Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 103-104 (29.12.1933)
- Date
- 1933-12-29
- Page
- Seite 1024 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 1014 c ■C H A U Nr. 103/104, 29. XII. 1933 *,Wir sind grofjc Mode״ Pariser Brief s. n. Paris, 27. Dezember 1933. Daß die Judenfrage als weltpolitische Frage (was wir seit Theodor Herz! immer behauptet haben) auf der Tagesordnung internationaler Konferenzen stellt, ist ein Zustand, den man, obwohl die bisherigen Ergebnisse der internationalen Interessenähme nur sehr mager sind, trotz aller Bedenken zu begrüßen vermag. Denn nur ini Liebte der weitesten Öffentlichkeit kann das Verständnis für die Einzigartigkeit des Judenproblems gefördert und nur im ״Rate der Nationen“ können die moralisehen Voraussetzungen geschaffen werden, um in konstruktiver und großzügiger Weise der Judenfrage an den Leib zu rücken. Man Kann also nichts dagegen ein wenden, wenn die ßeschäftigung mit Juden und Judentum in ernsten Körperschaften sozusagen Mode geworden ist. Aber der leidenden Brust des gequälten Juden muß sich der Ausruf: ״Weh uns, wir sind Mode geworden!“ entringen, wenn er verurteilt ist, in Paris Zeitgenösse all dessen zu sein, was in den letzten Monaten rund um die Judenfrage salbungsvoll und sentimental, romantisch und pseudowissenschaftlich, politisch und soziologisch, in Wort, Bild, im Kino und Theater, in Flugschriften und Sondcrausgaben, in Sammelbüchern und Apologien gesagt, geschrieben, gezeigt und zu Gehör gebracht wurde. Die Tragikomödie begann mit der sentimentalen Periode. Gutgemeintes Mitleid vvurde in vielfältigsten Varianten in den Kultur- und Unkultursprachen der Welt wiederholt. Alles war auf Nervenkitzel und Tränendrüsen berechnet■ Vom rührseligen Schlager aut Oramnioplionplatten bis zu Kinderbiidnisscn wurden alle Register gezogen, um das Mitleid für die ״armen Juden“ zu erwecken und wachzuhalten. Die Titel dieser Erzeugnisse lauten: ״Auf der Wanderung“, ״Von Haus und Hof gejagt“. ״Die Flucht ins Ungewisse“ usw- Dann folgte die romantisch-apologetische Periode. Diese kam in Versammlungen, in Pamphleten und Sammelschriffen zum Ausdruck. Man attestierte uns alle möglichen Tugenden. Vom ,,Salz der Erde“ über ״Wiege der Moral“, ״Pfeiler der Gesittung“, ״Lazarus der Menschheit“, ״Avant- Garde des Fortschrittes“ und ״Volk der Bibel“ bis zum ״Ban״ nerträger der CioUesidee“ blieb uns nichts erspart. Edle Männer und Frauen, von keinerlei Wissen in jüdischen Dingen belastet und ohne geringste Fälligkeit, etwas Tatsächliches und Weserrtlichcs zu einer verständnisvollen Lösung der jüdischen Not beizutragen, traten in Versninnihmgssälen und auf Kanzeln auf, um ihre Stimme zu dem aktuellen Problem ״jüdische Not“ vernehmen zu lassen. Fis liegt mir nichts ferner, als die guten Intentionen dieser Personen irgendwie geringzuschätzen. Im Gegenteil: Worte des Mitgefühls, des Trostes und der Alterkenmung sind zweifellos Labsal für unglückliche Menschen. Aber man darf den realen Wett derartiger öffentlicher Zurschau- Stellung ailmenschlicher Verbundenheit und des öffentlichen Gewissens nicht überschätzen. Doch kann man auch, diese Periode ruhig über sich ergehen lassen, denn die Sentimentalen, Romantiker und Apologeten sind anständige Leute und wollen von einem gar nichts. Sie haben ein gutes Herz, sind mitunter auch bereit, etwas für uns zu tun. Allerdings nicht viel, denn sie haben eigene Sorgen — Gott lohne ihnen ihre Gesinnungen, Worte und Taten. Schlimm jedoch sind all diejenigen, die die M 0 d e zur Kon j u n k tur machen, und solche gibt es in Hülle und Fülle. Da sind in erster Linie die Sonderausgaben illustrierter Zeitschriften 7u erwähnen, in denen neben den verschiedenen Ritualgegenständen aus allen Jahrhunderten, Tallessim, Teffilin, Mesusbf, Menorotl! auch Klagemauer und Titushogen, weißbärtige Wunderrabbiner, Talmudbarhurini und Judenviertel, der Marktplatz in Lapajowka und Bilder der zaristischen Pogrome abgebildet sind. Alles Tiefdruck, Photoniontage, Preis 12 Eres. Dann folgen die Reportagen. Gerissene Reporter sudeln Blech ztisammen, versehen das Ganze mit einem Reißcrtitcl. Bauchbinde drüber, mit schreiender Inschrift. Preis gleichfalls 12 Frcs. Plötzlich erscheinen auf der Leinwand längst begrabene Filme: das ulie |u lenmdchtn. dis sich in Rußland die gelbe Karte der Prostituierten verschafft, um den in Petersburg unschuldig 1m Gefängnis schmachtenden Vater besuchen 711 können. Als Jüdin darf sie nämlich nicht in die für Juden verschlossene Hauptstadt rinreisen, es sei denn, sie tut es mit dein gelben Schein, dem Ausweis der Schande. Der billigste Platz zum Eintritt ins Kino 10 Frcs. In den Theatern werden Judenschauspiele aufgefiilirt; jüdische Chöre sind modern; auch in der Oper gibt es eine romantisch-sentimentale jüdische Angelegenheit. Lud dann die .,ernsten“ Sachen: Botaniker und Zoologen, Kinostars und Boxcrchampiotis äußern sich, von Journa¬ Emile Meyersöns Philosophie Mit Emile_ Meverson, der vor wenigen Tagen dahingegangen ist, ist ein großer jüdischer Philosoph gestorben, ein Mann, der zwei Extreme in sich vereinigte, die sich in der letzten Phase der Philosophie mehr und mehr voneinander zu entfernen scheinen: auf der einen Seite eine überaus gründliehe und fundierte Kenntnis der Naturwissenschaften und einen genialen Spürsinn in bezug auf das, xvas eine naturwissenschaftliche Theorie will und kann, auf der anderen Seite eine Kraft der philosophischen Spekulation, die es verhinderte, daß die Onentierung an der Naturwissenschaft die Philosophie zur bloßen Dienerin der Naturwissenschaft machte. Meyersöns Werke (״Idenfitö: et reaiitd“: ״De l’explication daus les Sciences“; ״La deduefion relativste“; ״Du cheminement de la pensee“) sind im Grunde alle auf einen dramalischen Konflikt eingestellt, den Meycrson in der Wissen- Schaft entdeckt hat und dem er nun in allen seinen Verzweigungen nachging: den Konflikt zwischen der Tendenz, der Erklärung, die alles daran setzte, Verschiedenheit auf Identität zurtickzuführen, Unbekanntes durch Bekanntes zu ersetzen und uns so, der Natur gegenüber, das Staunen abzugewöhnen, und andererseits die Tendenz, die Realität in die Wissenschaft einzufangen, wie sic ist, in, ihrer unmittelbaren unverfälschten Wirklichkeit. Dieses treue Erfassen will alle Wissenschaft, aber indem sie erklärt, auf Bekanntes zuruckführt, entfernt sie sich mit eben den Mitteln, mit denen sie sich der Wirklichkeit bemächtigen wollte, unweigerlich von ihrem Ziele. Der Titel seines großen Werkes ״identitat und Wirklichkeit“ spricht die beiden Tendenzen aus, deren dramatischen Konflikt Meyerson dargelegt hat. Id en tit ä t: Sie hat in der Geschichte der Wissenschaft ihre lange Historie, die mit den griechischen Eleaten ins Lieht der Bewußtheit tritt. Alles Geschehen ist Schein. Es gibt kein Werden; im Grunde bleibt alles dasselbe. Alle Veränderung ist Trug, der Philosoph zeigt, wie hinter der Veränderung alles unverändert bleibt. Den Philosophen löst dann der Natur- Wissenschaftler ab. Lukrez spricht das Geheimnis aus: Eadem sunt omnia senvper. Alles bleibt Immer dasselbe. Meyerson verfolgt diese Tendenz in allen ihren Verkleidungen. Das Kausalgesetz vor allem ist nichts anderes als das Bestreben, zu zeigen, daß die Wirkung schon in der Ursache da war Alle Wirkung soll bloße Veränderung in der Zusammenstellang von in sich unveränderlichen Elementen sein. Jede chemische Formel bemüht sich zu zeigen, daß die Bestandteile in der Verbindung fortdauern, Wasser zum Beispiel noch immer aus dem Wasserstoff und Sauerstoff besteht, die es erzeugten. Die Descartessche Physik ist dn grandioser Verjüdische rijvd listen aufgespürt, zur Judcnfragc. Sie tun das vom allgemeinen und von ihrem speziellen Benifsstandpunkt. Die Lektüre derartiger Stimmen, der ״führenden Menschen“, bereitet viel Vergütigen und kostet nur '25 Frcs. Aber auch das muß man über sich ergehen lassen, denn es ist nur Einleitung zu einem weiteren Stadium, in dem einigen Menschen doch der Ernst der Sache aufzugelien beginnt. Leon Daudet sprklTi über die Judenfrage. Er reitet hierbei sein altes Steckenpferd, daß Dreyfuß doch schuldig sei, und hat im übrigen nichts dagegen, daß man schöne Jüdinnen heiratet. Und nun erst kommen die wirklich ernsten Menschen zu Wort. In den großen Zeitschriften beginnt man das Judenproblem historisch, soziologisch und politisch zu untersuchen. Man tut es, soweit das überhaupt möglich ist, objektiv und von höherer Warte. Wenn man all diese Aufsätze und Betrachtungen verfolgt, so gewinnt man -den Eindruck, daß sich tatsächlieh etwas vorbereitet, was eigentlich schon längst hätte erkannt werden müssen, nämlich daß es überall, wo Juden in beträchtlicher Anzahl leben, einejude 11 fragegibt. Freunde aus anderen Ländern, die Paris passieren, erzählen mir von ihren Beobachtungen in ihrer Heimat. Auch dort ist eine ähnliche Entwicklung zu verzeichnen gewesen wie ich sie, in kurzen Strichen, für Frankreich gegeben habe. Uebcrall spricht man von uns Juden, überall steht die Judenfrage auf der Tagesordnung. Wir sind ״Mode“ geworden. Man spricht von uns, man erzählt von uns Gutes und Schlechtes. Wir haben sehr viel Geschichte. Wahrhaft tugendsain die Frau, von der man keine Geschichten zu erzählen weiß, und glücklich das Volk, mit dem mau sich nicht immer wieder beschäftigt und dessen Erlebnisse nicht modisches Tagesgespräch sind! * Und nun die Lage der nach Frankreich verschlagenen Juden selbst! Mehrere Pariser Zeitungen vom 26. Dezember brachten eine gleichlautende Nachricht des Inhaltes, daß die Gerüchte den Tatsachen nicht entsprechen, als ob •das ״Nationale französische Hilfskomitee für die Auswanderer aus Deutschland“ die Absicht hätte, die ״Kasern en“ z u I i u u i d i e r e n. Derartige Erwägungen fänden, mit Rücksicht auf die Lage der in den Kasernen Untergebrachten, keinen Raum im Schoße des Comitö Nationale. Auch sei es nicht richtig, daß dieses Comitd eine unmittelbare Einstellung seiner Hilfstätigkeit ins Auge gefaßt hätte. Es bestehe die begründete Hoffnung, daß es geliiigen werde, die charitativen Aufgaben bis zum Frühling zu erfüllen. Was dann geschehen werde, lasse sich gegenwärtig nicht sagen. Die Kasernen bleiben also erhalten. In ihnen sind jetzt ׳ungefähr 850 jüngere Emigranten aus Deutschland untergabracht. Man schreibt ״untergebracht“, weil die Sprache leider in sehr vielen Fallen für verschiedene Zustände nur einen einzigen Ausdruck zur Verfügung hat. Man könnte besser sagen, interniert oder zusammengepfercht oder aus den Augen gestoßen, damit die Unglücklichen einem nicht das Herz brechen, ln diesem Jahre hatte Paris zu allem Unglück noch einen sehr strengen Frühwinter. Die in Frage kommenden Kasernen stammen aus dem ersten Kriegsjahre, in dem sie rasch gezimmert wurden, um eine Notbesatzung aufzunehmen. Jahre hindurch waren sie unbenutzt und dementsprechend verwahrlost. Nun dienen sie als Asyl für junge Menschen, die beschäftigungs- und ausweglos in Paris ein Obdach gesucht haben. Die jungen Leute haben alles mögliche getan, um die ihnen zugewiesenen Baracken wohnlich zu machen. Aber es fehlte an allem und jedem. Es ist sehr schwer, große Geineinschaftsräume richtig zu-erwärmen. -Als •Bettstatt dienten--gerade-•in -den kältesten Tagen die Fliesen, auf die man Decken und Streu gelegt hatte. Es war eine Riesenaufgabe, auch mir für die primitivste Hygiene zu sorgen. Doch macht Not erfinderisch, und die jungen Mensehen verstanden es sogar, während der Chan ukkah tage ihre Kasernen für die Abhaltung von Feiern festlich im Lichterglanz lieraiiszuputzen. Man muß also allen Ernstes froh sein, daß wenigstens den Winter hindurch die Kasernen für die Flüchtlinge erhalten bleiben. Daß diese ״Kasernenwirtschaft“ jedoch kein Dauerzustand bleiben kann, wissen die Hilfsgesellschaften und vor allem die Kasernierten selbst. Wir haben in einem früheren Berichte von den Bestrebungen Mitteilung gemacht, die aus der Mitte der Auswanderer selbst gekommen sind, und dahin zielen, den Aufenthalt in Paris und in Frankreich zu einer beruflichen Um- Schichtung auszunützen. Wir konnten mitteiien, daß dieser auf manuelle Betätigung gerichtete Drang sehr stark ist und fast alle Altersklassen umfaßt. Doch liegt zwischen Absicht und Verwirklichung ein weiter Weg, der durch große objektive und auch subjektive Schwierigkeiten gekennzeichnet ist. Ein ansuch, die Physik ganz und gar auf Identität zurückzuführen: den Körpern werden alle Eigenschaften genommen, sie sind nur ein Stück Raum von bestimmter Gestalt, das beweglich ist; also können an ihnen keine Veränderungen der Eigenschaften mehr Vorkommen. Alles bleibt in dieser Welt gleich. Die Erhaltungsgesetze der Physik und Chemie — Gesetz der Er• haltung der Materie, der Energie, des Impulses usvv. — dienen derselben Identitätstendenz. Meyerson zeigt, daß die Erf a 11 r u 11 g s grtindlagen dieser Sätze viel schwächer sind als die Festigkeit, mit der wir an sie glauben und die Sicherheit, mit der die Wissenschaft sie ausspricht Diese Gesetze kommen eben unserem Bedürfnis entgegen, sie sind uns Von vornherein plausibel, weil die Tendenz nach Identität des Bleibenden und sich Erhaltenden, nach Wegleugnung aller Veränderung aus ihnen spricht, Ihren Triumph feiert diese Tendenz in der Relativitätstheorie, der Meyerson ein besonderes Buch gewidmet hat. Die Zeit wird da zur vierten R ב u m dimensiott. Es gibt kein zeitliches Geschehen, die Zeit ist, wie Jeans schön sagt, zu einer Zeitlandschaft erstarrt, Vergangenheit und Zukunft nur mehr durch ein Vorzeichen unterschieden, wie rechts und links im Raum. Das Geschehen ist ungeschehen gemacht. Wirklichkeit: Diese Tendenz unseres Verstandes nach Identität, nach eleatischer Ruhe bricht sich an der Realität selbst. Die Welt ist nicht Wiederkehr des Gleichen, es gibt Schöpfung,־Veränderung, Neuwerden. Man erinnert sich an ßubers ״Drei Reden über das Judentum“, wo Buber die dynamische Tattendenz als eine der drei Charakteristiken des Juden hingestellt hat: ״Der Jude ist mehr motorisch als sensorisch veranlagt: sein Bewegungssystem arbeitet intensiver als sein Sinnensystem.“ Der Jude will nichts wissen von eleatischer Ruhe. Er glaubt an die Wirklichkeit des Geschehens. Es ist etwas von_ dieser dynamischen Tendenz darin, wenn Meyerson — hierin dem von ganz anderen Voraussetzungen kommenden Bergson verwandt ~~ die Grenzen des Identitätsstrebens in •der Naturwissenschaft darlegt. Jene Zeit der relativitätstheoretischen ״Zeitlandschaft“ ist umkehrbar. Man fährt sozusagen von der Zukunft in die Vergangenheit genau so wie von der Vergangenheit 111 die Zukunft. Meyerson zeigt, daß diese Auffassung der Zeit ihre Grenzen hat — sie kommen im En tro pi e - Prinzip zum Ausdruck: der Weltprozeß strebt einem Ende zu. Der jüdisch-französische Philosoph L 6 o n Bruns chwlcg hat von Meverson gesagt, Sadi Carnot, der Entdecker des Entropie-Prinzips, sei Meyersöns eigentlicher Held. Ist es zu kühn, zu behaupten, daß noch in Meyersöns Kampf für das Entropie-Prinzip und gefjen die Versuche, es umzudeuten, zu verleugnen und durch ein Hintertürchen doch wieder das eleatische Prinzip des Nichtgeschehens einzuführen, das jüdische Pathos des schauliches Bild der Situation gewann inan in einem Vortragsabend, den die hauptsächlich aus deutschen Zionisten bestehende Gruppe ״Ost und West“ vor einigen Tagen über das Thema ״U mschichtun gs- und Erziehungsfragen“ veranstaltet hat. Referent war Rechtsanwalt Walter Schwarz aus Berlin, der sich seit Monaten intensiv mit dem Problem der Umschichtung der aus Deutschland gekommenen Emigranten im Rahmen einer Organisation, die neben dem Hechaluz tätig ist, beschäftigt. Der Referent sprach auf Orund eines sehr reichen Tatsachenmaterials. Er hob mit besonderer Befriedigung die Bereitschaft verschiedener Kreise, nicht zuletzt nichtjüdischer Lch/herren, hervor, die jungen Menschen als Arbeiter und Lehrlinge aufzunehmen, konnte jedoch nicht an den Schwierigkeiten vorübergehen, die seitens der Verwaltungsbehörden den Bestrebungen der Gesellschaft entgegengesetzt werden. Den Bemühungen, für jüdische Lehrlinge und Angestellte eine Carte dTdcutitl pour Travailleur (Identitätskarte als Arbeiter) zu bekommen, ist bisher kein Erfolg beschieden gewesen. Es ist fraglich, ob, in Anbetracht der herrschenden Krise auf dem Arbeitsmarkte, eine Aertderung in dieser Hinsicht eintreten wird. In handwerklichen, gewerblicher und Handelsberufen ist eine U n!erbring u ngvon A rb e i t sanwärtern außerordentlich schwer. Eine rühmliehe Ausnahme stellt die Landwirtschaft dar. Aber auch hier ist jeder Fall individuell gelagert. Im allgemeinen arbeitet der französische Bauer ohne Lohnknechte. Wenn er jedoch irgend- ־wie ideologisch beeinflußt wird, d. 11. charitativen Neigungen nachgibt und hierbei gute Erfahrungen macht, dann wird das von ihm gegebene Beispiel von den Nachbarn nachgeahmt. So kann es unter Umständen gelingen, in einem einzigen Dorfe 30 junge Juden der landwirtschaftlichen Arbeit zuzuführen, während Versuche in anderen Gegenden ein vollkommen negatives Ergebnis haben. Eigentümlich ist, daß in manchen Strichen die jungen jüdischen Emigranten wegen ihrer ״deutschen Herkunft“ abgelehnt werden. Im Elsaß hingegen mag man sie nicht wegen ihrerjüdischen Abstamniung. Es war rin ernstes und belehrendes Bild, das vom Refereuten auf dem Ausspracheabend gezeichnet wurde. In der Diskussion erfuhr man manche Einzelheit, die zu denken gibt. So z. B. daß an der juristischen Fakultät der Sorbonne in diesem Semester 200 jüdische Studenten aus Deutschland inskribiert sind. Man fragt sich, was aus diesen Nationalökonomen, Völkerrechtlern und allgemeinen Juristen werden wird, wenn sie ihr Studium absolviert haben. Es steht noch eine große Arbeit bevor, um gerade dieses zukünftige ״geistige Proletariat“ beizeiten zu einer radikalen Um- Stellung in beruflicher Hinsicht zu veranlassen. Die bisher unternommenen schüchternen Versuche in dieser Richtung versprechen jedoch wenig Erfolg. Das Fazit der eingehenden Aussprache war: Allen jungen jüdischen Menschen, die sich noch ln Deutsch- ]and befinden, wird auf Grund eingehender Erfahrung der Rat erteilt, an ihrer Absicht sich umzuschichten, festzuhalten und diese Absicht i n Deutschland selbst durehzuführen. Man wird Mittel und Wege suchen müssen, um die großen jüdischen Organisationen zu veranlassen, Subsidien, welche sie den außerhalb Deutschlands befindlichen jungen jüdischen Menschen zum Zwecke der Berufsausbildung zur Verfiigting stellen, auch den in Deutschland verbliebe• 11 e n zu gewähren. Denn trotz aller vorhandenen Schwierigkelten dürfte cs letzten Endes in Deutschland selbst leichter und aussichtsreicher sein, die große Umschichtungsbewegung, von der die jüdische Jugend, instinktsicher und unter dem Drucke der Notwendigkeit, ergriffen ist, in Taten umzusetzen. Zumindest sieht eines fest: Frankreich ist k e i n geeignetes Land für die Umschichtung junger jüdischer Menschen außerhalb der Landwirtschaft. Der Gründe hierfür sind viele. Nicht zuletzt spielt dabei eine Rolle, daß die französische Republik seit 16 Jahren bereits zum vierten Male Ziel einer Emigration ist. Nach der russischen, italienischen und spanischen ist die letzte die jüdische aus Deutschland. Und wer zuletzt kommt, hat «r• fahrungsgemäß die schlechtesten Chancen. Die amerikanische Regierung hat eine halbe MiUion Dollai zu Umschichtungszwecken für jüdisch• Ar• beit sl ose, die hauptsächlich aus dem Schneidergewerbe kommen, als Anleihe zur Verfügung gestellt. Mit Hilfe der Anleihe sollen 2ÖD jüdische Familien in Monmouth Gountry, New Jersey, angesiedelt werden. Willens zum Ende dieser Welt und zur Erlösung einen ra> haltenen und disziplinierten und doch deutlichen Ausdruck fand? Wie immer dem sei, Meyerson ist — mit aller Ehrfurcht, die er vor den ״plausiblen“ Prinzipien der Identität hat, der Ritter der ״Realität": er zeigt, wie die Einsinnigkeit und Nichtumkehrbarkeit der wirklichen Zeit nicht nur in_ der Physik, sondern auch in der Biologie dem kausalen Identitätsbestreben eine Schranke setzt, trotzdem sich gleich den Physikern auch die Biologen bemühen, das Auftreten von Neuem in der Entwicklung wegzuerklären und zu beweisen! ״cs gibt kein Werden“ (Haller). Es gibt aber ein WerdenI Wir wissen nicht, wo die Analogie zwischen dem umkehrbaren Mechanismus und der nichtumkehrbaren, einmaligen Welt aufhört; wir wissen nur. daß sie irgendwo aufhört. Zu Ende geführt, hebt sich die alles zur Ruhe bannende Wissenschaft selbst auf. Sie würde alles in qualitätslose Räume und Zeiten auflösen, damit würden aber auch Raum und Zeit sinnlos werden und der Schluß wäre: nichts existiert. Aber die Natur existiert, und ihre Existenz beweist, daß sich das Geschehen nicht gänzlich wegerklären läßt. ״Nehmen wir einen Augenblick lang an, daß die Wissenschaft dem Kausalprinzip zu vollem Triumph verhelfen könnte: Vorgänger und Nachfolger im Geschehen, Ursache und Wirkung würden sich vermischen und würden ununterscheidbar, gleichzeitig; die Welt wäre ewig unverändert, ihr Lauf zum Stillstand gebracht. Aber wenn nichts mehr geschieht, gäbe es keine Ursachen mehr. Das Prinzip der Kausalität, zu Ende durchgeführt, ist die Aufhebung aller Ursachen.“ Die Idee eines vollständigen Sieges der erklärenden Vernunft, einer vollständigen Auflösung aller Verschiedenheit in Identität, ist selbst unvernünftig. Meyerson verfolgt mit besonderer Liebe die ״ketzertsehen“ Theorien, die eben auf die Nkhtidentität aufgebaut sind, di« die Eigenschaften der Welt nicht in Bewegungen cigenschaftsloser Raumstücke verwandeln, sondern die Eigensenaften als Erklärungsijrinzipien beibehalten wollen und sich den wirklichen Erscheinungen möglichst anschmieg• en. Er zeigt, wie in der orthodoxen Wissenschaft selbst wider■ spruchsvolie Begriffsbildungen nötig werden ^Widersprüchi im Begriffe des Aefhers; Widersprüche im Begriffe des Elektrons usw,). Die eleatische Tendenz hat ihre großen Sieger in der Naturwissenschaft, wo sie nicht allumfassend werden will. Will sie alles beherrschen, so zerbricht sie, ■das zeigen, jene widerspruchsvollen Begriffsbildungeii, das zeigen vor allem die bis zu Ende gedachten philosophischen Systeme. Meyerson selbst wollte kein System geben: *r selbst sprach davon, seine Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte