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Jüdische Rundschau · 1933-12-29 · Heft 103-104 (29.12.1933) · p. Seite 1023

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 103-104 (29.12.1933)
Date
1933-12-29
Page
Seite 1023 (sequence 1)
Language
German
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Beilagen: Kindcr~Rund$cha.u / Sport / Hebr. Femtmferrichi Doppelnummer M, 0,40 JÜDISCHE RUNDSCHAU EncJieint jeden Dienstag und Freitag. Bezugepreie bei der Expedition monatlich ל-" KM, vierteljährlich 5,75 HM. Bei Nichterscheinen Wahrung de! einzelnen Lander berechnet- Anzeigenpreis: Achtgawpaltene Millimeter- »•II» 0,30 RM. St.U.ne״uch» 0,15 RM^iim-1 •Anr.lRen nur *־B«n Voraumhlun* Redaktion, Verlag und Anzeigen -Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m. b. H., Berlin W15, Meinekestr.10. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70. Anielgen Ann.hn,.: Mob..* bi. Fr.it.* von 9-3Uhr. Ao1.le0n.cHu8: Dion.״* Nummer: Fr.i״K n.chmitug. 3Uhr Aus dem Inhalt: Wir sind große Mode (Pariser land (Engl.-jüd. Reisebriefe II) — Glaube und Heimat - Emile Meyerson - Habimah - Premiere - Bibel und Bodenreform - Die Glocken von Bethlehem Nummer 103/lOf/J Berlin, 29. XII. 1933 RedaktionsschluS Sonntag und Mi ttwoch nachmittag. י״א טבת תרצ״ד | xxxvm. jahrg. Dar tlonlswm eritrebt fOr da■ lüdlache Volk tfle SthrHung alwar öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.* Jahresbilanz eines deutschen Juden Wenn wir als Juden am Ende dieses nie zu ver- .gessenden Jahres 1933 überschauen, was es uns an Segen und Unheil gebracht hat, so liegt es in der Natur der Sache, daß dieser Ueberblick mit ganz andcren Gefühlen erfolgt als der des deutschen Volkes, in dessen Mitte wir wohnen. Der radikale Umschwung, der in Deutschland geschah, bestand nicht in seinem unwesentlichsten Teile ja gerade darin, daß alles das, was man im deutschen Leben als jüdische Einmischung, jüdischen Uebergriff, jüdische Vorherrschaft empfand, bcseitigt wurde; die seelische Erneuerung des deutschen Volkes war verbunden mit der völligen Lossagung von allem jüdischen Wesen und dem, was als solches angcsehen wurde. Daß alle die damit verbundenen Maßnahmen uns Juden schwere Prüfungen und Verluste auferlegt haben, ist als menschliche Tragik auch von hervorragender nationalsozialistischer Seite öfters betont worden. Es gilt nun der — in der Praxis nicht voll durchgeführte — Grundsatz, daß die Juden in Deutschland aus allen öffentlichen und halböffentlichen Funktionen zu entfernen sind; hierzu rechnet der totale Staat, der jedes Lebensgebiet seiner Weltanschauung und seiner Aufsicht unterstellt, auch Berufe wie die des Arztes, des Anwalts, des Journalisten, Berufe, die eine lässigere liberale Epoche als ״freie“ Berufe glaubte kennzeichnen zu dürfen. Die Ausnahmen, die man anerkannte (Frontkämpfereigenschaft, Berufstätigkeit vor 1914), greifen nur in die Vergangenheit und erledigen sich autoinatisch mit dein Ablauf der Zeit. Belassen wurde den Juden die wirtschaftliche Tätigkeit, aber auch hier drängten manche Faktoren auf Einschränkungen, und ferner sind manche Gebiete, an denen die Juden starken Anteil haben (Bank, Warenhaus) nicht unbestritten. Wir Juden haben uns mit diesen Ereignissen und ihren Wirkungen nicht nur praktisch (durch Hilfeleistung an die Betroffenen, durch Umschulung usw.), sondern auch geistig auseinanderzusetzen. Denn sie sind, auch nach dem Willen ihrer Urheber, keine bloße Wiederholung der Katastrophen, die das Judentum in früheren Zeitaltern trafen. Ihr theoretisches Fun dament ist neu. Die Rassentheorie mit allen ihren Konsequenzen hat hier den ersten Einlaß in politische Praxis gefunden; sie bietet gegenüber dem Antisemitismus früherer Zeiten, der religiös oder sozialethisch (״Juden als Wucherer“ usw.) motiviert war, für uns Juden neue und schwerste Probleme. Zum ersten Male wird hiermit der Ausschließungsgrund nicht in Handlungen oder Eigenschaften, sondern in biologischen Tatsachen erblickt, auf die der Wille der Betroffenen keinerlei Einfluß hat. Die Leistungen, ja auch die Verfehlungen des Einzelnen spielen dabei keine Rolle; die Zugehörigkeit zu einer Menschenart, die als fremd, als schädlich und sehr oft auch als minderwertig beurteilt wird (wenn sich auch auf deutscher Seite die Stimmen mehren, die jedes Werturteil aus der Auseinander- Setzung zwischen Deutschtum und Judentum ausgeschlossen sehen wollen), diese Zugehörigkeit allein gibt die Entscheidung. Damit ist der Antisemitismus auf seinen irrationalen und irreduzierbaren Kern zurückgeführt: auf die instinktive und überall auftretende Abwehrreaktion einer sich als einheitlich empfindenden Bevölkerung gegen eine Menschengruppe mit wesentlich verschiedener religiöser oder sozialer Haltung oder körperlichen Merkmalen, die nicht in klarer Scheidung von;ihr und ihren Angelegenheiten lebt. Derartige kollektive Ablehnungen gibt es zu allen Zeiten und an allen Orten; daß sie gerade gegenüber den deutschen Juden diese furchtbaren Dimensionen angenommen hat, erklärt sich aus der Engheit des Zusammenlebens und aus der Tiefe der —׳ von vielen Juden so gerne geleugneten —- Wesens-Verschiedenheiten. Daß allerdings eine Gesetzgebung sich zum Ausdruck und Vollstrecker dieser 11rsprünglichen Abwehr gemacht hat, während man seit mehr als einem Jahrhundert sich überall das Ziel zu setzen pflegte, sie zu unterdrücken, das ist das gruiidsätzlich Neue. Hierin dokumentiert sich für uns Juden in Mittel- und Osteuropa das Ende der liberalen Epoche, der wir die Emanzipation verdanken. Zwar ist nicht gesagt, daß eine antiliberale Regierungsform notwendig auch antisemitisch sein müsse — der Faschismus ist es bekanntlich in keiner Weise und auch das Pilsudski- Regime in Polen nicht aber wenn antisemitische Die hier veröffentlichten Ausführungen, die uns von einem neu gewonnenen Freunde zugehen, zeigen die seelische Wandlung, die das deutsche Judentum unter dem Eindruck der Ereignisse von 1933 durchgemacht hat. Wir glauben, daß weile Kreise der deutschen Juden heute fähig sind, zu erkennen, daß dieses Schicksalsjahr einen Anstoß zu innerer jüdischer Aufrichtung und damit auch zur Verbesserung der Bcziehungen zwischen Juden und Nichtjuden gehen kann. Wir verhehlen uns nicht, daß es hierzu noch eines sehr eindringlichen Erziehungswerkes hedarf. Die ״Jüdische Rundschau“, die mit dieser Nummer ihren Jahrgang ahschließt, wird auch im künftigen Jahre ihre Hauptaufgabe darin sehen, an dieser jüdischen Erziehung milzuwirken, die fruchtbaren, oft tief in uns vorschütteten jüdischen Kräfte zu erwecken und zu beleben, und im Bewußtsein unserer tiefen gcschick!liehen Verpflichtung und Verantwortung, aber auch mit klarem Blick für alle in uns und außer uns liegenden Realitäten, einen Weg in eine bessere Zukunft zu suchen. Red. Tendenzen vorliegen, so finden sie jedenfalls nicht mehr die Hemmungen, die die liberale Anschauung von den gleichen Rechten eines Bürgers (nicht der ״Gleichheit aller Menschen“, wie jetzt vielfach behauptet wird) ihnen bereiteten. Damit ist natürlich zugleich die Möglichkeit vergrößert, daß die deutsche Rassengesetzgebung in anderen Ländern mehr oder minder getreu kopiert wird; vor allen! scheint die Neigung dazu in Oesterreich auch bei der regierenden christlich-sozialen Partei nicht gering zu sein. Zum anderen besteht die Gefahr, daß die deutsch-jüdischen Emigranten in ihren neuen Wohnsitzen, wo sie, wenn es ihnen gut geht als Konkurrenz, wenn es ihnen schlecht geht, als Wirtschaftliehe Belastung empfunden werden, antisemitische Stirnniungen hervorrufen, auch wenn sie dort bisher so gut wie gar nicht vorhanden waren. In dieser Situation, in der wir am Ende des Jahres 1933 stehen, ist es für uns von geringem praktischen Wert, daß wir glauben, überall dort, wo substanziierte Anklagen gegen uns als Gemeinschaft erhoben worden sind, mit gutem Gewissen bestehen zu können. Daß eine Anzahl von Juden sich in der Politik und Literatur unerfreulich bemerkbar machten, daß im Mittelpunkt einiger widerlicher Korruptionsskandale jüdische Namen standen, ist von uns niemals bestritten worden. Aber aus diesen Erscheinungen als solchen, die gerade wir zu bedauern allen Anlaß haben, erklärt sich in keiner Weise, warum eine ganze Gemeinschaft kollektiv für sie haftbar gemacht werden muß, warum wir iin Gegensatz zu allen anderen Nationen grundsätzlich nur nach dein Auswurf unserer Gemeinschaft beurteilt werden und warum alle die positiven Leistungen nichts wiegen, die wir glauben uns zurcchnen zu dürfen. Das. Verdikt, das über das Judentum als solches gesprochen worden ist, ist eben nicht aus einer Summe von Einzelwahrsprüchen entstanden, auch wenn es hier und da so begründet werden mag. In Wahrheit ist es von ihnen unabhängig und — mindestens ideell — vor ihnen vorbanden. Daß das deutsche Judentum i;1 seiner Gesamtheit bei nüchterner Abwägung von Verdienst und Schuld keine Prüfung zu scheuen hätte, das ist eine Ueberzcugütig, deren subjektive Berechtigung uns auch unsere unversöhnlichsten Gegner nicht bestreiten werden. Das braucht nichts daran zu ändern, daß aus dem Zusammentreffen zweier verschiedener Völkerindividualitäten neben manchen fruchtbaren Ergänzungen auch viele Reibungen, Mißldärige und Schlimmeres entstehen kann — für beide Teile. Denn es ist zwar nicht unser Amt, zu beurteilen, ab es für das deutsche Volk untragbar war, daß in Berlin ein großer Prozentsatz der Aerzte und Anwälte Juden oder Abkömmlinge von Juden waren, aber wir müssen von unserem Standpunkt aus feststellen, daß die Zusammendrängung der Juden auf ganz wenige bürgerliche Berufe auch für uns höchst bedenkliche Wirkungen haben mußte, ganz abgesehen von der Reaktion unserer deutsehen Umgebung. Es muß zu einer ungesunden Auslese führen, wenn Generationen lang■ der Nachwuchs einer Gemeinschaft sich lediglich vor eine Auswahl von vier oder fünf Berufen gestellt sieht, Berufen, die sämtlich nur eine höchst einseitige Zusammenstellung von Eigenschaften und Tugenden erforderten. Einem Volk, das sich aus Aerzten und Journalisten, Anwälten und Kaufleuten, Wissenschaftlern und Angestellten zusammensetzte, fehlt die soziale B a s i s. Es mag, gerade hei der einseitigen Züchtung sozialer Eigenschaften, imierha'b seiner Sphäre Außerordentliches leisten, mul es bieibt doch unvoliständig, es mangeln ihm doch eine grobe Anzahl der Kräfte und Fälligkeiten, die es bedurfte, um der Härte des Lebens gewachsen zu sein, die es erst kennen lernt, wenn die jahrzehntelang gehegte Illusion der bürgerlichen Geborgenheit plötzlich zerfällt. Man braucht bloß daran zu denken, daß im deutschen Judentum schon seit geraumer Zeit die (ieb u r t e!1 z i f f e r w eit u n t e r der Zahl der Todesfälle lag, daß es also mit mathematischer Sicherheit zum Aussterben verurteilt war, um jeden Einwand des verletzten Selbstgefühls gegen diese bitteren Feststellungen niedcr/uhaltcn. Daß sich außer diesen äußeren Anzeichen auch andere subtilere Symptome für die ungesunden Wirkungen der einseitigen Auslese erkennen lassen, ist ernstlich nicht zu bestreiten. Die Sehnsucht nach dem Wiedergewinn der ohne Schuld verlorenen sozialen Totalität ist denn auch — vor allem in der jüdischen Jugend — seit langem sehr lebendig gewesen; aber alle die selbstlosen und tapferen Versuche ztir Rückkehr aufs Land, zum Erwerb bandwerküchen Könnens usw. waren mir im Zusammenhang mit der P a 1 ä s t i n a -1 d e e fruchtbar, blieben aber sonst isoliert und so gut wie wirkungslos, solange der Bequemlichkeit alle Möglichkeiten zur Fortsetzung der gewohnten scheinsicheren und scheiiiruliigcn Existenz weiterhin offen standen. Die kommende jüdische Generation wird, wenn sie in Deutschland bleibt, eine noch schmalere Bads vorfinden, als ihre Väter in halbfreiwilliger Beschränkung einnalunen. Ihr bleibt, soweit sie nicht auswandert und vor allem in den Dienst des Palästina- Aufbaus tritt, praktisch kaum etwas anderes als der kaufmünnische Beruf; die Enge der Wahl bringt ähnliche Gefahren für die seelische Ausbildung wie sie die parasi* Lire Ghetto-Existenz bot, wenn nicht in demselben Grad, in dem sich der äußere Raum verengt, der innere sich erweitert. (iewiß lassen sieh plivsische Schäden nicht einfach durch psychische Gymnastik nusgleichen, aber es bleibt für die Zukunft des deutschen Judentums von entscheidender Wichtigkeit, daß es aus der Einsicht in die Unnatur seiner bisherigen Existenz den Willen und die Kraft gewinnt, sich nie wieder, auch wenn es in äußerlicher" Ruhe leben sollte, an die Halbheit eines solchen Lehens zu gewöhnen. Die Lehren von 1933 d ü r f cn n i c w i e d er vergessen werden. Mit dieser Betrachtung, und nur mit ihr, kann in den Ereignissen des Jahres 1933 für uns Juden auch ein Segen erblickt werden, — wenn wir die Kraft dazu haben. Das deutsche Judentum war in Auflösung; jetzt ist von außen her, und wahrhaftig gegen seinen Willen, ein Band um es gelegt worden, in dem cs keine brüchige Stelle gibt. Es gibt keine Möglichkeit zur Flucht, zur Mimikry; die Lückenlosigkeit der deutschen Gesetzgebung hat mit einer sehr heilsamen Härte jede Versuchung von vornherein unterdrückt, sich durch Charakterlosigkeit eine Vorzugsbehandlung zu erschlei־ dien. Es gibt’ keine ״Hofjuden“ und keine Marannen mehr. So sind wir zum Bewußtwerden unserer selbst gezwungen. Zehntausende unter uns haben in diesen Monaten die erste Bekanntschaft mit jüdischem Kulturgut gemacht, haben die längst vergessene Bibel wieder hcrvorgeholt, haben die Sprache ihrer Väter wieder zu erlernen begonnen. Zehntausende blicken mit Anteil und Hoffnung auf das in zäher Arbeit entstehende neue indische Zentrum in Palästina. Was hier spontan als Reaktion auf die äußeren und inneren Verluste geschah, muß Dauer gewinnen, muß erhalten und vertieft werden; denn hier liegen die Ansätze zu einer jüdischen Erneuerung, die allein dem deutschen Judentum die Kraft gebe״ kann, die Schwere seines Schicksals würdig zu überstellen. Wenn das geschieht, werden wir später einmal auf das Jahr 1933 zwar mit Schmerz, aber nicht ohne Stolz zurücksehen können. —hr.

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