Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 100 (15.12.1933)
- Date
- 1933-12-15
- Page
- Seite 963 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer RM 0,25 Beilagen: Kinder-Rundschau / Liter&iurblaU / Sport JÜDISCHE RUNDSCHAU Er*ch*int jeden Dienstag und Freiteg* Bezugspreis hei der Expedition monatlich 2.—• RM, v i«r te lj 8 h rl i c h 5,75 RM. Bei Nichterscheinen infolge Streiks oder höherer Gewalt bestehljcein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der Berugsgebühren. — Auslandsabcrniemema werden in der Wahrung der einzelnen Länder ber«c)*rfef. Anzeigenpreis. AchtjJeapaltene Millimeterseile 0,30 RM. Stellengesuche Einzel-Anzeigen nur gegen Vorauszahlung Redaktion, Verlag und Anzeigen -Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H•, Berlin AVI 5, Meinekestr.lO. Telefon: J 1 Bismarck 716570־. Aat.lieo Annahme: Montag hi» Freiing von 9—5 Uhr. Anzeigenschluß: Dienstag . Nummer: Freitai- ««chmitug* 3 Uhr Aus dem Inhalt: Nach der Demonstration in Telreich — ״Othello“־Premie1׳e im Kulterbund — Ein Dichter stellt sielt der Zeit — Zertifikate für Ju* ^endliche — Hebräischer Fernunterricht — Nummer 100 | Berlin, 15. XII. 1933 RedaktionsschluS Sonntag und Mittwoch nachmittag. כ״ו כסלו חרצ״ד | xxxviil jahrg. Bar Zlonlamus erstrebt für das jüdische Volt« die Schaffung einer öftentHch . rechtlich gesicherten Heimstätte iw Palästina. ״Baseler Programm.«« Franz Oppenheimer: Tausend Jahre jüdischen Schicksals I. Aufstieg Vom Aufstieg und Abstieg des jüdischen Volkes während des Mittelalters soll hier die Rede sein. Zu dem Zweck müssen wir seine Lage in den Jahrhunderten des späten römisehen Kaiserreichs kurz betrachten: Das Erste ist, daß schon vorder Zerstörung J e r u salents überall im Umkreise der mittelmeerischen Kultur größere und kleinere jüdische Kolonien bestanden, vielleicht, wie Winckler anninimt, verschmolzen mit den früheren phönizischkarthagischen Kolonien, die plötzlich aus der Geschichte verschwinden. DieseZerstreuungistdasailgemeine Schicksal der Völker jenes Kulturkreises. Die kapitalistische Sklavenwirtschaft, die Grundlage ihres wirtschaftlichen und politischen Aufbaus, duldet in der Heimat nur große Grund- und Sklavenbesilzer oben, und über den Skiaven selbst kaum etwas anderes als freie Lumpenproletarier unten. Für den freien Mittelstand gibt es kaum Lebensraum, und so sind die freien Elemente, die nach oben nicht aufsteigen können, und nach unter nicht absinken wollen, gezwungen, sich als Söldner oder Händler in der Fremde ihr Brot zu suchen. Das gilt für die Juden wie für die Römer und die Griechen. Zweitens muß beachtet werden, daß die Juden in einer ganzen Anzahl von Randstaaten die herrschende Klasse waren. Wir wissen von einem dem Partherreiche tributären König* reich A di a he ne, dessen Hof 57 nach Christo zum Judentum übertrat; in Siidarabien bestand unter Joseph Dhu Nuas ein gleichfalls jüdisches Reich. Bekannter ist das Großreich der Salornonjden in Abessinien, die dann freilich zum Christentum iibertraten, aber im achten Jahrhundert von einer wieder jüdischen Dynastie verdrängt wurden, die bis zu den Kreuzzügen herrschte. Noch bekannter ist, daß Hof und Adel des handelsmächtigen Reiches der Chazarcn mit der Hauptstadt Itil an der unteren Wolga in der Nähe des heutigen. Astrachan zum Judentum übertraten, und zwar nach 800. Hier waltet ein soziologisches Gesetz erster Ordnung: überall sucht der zum Alleinherrscher gewordene Fürst des Eroberungsstaats Stutzen gegen die Ansprüche des mitgebrachten Kriegeradcls, die ihm als seine Pares oder Pairs unbequem und gefährlich sind. Er findet diese Stützen in dem ncuenAdc I, den er ans seinen Hofdienern und Gardisten emporhebt, vor allem aber in den Priestern einer fremden angesehenen Kirche, die ebenso sehr wie jene mit ihm stehen und fallen müssen, aber außerdem noch den Vorzug haben, als geistliche / olizei mit allen Mitteln der Kirche auf die Gemüter zu wirken, 'in Khagan der Cliazaren waren die Bedingungen, die der Ist in Rom und der Patriarch in Byzanz stellten, zu hoch geen, und so wandte er sich an die damals blühende jüdische icinde im Zweistromlande. Hier treffen wir auf einen anderen Machtmitteipunkt des!maligen Judentums. Schon im Reiche der Arsakiden und pater der Sassaniden nahm das Oberhaupt der Juden im Zweitromlande, der ״Exilarch“ aus dem Königshause David, eine fürstliche Stellung ein. Er ־war dem König der Könige für die Steuern seiner Glaubensgenossen verantwortlich und hatte über diese die volle Gerichtsgewalt nach jüdischem Recht, Üe er im übrigen mit den Gaonim, den Cheftheologen sozusa-?en, teilte. Diese Stellung wurde unter Omar noch erhöht: der -xilarch hatte den Rang eines tributären Fürsten unmittelbar!infer dem Kaiifen. 1038 wurde sein Amt mit dem Oaonat ereinigt. Schließlich muß man wissen, daß bis Mohammed und auch!och nach Mohammed eine nicht geringe Anzahl noch voll- :ammen bedninisch lebender Stämme sich zum udentum bekannten. Hier überall hat es gewiß in nicht ganz geringer Anzahl roße reiche Herren gegeben, die sich durch ihren Reichtum tid Adel auch weitreichender Beziemmgeti erfreuten. Aus die- Mi Elementen namentlich werden die reichen Juden hervor- (egangen sein, die schon vor dem Jahre 70 und später in der ‘,iaspora lebten. Kingsley schildert in seiner ״Hvpatia“, einem man von Bedeutung, der Anfang des 5. Jahrhunderts spielt, en solchen jüdischen Millionär, Raphael Ibn Ezra, offenbar h historischen Vorbildern; er war ja selbst ein bedeutender Schichtsschreiber. So gab es denn im römischen Reiche auch Senato» n jüdischen Glaubens. Der Kirchenvater Hieronymus (zirka 10—420), der in Palästina starb, ein vortrefflicher Kenner des ebräischen und des Judentums, stellt uns dar, wie sich die uden die Ankunft des Messias denken: Aus Britannien, Germa- Franz Oppenheimer, bis vor kurzem Professor in Frankfurt a, M., der demnächst seinen 70. Gclmrtstag begeht, ist in unserer '/.eil einer der grüßten Spstcmatihcr der Soziologie. Sein II utiptwvrh / }'erlag Gustav Fischer, Jena) umfaßt neben der allgemeinen Soziologie and Staatslehre mich eine großangc legte Sozitduml Wirtschaftsgeschichte Europas. Die Sindien hierzu haben Oppenheimer auch Einblicke in das Auf uml .1 b des jüdischen Schicksals gewinnen lassen. Der Gelehrte, der die Lösung der sozialen Frage durch ein neues Bauerntum auf eigener Scholle unter Befreiung vom Großgrundbesitz erwartet, sicht auch die Lösung der Juden frage, in dieser Richtung. Er hat bekanntlich auch aktiv bei der jüdischen Kolonisation Palästinas mitgewirhl und 1010 die erste jüdische Siedlungsgcnossenschnft im Emek Jes• reel gegründet. nien und Spanien kommen die Herren Senatoren in ihren Karossen herangefahrcii. Aber sehr zahlreich wird man sicli diese Gruppe nicht vorstellen dürfen. Unter ihr bestand eine größere Anzahl aus Mittelstäiullcrn, unter denen auch mittlere Landwirte, sogenannte Possessorcii, sich befanden, von denen namentlich aus Siidfrankreicli berichtet wird. Aber der Hauptteil bestand aus Handwerken!, Gärtnern und Bauern, und vereinzelten hausierenden Händlern. Namentlich die Seideriimtustrie in allen ihren Zweigen war ini römischen Reiche wesentlich in jüdischen Händen, Man hat berechnet, daß von den Weisen des Talmuds nicht weniger als hundert dem sonst so verachteten H a n d w erk an gehörten. Itn Handel hatten die Juden nur sehr g e r i!1 g e B e - d e u t 11 11 g gegenüber den stolzen Römern und Griechen, die sie als kleine Packenträger verachteten. Aber mit dem Siege des Christentums änderte sich das mehr und mehr: die Juden wurden aus allen anderen Berufen verdrängt und in den Handel hineingedrängt. Denn mit dem staatlichen Christentum trat zum ersten Male die religiöse Intoleranz im Grollen im europäischen Leben auf. Theodosius II. verordnet im Jahre 4'JS Ausschließung der Juden von;dien Aemtern und Würden, Verbot des Baues neuer Synagogen, und setzt auf die religiöse Propaganda die Todesstrafe. Nur in den Kurien d ü r f e 11 sie, nein müssen sie bleiben. Im Jahre 212 hatte Caracalla allen freien Insassen seines Reidies das römische Bürgerrecht verliehen, das aber damals schon kein ״Recht“, sondern nur noch eine Fülle von Lasten bedeutete, die sich immer drückender gestalteten. Zu den geplagtesten Bürgern gehörten die Curialen, die Stadtverordneten, weil sie für das Steueraufkommen der Gemeinde mit ihrem Vermögen, ja mit ihrem Leibe verantwortlich gemacht wurden. Diese ״Würde“ ließ man den Juden. Damals schrieb Rabbi Jotiianaan: Wenn man Dich zum Stadtverordneten wählt, suche Dir lieber die Jordanswüste als Nachbarn. Honorius schloß sogar tapfere Frontkämpfer, die sich itn Gotenkriege ausgezeichnet hatten, aus dem Heere aus. Später erfolgte auch das Verbot von Al i sch eh en. Dieses 11 e u e J u d en re c 11 t geht auf die Gerinanenstaateil auf Römer baden über und wird vielfach noch verschärft, Unsere Zeitung erscheint in der Weihnachts״ und in der Neujahrswoche nur je einmal in erweitertem Umfang als Doppel-Nummer Nr.l03/l04amFreilag,d.29.Dez.1933 Anzeigenschluß am Mittwoch, 27. Dez., mittags 12 Uhr Nr. 1/2 am Frcifa& den 5. Januar 1934 Anzeigenschlufe am Mittwoch, $. Januar, mittags 12Uhr Verlag und Redaktion der Jud. Rundschau am ärgsten im Staate der Westgoten, der, von seinen Bischöfen gegängelt, mit Recht als ein ״Kirchenstaat'■ bezeichnet worden kaiintüch hat die eine Schlacht hei Xerez la Frontera genügt, um den völlig uiitcrhölilteii Bau über den i laufen zu werfen. Hier wie bei den Franken traf die Juden vor allem hart das Verbot, christliche Sklaven zu halten; denn das bedeutete auf die l)3uer den Zwang, die Taufe zu nehme״ oder das Eigentum an Grund und Boden aufzugeben,!der hei dem;Mangel an freien Arbeitern nur ruit Sklavenarbeit bestellt werden konnte. Nach mosaischem Rocht durfte ein nicht beschnittener Sklave höchstens ein Jahr im Hause behalten werden; aber schon Hadrian hatte die Beschneidung verboten, mul diese Verbote wurden immer mehr verschärft bis zum Verbot des Ankaufs von Sklaven überhaupt. Die wenigsten ließen sich taufen, die meisten zogen den Verkauf ihres Grundeigentums vor und wurden derart i 11 d i e S t ä d t e o d e r i 11 d e n I I a u s i e r h a n * d e 1 hinein g e d r ä n g t. Damit begann merkwürdigerweise ihr Aufstieg; denn dadurch erhielten sie, wie Schipper gegen Sombart bemerkt, vielfach das Grundkapital zum 11 a n d e I s be t r i e V> e. Die Zeit war ihnen überaus gi'msiig. Der Einbruch der Gerpiauen hatte den alte״ Kultur- und Handelskreis der mitte!meensciieTV Welt zwar sdiwer gestört, aber nicht zerrissen, da die Eroberer überall die lateinische bzw. griechische Sprache und Gesetzgebung beibehielten, Aber der Arabersttirm zerriß diese alte Einheit endgültig. Von Syrier! bis fast zu den Pyrenäen wurde die arabische Sprache herrschend, die der Europäer nicht verstaiu(, und mehr noch: Das Handelsmonopol von Bvzanz. wurde vollkommen zerbrochen. Bis dahin hatten die hocligesehen und nordafnk,•mischen Hafen in der Hand der Moslim, und damit war auch!das Stapeinumnpol hinfällig geworden, das Die Nutznießer waren aus den verschiedensten Gründen die Juden. Erstens wagten sich die Moslim Jahrhunderte lang nicht auf christlichen Boden,!dann harten die )uden allein die Möglichständigen - Denn überall fanden sie Glaubensgenossen, die .außer der gemeinsamen heiligen Sprache auch die Sprache oder die Sprachen ries Landes b/.w. Bezirkes beiirrrsclrtcn und ihnen als Dolmetscher, Makler und (iesckäftsteilha her für Zeit oder für immer zur Verfügung standen. Sie waren in diesem neuen Turmbau von Babel die einzigen alles Verstehenden. Dann aber war auch dem Moslem durch sein heiliges Buch der G e I d 11 a u d e 1 verboten, Dieser wichtige Zweig konnte also in eien Ländern des Islam nur von den zwei Gruppen ausgeübt werden, die allein zugelassen waren, eien Christen uml den Juden. Nun war den Chris ton ebenfalls das Zinsnchmen verboten, ein Verbot, tun das sie sich allerdings in der Regel wenig geküminert haben; aber sic waren darüber hinaus den Machthabern als Glaubensgenossen der christlichen Feimlmäehte verdächtig, während die Juden in dieser Beziehung unbelastet waren. So selien wir denn die syrischen Christen, die vor dem /Arabersturm den Orieuthandcl fast monopolisiert hatten, mehr und mehr aus ihm verschwinden und durch Juden ersetzt werden. Dasselbe geschieht vom Bankiergewerbe in einem etwas wei״ teren Sinne, wo das Wort den kapitalistisch en Geldleiher, Steuer* Pächter und Großunternehmer einsehließt. Im 0. Jahrhundert bereits selien wir am Hof der ahbassidisdien Kalifen sehr reiche jüdische Finanziers aufkommen, die unter Muktadir (P08 bis 932) geradezu zu offiziellen Hofbankiers werden; ihre Aufgabe ist, den Vezieren zu jedem Monatsanfang das nötige Hartgeld für die Lohnzahlungen an die Hofbedicnion und die Garden zu beschaffen. Als Gegenleistung erhalten sie große Steuerpachteri und sind die Hauptnutznießer gewaltiger Sklavenjagden, die unter dem Vorwände des ״Heiligen Krieges“ an den Grenzen des ganzen Reiches geführt werden mit dem Zwecke, die gro* ßen Landgüter und die Fabrikstätten mit Arheitshanden zu versorgen. Die ungeheuren Gewinne haben sie mit den Vezieren und wahrscheinlich auch mit den Kalifen selbst geteilt. Eine letzte Quelle der Bereicherung war die Arbitrage. Die ehemals byzantinischen Provinzen hatten Gold-, die ehemals sassanidischen Silberwährung. Um das nötige Bargeld nach Bagdad zu bringen, hatten diese Ranken, die in Bagdad ihr Haupt- Zentrum, in Kairo ihr zweites Zentrum, und in allen bedeutenden Städten des Reiches ihre Sukkursalen hatten, nach -Massignon bereits die modernen Mittel der Geldtiberfragung durch Wechsel, Kreditbriefe und Schecks entwickelt; das Wort Scheck soll sogar direkt aus dem indopersischen ״Tchek“ ins Englische iibergegaiigeu sein; wohl glaublich, denn wir wissen, daß die normannischen Fürsten in Sizilien die arabische Finanz-