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Jüdische Rundschau · 1933-12-15 · Heft 100 (15.12.1933) · p. Seite 964

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 100 (15.12.1933)
Date
1933-12-15
Page
Seite 964 (sequence 2)
Language
German
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Seite 954 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 100, 15. XII. 1933 Verwaltung übernahmen, und daß sich Heinrich II. aus Paiermo einen dort geschulten Beamten, Thomas Brown, als seinen Finanzminister kommen ließ- Hier, und wahrscheinlich genau so im Chazarenreiche geschult, erscheinen die Juden plötzlich als große Warenhandle ז und Finanziers auch an den westlichen Höfen. Der Orienthandel liegt fast gänzlich in ihrer Hand. Zuerst sind es fast nur wandernde Kaufleute, aber vom 11. Jahrhundert an wird der Kaufmann überhaupt in den erblühenden Städten seßhaft, und von da an tritt denn auch eine landschaftliche Sonderung der Juden ein. im Warenhandel, der bis zu den Kreuzzügen für Europa passiv ist, überwiegt die Ausfuhr von Sklaven und Eunuchen neben barem Oelde und Edelmetall, in der Einfuhr namentlich Oewürze, Seide, Brokate, edle Waffen usw. Als F i!1 a n z be a m t c finden wir sie schon im Mcrowingerreiche häufig in der Steuer- und Finan/Verwaltung. Das setzt sich in die Zukunft hinein fort. So z. B. hat Papst Alcxander III. gegen 1130 einen jüdischen Finanzminister; um 1225 finden wir den ״rollen Bankier Tcchanus in Oesterreich, nachdem uns schon vorher ein reicher Miinzineister Shlom genannt die später 7t:m Christentum üJn’rtraten; einer von ihnen bestieg als Anaklef U. den Thron der Papste. In Ettgland konnte Aaron Pfund 'vorstreeken'1;1 kann! minder'reirh war Jsaac vra/ London. Getaufte Juden treten in «das christliche Patriziat ein: ein soldies (''leselileciit in Köln fühlte noch sehr lange den Namen der Judaei. 11. Absturz Aber nach den schwindelnden Höhen folgt auch der tiefe, der donnernde Fall. Es ist in diesem Zeitraum das jüdische Schicksal, naturnäheren Völkern als Lehrer in allen Künsten des Handels und der Finanz zu dienen, tun dann, wenn die Schiiler ausgelernt haben, verstoßen zu werden. Dieses Schicksal vollzog sich von den Krettzzugen ab in immer steigendem Maße. Man kamt ganz /!entlieh erkennen, daß die Verdrängung der Juden der Entwicklung des Christliehen Handels- und Bankiergewerbes parallel läuft: zuerst in Italien und Sütffrankreich, dann im übrigen Frankreich, dann in Deutschland und zuletzt in den slawischen Staaten, wo sic nach ihrer Vertreibung aus Deutschland noch lange eine sehr ehrenvolle Stellung genossen. Noch im Jahre 1084 hatte der Bischof von Speyer seinen Bürgern triumphierend mitgeteilt, es sei ihm gelungen, Juden in die Stadt zu ziehen, und er sei gewiß, daß sie die Blüte der Stadt vertausendfachen würden. Aber von da an geht es reißend abwärts, bis den gehetzten Menschen kaum etwas arideres blieb als der kleine Geldhandel, oder besser, der Winkelwucher und das Pfandleihgewerbe und allenfalls der freie Beruf als Aerzte, in dem sic die Lehrmeister des Westens gewesen sind. Zuerst werden sie von den Venezianern und Genuesen aus dem lukrativen SkiaveirhantM verdrängt, der im übrigen sehr bald einschrumpft, seit die Sklave.nstaatcn — Rußland ist das Afrika der damaligen Zeit — sich einigermaßen gefestigt hatten. Dann folgt ihre Verdrängung aus dem übrigen Warenhandel, und zuletzt aus dem Geldhandel und Bankiergewerbe. Den Vorwand gab die religiöse Frage. Daß es ein Vorwmi d war, kann man auf das deutlichste daran erkennen, daß einem noch furchtbareren Schicksal ereilt wurden. Ihn das genau zu verstehen, muß man wissen, daß die päpstliche Kammer das größte Finanzinstitut jener Zeit war, ein riesenhafter Konzern, der die ganze Welt überspannte, und von allen 1 andern des katholischen Bekenntnisses Zuflüsse hatte, als l.ehtogehiihreii /. B, von England, Polen und Ungarn, als Peterspfennig von allen Ländern, als Gefälle aller Art von den kirclilü'hen Würdenträgern und Kapiteln. Diese überall fließenden Einnahmen mußten irgendwie nach Rom transferiert werden, und dazu gab es nur zwei Körperschaften mit genü. geiid zahlreichen Standpunkten und finanziellen Methoden. Die eine waren die Juden, aus den schon dargclcgten Gründen, die andere die Templer, die vom Morgenlande bis nach Schottland und bis nach Portugal überall ihre Manoirs, ihre Burg- und SchloDsitze — mehr als zehntausend — hatten. Ihrer beider bediente sich die päpstliche Kammer als ihrer Bankiers. Nun kam aber vom etwa 11. Jahrhundert an, mit der Gunst der Kreuzzüge, in denen sie als Frachtfahrer und Geldleiher enorm verdienten, ein Stand der italienischen Bankiers empor, der sogenannten Lombarden, die cs verstanden, die Mittel des Bankverkehrs und der Geldübertragung durch Kreditgeld noch zu verfeinern, und zwar durch ihre Geschäfte auf dem Mittelpunkt des damaligen Welthandels, den sogenannten Champagner Messen. Sie waren es, die den immer gcldbedürftigen Päpsten große Vorschüsse machten, und diese derart dazu vermögen konnten, die beiden unbequemen Konkur- Kein Aricrprinzip bei der Weihnacht* Werbung! Der ״Pressedienst des Einzelhandels" vom 8. Dezember veröffentlicht zur Frage der Weihnachtsdekoration folgende Mitteilung: ״Aus Kreisen des Reichswirtschaftsministeriums wird darauf h!.־!gewiesen, daß die Verhinderung der üblichen Weihnacht dekoralion nichtarischer Geschälte deshalb als abwegig bezeichnet werden muß, weil dadurch der Absatz deutscher Erzeugnisse gestört werden könnte. Ein möglichst reibungsloser Absatz gerade vor Weihnachten ist geeignet, der Arbeitslosigkeit im Winter entgegenzuwirken. Um einen starken Einkauf der Verbraucher vor Weihnachten zu erreichen, ist die Übliche Weihnachtsdekoration in allen Einzelhandelsgcschäften notwendig.“ Es ist zu hoffen, daß nach dieser Klarstellung keine weiteren Forderungen gestellt werden, die auf eine Beschränkung der Weihnachtswerbung seitens nichtarischer Firmen abzielen. * Die in Waldenburg erscheinende ״Mittelschlesische Gcbirgszcitung“ veröffentlicht In Nr. 278 unter der lieberschrift ״Allen Juden ins Stammbuch: Weihnachten ist ein deutsches Fest“ einen Artikel, in dem der Verfasser sich dagegen wendet, daß Weihnachtseinkäufe durch Nationalsozialisten in dem dortigen Warenhaus getätigt werden. In dem Artikel heißt es 11. a.: ״Es soll niemand mit dem dummen Hinweis kommen, daß Schocken zweihundert Angestellte und Arbeiter beschäftigt. Der Waldenburg״• Kleinhandel gibt zwölihundert Arbeitnehmer״ Arbeit und Brot. Damit weiß jeder Nationalsozialist, daß cs seine Ehren- Pflicht ist. aus sozialistischen Gründen seine Einkäufe beim deutschen ztl geben. Der Jude Korn und der Jude Meyer, und wie die Mischpoke sonst noch heißt, sollen keine schwarz-weiß •roten Fahnen heraushangen.... Wir weisen es aufs schärfste zurück, daß die jü- (!ischcn Geschäfte Waldenburgs versuchen, ein Weihnachtsgeschäft zu machen. Wir Deutsche feiern Weihnachten, weil an diesem Tage lest!» Chvisfuv geboren würde, derselbe' Jesus’Christus.'der von Juden■ auf widerliche Weise ans Kreuz geschlagen wurde.... Weihnachten ist ein Fest der Deutschen und kein Geschäft der Juden! Jetzt wird die Judensippschaft ..Ei, wai“ schreien Und behaupten, ich hätte einen Eingriff in die Wirtschaft unternommen.... Für ganz Schlaue noch eine Randbemerkung: Adolf Hitler hat noch niemals befohlen, daß wir beim Juden kaufen sollen.“ Um die jüdischen Geschäfte Ii e g n i f z, 10. Dezember. (J. T, A.) Aus Anlaß der ersien Generalversammlung des Gesamtverbandes Deutscher Handwerker, Kauflcute und Gewerbetreibender in der Deutsehen Arbeitsfront, Anitsleitung Liegnitz, hielt der Kreisleiter der NSDAP. Klicbcr, eine Rede, in der er u. a. erklärte, es werde gar nicht daran gedacht, die Warenh ä u s e r und die jüdischen Geschäfte zu s c h I i cßen. ״Das deutsche Volk“, fügte Kreisleiter Klieber unter stürmischem Beifall hinzu, ״hat es ja selbst in der Hand, seine diesbezüglichen Wünsche durchzusetzen. Allen denen, welchen die Entwicklung zu langsam geht, sage ich: Geht doch nicht in diese Geschäfte, dann werden sie von selber schließen!“ renten auszuschalten. Es ist charakteristisch, daß gerade unter Papst Innocenz III., dem großen Gegner Friedrichs II., das schwerste Ungewitter über die Juden hereinbrach. Er hatte jenen gewaltigen kapitalistischen Konzern auf das feinste ausgestaltet; statt der feudalen Beamten der Vorzeit, die immer wieder sich verselbständigter! und ihrem Herren entglitten, hatte er ein fest besoldetes Beamtentum modernster Art eingeführt. Schon hatte sich die Stimmung gegen die Juden längst sehr verschlechtert. Die religiöse Aufregung der Kreuzzüge verlief unter den bekannten Pogromen, an denen sich der schwer verschuldete Adel und die kleinen Leute willig beteiligten. Nach dem soziologischen Hauptgesetz, demzufolge man immer denjenigen für abscheulich hält und erklärt, dem man Böses antun will, wurde gegen die Juden gehetzt, Merkwürdigerweise spielt der Vorwurf des Wuchers dabei kaum eine Rolle. Peter von Cluny weiß trotz seines maßlosen Judenhasses nichts vom Wucher; er wirft den Juden nur Hehlerei mit gestohlenem Kirchengut vor. Im Gegensatz dazu ist es gerade Bernhard von Clairvaux, der V e rt e i d i g e r der Juden, der zuerst von Wucher spricht, aber nur, um zu sagen, daß es die Christen noch sehr viel ärger trieben. Damals zuerst wird der Ausdruck ״Judaizare“ im Sinne von Wuchern gebraucht, während er bis dahin die Hinneigung zum Judenchristentum bedeutet hatte. Nicht einmal Radolf, der den Judenkreuzzug predigte, klagt ■wegen Wuchers: er will mir Rache für Christus. Selbst Innocenz III. muß das anerkennen; er sagt, wenn man die christlichen Wucherer exkommuniziere, müßte man die Kirchen schließen. Aber die Stimmung wird immer ärger; i!n zwölften Jahrhundert beginnen die Austreibungen. Philipp II. August von Frankreich, als Knabe zur Regierung gekommen, beginnt damit, weil seine Kameraden ihm die Fabel vom Ritualmord aufgebunden haben. Zur Reife gekommen, hat er dann seine Juden wieder zurück gerufen. Und dann trifft sie jener Wetterstrahl aus der Hand Innocenz III. Auf eine Anfrage antwortet der Paj>st, die Juden seien durch eigene Schuld in ewige Knechtschaft verfallen. Die Antwort war, vielleicht beabsichtigt, doppeldeutig. Gemeint ist ursprünglich damit nichts als die Knechtschaft ihres Gesetzes, dem die Juden sich freiwillig unterwerfen. Aber man konnte — und sollte vielleicht — das mißverstehen, und so erklärt denn Thomas von Aquino die Juden schlechthin als Knechte ihrer Fürsten. Damals kommt der Ausdruck der ״Kamm crknechtc" zuerst auf. Und von da aus datiert dann die berühmte ״Goldschwammpolitik“: man läßt sich die Juden mit Gold vollsaugen, um den Schwamm dann kräftig auszupressen. Der einzige Lichtblick in jener Zeit war die Abweisung des Ritualmordmärchens. 1234 unter Friedrich II. •wurde nach genauester Untersuchung von einem Gremium, dem zahlreiche Erzbischöfe und Bischöfe angehörten, die Blutbeschuldigung als sinnlos erklärt, und allen Christen ihre ■weitere Verbreitung verboten. * Die Alten glaubten an die Wiederkehr des Gleichen auch in der Geschichte, wie in den Jahreszeiten und in den menschliehen Lebensaltern. Noch Macchiavelii glaubt an das Gesetz der zyklischen Katastrophen; von ihm stammt das berühmte Wort: ״Und in diesem Kreise bewegen sich die Staaten“; noch Lord Byron hat in seinem Childe Harold dieser tiefpessimistisehen Auffassung Ausdruck verliehen: Das ist der Weltgeschichte Abgesang, stets wiederholt die alte Litanei: Erst Freiheit und dann Ruhm, wenn das verklang, Gold, Laster, Fäulnis, wieder Barbarei. Und der Geschichte riesige Bücherei hat nur ein Blatt. ich glaube nicht an diese Lehre. Ich glaube, daß die Geschichte in Spiralen verläuft, trotz allem aufwärts, dem Ideal des kantischen Staates des Rechts und der Freiheit entgegen. Aber freilich ist die Spirale so eng, daß jede ihrer Windungen einem kreisförmigen Umschwünge sehr ähnlich sicht. Einen dieser Umschwünge habe ich hier darzustelien versucht. ״Othello“ im Kulturbund Der Kuliurhund veranstaltet Vorträge und Konzerte. Die grolle Preis,uifgnbe bleibt aber das Theater, um so verantwörtlicher, weil es da für die Mitgliederschaft keine Mm:- lichkeit der Auswahl gibt, um so schwieriger, weil es die Zusamincnstimmung vieler Faktoren künstlerischer, lechnisclier, materieller Art voraussetzt, weil ein leistungsfähiges Theater von vornherein planmäßige Erziehungsarbeit, familiare Zusammengehörigkeit aus Bluts- und Wiilensgcmeinschalt erfordert. Wir haben ein anspruchsvolles, ein theatergewöhntes und auch verwöhntes Publikum. Bevor es noch anfing, hatte ich Veranlassung, gegen die ganz feinen Leute ausfällig zu werden, die für 2,50 M. monatlich (wovon die Hälfte auf Theater fallen wird) die großen Prominenzen bis zu Paiieiiberg und der ßergner verlangten und dann wohl wegen Nichtlieferung auch ihr Geld behalten haben. Am Ende meiner Deutlichkeit pflegte ich dann belehrend zu werden: Und wenn es unseren dafür bemühten Freunden nur gelingen sollte, ein «der zwei schöne neue Talente vor/uführen, so haben sie damit mehr für die jüdisehen Künstler und für euch getan, als wenn sie die ״höchsten Sterne“ vom Theaterhimmel wieder herunterholten. Die überdies aus sozialen oder künstlerischen Gründen nicht auf uns angewiesen sind. Lassen wir die erste Brotfrage weg! Man stelle sich einmal die darstellenden Künstler vor, denen man a!1 Armen und Beinen Fesseln angelegt und einen Knebel in den Mund gesteckt hat! Der Schauspieler braucht die Bühne, um sich überhaupt seiner Existenz zu vergewissern; er wird, wie groß auch immer, kein Solist gleich dem Musiker, ist auf Gemeinschaftsarbeit mit seinen Kameraden und auf eine übergeordnete Führung angewiesen. Ich ־weiß nicht, wie sich Verdienst und Glück verketten — jedenfalls ist cs den Verantwortlichen, den Herren Kurt Singer und Julius Bah, gelungen, uns durch die Erscheinung junger Talente aufs angenehmste zu überraschen, schon nach drei ,Monaten, die als ,,Bewährungsfrist“ alle Nachsicht verdient hätte. Bei der Erstaufführung des ״Figaro“ sah ich eine Gräfin mit einer sehr schönen Stimme, eine Anfängerin der Bühne, die weder gehen noch stehen konnte. Bei der ungefähr zehnten Vorstellung, die ich mir als leidenschaftlicher Theatermann wieder gönnte, hatte sie sich schon so frei gespielt, daß sie auch bei der großen Arie lächeln konnte. So weit es das überhaupt noch geben sollte — unser Cherubin hat eine große Zukunft vor sich mit dem feinen Glockenton »eines Organs, mit einer Art von ernster jugendlicher Lauterkeit und Unschuld, die immer das Glück der Bühnenkinder und das unsere macht. Kommen wir zum Othello, der die noch etwas unsicheren Versprechungen des ״Nathan“ gewiß auch mit Hilfe Shakespeares mehr als erfüllt hat. Zunächst eine Anerkennung des Malers, von dein ich verlange, daß er unter gegebenen Umständen billig arbeitet, damit die wesentlichen Mitte! dem lebenden Menschen material zugute kommen. Walter Auerbach hat das, GoH sei Dank ohne Hilfe der allzu bequemen, darum die Erfindung lähmenden Drehbühne, mit einer Einheitsdekoration geleistet, die aus einigen schmucklosen Säulen- Stellungen bestand, um sich je nach der anzudeutenden Szene durch einfach liniierte Schwarzweiß-Prospekte im Hintergrund zu ergänzen. Den Regisseur Wilhelm Chmelnitzki möchte ich schon deshalb anerkennen, weil er unsichtbar blieb, nur in seinen Darstellern und in der plastischen Ausprägung ihrer dramatischen Beziehungen vorhanden sein wollte. Wir haben überdies genug von all den genialen Regisseuren, die sich durch besondere Nummer erkennbar machen! der beste Regisseur ist derjenige, unter dem die Darsteller am besten spielen und am stärksten zusammen wirken. Das Kurt Katsch eine außergewöhnliche Kraft ist, hat schon sein Nathan gesagt; er gibt den von Geblüt und Gemüt edlen Mohren, den Shakespeare ausdrücklich verlangt, hat ihn von dieser Seite schon fertig, wenn er mit einem kindhafte!! Lächeln männlicher Scham der Signoria von Venedig die Eroberung der Desdeniona erklärt. Nur ein geistig so wenig bemittelter Vater wie Brabantio kann daran zweifeln, daß seine Tochter mit Othello ihm wohl etwas braunere, aber sonst vorzüglich geartete Enkel schenken wird. Wie man schon längst bemerkt hat, es handelt sich bei Othello nicht tun einen sinnlich Eifersüchtigen, sondern um einen primitiv heldischen Menschen voll zartem Ehrgefühl, von kindliehe,•n Vertrauen, das man deshalb um so gründlicher verfiften kann. Mit Katsch wird er ein Kranker, Fiebernder, räumender, der erst beim Erwachen merkt, was er angerichtet hat. Vas macht denn den Schauspieler? Im untersten die Stärke einer pathologisch-psychologischen Schmerzemp- Endlichkeit. Diesem kranken Helden, der in fieberndes Irrereden und Stammeln verfällt, geht es, banal gesprochen, an die Nieren. Wenn Herrn Katsch, der wie selten ein Schau- Spieler sich aufwühlen oder aufreißen kann, noch ein Rat zu geben ist, so wäre es der, daß er sich von der Erregung nicht zu hoch in Faisettöne hinau!treiben läßt. Sonst kommt er bei aller Männlichkeit ins Wimmern, Als Rudolf Rittner nach einem gerade bei Otto Brahm gelandeten Schauspieler fragte, hieß es: er ist ganz gut, oder er ist nicht schlecht. Darauf Rittner; Ist er I oder ist er Ia? — Herr Katsch ist Ia. Der Othello hatte mit Fritz Wisten einen außer ordentlichen und beflügelnden Jago zur Seite, Es gab wie bc jeder Aufführung ein paar Stellen von geringerer Dichtig keit, aber nur höchst plastische erschütternde, beängstigende Szenen, wo die beiden zusammentrafen. Die Schurken be Shakespeare sind auf verschiedenste Weise amüsant, diese! durch die Masken des Biedermannes, des guten Kameraden des schlichten Soldaten, durch viele Rollen in seiner Rolle Llerrn Wistens Glaubwürdigkeit macht seine nachhaltig( Männlichkeit, seine künstlerische Ruhe, die dazu uneitk Sicherheit des Spiels mit so viel Bällen. Es sind die Hand hingen, die veralten, besonders die intriganten mit ihren naiver und umständlichen Einfädelungen; es sind wenigstens b!־ Shakespeare die Charaktere, die bleiben. Was sonst of ausbleibt, bei diesem Jago hatte ich gegen mich selbst de! Verdacht, daß ich, obgleich kein Mohr, Kein Held und nich so fremd gegen die Finessen der Zivilisation, doch auf ihi hercinfallen könnte. Käthe Ford er hat bei allem zart lyrischen Tempera ment doch etwas, was gerade der Desdemona widersprich! etwas schon hausfrauenartig Behutsames. Wenn sie bei Imme unpassenderer Gelegenheit immer wieder für den Gassi! spricht, so muß eine kleine Eitelkeit oder Dummheit ms Spie gesteckt sein, mit der ein seiir geliebtes Weibchen seinen Ein fluß wahr haben will. Wenn wir noch die klare tüchtig Frauennatur der Emiüa von Lilly Kann anerkennen, de schlanken frischen Cassio von Le» Huth, den liebenswürdi dümmlichen Rodrigo von Fred Alexander, so habe wir der Pflicht der Dankbarkeit im wesentlichen genügt. Man konnte verstehen, daß der Kulturbund mit ״Natha dem Weisen“ begann. Man wird vielleicht statt des ״Othello auf andere Werke gewartet haben, die mit jüdischem Schicks; mehr zu tun haben. Darauf wäre wenigstens vorläufig zu ei widern, daß diese anderen Werke nicht immer da sind, da sie nicht einmal immer zu bekommen sind und daß di dramaturgische Auswahl unter gegebenen Umständen nict immer ganz frei sein kann. Gutes Theater, erlaubte ich mi zu sagen, geht nicht ohne erzieherischen Willen, ohne pfleg liehe Ausnützung des vorhandenen Kapitals an künstieri sehen Kräften, was nicht anders als durch planmäßige Höher stufung der Aufgaben erfolgen kann. Sollte noch ein Zweif( gegen das ״Repertoire“ vorhanden gewesen sein, so ve! stummte er jedenfalls, als Shakespeare sprach und de Prospero-Zauberetab erhob.

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