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Jüdische Rundschau · 1933-12-19 · Heft 101 (19.12.1933) · p. Seite 988

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 101 (19.12.1933)
Date
1933-12-19
Page
Seite 988 (sequence 2)
Language
German
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Seite 978 Nr. 101,19. XU 193S JO D15 CH E RUN DSC H A X) Fairness ist durch derartige Vorgänge verletzt. Auch die verschiedenen Nachrichten aus aller Welt, welche beweisen, wie stark sich der Drang jüdischer Menschen nach Palästina äußert, verfehlen ihren hindruck in der öffentlichen Meinung Englands nicht. Wohl hat der Kommissar des vom Völkerbunde geschaffenen Comitees für Emigranten aus Deutschland bei seiner Intervention im Londoner Colonialoffice, um eine Milderung der neuen Einwanderungsbestimmungen für Palästina durchzu* setzen, keinen unmittelbaren Erfolg gehabt. Aber schon die Intervention selbst ist nicht ohne Eindruck geblieben. Man ist in den verantwortlichen jüdischen Kreisen, trotz der Schwierigkeit der Situation, doch davon überzeugt, daß es in absehbarer Zeit gelingen werde, aus der politischen Baisse, in der man sich jetzt in bezug auf Palästina befindet, herausztikoinmen. Wie im Jahre 1030, anläßlich des Weiflbuchs, wind auch jetzt nach einem weitgreifenden System gearbeitet :Aufklärung der öffentlichen Meinung, eingehende Information aller Faktoren, die im Spiel der politischen Kräfte maßgebend sind, und die Mobilisierung aller Freunde des Jüdischen Nationalheims. Die Zeit drängt, die Not des jüdischen Volkes ist groß, das stürmisch wachsende Paläsiina schreit nach neuen Einwanderern, Kapitalisten und Arbeiterhänden, der Druck der öffentlichen Meinung ist stark, das Recht des jüdischen Volkes auf sein Nationalhcim wird in immer höheren! Maße in der gesamten Welt anerkannt, und schließlieh: das jüdische Aufbauwerk ist von unbezu• eifelbarem Vorteil für die ganze Welt und nicht zuletzt für das arabische Volk. Und was das arabische Volk anbelangt, so ist das ein ״weites Feld‘‘. Was man in dieser Hinsicht zu tun hat, entschlossen und rasch, ist ein Kapitel für sich. Es gehört aber nicht in diese Wiedergabe von Unterhaltungen, die der Information üb**r die Auffassungen in England gewidmet waren, Auffassungen der englischen Regicrungskreisc und ihrer jiidisehen Gegenspieler in dieser Frage. Englische Kireiicnlülirer für die Emigranten London. 15. Dezember. (J. T. A.) Die Erzbischöfe von Canterhury, York־ und Wales, sowie die Oberhäupter der freien Kirchen von England und Wales haben zugunsten der Emigranten;1:1 s Deutschland einen vorn Emigrantenkömmissar James Mac Donald unterstützten Aufrut erlassen, in dem darauf hingewiesen wird, daß das Emigrantenprohiem allen Glaubensgemeinschaften eine gemeinsame Verantwortung auferlegt. An die Angehörigen aller Bekenntnisse wird der Appell gerichtet, zur Linderung der insbesondere in Frankreich nach Einbruch des Winters unter den Emigranten herrschenden Not durch Beiträge und gemeinsaitie Arbeit mitzuhelfen und den in Not geratenen Emigranten behilflich zu sein, eine neue Heimat und Erwerb zu finden. In allen Kirchen soll eine besondere Weihnachtssammlung f ii r die jüdischen und die christlichen Emigranten jüdischer Abstammung dürchgcfiihrt werden. Um das Alte Testament r hält zurzeit an der Michaels- Adventspredigtzyklus ab über lic We Jude ,redigten haben wir bereits zweiten Predigt beleuchtete Alte ״Di( sitt- Vollen Kardinal hie» irundwerte der sittlichen Weltordnung, die ewigen ct/e für jede Volksgemeinschaft, die ewigen Maßalle Staatsgeset/e und Rechtsurkunden, die ewigen für jedesittliche F;1milienlehe!1. Das Zehn-Gebot i ragt in seinem sittlichen Wert himmelhoch über •t/e des. außcrbiblischen Altertums empor.־“ Kar- Ihaber beleuchtete weiter den Wert, den die sitteint der \X'3lr haftigkeit im Alten Testament habe, sutnng des Buches der Sinnsprüche und die et/e des Alten Bundes. .Joseph war“, so Kardinal fort, ״kein G et r ci d e wuc 11 er c r, 1 f a c 11 b e 11 a u p t cf w i r d. Er hatte als Werk- ־ Vorsehung in den fetten Jahren das überflüssige in den Schelmen des Königs aufgespcichert und len mageren Jahren an das Volk (׳erteilt und es so I langer hewnhit. Das war kein üetreidewucher, weil ״ ieherung war.... Ein Licht- II i e h e r G r ü ß eistMosc s, der größte Gesetz- KT her der alten Welt. Am größten war Moses, als er sich bereit erklärte, sein!.eben für sein Volk zu opfern. Ein Bild .sittlicher Größe ist auch Hiob, der Dulder.“ Neben den vieler! Lichtem, so fuhr der Kardinal fort, gebe cs allerdings auch tiefe Schatten. Der schwerste Vorwurf gegen die alttestamentliche Sittenlehre ist der Vorwurf der Lohnmoral. Das vierte Gebot sei abzulehnen, so heißt es, weil es auf den Lohn des Wohlergehens und langen Lebens spekuliere. Dein hält der Kardinal entgegen: Gewiß wäre cs ein Hockstand der Sittlichkeit, aus reiner Liebe zu Gott und zum Guten ohne jede Hoffnung auf Barzahlung oder Zukunffswcchsel den Weg der Tugend zu wandeln. Zu solcher Höhe werden sich aber nur die Heiligen erschwingen. Auch in der Schule wird ein kluger Erzieher nicht gleich mit den höchsten sittlichen Beweggründen kommen. Die Durchschnittsmensclien brauchen in müden und schwachen Stunden einen Halt an den Verheißungen des Herrn. Kardinal Fatiihaber kam dann auf einzelne sittlich anstößige Erzählungen und Texte des Alten Testaments zu sprechen und betonte hierbei: ,,Die Heiligen Schriften haben d' ־ " 1 i < Ding e Mbit, UnsittlL . Die Heilige Schrift ist für sittlich reife Menschen geschrieben.“ Wenn der Erzvater, der seinen Bruder um das Recht der Erstgeburt betrogen hat, als Erbschleicher und Betrüger gelte, so sei dazu zu sagen: ״Wie alles, was in der Vorzeit aufgeschrieben wurde, ist auch diese biblische Geschichte ,zu unserer Belehrung‘ aufgeschrieben. Der Allmächtige kann auch die Bosheit der Menschen für seinen Heilsplan zum Guten lenken und ist, wenn er die Träger der Verheißung und die Stammväter des Gesalbten auserwählt, nicht an die Vorrechte der Erstgeburt, an das Diktat von Fleisch und Blut gebunden.“ Die der Lüge geziehene Judith von Bethulia bleibt trotz ihrer Lüge ein Vorbild der weiblichen Jugend, nicht weil sie gelogen, sondern weil sie ihr Volk und Vaterland geliebt hat. Ebenso bleibt der Verfasser des Predigerbuches ein Vorbild für die männliche Jugend, nicht weil er in seiner Jugend die Wege der Genußsucht und des Unglaubens gegangen, sondern weil er von diesen Irrwegen zum Glauben an den Schöpfer seiner Jugend zurückgefunden hat.“ Ein Jude betet um ein Kreuz <Aus den Erinnerungen des königl. preußischen Majors der Artillerie Menno Burg) Von Dr. Ernst Simon In der heutigen Krise des sozialen Gebildes, das wir ״deutsches Judentum“ nennen, ist es überaus lehrreich, verein zelte Höhepunkte der bisherigen Entwicklung unter ein besonders scharfes Licht zu stellen. Als ein solcher ״Höhepunkt“ galt den Generationen der Assimilation die Tatsache, da ft ein ungetaufter Jude noch im alten Preußen aktiver Offizier hafte werden und bleiben, ja: bis zum Major hatte aufsteigen können. Der Träger dieses Atisnahmeschicksals, von dem hier die Rede sein soll, hat uns eine Möglichkeit gegeben, sein inneres seelisches Triebwerk näher kennenzulernen; er hat seine Memoiren geschrieben und sie unter dem Titel ״Geschichte meines Dienstlebens“ zur posthumen Veröffentlichung bestimmt. So sind sie denn auch im Jahre 1854 in Berlin erschienen. Dem Leser der ״Vorrede“, die der Verfasser im Jahre 1847 abgeschlossen hat, fällt zunächst der außerordentlich stark pointierte religiöse Tor! auf. So heißt es gleich am Anfang: ״Der Allbarmlierzige Gott hat mich geweidet seit ich bin bis atil diesen Tag." Und am Schluß der ״Vorrede“ vergleicht sich der Verfasser in folgenden Worten mit dem Patriarchcn Jacob: ״Ach! ich bin viel, viel, viel zu geringe für alle die Gnade, für alle die Treue, die Du Deinem Knechte gezeigt hast.“ Wie man sich erinnert, lautet der Ursprungliehe Bibelvers ganz einfach: ״Ich bin zxi geringe....“, von der adverbialen, und noch dazu dreimal wiederholten Steigerung ist nirgends, aber auch in keiner Uebersetzung, die Rede. Diese ueberbetonung gibt zu denken. Es folgt dann eine verhältnismäßig schlichte Erzählung des Lebenslaufes: Burg wurde 1789 in Berlin als Sohn eines früh verstorbenen, in der Malerei dilcitirrenden Buchhalters geboren und von der, offenbar trefflichen Mutter, aufgezogen: bis 10 Jahren besuchte er die jüdische Elementarschule, wo er im Hebräischen, Religion, Bibel und ״selbst im Talmud“ Unterricht hatte, kam dann auf das berühmte Gvmnassum ״Zum Grauen Kloster“ in Berlin, verließ es 1804, um bei einem Vetter, der Bauinspektor war, in die Lehre zu treten, machte 1807 sein Feldmesser-Examen, wurde vercidigt und trat so mit 18 Jahren in den Staatsdienst, ״ohne irgendein, durch meine Religion herbeigeführtes Hindernis“. Nach einigen Jahren der Ausbildung, die durch private Mathematikstunden ergänzt wird, trifft ihn anfangs 1S13 Friedrich Wilhelms III. ״Aufruf an mein Volk“, und er beschließt sofort, sich kriegsfreiwillig zu melden, nicht aber, wie seine Kollegen, beim Ingenieurkorps, das ״nicht so conibattant“ sei, und ״an den Schlachten und Kriegsercignissen nicht so tätigen Anteil nehmen“ könne wie die Infanterie. Deshalb versucht er es dort, wird angenommen, eingekleidct und nach 10 Tagen erfolgreichen Exerzierens heim Feldwebel zwecks Vorbereitung zur Vereidigung registriert. ״Als er aber rur Rubrik ,Religion‘ kam und von mir die Antwort ,jüdisch‘ erhielt, wollte er anfangs seinen Ohren nicht trauen.“ Der Feldwebel schickte ihn auf seine Stube, und nach einigen Stunden wurde er auf Befehl des Majors von Alvensleben entlassen, obwohl er sich ausdrücklich auf das Sfein-Hardenbergsche Toleranzedikt von 1812 berief. Auch eine persönliche Beschwerde halt ihm nicht weiter. Die Lage des armen jungen Menschen war nicht beneidenswerf. Nach Berlin zurückzukehren, schämte er sich, und er konnte sein Mißgeschick nicht recht verstehen, da er wußte, daß in Breslau Juden bei den Linienregimentern eingestellt und in der Synagoge eingeweiht worden waren. Der Rabbiner hatte sie übrigens bei dieser Gelegenheit ״nicht etwa kraft seines Amtes, sondern kraft der zitierten Satzungen der Heiligen Schrift, während der Dauer ihrer Dienstzeit, von allen. Zeremonialgesetzen“ entbunden, ״legte ihnen aber ans Herz, täglich zweimal das Glaubensbekenntnis der Juden ״Höre Israel“ zu sagen“. Schließlich gelang es ihm, eine persönliche Audienz beim Arfiilerieinspektor, dem Prinzen August von Hoheiizollern, zu erreichen, der ihn als Kanonier auf die Festung Neiße schickte. Nun beginnt ein merkwürdiges ״Kriegsleben“: Burg meldet sich wiederholt ins Feld, aber sein Schicksal will, daß er während des ganzen Krieges in den Festungen Neiße und Spandau bleibt, wo seine technischen Fähigkeiten offenbar unentbehrlich waren. Den Eid leistete er in Gegenwart eines Beamten der jüdischen Gemeinde Neific, welcher ״eine hebräische Bibel auf das Rodenstück des Kanonenrohres legte". Merkwürdiges Symbol! Die ersten antisemitischen Erlebnisse trüben die Freude an der ziemlich rasch erfolgenden Beförderung zum Unter- Offizier, Seine Quartierwirtin, die nicht weiß, daß er Jude ist, räumt ihm freiwillig ihr bestes Zimmer ein, fabelt aber vom ״jtidengenich“, bis er sich bei seinem Abschied im Kreise von Kameraden, der höchstlichst Erstaunten als Jude zu erkennen gibt. Schlimmer sind die Schikanen, denen er seitens seines antisemitischen Hanptmanns ausgesetzt ist. Trotzdem erregen seine mathematischen und pädagogischen Talente Aufsehen; er wird, noch als Unteroffizier, als Lehrer an die Artilleriebrigadeschule in Berlin kommandiert, macht im Wintcr 1814 15 sein Offiziersexamen, und wird im August 1815 zum Leutnant befördert. ״Ich war nun Offizier, und das mir zunächst liegend« Ziel war mit der Göttlichen Hilfe, ohne irgendein Hindernis, ohne irgendeine Schwierigkeit erreicht.“ _ In Wahrheit erzählt Burg selbst, daß seine sämtlichen gleichaltrigcn oder jüngeren Kameraden das Ziel längst vor ihm erteicht hatten: es scheint also doch ״Hindernisse“ und ״Schwicrigkeifen“ gegeben zu haben. Nach kurzem Frontdienst in Danzig, den Burg offenbar ausgezeichnet bestand, kam er wieder, und nun für dauernd, nach Berlin, wo er an der gleichen Anstalt, aus der allmählief! die Kriegsakademie hervorgehen sollte, Lehrer für das Artillcriezeichnen wurde. Er stellte sein Fach aut eine völlig neue Grundlage, 11m deren Geltung er erst kämpfen mußte, und die er später in großen wissenschaftlichen, auch ins Französische übersetzten werken grundlegend dargestellt hat: Hatte das Artilleriezrichneii bisher aus der mechanischen Kopierung von Geschützen bestanden, so führte Burg die mathematischanalytische Methode ein, die das Geschütz aus seinen Einzelteilen und seinem inneren Aufbau entsprechend verständlich machte. Sein Lehrerfolg war offenbar ganz außerordentlich. In der Schule, in der er eine Zeitlang auch als Erzieher des angeschlossenen Internats wirkte, war sein Judentum bekannt und offenbar nicht störend; dagegen ereignete sich einmal in einer Gesellschaft ein Zwischenfall, den wir in seinen eigenen Worten wiedergeben wollen. Ein Professor sagte zu ihm, nachdem eine antisemitische Diskussion an dem verstimmt Schweigenden vorübergegangen war: ״Herr Lieutenant, Sie sind noch ein junger Mann, hören Sie meinen Rat und nehmen Sie sich vor dieser bösen, bösen Nation (!) in Acht. Ziehen Sie sich zurück, wenn Sie mit Juden in Berührung kommen, es hat der Verkehr mit ihnen noch niemandem Segen gebracht.“ Darauf Burg, der, so persönlich apostrophiert, nicht wohl mehr schweigen konnte: ״Das wird schwwr ergehen. Von meinen lieben und teuren Verwandten werde ich mich niemals zurückziehen, und von mfr selber, das ist rein immöglich. Immerhin ist es aber empörend, noch in unserer Zeit von gebildeten Männern solche menschenfeindliche, mittelalterliche Gesinnungen zu hören.“ Man kann sich das Ende der Gesellschaft vorstellen! Ein andermal mul) er es erleben, wie einer seiner Schüler, ein junger Offiziersaspirant, beim Spaziergang zu dritt das Ritualmordmärchen wie eine Tatsache auftischt. Wieder bleibt Burg stumm, empfängt aber am nächsten Tag die Entschuldigungen des jungen Herrn, der vergessen hatte, daß Burg Jude ist. So blieben die unterirdischen Spannungen wirksam. Zum Ausbruch kamen sie das erstemal, als der, inzwischen PronierHeutenant gewordene Offizier zur Befördcrung zum Hauptmann heranrückte. König Friedrich Wilheim III., der bekannt 1 ich auf einem streng christlichen Standpunkt stand, äußerte sich wiederholt mit Lob über seine Unterriehtswcrke, ließ ihm auch besondere Gratifikationen dafür überreichen, zögerte aber die mehrfach befürwortete Beförderung zum Hauptmann immer wieder hinaus. Schließlich schreibt der König dem beantragenden Artillerieinspektor — es ist immer noch der Prinz August — einen sehr bczeichnenden Brief, der die Hoffnung ausdrückt, Burg werde sich unterdessen so ״in die Wahrheiten der christlichen Rcligiort“ eingelcbt haben, daß er ehrlicherweise den Uebertritt vollziehen könne. Die Antwort des jüdischen Offiziers hat, bei aller Gewundenheif des höfischen Ausdrucks, etwas zugleich Männliches und Rührendes. Er sucht darzulegen, daß der Glaubenswechsel aus Karrieregründen gerade denjenigen Tugenden widersprechen würde, die das preußische Offizierskorps seinen Mitgliedern cinzupflanzcn suche. Schließlich, nach einer langen Wartezeit, kommt er zum Ziel, oder doch halb zum Ziel. Er wird Hauptmann — aber statt mit de;! roten Epauletten der Artillerie, mit den schwarzen der Feuer- Werksoffiziere. Ihm fällt, nach eigenem Geständnis, dabri 711nächst überhaupt nichts auf und er dankt wieder einmal seinem gütigen Gotte für die zwei Sterne. Die größte Klippe aber steht ihm noch bevor. In der preußischen Armee bekam jeder Offizier, der 25 Jahre lang ehrenhaft gedient hatte, das Goldene Dienstauszeichnungskreuz. Es war aber bekannt, daß der König־, eben aus seiner ositiv christlichen Gesinnung heraus, in Friedenszeiten bisher einem Juden einen Orden in Kreuzform gegeben hatte. Burg gerät in die furchtbarste seelische Erregung, die zeitweise auch seinen Unterricht beeinträchtigt. Er sieht in der Erlangung des Kreuzes das Symbol seiner Berufsehre und damit die Entscheidung über sein ganzes Lebcnsschicksal. Schließ׳ lieh wird er ruhiger und beschließt, auf seinen ״Groß All׳ gütigen Gott zu vertrauen, Ihm, Ihm“ sein Geschick getrosi zu überlassen. Und siehe da: er erhält das Kreuz. _ ״Alk meine Sorgen.... waren nun mit einem Male durch die 1111 endlich große Gnade meines Allbarmherzigen Gottes glück lieh beseitigt .... mein Gebet war erhört worden.“ 1840 starb Friedrich Wilhelm HI., und der sich zunächs liberaler gebende Nachfolger ließ es zu, daß Burg statt de! schwarzen Epauletten, die ihm nun plötzlich ״wie cii Zeichen“ erschienen, die üblichen roten erhielt: ja, er verfiel ihm auch den ״Charakter als Major“, nachdem ein jüngere Offizier der Kriegsakademie zum etatsmäßigen Major ernami worden war und also keine Budgetmittel für eine zweit! etatsmäßige Stelle mehr zur Verfügung standen. Wieder er geht sich Burg in Dankgcbeton; wieder rühmt er die völlig! Normalität und Hindernislosigkcit seiner Laufbahn. Den Be Schluß des Büchleins machen einige ermahnende Worte ai die jüdische Jugend, in denen der Verfasser sein eigene Schicksal als allgemein gültig hinzustellcn versucht und dei jungen Juden Mut zuspricht, wenn sic, ohne Verleugnum ihrer Religion, den Weg in den Staatsdienst suchen. Wir brauchen dieser Darstellung nur einige wenige analv sierende Bemerkungen hinzuzufiigen. Es ist völlig deutlich, da; der ganze Ton der Autobiographie von einer tiefen, und ge rade deshalb unbewuIlten Unaufrichtigkeit beherrsch wird, in Wahrheit bat dieser jüdische Offizier keine uor male Karriere gemacht, sondern hat den Offiziersrang über haupt nur wegen einer ganz spezifischen technischen Sonder 1 eistung־, wegen eines sein Judentum teilweise ausgleichen den Extra-Plus erreicht und ist dann noch dauernd zurück gesetzt worden. Die schwarzen Epauletten mußte er wi einen gelben Fleck tragen, und sic erinnern an die Antwor die Friedrich der Große bekanntlich seinem Münzjude Ephraim zuteil werden ließ, als dieser darum bat, eine Degen fragen zu dürfen: ״Ja, aber auf der rechten Seite. L)cr Wille •des Juden, ohne sichtbare Unterscheidungen i seiner Umwelt aufzugehen, stößt auf deren stärkeren Wunscl ihm gerade solche unterscheidenden Merkmale zu verleihei Und gegenüber einem religiösen Synkretismus, der sich.da! ernd pietistisch auf ■die jüdische Bibel beruft, aber das Zeiclu; des Kreuzes nicht entbehren möchte, hat der aite Koni recht, der es noch für ein christliches Symbol hielt. Sehr 11: recht hatte er freilich, bei einer Glaubensentscheidung de Anreiz der Karriere mit ins Spiel zu bringen. Den tiefsten Zugang zum Wesen Borgs und eine A! von Allgemeingülfigkcit, die er freilich mit seinen Schlul Worten gerade nicht meinte, gibt aber die falsche religio? Tonart, in der er betet. Sie ist eines der krassesten Beispiel dafür, wie dem assimilierten Emanzipationsgeschlecht .d.1 eigene Vorwärtskommen zum Gegenstand gerade zu tncssian scher Hoffnungen wurde. So war es bei Gabriel Ries sc so bei Menno Burg. Wenn unsere Väter und die neu Jugend des jüdischen Volkes wieder um das große ״Wir“ sn jüdischen Gemeinschaft weiß, das auch all unseren Gebete den echten Ton gibt, so ist dort das vereinzelte um d׳ Karriere verzweifelt ringende ״Ich“ an die Stelle ganz Israc getreten. Aber wirklich: an die Stelle getreten; denn die.‘ Männer glaubten, und hier war das Stück Ethos, ohne d: sie ihr Berufsleben nicht so vorbildlich hätten erfüllen könne: daß jeder von ihnen durch den eigenen Erfolgsweg Brescl־ schlägt für viele junge Juden nach ihnen, die ähnliche Weg gehen körnen. D!e fühlten sich als Pioniere, als ״Chaluziir zu neuen Zielen. Wenn in der ersten Generation des Kampf! um die Gleichberechtigung der Messianismus in die Eniai zipationsbeveegung eingegangen war, so hatte sieh die! in der zweiten Generation in lauter einzelne Karrieren au einandergelegt. Beim Begräbnis des Majors Burg hielt der orthodo Prediger der Berliner Jüdischen Gemeinde, der berühmte G lehrte Dr. Leopold Sachs, die Trauerrede. Er rühmte, als d! Verstorbenen hervorragendste Eigenschaft, seine Treue, f hatte recht und zugleich unrecht. Recht: denn Burg hatte d Verlockung der Taufe, die ihn vielleicht zu sehr hoh< Heeresämtern hätte führen können, mannhaft widerstände Unrecht: denn diese Treue war rein formal. Unsere Zc verlangt von den Juden eine andere Art der Treue: nicht in die äußere zum Judentum, sondern die innere im Judentur

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