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Jüdische Rundschau · 1933-12-08 · Heft 98 (8.12.1933) · p. Seite 921

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 98 (8.12.1933)
Date
1933-12-08
Page
Seite 921 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 98, 8. XII. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 919 Rund um Haifa Von unserem gl.-Korrespondenten. Unsere nächste Bilder-Beilage am Dienstag, 12. d. M., bringt neue interessante Aufnahmen des Haifacr Hafens (ferner Bilder von den Unruhen in Jaffa usw.). I. Der Hafen arbeitet Athlith — eine Station vor Haifa. Noch vor einem Jahr und weniger wimmelte es hier von Leben. Hier waren die gewaltigen Steinbrüch e, die das Material für den Molenbau am Hafen lieferten. Hier standen die Baracken der Arbeiter, liier dröhnte es von den Sprengungen, hier liefen auf den provisorischen Gleisen endlose Züge offener, aneinandergeketteter Eistnwagen, die die riesigen Blocke nach Haifa führten, wo sic ins Meer versenkt wurden. Heute ist liier alles still. Man sieht die riesigen Höhlen, die Dynamit und Maschinen in die Berge gefressen haben, hier und da ist noch ein einsamer Kran, aber es herrscht Stille. Der Hafen ist fertig, die Brüche sind verlassen und hier und da siebt man in den weißen Felsen schon das eine und andere Hähnchen sprießen. Eine grolle Periode der palästinensischen Wirt- Schaftsentwicklung ist abgeschlossen; ihre Auswirkungen bcginnen. Lang streckt sieh der große Wellenbrecher schräg ins Wasser hinein. Er schneidet ein tiefes Stück aus der Bucht heraus, sturrnsicher, am Tage weiß abgezäunt mit seinen zementierten Blöcken, nachts von einem hellen Lichterkranz umgeben. Die Zeiten, wo man Lasten und Menschen mit kleinen Booten mühsam ans Land schaffte, sind vorbei. Die Dampfer ankern direkt am Kai, man braucht nur die Schiffstreppe zu überqueren und steht auf festem Boden. Wer heute ankommt und sich bei dein langen Warten bei der Paßkontrolie, beim Impfen, bei den vielfachen Formalitäten ge-!lügend ärgert, hält das alles für selbstverständlich. Nur wer seinerzeit jene Fahrt von der Reede ans Land in den schaukelnden Booten mitgemacht hat, weil! den Unterschied richtig zu würdigen, hat den rechten Blick für die Lager- Häuser, die Kräne, die lang-gezogenen Kais. Vor dem Hafen zieht sich glatt und breit ausladend eine neue Straße. Die breiteste im ganzen Lande. 30 Meter von einer Seite zur andern, die Autos halten in der Mitte der Straße neben den keUumgsinsehi. An dieser Straße erhebt sich das Handelszentrum Haifas, Bürohäuser, Geschäft«, Großhandlungen. All das war vor fünf oder sechs Jahren noch nicht da oder in den ersten Anfängen. Heute sieht man schon, daß die ganze Anlage viel zu eng ist, die Straßen sind schon heute gedrängt voll und was wird erst sein, wenn Haifa wirklieh die ״Stadt der Zukunft“ geworden äst? Es ist immer dasselbe im Lande. Man plant, und zwar nach den bestehenden Bedingungen oder denen, die man für ein paar Jahre voraussehen kann. Und dann hat nach kurzer Zeit die Entwicklung den vernünftigen Leuten Unreell! gegeben und die Phantasten poche« auf ihre illusionären Voraussagen. Es scheint zuerst gar nicht vorwärts zu gehen und dann beginnt sich die Expansion zu überstürzen. Beim Hafenbau hat die Regierung einen Teil der Wasserfläche zngeschüftet und damit ist wertvolles Terrain f ii r B a u z. w e e k e i n n ä c 11 s t e r Nähe der Kais gewoniren worden. Hier ist der gegebene Platz für B ii ro - und Geschäftshäuser. Die Regierung hat jetzt die ßedingungen für eine Verpachtung bekamitgcgcben. Verkauft soll das Gelände überhaupt nicht werden, sondern es wird eine Pacht von 6 ״,) des geschätzten Wertes verlangt und die Verträge laufen aut 75 Jahre. Nach Ablauf von 25 und 50 Jahren wird eine Neuschätzung des Bodens vorgenommen, um eine eventuelle Erhöhung der Rente zu ermöglichen. Nach 75 Jahreu fallen die auf dem Boden errichteten Gebäude an die Regierung. Nun hat jedoch diese den Wert des Bodens auf e 8,10 und 12 pro Quadratmeter geschätzt. Das heißt ein Dunam Boden, der 1000 Quadratmeter umfaßt, beläuft sich im Werte durchschnittlich auf nicht weniger als 10 000 Pfund! Bei einem Bauplatz von einem Dunam käme also die jährliche Rente auf durchschnittlich C 600, ein Preis, der auch bei den phantastischen städtischen Miets- und Bodenpreisen des heutigen Kon jun!\t1;maläxti!1a unerhört hoch ist. Es will fast scheinen, als wolle die Regierung bei dieser Preispolitik faktisch auf eine V e r k aufssperrc hinaus und jeder fragt sich sofort, ob hier nicht besondere Absichten vorliegen, ob sie nicht mit diesen dem Meer abgewonnenen, so glänzend gelegenen Böden ihre besonderen, nicht ausgesprochenen Pläne hat. Aber das Fragen niit/.t vorläufig nicht viel, die Regierung schweigt und bleibt bei ihren Bedingungen. Unterdes ist im Zusammenhang mit diesem Areal ein interessantes Projekt aufgetaucht, das aus den Büros von Josef Loewy in Haifa stammt. Es ist nicht mir an sich interessant, sondern auch ein Zeichen für die Stimmung, die überall im l ande, besonders aber in Haifa, herrscht und die ganz, von Plänen und weiten Projekten beherrscht wird. Man begniigt sich keineswegs mit den alten nusgefahrenen Gleisen, sondern sucht neue Wege und die sich ändernden Bedingungen sind ein guter Nährboden für die praktische konstrnktive Phantasie. Hier ist ein Terrain, das ungewöhnlich kostbar und begrenzt ist und zu schweren Bedingungen vergeben wird. Was liegt näher, als es auf ungewöhnliche Weise auszunutzen und wenn man sich nicht in die Breite ausdehnen kann, in die Höhe zu gehen? Das ist es, was vorgeschlagen wird. An Stelle der aneinandergedrängten Bauten, die nur enge Straßen und kein Grün, zulassen, einige Hoch- Häuser mit 10 Stockwerken statt der von,der Regierung vorgeschriebenen fünf und dafür weite Abstände und freie Luft. Der Plan lehnt sich an die bekannten Turmhäuser von Corbusier an und hat seine großen Reize. Aussicht, große Be- Iüftung, Lifts, Grünstreifen — man könnte auf diesem Ge- Linde ein sehr anziehendes Geschäftsviertel auf diese Weise machen. Ob etwas daraus wird, ob es nur bei einem intetessanten Projekt bleibt, hängt von der Regierung ab, und die pflegt nicht so leicht für solche umwälzenden Neuerungen zu gewinnen zu sein. | H. ״!. P. C." . LP. C. Irak Petrol Company -— das ist einer der Termini, der in Haifa einen großen Klang hat. ln dem großen Steingebäude, das die Büros dieser Gesellschaft heherbergt, die die Röhrciileitung von den Petroleuinfeldern in Mossul nach Haifa haut, konzentriert sich eine der wichtigen ökonomischen Kräfte der Stadt. Die großen Ocltanks der 1 Oelgesellschaften —- die weißen der Shell und die Silber- ■ farbigen der Vaeuum-Oi! — die vor der Stadt in die immer ■ mehr verkümmernden Palmenhainc gestellt sind, bilden eines ■ der Wahrzeichen der Stadt. Vor dein Arbeitsamt der I. P. C. ■ sieht man an den Nachmittagen lange Reihen von Fellachen!und Beduinen auf der Erde hocken. Sie warten auf Einsteijjlung bei den Röhrenarbeitcn, wo man sich einen Tagelohn ■ verdienen kann, der besser erscheint als die kargen Ertrag- Jlnisse des Bodens und der Wüsten 11 erden. Draußen in der Bay ■ sieht man eine komplizierte Maschine wie eine große Raupe ■ über den Boden kriechen. Hier wird das letzte Stück der ■ Röhren gelegt, die dem Petroleum den Ausgang ins Mittel- ■ ineer öffnen sollen. Die Maschine, ein ganz modernes Modell, ■ Pflügt einen tiefen Graben, rollt schwerfällig mit ihren Zahn- Hrädern über den von der Sonne hartgebackcncn Boden und jjinßt sich immer weiter gegen den Dünengürtel vor, der sie vom Wasser trennt. Noch wenige Wochen and das Werk ist fertiggestellt, die Leitung bis ans Meer vorgetrieben. Der Graben, in den die Röhren versenkt werden, zieht sich endlos in die Ebene Jesreel hinein. Nebenher laufen die Stangen der Telephonlinie, einer direkten Verbindung Palästina—Irak, von der Gesellschaft für ihre speziellen Bedürfnisse hergestellt. Wo die Leitung mündet, ist das ״Petroleumgebiet'‘ der Haifaer Bucht abgegrenzt. Aber vorläufig ist nur leerer Boden, wo später die Raffinerien stehen sollen. Das Petroleumgebiet ist bisher nur auf den Plänen zu sehen, aber mit der Beendigung der Leitung wird auch hier der Bau beginnen. III. Die Bay Haifa besitzt eine Bodcnreser v e, wie keine andere der großen Städte des Landes. Um den gelben Halbkreis der Bucht, der sieh bis Akko streckt und dann weiter übergeht in die Grenzebene nach Syrien, liegen Zehntausende von Dunam, in die sich die Stadt dehnen kann. Hier war vor noch nicht einem Jahrzehnt, als die Böden in jüdische Hände übergingen, nicht viel mehr als eine Einöde. Der Kischonflu 11, der den westlichen Teil der Ebene Jesreel bewässert, staute sich hier vor seinem Einfluß ins Meer in bedrohlichen Malariasümpfeti. Man hat anielioriert, Kanäle gezogen, den Fluß reguliert und erhielt eine riesige Fläche zur Benutzung. Sie wurde in verschiedene Bezirke atifgeteilt; solche für intensive gemischte Wirtschaft, eine Zone für Industrie, eine für vorstädtische Ansiedlung. Noch vor einigen Jahren fuhr man von Haifa nach der anderen Seite der Bucht auf einem romantischen Wege. Direkt am Meer entlang, direkt auf den Saiiddi'men, die Räder des Autos halb von den Wellen bespült. Heute durchquert die Bav eine gute Straße. Mitten in der Ebene ist ein großes Vorstadtviertel entstanden, wo Arbeiter aus Haifa Einfamilienhäuser und ein Stück Gartenland haben. Sie ,nahen bequeme und billige Verbindung mit der Stadt durch einen Autobus und die Eisenbahn und im Laufe weniger Jahre ist hier eine ganz neue Siedlung entstanden. Diese Vorstadt — die Schchunath Owtlim — wird jetzt wachsen, zu den bestehenden 200 Häusern werden neue hinzukommen. Diese Siedlung ist neben einigen Privatfarmen der erste Ansatz einer Ausnutzung der Haifa-Bav. Sie dient als eine Art Schulbeispiel, was sich in dieser Gegend machen läßt. Und ein solches Schulbeispiel ist nötig. Hier liegen große Bodenstrecken, ans denen sehr viel hcrauszuhole:! ist und auf der anderen Seite herrscht sowohl in den Städten wie auf (lern Lande ein gewaltiger Bodenhunger. Freilich, der einzelne kann hier nicht durchkommen, dazu braucht es eines orgatiisierten Zusammenschlusses. Und so etwas verlangt Zeit. Eine vorstädtischc Siedlung muß so ähnlich aufgezogen werden wie die Schchtmat Owdiin, eine intensive Landwirtschaft muß nach einem den hiesigen Bedingungen entsprechenden Plane gestaltet werden. Und diese Pläne sind jetzt in Bcarbeitnng, zuni Teil fertiggcstdlt. Im nächsten Jahre wird man hier beides, sowohl landwirtschaftliche als auch städtische Blöcke in der Entwicklung linden. Die Haifa-Bav soll zu einem Teil der Ansiedlung deutscher Juden dienstbar gemacht werden. Hier sollen die Wirtschaften entstehen, die hauptsächlich auf י Eier- Produktion aufgebaut sind, hier sollen die Klein häuser hinkoinmen, die zusammen rnit einem Stück Gartenland einem Mitfelständler für die ersten Jahre ein Stück Boden unter die Füße und ein Dach über dem Kopfe sichern. Die Deutschen, die Herkommen und von diesen Plänen hören, haben — mit Recht — unendlich viele Fragen zu stellen, Sic wollen Bescheid wissen über Kosten und Möglichkeiten, über Verbindung mit der Stadt, sie wollen wissen, ob sic hier nicht einsam sein werden, wie das Klima sei_ und tausend andere Dinge mehr. In der Rege! können sie sich nicht vorstellen, wie sich eine solche Bodenfläche in kurzer Zeit wandeln soll. Sic haben meist wenig Phantasie und ziehen cs vor, in eine ״fertige Sache“ hineinzugehen, als von Anfang anzufangen. Um ihnen zu zeigen, wie so etwas fertiges aussieht, schickt man sie in die Schchunath Owdim. Und wenn sie etwas in den Anfangsstadien sehen wollen, so kann man ihnen eine entstehende Gartenstadt vorweisen. ln der Nähe der Schchunath Owdim, an einer neuen Straße, stehen acht Häuser und ein Wasserturm. Es sind Kleinhäuser, jedes von zwei Zimmern und einer Küche, [fad und Terrasse, jedes mit ungefähr zwei Dunam Land dabei. Hier baut Loewy seine Gartenstadt, ein weiteres Experiment ■vorstädtischer Siedlung. Es wird parzelliert, ein gezäunt, Wasser beschafft, elektrisches Licht herangefiihrt und die Häuser ]!ingestellt. Zuerst wird einmal mit acht solchen Bauten angefangen, die unterdessen verkauft sind. Es sind verschiedene Häusertypen vorbereitet, größere und kleinere, je nach den Mitteln und den Bedürfnissen des Siedlers. Hier kann man billiger leben als in der Stadt, sein Gemüse ziehen, seine Hühner halten, die Verbindung nach Haifa ist bequem, man löst sich, auch wenn man dort arbeitet, aus der Enge und der Teuerung der städtischen Wohnungen los. Die acht Häuser mit den! Turm daneben und die zweihundert Bauten der Arbeitersiedlung nicht weit davon, geben den ersten Begriff, wie die vorstädtische Siedlung einmal ausschen wird. N׳cht weit von diesen Häusern sieh! man in der Ebene einen einsamen Schuppen. Das ist das erste Industrieunternehmen in der Bay, das hereits arbeitet, eine Marmorschleiferei. Und dieser Schuppen wird bald andere Dinge nach sich ziehen, ln der Iridustriezone der Bay, die Eigentum des Nationalfomis ist, haben eine ganze Anzahl von Unternehmern Boden für die Errichtung von Fabriken gepachtet. Selbstverständlich verlangt die Vorbereitung; dieser Projekte, von denen manche beträchtlich sind, viel Zeit, aber sehr bald wird die Schleiferei Nachbarn bekommen. Dann wird zugleich auch der Antrieb für weitere vorstädtischc Siedlung da sein, in der die Arbeiter der neuen Fabriken sich niederlassen werden. So schließt sich der Kreis; auf der einen Seite Haifa, das den Karmel hinanklettert, der Hafen, die Ocltanks, die großen ,,alten" — das heißt noch nicht einmal ein Jahrzehnt stehenden! — Fabriken, wie zum Beispiel die Zementfabrik ״Kescher“, die Tag und Nacht in den weißen Nebel ihrer Schlote gehüllt ist; der Flughafen, die vorstädtischen und die landwirtschaftlichen Siedlungen — Haifa greift weit über seine früheren Grenzen. IV. Hailas verschiedene Ciesichier Man sagt Haifa und jeder meint dabei etwas anderes. Diese Stadt ist ein so buntes G e tu i s c 11 v o n Stilen und Lebensformen, seine einzelnen Viertel stechen so gegeneinander ab, als wären es verschiedene Städte. Da ist das alte arabische Viertel mit Winkeln und Höfen, mit den großen Steinhäusern der Reichen; da ist die deutsche Templerkolonic mit ihrer breiten Hauptstraße, den soliden Häusern in den Gärten und den Läden. Da ist das Gesehäftsviertel, vollgestopft Unter dem Stichwort ״Ans dem Inhalt“ linden unsere Leser von jetzt ab auf der rechten Seite des Kopfes der ״Jüdischen Rundschau“ eine Angabe einiger wichtiger Beiträge der jeweiligen Nummer. mit Bürohäusem, lialie der Hafengegend, da sind die unveränderten arabischen Bazare mit ihren kleinen Läden, voll mit Kopftüchern und Kamelsätfeln, mit Gewürzen, «len Garküchen und Cafcstübchcn. Und da sind schließlich die neuen großen jüdischen Wohnviertel, die auch so verschieden voneinander sind. Kommt man an einem Nachmittag um die Zelt des Dunkel• Werdens aus dem arabischen Haifa nach Hada r Hakarme] hinaus, das sich auf halber Höhe an den Berg lehnt, so ist man wie in einer anderen Welt. Die Hauptstraße ist hell beleuchtet. Lang zieht sic sich hin, von beiden Seiten von Läden flankiert, alle Restaurants und Cafes sind besetzt, alle Schaufenster beleuchtet und europäisch hergerichtet. Es ist ein zweites Tel-Awiw, last ebenso lebendig wie das erste und leider last ebenso lärmend. Es hilft nichts, daß sich die Häuser, die hier vor ein paar Jahren hingestellt wurden, vorgenommen haben, nicht überall Läden zu dulden. Die Fassaden werden — wie sie auch immer ausgesehen haben mögen, umgebaut, es wird ein Stück wegrasiert und ein paar Läden hineingebaut. Und um die Ladenstraße wachsen die Wohnhäuser aut, groß, zum Teil sehr komfortabel, mit Balkons geradez.u bekleid, mit einem Zug ins Moderne. Im übrigen gewohnt man sich hier auch in den Wohnungen an Tel-Awiwer Verhältnisse: die Mieten steigen, ■die Bodenpreise auch, es ist alles schon vermiete(, bevor es noch fertig war. Hadar Dakar - mcl ist mächtig im Wachsen. Wer in einer anderen Welt wohnt, nämlich oben auf dem Karmel, rümpft häufig־ über dieses Schnellwachsturn dort unten die Nase, Da ist es zu laut, man sitzt zu eng aufeinander, es riecht alles zu sehr nach Tel-Awiw. Und freilich haben die Leute, die oben auf dein Berge wohnen, es leicht überheblich zu sein. Don oben ist vielleicht die schönste Wohngegend im ganzen Lande. Nicht nur daß es hoch liegt und daher luftiger und kubier als unten in der Stadt, wo die Bergwand den Wind abfangf. Hier oben hat die Aufforstung ihr Werk getan, cs gibt weite Strecken von Nadelwald und damit Schritten und Frische. Die gesamte ).amlseliaft hat sieh damit verändert, die harten Umrisse der kahlen Berge haben weichere Union bekommen, es gibt schon Stehen, wo man über federnden Nadelboden gebt. Fs ist eine der wenigen Stellen im Lande, wo man richtig spazieren gehen kann und die Fahrt in die Stadt hinunter und wieder zurück macht sich reichlich bezahlt durch die Frische und die Aussicht. Freilich, das Wo h n e n a 11 f d e nt Karmel kommt nicht für jedermann in Betracht. Denn nielif nur Zeit und Mühe muß mau für die Fahrt aufwemien, sondern auch Geld: die Verbindüng ist für kleine• Leute viel zu teuer. Wenn man es richtig angenehm haben will, muß man zu seinem Haus auf dem Karmel noch ein Auto haben,.,. Trotz aller dieser Komplikationen beginnt sich auch hier die Wohngegend mit Macht zu entwickeln. Es wird viel gebaut, zum Teil schön gebaut und die bisher sehr schüttere Siedlung verdichtet sieh, jetzt sind Pläne für die Aufschlie- Billig eines neuen Geländes in Vorbereitung, zusammen mit dem Bau einer neuen Straße und damit wird die Wanderung ״nach oben“ wieder einen neuen Anstoß bekommen, lind je «lichter die Siedlung wird, desto bequemer werden die Lebens- Bedingungen. Es ist die Möglichkeit gegeben, sich auf dem Berge in allen möglichen Hinsichten selbständiger einzurichten, eine Schule ztt errichten, eine häufigere Verbindung mit der Stadt zu erhalten usw. Charakteristisch für diese Gegend ist nicht nur der Wunsch, dort sein Haus zu haben, sondern auch alle neuen Möglichkeiten zu erschöpfen. Gerade jetzt probiert man dort etwas neues aus, was auf den ersten Blick einigermaßen verbluffend wirkt, aber nicht uninteressant ist, und vielleicht auch so manche Vorzüge hat. Man bebaut gerade einen Abhang, der ziemlich steil abfällt. Planieren ist eine mühselige und teure Sache. Aber wozu auch? Man hilft sieh anders, stellt einfach die Häuser, die sich vorne an die Halde lehnen, hinten auf hohe Stelzen und hat mit der Planierung nichts mehr zu schaffen. Diese Häuser sehen sehr sonderbar aus auf ihren viele Meter hohen BetonpFählen und ihren ganz vcrscliiedenen Vorder- und Hinterseiten. Man spart übrigens dabei nicht nur die Planierung, man sichert sieh auch eine Aussicht, denn die Fenster wachsen weit über die umgebenden Bä «me hinaus und die Aussicht auf dem Karmel lohnt in der Tat der Mühe. Viele der Hai!;!er beklagen sich, daß die Entwicklung trotz allem nicht schnell genug ginge. Sie übersehen aber dabei nicht nur, was in den letzten Jahren geschaffen worden ist, vom Haien bis zur Gartenstadt in der Bay und den beq ne men 1 lausen! in Hadar Hakarmel, sondern daß hiev in Haifa alles in viel breiterem Maße angelegt wird als z. 6. in Tel-Awiw. Fine so große Bocienrescrve wie sie Haifa besitzt, ist ein ganz imgewohnlirhor Vorteil, aber er verlangt, bis er genutzt werden kann, eine Fülle von Ueherlegen, Vorbereiten und Investitionen. Dasselbe gilt für die größeren lndwsiricn. die sieh in Haifa konzentrieren wollen, die nicht von heute aut morgen auf die Beine gestellt werden können, Es kommt aber gerade hei diesen Gründungen und der Expansion, die sich in Haifa vorbereitet, keineswegs auf ein paar Monate oder auch ein Jahr mehr oder weniger an. Die Stadt verspricht immer mehr zum Zentrum des Handels, zu einem der Industriezentren zu werden. Daß sie außerdem die Attraktion einer bezaubernden Landschaft und eines vielfältigen bunten 1 ehe ns besitzt, ist ein neues Ruhmesblatt in der Geschichte der Stadt, das keiner ihrer Lokalpafriofen zu erwähnen vergißt. Zwei palästinensische Zeitschriften präsentieren sich ln neuer Form. ״Mosnajim“, das Organ des hebräischen Schriftstellerverbandes, das bis vor kurzem als Wochenschrift erschien, hat sich jetzt in eine Monatsschrift Hingewandelt, deren erstes stattliches Heft (140 Seiten) unter der Redaktion von Jakob Fiel! mann und F. Lachowcr eben vorliegt. Das Heft enthält eine neue Dichtung von Bialik, ferner Gedichte von Schimonowicz, ein Drama ״Am Ende der Tage“ von Hasass, eine Erzählung von Barasch, einen philosophischen Aufsatz (״Realismus und Idealismus in der Erkenntnistheorie“) von Hugo Bergmann, sowie weitere größere und kleinere Beiträge von jechcskcl Kaufmann, Ficliinaiin, lachowcr, Steinborg, Steinmami und anderen. (Abonnementspreis jährlich 6 Dollar; Adresse: Tel-Awiw, P. O.B. 50.) — Die Zweimonatsschrift für Theater ״Bamah“ (Bühne) enthält in ihren! Nov omherheft gleichfalls zahlreiche wertvolle und interessante Arbeiten führender Persönlichkeiten der palästinensischen Literatur und Kunstsvclt. Der Zeitung sind außerdem eine Reihe von Photographier» aus der modernen Theaterkunst Palästinas bei gegeben. (Adresse: ״Habitua-Kreis“, Tel-Awiw, 1*. O, B. 222.)' ״Chcruth“ (Freiheit) ist der Titel einer Schrift, die vom Hechaluz, Deutscher Landesverband, vor einigen Wochen heiausgcgeben worden ist. Sie enthält Aufsätze und Berichte, die über das Leben des arbeitenden Palästina und die Chaluz- Bewegung orientieren. Der einleitende Artikel beschäftigt sich mit dem arabischen Problem, es folgen Aufsätze über Bodenspekulation und Mittelstand sowie die Vorstadtsiedlung. Ein Tagebuch der deutschen Aiijah gibt einen lebendigen Eindruck von der Eingliederung deutscher Chalnzim in das Leben Palästinas, Ein Bericht über das rumänische Judentum, Briefe deutscher Einwanderer sowie Ucbersichten über die Clraluzarbeit in Deutschland beschließen das Heft, das auch dem, der bisher der Arbeit des Hechaluz noch ferner ge• standen hat, einen guten Einblick in seine Gedankenwelt gibt.

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