ab- Zeichen der verschiedenen Verbindungen, sondern die einheitliche, puritanische und beinahe geistliche schwarze Tracht, die Talarni ütze und das Cape, die den Ton angeben. Cambridges Studenten, die zu katholischer Zeit beinahe Mönche waren, um dann Puritaner m werden, die bis vor wenigen Jahrzehnten noch allmorgendlich zum Gottesdienst in der Kapelle des College erscheinen mußten, sind auch heute noch einer Disziplin und Aufsicht unterworfen, wie sie allen kontinenfalen Begriffen von ,.studentischer Freiheit“ ins Gesicht schlagen und übrigens auch in England sonst nur noch in Oxford in Uebung sind. Unter den etwa 0000 Cambridger Studenten gibt es nun etwa 150 jüdische. (Die genaue Zahl ist aus den eingangs genannten Gründen nicht feststellbar.) Davon gehören etwa 140 der jüdischen Gemeinde an. Diese Gemeinde ist von Studenten gegründet worden und wird von ihnen aufrecht erhalten: wohl ein Unikum in der ganzen Welt. Jüdische Bürger gibt es kaum in Cambridge: einige der jüdischen Dozenten, darunter auch der Direktor des Pädagogischen und Lehrerseminars, beteiligen sich am Gottesdienst, was wiederum i!1 Deutschland höchst unwahrscheinlich wäre, Die ״orthodoxen“ Studenten sind meistens auch Zionisten, und dies wurde mir als die Regel bezeichnet, Agudisten gibt es ganz vereinzelt; die große Mehrheit ist indifferent, sowohl der Svnagoge wie dem zionistischen Verein gegenüber, der die einzige jüdische Vereinigung ist. Für den engeren Lebcnszusammenschluß einer ״Korporation" ist natürlich neben dem College kein Platz, die ja selbst eine Art Gemeinschaft bildet. Es bedeutet nun, bei aller notwendigen Skepsis, doch etwas Positives für die jüdische Widerstandskraft eines Teils der jüdisch-englischen Jugend, daß etwa ein Viertel der Cambridger jüdischer Studenten den Versuch machen, die jüdisehen Speisegesetze trotz ihres Lebens im College nicht zu übertreten. Die Befürchtung, etwa als Jude: aufzufallen, scheint gar keine Rolle zu spielen, auch sind die Beziehungen gerade der religiös und zionistisch gesinnten jungen Leute zu ihren christlichen Kommilitonen ausgezeichnete, m deren kirnstlerischen und politischen Vereinigungen sie sich nun Teil beteiligen und deren kommunistischer, sozialistischer oder — missionierender Propaganda sie gleichfalls ausgesetzt sind. Di« jüdisch-zionistischen Kenntnisse sind meist allerdings recht primitiv: Buher z. B. war mir dem Namen, oder bestenfalls als Vermittler chassidischer Frömmigkeit bekannt und ein Vorfrag über ihn fiel auf völlig jungfräulichen Boden. Dieser Kern der jüdischen Studentenschaft nun erhält das Leben der Gemeinde aufrecht: er veranstaltet am Freitagabend und Sabbath früh Gottesdienst in der hühschen Synagoge, einige wenige treffen sich auch zu einem Talmudschair, und eine große Anzahl vereinigt sich zum gemeinsamen Fischabendbrot, mit Kiddusch, Smirot und Tischgebet. Es hat etwas Rührendes, die jungen Leute in ihrer studentischen Tracht in der Synagoge stehen zu sehen, singen und ״leinen“ zu hören, was ln der Regel jeder Aufgerufene selbst besorgen muß, und ins• besondere rührend ist das Folgende! Nachdem die Thoravorlesung beendet und die Thora wieder ״eingehoben“ worden ist, kommen etwa 25 jüdische Schulkinder, die In Cambridge das Gymnasium besuchen und in einem besonderen Internat untergebracht sind. Ihr Weg ist zu weit, als daß sie pünktlich erscheinen könnten, und nun wird noch einmal, mit der gleirtien Ruhe und Feierlichkeit, ausgehoben, ein Teil des Wochen• abschnittes geleint, und die Thora, ,wiederum unter Gesängen, Rassenhygiene und Judenfrage Im Januar-Heft von ״V e 111 a g e n & Klasings Monats-Hefte n“ ist ein Artikel über ״Grundfragen der Rassenhygiene“ von Ministerialrat Dr. med. L. Conti enthalten. Am Schlüsse der Abhandlung kommt der Verfasser auch auf die Judenfrage zu sprechen und sagt hierzu folgendes: ״Zweitens ist Deutschland seit 1914 in großem Umfange der Einwanderung ״ Ijudw!,er Elemente .m-gc-ctzt gewe-eu. Allein seit 1918 haben über 70 000 Ostjuden die deutschen Staatsbürgcricehtc erworben. Pie Zahl des wirklichen Zuwachses an Osljuden ist jedoch viel großer, da die Kinder dieser Familien ebenso wie die bereits gejault hrriihergekommenen!lieht mit gezählt sind. Die Vermehrung der O.-tiuileii ist dabei eine «ehr starke, sie lag stets über derjenigen Deutschlands. 1900 hatten die Ostjuden die Geburten 3B auf 1000. Diese hohe Geburtenzahl der Ostjuden steht in großem Gegensatz zur geringen Geburtenzahl der alten Judenfamilkn Deutschlands. Diese sind praktisch schon heute als nur noch geringfügig vorhaiiden zu betrachten. Wenn die heute in Deutschland lebende Judensehait Anspruch 111 raut erhebt, seit Jahrhunderten Teilhaber der deutschen Kultur gewesen zu sein, so ergibt sich aus der niiehfernen Betrachtung der Gcburtlichkcit der einheiraisthen und der Ostjuden, daß ein großer Teil der heute in Deutschland lebenden Judensehait diese Behauptung zu Unrecht aufstellt. Die völlig fehlende Abgrenzung dieser deutschen Staatsbürger jüdischer Rasse- Zugehörigkeit, die weitgehende Entstehung von Mischehen mußten Spannungen unerträglicher Art in dem schon durch geschichtliche Entwicklung wenig einheitlichen deutschen Volke erzeugen. Mag die Frage der Wertigkeit dieses Judentums sogar ganz außer Betrarht bleiben, so erforderte und erfordert ihre Frcmdrassigkeit an sich ihre lerkenjning, staatsrechtliche L ekg■;״.׳, ihre Abgrenzung und die Begrenzung ihrer Rechte innerImlb 'des Staates.‘' Za diesen Ausführungen ist zu sagen, daß nach einer Aeußerung von Ministerialdirigent H ering im ״Reichsverwaltungsblatt“ in den Jahren 1922—1933 in Preußen einschiießlieh Angehörigen etwa 10 500 Osfjuden eingebürgert worden sind. Hering schätzt die Zahl aller Frenidstänuiiigen, die von 1919 bis 1931 in Preußen eingebürgert worden sind, auf 15 50׳J Personen ohne Angehörige. Hierzu gehören natürlieh zahlreiche nicht-ostjiklische Fremdstämmlinge. Die Zahl der außerhalb Preußens in dieser Zeit eingebürgerten Juden dürfte nicht allzu erheblich sein, da z. B. Bayern und sjaäterhin auch Thüringen schon seit längerer Zeit Gegner der Einbürgerung von Ostjuden gewesen sind. Das Contibüro veröffentlichte seinerzeit eine Notiz, die wir in Nr. 65 vom 15. 8. abgedruckt haben, wonach die Zahl der von 1919 bis 1931 eingebürgerten Ostjuden etwa 12 503 betrug, wobei diese Zahl vvonl auf Preußen zu beziehen ist. — Aber auch wenn man glaubt, daß die außerpreußischen Zahlen ir.s Gewicht fallen, und wenn man für die Jahre von 1918 bis 1921 noch eine erhebliche Menge von Einbürgerungen liimirechnet, dürfte die von Ministerialrat Dr. Conti angegebene Zahl von 70 000 seit 1918 eingebürgerten Ostjuden die wirkliche Zahl übersteigen. Auch in der Frage der Geburtenhäufigkeit bei den Ostjudeii ist es unzweckmäßig, mit den Zahlen von 1909 zu operieren, da seit diesem Zeitpunkt auch bei den Ostjuden ein starker Geburtenrückgang eingetreten ist. Bei der Gesamtheit des deutschen Judentums ist sie in den letzten Jahrzehnten so stark gesunken, daß das deutsche Judentum schon seit längerer Zeit quantitativ zusammen schmilzt. wieder zurückgebracht. Ich kann mir deutsch-jüdische Studenten — oder gar palästinensische! — kaum oder gar nicht vorsteilen, wie sie mit solcher Naivität den religiösen Gemeinschaftsdienst für eine noch jünger« Generation vollführen. Bei all dem freilich muß man immer eines bedenken: von den 150 jüdischen Studenten in Cambridge nehmen etwa 30 bis 35 am Gottesdienst und anderen jüdischen Veranstaltungen teil. Das mag prozenftial nicht schlecht sein, aber es zeigt uns doch, daß überall, außer in Palästina, das Judentum he ute von einer Minoritätder Juden getragen wird. Dies ist eines der Hauptprobleme jeder modernen Diaspora, auch der englischen. E. S. Arierprinzip für gewerbliche Privatschalen In derselben Weise, wie der preußische Kwitusminister die Erteilung von privatem Unterricht durch nichtarische oder national nicht zuverlässige Lehrpersonen verboten hat, ordnet nun auch der preußische Wirtschaftsminister in einem Erlaß an, daß Nie 11 tarier oder national nicht zuverlässige Leute genehmigungspflichtige private Schul - und Unterrichtsanstalten nicht 1 e i t eil. 1ג n d״ a n i h 11 e n n i c h t 1 e h r «n dürfen. Eine Ausnahme ist auch hier wieder gemacht für Frontkämpfer und solche Lehrer und Lehrerinnen, deren Väter, Söhne oder Ehemänner im Weltkriege gefalle« sind, oder die schon vor dem Kriege Privatunterricht erteilt haben. Nichtarier dürfen jedoch auch gewerblichen Privatunterricht an nichtarische Schüler erteilen. Die noch laufenden Schulkonzessionen sind bis 31. März 1934 nach diesen Richtlinien zu prüfen. Kauf in jüdischen Geschäften Die in Regens bürg erscheinende ״Bayer. Ostwacht“ brachte am 18. 12. einen Artikel: ״Wer macht in Neumarkt das beste Weihnachtsgeschäft?“, der folgenden Wortlaut hatte: ״Es ist eine Sünde, wie an den Markttagen die Landbevöl- Teerung die Judengoschä'Ic auLtiriit. Unser Führer sorgt Tag und Nacht für dein Wohlergehen und du trägst deinen Dank ab. indem du deinen ärgsten Feinden, die auch dich an den Rand des Verderbens brachten, dein Geld bringst. Weißt du, daß du ein Deutscher bist und du an .Markttagen in der Stadt des großen Dichters weilst? Denke an den von ihm geprägten Kam[,!ruf: ,Deutschland erwach <Wenn du vom unteren Tor die Stadt betrittst, dann sichst du den Fahnenschwenlcer mit der Hakenkicuztahne und darunter in goldener Inschrift die Worte: .Deut-ehland erwache‘. Solange dti dein Geld mm Juden trägst, bist du noch nicht erwacht. Mit diesem Tun besudelst du dich, deine Fahne Und deinen toten Landsmann Dietri h F.ckart. Kannst du die judengcschäfte nicht meiden, darin bist du kein Deutscher und noch viel weniger ein Nationalsozialist. Ein Sprichwort sagt: Sage mir, mit w׳ern du umgehst, dann will ich dir sagen, wer du bist!“ Im ״Eschweg er Tageblatt" vom 18. Dezember ist in der Rubrik ״Braunes Brett“ eine Bekanntmachung des dortigen Kreisleiters der NSDAP, veröffentlicht, in der es u. a. heißt: ״Von jüdischer Seite wird der Schwindel verbreitet, daß die NSDAP, und die NS. - Frauen.« liaft, sowie einige andere der NSDAP, angcschiossenen Organi.-ationcn ihren Mitgliedern gestattet hätten, in jüdischen Geschäften zu kaufen und mit Juden zu handeln. Wer als ,Mitglied unserer Bewegung in jüdischen Geschälten kauft oder mit Juden handelt, wird wegen partcischädigenden Verhaltens aus der Bewegung ausgeschlossen. Nationalsozialisten kaufen, insbesondere zum deutschen W c i h, n a c h t 4 f c * t, nur in deutschen Geschäfte n.“ Wir nehmen an, daß nach der am 17. Dezember veröffentlichten Erklärung des R dchswirtschaftsministers zur Frage des Weihnachtsgeschäftes die oben wiedergegebenen Ausführungen hinfällig geworden sind. Keine Schulfreistellen für Nichtarier in Hessen Mit Wirkung vom neuen Schuljahr an dürfen nach einer Meldung der ״Frankfurter Zeitung“ vom 24. 12. laut Verfügung •der hessischen Ministerialabteilung für Bildungswesen unter keinen Umständen Freistellen an nichtarische Schüler und Schülerinnen verliehen werden. Es sei selbstverständlich, daß int nationalsozialistischen Staat öffentliche Mittel nur an Volksgenossen gegeben werden könnten, insbesondere, wenn es in öffentliehen Belangen wünschenswert erscheint, unbemittelten Schiilern und Schülerinnen mit besonderer Begabung den Weg zu einer höheren Ausbildung zu bahnen. Der jüdische Arzt Die Aerzte erhielten •dieser Tage als Postwurfsendung־ Nr. 9 des ״Deutschen H e i 1 w e s e 11“, heraiisgcgeben von Dr. Bernhard Hörmann, zugestellt. An der Spitze dieses Blattes finden wir einen Aufsatz ״Die historische Schuld der deutschen Aerzteschaft" von Dr. Hörrnann, der schwere Beleidigungeti gegen die jüdischen Aerzte enthält. Zwar wird mit Einschränkungen auch die Leistung einzelner jüdischer Forscher anerkannt. Aber das Hauptgewicht wird auf ein Zitat aus Fritschs ״Handbuch der Judenfrage“ gelegt, worin gesagt wird, die jüdischen Aerzte hätten die Medizin zum rein«n Geschäft gemacht. ״Der jüdische Händkrgeist“ sei in die Medizin eingezogen und habe auch viele der deutschen Aerzte ergriffen. ״Ist der leidende Mensch einmal einem Juden in die Hände gefallen, so kommt er aus dem Netz nicht wieder heraus." — Diese Herabsetzung der jüdischer! Aerzte steht in einem so krassen Gegensatz zu den Erfahrungen vieler tausender Mitbürger, die jüdischen Aerzleri ihre Heilung verdanken und diese Dankbarkeit auch zum Ausdruck bringen, daß es sich erübrigt, darauf einzugehen/ Es ist nur besonders bedauerlich, daß eine solche Propaganda gerade von Acrzten gemacht wird, so daß die Vermutung nicht ganz von der Hand zu weisen ist, daß auch Konkurrenzmotive bei dieser verallgemeinernden Herabsetzung der jüdischen Kollegen mitspielen. Die antijüdisdie Beiriebsvertrctung Wir veröffentlichten in unserer Ausgabe vom 22. 12. ein Urteil des Berliner Arbeitsgerichts, in welchem die fristlose Entlassung eines Zellenohniaiines auf Grund von antiiüdischen Aeußcrungen gegen seine Firma nicht gebilligt wttrae. Es ist nunmehr ein weiteres wichtiges Urteil auf diesem Gebiete ergangen. In einem größeren Berliner Betrieb waren Mitglieder des Betriebsrates fristlos entlassen worden, weil sie in einem an di« Arbeitsfront gerichteten Schreiben die Firma als ״durch und durch 'jüdischen Betrieb“ be• zeichneten und der ,,Devisenschiebung" bezichtigten. Das Arbeitsgericht hat lt. ״Frankfurter Zeitung" vom 22. 12. die Klage der Betriebsratsmitglieder auf Aufhebung der Entlassung zurückgewiesen und die fristlose Entlassung bestätigt, In diesem Urteil heißt es u. a.: ..Wie dein Klager bekannt war, ist die Weitcfbeschiiftigtmg jüdischer Angestellter in dem Werke der Beklagten mit ansdrtirk• lieber Billigung und nach Vereinbarung mit der NSBO. der Arbcits• front erfolgt. Wenn nun der Kläger weiterhin von einem ״durch und durch jüdischen Betriebe" spricht, in dem ״die J u d e n unter de m Zeichen des Hakenkreuzes regieren und dominieren“, so stellt dies angesichts der Tat• sarhe, daß auf der einen Seite nur 23 von nahezu 3000 Arbeitnf Innern (also 0.78 Prozent) Nichtarier sind als auch mit Rücksicht darauf eine unberechtigte Kritik dar. daß diese V’citcrberrhäftigung van den maßgebenden Partei- und NSBO.-Stellen angeordnet wo*, dm ist. Es ist mit den Pflichten eines Arbeiterrat?Vorsitzende» schlechthin unvereinbar, bei dritten Stellen an den Maßnahmen seiner Vorgesetzten in dieser Weise Kritik zu üben und ihr Vor. gehen als unvirk-it! u! d 11'- h hm,u tuen Der Kläger hatte sich als Arbeilerratsvorsitzendcr den ihm gemäß dem Fiihrerprinzip von höherer Stelle gegebenen Wci-ungen zu fügen, da seine Vor- Stellungen bei dieser SleUe^ ohne Erfolg gewc-cn waren. Verstoßt in dieser Webe einen Ungehorsam gegen die ihm übergeordneten Stell! n an diu lag g! 1׳ g' l.at, -o \u-t1,l'1 e> aut!Irr anderen Seite der Kläger durch nichts bewiesene Behauptungen über mit Zucht- 1!aus,nah u bedrohte V*!biuhen über die Beklagte, seine Arbeitgrberin, in Lauf setzt. Dieses Verhalten verletzt nicht nur die ihm als Arbeiter obliegende Treupflirht, es stellt vor allen Dingen eine grobe Verletzung der ihm als Arbeit errat «wir sitzenden gegenüber der Arbeitgeberin und der übrigen Uelegsehaft auferlegtc-n Ptlichicn dar. Der Kläger 1111t durch .«ine Aetiflirung die Beklagte in der schärfsten Form beleidigt. Er hat zudem die Weiterarbeit seiner Arbeitskameraden dadurch gefährdet, daß er schwere Beschuldigütiger: bei Stellen erhob, die zu einer vdligit, Sil heß'tng des Betriebes in der Lage sind. Nur den! Umstand, daß von der Atbcitsiiont die Denunziationen des Klägers sofort erkannt wurden, ist es zu danken, daß Eingriffe in der! Betrieb der Beklagten nicht erfolgt sind. Eine fernere Beleidigung der Beklagten stellt es dar. wenn von ihr behauptet wird, sie sei ein ״durch und durch jüdisches Unteinehme n“, da lediglich ein überhaupt nicht ins Gewicht fallender Prozentsatz von Juden bei der Beklagten beschäftigt ist. Der Fall liegt anders als das frühere Urteil des Arbeitsgerichte, da der Kläger an dritte die Mitteilung erstattet hat und damit einverstanden war, daß diese an andere Stellen als die ihm unmitteibar Vorgesetzten zur weiteren Veranlassung weitergegeben wurde. Er durfte dies um so weniger, als die Mitteilu 1g!1 tu h’ d e 1! 11! < r r \ntcgt n11! ״ t ner Na hprüiung b,sitzt, sondern 1 int Aurinuuing n.ijuuhgi r Tatsachen über die Beklagte darstellt.“ Es ist begrüßenswert, daß das Gericht in diesem Falle di« antisemitischen Beleidigungen als solche gewertet hat.