Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 102 (22.12.1933)
- Date
- 1933-12-22
- Page
- Seite 1004 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2653725-2653825--24585-2687542- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 994 jüdische Rundschau Nr. 102, 22. XII. 1935 Palästina - Bilderbogen Von Dr. Albert Baer, Haifa Erste Folge i. Liftmemchen Nach einem aitei! englischen Sprichwort sind Erfahr«!!- gen eine Ware, die man nicht kaufen kann, ja man kann sie nicht einmal leihen, jeder muß sie von neuem durchmachen, und sie gelten nur für ihn. Die Wahrheit dieses englischen Sprichworts zeigt sich augenfällig an der Einwanderung aus Deutschland. Soviel man auch in unzähligen Briefen au Freunde und an Angehörige geschrieben hat, soviel auch in vielen Berichten niedergelegt und in Vorträgen gesagt wurde, soviel Erfahrungstatsachen auch ins Oaluth gemeldet wurden, hier drängt sich doch jeder neue Einwanderer förmlich danach, die schon gemachten Erfahrungen noch einmal an sich zu wiederholen. Mit dem Seufzer ״hätte ich doch..“ beendet er manches Kapitel der nun eigene״ Erfahrung, setzt sich hin und berichtet ins Cialutli, ohne daß es eine grobe Wirkung hat, und das Spiel beginnt von neuem. Einer der Hauptfalle hierfür ist der ״Lift“. Eine Einwanderung solcher Art, wie jetzt aus Deutschland, hat Palästina bisher noch nicht gesehen. Es kommen nicht nur Menschen, es kommen Möbel, Möbel, Möbel, alle verladen in den wohlbekannten Lifts, deren Trümmer vielfach auf den Bauplätzen von Haelar Hakannel stehen, mit den Aufschriften der deutschen Städte und den Namen der Spediteure, die sie verpackt haben; und ein palästinensisches Kind, das einen Spaziergang durch_ die Straßen macht, kann deutsche Geographie lernen, wobei es hoffentlich die Namen der Spediteure nicht mit den ihm al t r 1 ויt!11 י n 1 t 11 I ü so un Lift für u!1 Kolowichtiger׳.', als ihm in Europa /״gedacht wurde. Die Möbel sind wahrlich vieha■!1 iibert'iiis-ig, aber die Lifts dienen neuerdings als Wrk.mnNuIen, Anumarngen, Uiiterkunftshiitten, Baubuden und Aehnlivhes. Ein tirahger" Kopf hnt vorgeschlagen, Bav bringen um! d.miit für de:! Sommer billigst sich einen Woehtrien'daufeilt 11,alt sei-,affen sollen. So wird mit Lifts jetzt auch ein schwunghafter Handel getrieben und für 1-2 Pfund kann man die I lüili* seiner Möbel bereits an den Chauffeur seines Lastwagen, ius.-dilagen, denn nicht an jedem Haus — Und jeden Tag’ weniger - gibt es einen freien Platz, auf dem man ihn deponieren (oder' derHimpiiercn) kann. Der Volksmnnd 11 at bereits für den deutschen Einwanderer und seinen Lift eins Wort ״l.iftmcnsrlieii“ geprägt, in Variierung des früher von den deutschen Juden für die ,,armen östlichen Glaubensbri'nlcr“ gebrauchten Wortes ״Luftmenschen“. So Wenig die europäischen Möbel für das Land geeignet sind, was der Einwanderer früher 11 ic 11t geglaubt hat und, wie ge- Land *f »!י’diese'*!nvasi!)1!׳ von Li its' vorbereitet. *״In den Höfen von Jaffa und Haifa eihf es dafür keinen Platz, und sie verstopfen das Hafengelande. Mit jedem Lift, der neu ankommt. Begibt sich ’eine ganze Geschichte. In Haifa wird er, da im neuen I Ulfen keine Auslademöglichkeit besteht, in einem Boot in den alten Hafen gebracht und dort an der Kaimauer im Freien gelagert. So sieht man von den höher gelegenen Straßen der Stadt aus die Lifts in Massen im alten Hafen liegen. Auf eisernen Rollen wird er von 30 arabischen Trägern unter laufen! Rufen, nachdem er die Freizeit im 2011 abrelrtPert hat, ins Bondeci-Lnger überführt, wo er sich eben- Freien an!halte״ muH, da auch die Erbauer der iuser (Lagerhäuser) nicht mit dieser Invasion üfer gerechnet haben. Kommt nun der Tag heran, an Herr־des Lifts endlich eine Möglichkeit hat, in seine liming einzii/.iehen (siehe 2) und also den Lift in nehmen kann, so muß er ihn unten im Hafen ,ver- :en. Her Lift wird geöffnet und der Besitzer federt immer freudiges Wiedersehen mit seinen Möbeln, diesen za!!!reichen ,Manipulationen verständlich ist. ׳.unten H!!<1 außerordentlich neugierig und sehen ״.1 an. was in den einzelnen Kästen, Schubladen, Bch.di!lösen usw־. t■!iiliaiten ist. Sie gehen keinesfalls glimpflieh mit dt it! Br-ützuim des Einwanderers um. Sind endlich dir Zollformalitäten erledigt. so werden die Sachen ein2eln aut 11:!en Wauen!־cH-len um! in die Wohnung gefahren. Es gibt aber aueh, aüetilhigs unter Zahlung erheblicher Gebühmi, die Möglichkeit, den ganzen Lift auf ein Auto zu \erladen und an dem Haus der Neubauwohnung zu verzollen, wo die l'״lersu׳׳h!!n 11 ״ it 11t weniger gründlich ist. Nach Oeffmmg der Kisten und Kasten werden dann die einzelnen Gegenstände von den hurtigen arabischen Trägern in die Wohnung ״ebniclit. \XE1s der Lift unterdessen an Lagergeld aufgefressen 2, Die Neubauwohnung hscs Lagergeldes, und tun endlich das am ־.•;:!׳ne IT'iiu zu Iiaben, die gewohnte Um- -tr.en Europa, die Bücher und Bilder, die e, ist der neue Einwanderer zum frühesten ci 1 erciiii in die neue Wohnung eingezogen, m, d.-r sich entschlossen hat, "in der Stadt ebt gcdiimnt, wie das monatelange Wohnen arffig iKTgerichteten Leerzimmer (auch das!derer vielt'acli vor Ankunft nicht glauben, keine möblierten Zimmer gibt) mit vielen Raum usw. Aber wie das fast fertige Haus nunmehr einzieht, ist wirklich für den Euro- )!bar, und keiner wird, solange er nicht liier . daß man so einziehen kann, und schließlich ch seihst so umziehen, wie es viele Unglüu- 1 haben. Der Europäer ist gewohnt, nur ein;s Haus zu beziehen. Mögen Kleinigkeiten? wird schwer empfunden -., aber wer wird iß man ein 1 laus bewohnt, das noch vollust umgeben ist, weil es nicht abgeputzt he ifaubr.de stellt, das noch keine Bcleticli:- > daß man sich von Ruihetiberg unabhängig eigene Eleklri/ilät bei sich führen muß. Und Europa für möglich hält, wird doch nicht 5 Haus noch keinen Zugang von der Straße 1 noch die Gräben für die Installation offenan der Straße in das Haus eine schmale rn führt, auf der nicht nur die Bewohner e Besucher in das Haus und die Wohnung auch alle Möbel gebracht wurden, darunter - ein einzelner Träger gar nicht bewältigen kt und geschult in Jahrhunderten müssen diese arabischen Frager sein, deren ״Tragfähigkeit“ man immer wieder in den Straßen bewundert — daß sie über diese schmalen Holzstücke die europäischen Möbel gebracht haben und noch dazu auf diesen vorn Bauschutt nicht abgeräumten Treppen, die außerdem durch. Bretter verstellt sind, weil die Wände noch uugeputzt sind. Aber trotz aller Schwierigkeiten — schließlieh ist man in der Wohnung, sein eigener Herr im Haus, •und allmählich kommt ja and! in einigen Monaten das Haus in Ordnung, und wenn es erst fertig ist, stellt es sich heraus, daß es meist architektonisch schön und ־zweckmäßig gebaut ist und in allen Einrichtungen eines modernen Hauses durchaus mit den besten Häusern europäischer Großstädte konkurrieren kann, aber bis dahin muß man Geduld haben, auch ein Gegenttmgsa glauben, daß und daß gelangen, sonder schwere Stücke, kann. Wie gescl stand, den man in Europa für den Orient nicht einkaufen kann und den man, ebenso wie die Erfahrungen, sich selbst in monatelanger Uebting erwerben muß. Was für die Häuser gilt, gilt auch für Läden, die überall in der Hauptstraße von Hadar Hakarinel gebaut wurden und gebaut werden. Vor dem Laden ist ein Graben, über der! nur schmale Holzbretter führen, Steine und Zementsäcke liegen hoch aufgeschichtet. Eine Kalkgrube versperrt den Weg, eine große Beton-Mischmaschine desglcichen. Aber schon erstrahlen die Schaufenster in hellem elcktrischen Licht, und das Publikum kümmert sich nicht um die Gräben und die Gefahr, die mit der Beschreitung der schmalen Holzwege verbunden ist, — es ist ein neues Geschäft, cs gibt neue Wintersachen, und die schaulustige Menge bahnt sich den Weg über Stock und Stein, und auch an Kundschaft fehlt es nicht, trotz aller Schwierigkeiten, bis zur Ware vorzudringcn. Und nicht anders ist es mit der neu erbauten großen Schule. Noch liegen überall Steinhaufen und Sand, und für jeden Schiiler ist es mit grollen Schwierigkeiten verbunden, zur Stätte der Wissenschaft zu gelangen, doch wahrem! die obere Etage noch gebaut wird, hat der Unterricht bereits in der unteren Etage begonnen, man hilft sich, man ruckt zusammen, und mit dem Fortschreiten des Neubaues dehnt sich die Schule aus. 3. Jordan, geborene Carola Mit ebensolchen Lifts für ebensolche Wohnungen ist vor einiger Zeit ״Carola“ in den Hafen von Haifa eingelaufen. Carola ist zwar kein Ozeanriese und hat auch gar nicht den Ehrgeiz, mit solchen zu konkurrieren, sondern nur ein Motorschiff von 470 Tonnen. Aber dafür ist mehr als 60 <'״ seiner Bcniannting jüdisch, nämlich vier von sechs Leuten, darunter der Kapitäti, und unter den ־zahlreichen Flaggen, die ein solches Schiff zu hissen hat, wenn es in den Hafen einläuft, befindet sich auch die blau-weiße jüdische Flagge. Carola ist dazu bestimmt, von Port Said und Alexandrien bis nach Syrien, Türkei und Cypern den Kiistenfrachtdienst zu versehen, und das erste Schiff der ״('!!gegründeten Reederei Oelsner. Schiff und Reederei sind ein kleiner Anfang eines neuen jetzt von den Juden immer mehr zu erobernde״ Arbeitsgebietes. Bald kommt Zuwachs. Caro!״ hat ein Schwesterschiff ״Dora“, das ebenso wie Carola speziell für die Küstenschiffahrt erbaut ist, d. h., wie die Sachverständigen sagen, mit geringem Tiefgang, so daß es auch noch nicht ausgebaute Häfen gut anlatifen kann. Dann wird, wenn die Schwestern vereinigt sind, ihr Name geändert werden, nicht mehr Carola soll ihr Name sein, sondern ״Jordan“, und nicht mehr Dora, sondern ״Kischon“. Jordan und Kischon, die ersten jüdischen Schiffe im Hafen von Haifa! Voller Stolz wird sie der begeisterte Lokalpatriot den Fremden zeigen. Der Kampf der Assimilation in der Tschechoslowakei Von Dr. Hans Li c 111 vv i t z, Prag. Ein künftiger Historiker, der sich mit der Geschichte der ludenheit des Jahres 1933 beschäftigen wird, dürfte mit kopfschütteln ein Phänomen betrachten: Während in allen Ländern nach der nationalsozialistischen Umwälzung in Deutschland die Judenheit ruckartig zur Besinnung kam und, soweit sie noch bis dahin an die Lösung ihrer Frage durch Assimilation an die nichtjüdische Umgebung geglaubt hatte, ihre ideologische Haltung einer gründlichen Revision unterzog, konnte man auf dem Gebiete der Tschechoslcwakischen Republik auch eine entgegengesetzte Erscheinung verzeichnen: die Vorgänge im benachbarten Deutschen Reich haften der t s ch e c h o - j ü d i s c h e ת Assimilation scheinbar einen neuen Lebensimpuls eingehaucht. Die tschecho-jüdische Bewegung hat es nie zu einer auch nur annähernd so großen Bedeutung im jüdischen Lebea in der Tschechoslowakei gebracht, wie zum Beispiel die deutschjüdische Assimilation in Deutschland. Zahlenmäßig spielte sie nur eine unwesentliche Rolle; auf ideologischem Gebiet war sie womöglich noch armseliger. Hier mußte sie fast ihr gesamtes Rüstzeug der Waffenkammer des ״Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ entlehnen, dessen Zeitung im Organ der Tschecho-Juden ״Rozvoj“ auch reichlich zitiert Wirde. Nun ist diese Kammer leer, die Waffen haben sieb in Deutschland als völlig unbrauchbar erwiesen. Die Tschecho-Juden glauben jedoch für sie einen vollwertigen Ersatz in dem Kampfe gegen die Ver- Wendung der deutschen Sprache seitens der Juden gefunden zu haben. _ Für die tschecho-jüdische Assimilation ist diese auf die antideutsche Einstellung der tschechischen Umgebung spekuiierende Sprachenfrage das Um und Auf der jüdischen Problematik. Mit dem unberechtigten Vorwurfe, die noch aus der josefinischen Aera stammenden deutsch-jüdischen Enklaven auf tschechischem Boden künstlich zu halten, wird der gesamte Kampf gegen den Zionismus geführt, manchmal in Formen, die nahe an das Bereich der Angeberei heranreichen und in einer Sprache, die man sonst eher aus der judenfeindiiehen Presse gewohnt ist, die sich wiederum ihrerseits freudig dieser jüdischen Zeugenschaft bedient. Dieser Kampf gegen eien Zionismus ist nun in letzter Zeit i!1 einer Weise verschärft worden, die deutlich darauf abzielt, in der jüdischen Bevölkerung eine Panik zu erzeugen. Unter Hinweis auf die Situation der Juden in Deutschland wird angedeutet, daß einem ähnlichen Schicksal nur durch eine raschest durchzuführende tschecho-jüdische Assimilation vorgebeugt werden könne. Das Absurde einer solchen Argumentation liegt auf der Hand. Die tschecho-jüdische Assimilation übersieht vollkommen, daß mit der Sprachenfrage nur ein Problem aufgerollt und gelöst wird. Viele andere zürn Teil recht schwerwiegende, bleiben bestehen, eine Anzahl gänzlich neuer wird — wie unten noch ausgeführt werden soll — durch den sprachlichen Wandel erst auftauchen und lieranreifen. Auch die jüdische Gemeinschaft dieses Staates geht einer Zukunft entgegen, die für sie beachtliche Umwälzungen mit sich bringen, den einzelnen vor gar manch neue, ihm bis nun durchaus fremde Frag« stellen wird. Wer heute im jüdischen Leben eine Rolle zu spielen beansprucht, übernimmt damit die Verpflichtung, die seiner Führung Anvertrauten für eine solche Ent- Wicklung vorzubereiten und zu rüsten. Er müßte aus den Erfahrungen des benachbarten, deutschen Judentums zumindest hinzugelernt haben, daß der schlechteste Dienst, den man einer jüdischen Gemeinschaft erweist, eine oberflächliche und einseitige Betrachtung ihrer Existenzbedingungen und -möglichkeitem ist. Hierher gehört aber auch jene Selbsttäuschung, die da meint, die Entwicklung der Judenheiten in den einzelnen Ländern sei voneinander gänzlich unabhängig und verschieden, daß es also Stufen gäbe, die man nicht erreichen müsse oder überspringen könne, weil ״bei ־ans so etwas ja ausgeschlossen ist“. Der Kern der zionistischen Analyse der Juden frage besteht in dem Nachweise, daß die Entwicklungstendenzen im Ablaufe der jüdischen Geschichte vor keinen Landesgrenzen Halt machen. Es gibt da nur zeitliche Differenzen. Den einen packt das Judenschicksal früher, den anderen später: die paar hundert Kilometer, die Deutschland vom Osten Europas trennen, Bat es in wenigen Jahrzehnten durchquert, zur Fahrt über die Ozeane in das einstige Judenparadies Amerika wird es weit weniger Zelt in Anspruch nehmen; seine Vorboten sind bereits dort angelangt. Die tschecho-jiidische Assimilation wandelt jedoch in denselben falschen Bahnen wie ihre deutsch-jüdischen Vorgänger. Auch sie greift mit Vorliebe die Frage auf, ob so etwas wie in Deutschland auch bei uns möglich sei, beantwortet sie mühelos mii dem aus der Geschichte der jüdischen Assimilation bekannten ״Ausgeschlossen!“ und verläßt sich fest darauf, daß nach der Regelung der Sprachenfrage in jüdischen Dingen hier alles in bester Ordnung und Ruhe sein wird. Nun sprechen allerdings gewichtige Argumente dafür, daß die polifische Entwicklung der Tschechoslowakei anders als in Deutschland verlaufen dürfte. Aber die jüdische Problematik ist doch so gelagert, daß sie auch dort, wo für die Judenheit nicht gerade ungünstige Lebensmöglichkeiten bestehen, unabwendbar in Erscheinung tritt. Hier seien nun einige Seiten dieses Problems aufgezeigt. Die liberalste Staatsführung ist dem Umstande gegenüber machtlos, daß die Entwicklung der modernen Wirtschaft wesentliche ״jüdische Berufe“ überflüssig macht, ohne aber auch gleichzeitig einen neuen Beruf für die Juden zu erschließen, daß die Zusammenballiiug in bestimmten Berufskategorien — besonders in den freien Berufen — nach einem bestimmten Saltigungspunkt unaufhaltsam eine mißgünstige Reaktion bei der denselben Berufen zuströmendeti Jugend der Mehrheitsnationen hervorruft. Wer die Entwicklung der tschechischen Studentenschalt, besonders bei den Juristen und Medizinern, verfolgt, wird heute schon mühelos erkennen, daß judenfeindliciie Strömungen in diesen Kreisen stark an Boden gewonnen haben und nicht so bald verstummen werden. Es ist eher das Gegenteil anzunehmen. — in der östlichen Tscheche- Slowakei (Karpathorußland) wächst eine jüdische Generation heran, die für sich im Umkreise ihrer Heimat nur spärliche Lebensniöglichkeiten vorfindet. An eine Auswanderung in größerem Maßstab ist in absehbarer Zeit nicht zu denken, da fast alle Grenzen verschlossen sind; verbleibt ihr also nur der Weg nach den! Westen im eigenen Lande, ln Hinkunft ist darum eine ansehnliche Binnenwanderung aus dem Osten der Republik in die historische« Länder (Böhmen, Mähren und Schlesien) zu erwarten, eine Ueherfüllinig der hier vorhandetien jüdischen Wirtschafts Positionen und Verengung des dem einzelnen Juden verbleibenden Lebensraumes. — Im tschechischen gesellschaftlichen Leben spielen die Juden bisher eine unwesentliche Rolle. Die kommende jüdische Generation, zur überwiegenden .Mehrheit bereits dem tschechischen Sprachinilieu verbunden, wird auf der Suche nach einem Anschluß an das tschechische kulturelle Leben die Juden frage — selbst wenn sie sich alle erdenkliche Midie im entgegengesetzten Sinne geben sollte — auch in jene Kreise tragen, die von ihr bis heute noch nichts oder nur wenig wissen. Wie wird sich aber die Situation gestalten, wenn nach dem tschecho-jüdischen Rezent die nächste Generation in der tschechischnationalen T’umbewcgung Sokol. Skaut, in der tschechischen Gesellschaft, Kunst und Politik in Erscheinung treten und Positionen einzuuehtnen versuchen wird? Dies sind nur einige der Fragen, denen das tschechoslowakische Judentum in Zukunft unausweichlich begegnen wird. Ihre Beantwortung wird oft recht schwierig sein; wie es ja überhaupt die nächste jüdische Generation im Leben nicht allzu leicht haben wird. Aber gerade darum tut es doppelt not, jüdische Menschen zu erziehen, die aus der Verbundenheit mit der Vergangenheit und in einem starken Glauben an die Zukunft ihres Volkes den Sinn ihres Lebens nicht einzig und allein in ihre in individuellen Wohlergehen sehen; Mensehen, die mit offenen Augen die jüdische Situation überblicken und über alle Hindernisse hinweg ihren Weg, den Weg der jüdischen Gemeinschaft, besclireiten wollen. Aus palästinensischen Zeitungen ״T u r i in‘, die bekannte literarische Wochenschrift eines Kreises junger hebräischer Schriftsteller, veröffentlicht einen Leitartikel ihres Redakteurs A. Schlonski, aus dom wir einige Stellen wiedergeben, weil ihre Einstellung׳ charakteristisch ist für gewisse Kreise der palästineusischen jüngeren Generation. ״Gibt es noch ein Volk wie das jüdische,“ sagt Schlonski, ״das sich i!1 der Gegenwart wie ein ungeladener Gast fühlt? Was gelte ich, der jetzt lebt? Ich bin nur ein Erbe, nur ein Enkel, der vom Erbteil der Vorfahren zehrt. Ja, wir sind nur reich durch die \ergangenbeit, wir leben von einer Rente, und ist das nicht die Ursache unseres Verarmens? Das Judentum erzog seine Bekenner zur Unterwürfigkeit gegenüber dem Erbe der Väter, zum Verzicht auf die Gegenwart wegen der ererbten Lehre, sie verwandelte ihre Getreuen in Hüter eines imaginären Gutes von erstarrten Begriffen und Gesetzen, in Erben, die sich nicht produktiv betätigen, sondern auf ihrem Bargeld sitzen. Es gibt im Judentum das Wort: ,Wir sind die Söhne unserer Väter'. Der Ausspruch ist extrem jüdisch (bei keinem Volke spielt «die Herkunft oder das Verdienst der Väter eine so große Rolle). Er bezeugt, daß der Jude sein Ich und seine gegenwärtig« Existenz zurückdrängt. Und das ist ganz natürlich, denn als Erben der Thora und der Gebote sind wir befreit von jeder Selbstverantwortung, deren Tragik ja eben darin liegt, daß der Mensch sein Lehen ohne die Gewißheit der Erlösung verbringt, daß er alles selbst lösen, erzwingen, entdecken muß, daß er selbst Werte schaffen muß. Und wir? — Uns haben unsere Vorfahren alle Rätsel gelöst. Uns ist jeder Gedanke schon ganz verkündet worden. Der Jude sah sich nie dem großen ungelösten Rätsel gegenüber, er suchte keine Pfade. Es blieb nichts zu suchen — alles ist schon gefunden! Und so ward unsere höchste Leistung die Erfüllung der Gebote. Der Kreis ist geschlossen, die Väter haben ihn geschlossen. Du, der Sohn, sollst nur die Gebote halten und das Erbe bewahren. Alles ist schon abgeschlossen, es gibt keine Gegenwart. Hinter uns die Talmud■ lehrer — vor uns der Messias in festgelegter Form (denn auch die Zukunft ist uns schon vor bereifet!) und in der Mitte — eine unwichtige, überflüssige Station. Manche meinen, daß der Jude es liebt, sich in die Vergangenheit oder in die Zukunft zu flüchten, weil ihn der Anblick der Gegenwart allzu sehr bedrückt. Das Phänomen der Diaspora, das die Gegenwart unterhühlt, zwingt den Juden, sieh eine Stütze in der Vergangenheit zu suchen. Nur wer ein Leben aus eigener Kraft lebt, liebt sich selbst, und da die Diaspora uns das nicht erlaubte, griffen wir von selbst zur Verherrlichung der jüdischen Vergangenheit und liebten die Gegenwart — des Nichtjuden. Aber wir kehren jetzt in unsere Heimat zurück, das Ideal von einst wird jetzt Wirklichkeit, und wenn wir wieder eigenen Besitz haben weiden, wird in uns ein Gefühl der Verantwortung für unser Werk und damit die Liebe zu uns selbst erstehen, die die Basis alles Schaffens ist. Eine Generation, die am Aufbau eines Landes und eines Volkes arbeitet, kann nicht umhin, sich selbst in fruchtbarer Weise zu erleben. So ist es nicht zu verwundern, daß der Zionismus gleichzeitig das legitime und das abtrünnige Kind der jüdischen Vergangenheit ist. Der Zionismus hat zum ersten Male das Primat der Gegenwart im Leben des jüdischen Volkes verkündet. Aber der Aufstand gegen die Vergangenheit wurde nicht bis zur letzten Konsequenz durchgehalten, und ein atavistischer Ueberrcst der alten Verneinurig der Gegenwart wirkt noch heute unbewußt nach,“