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Jüdische Rundschau · 1933-12-08 · Heft 98 (8.12.1933) · p. Seite 918

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 98 (8.12.1933)
Date
1933-12-08
Page
Seite 918 (sequence 2)
Language
German
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Seite 916 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 98, 8.XH 1933 DicTd^nn^ des McicDoricilcl ׳■Komitees Der Emigrantenkommissar bei der Arbeit Lausanne, 6. Dezember. (J.T.A.) In der am 5. Dezember im Lausanne.1• Univershät^ebaude abgehaltenen Sitzung des Verwahuugsrates des iiiternattonalen Emigrantenhiifswerks hielt Hochkommissar James Mae Donald ein ausführliches Expose über grundsätzliche Fragen der Emigranten aus Deutschland. Von den fünfzehn in den Verwaltungsrat eingeladenen Staaten haben bisher ־zwölf ihren Vertreter ernannt: Belgien, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Holland, Italien, Polen, Schweden, Schweiz, Tschechoslowakei, Uruguay und Vereinigte Staaten von Nordamerika. Zu einem Referat über die Lage der aus Deutschland ausgewand erteil Gelehrten wurde der Genfer Universitätsprofessor William Rappard, der auch Mitglied der Mandatskomnussioii des Volkerlrundes ist, eingeladen. ln dem Bericht, den Hochkommissar M a c D o n a 1 d erstattete, hob er, nachdem er einen Ueberblick über die Zahl der Emigranten in den einzelnen Ländern gegeben und festgestellt hatte, daß etwa S6 <י> der 60000 Auswanderer Juden sind, die bedeutenden Leistungen hervor, die die jüdischen Hilfsorganisationen auf dem Gebiet der Fürsorge für die Ausgewandt rten vollbracht haben. Unter Hinweis auf die vom Volke! bimd zur Frage der Auswanderer aus Deutschland gefaßten Resolutionen erklärte der Hochkommissar, es sei nicht Aufgabe des V 1׳ r w a 11 u n g s r a t s, sich mit u n in 111 e I b a r e r H i I f s a r b e i t oder der Samm• 1 u n g v o n Lj e 1 d in i 11 e I!1 zu befassen. Diese Aufgaben würden weiterhin denjenigen Organisationen überlassen bleiben, die siel! ihnen bisher widmeten. Das Emigrantenkommissnriat werde sich bemühen, diese Hilfstätigkeit zu koordinieren und werde mit den in Betracht kommenden Regierungen die iioiwendigen Verhandlungen führen. Es werde ein Programm für die Eingliederung der Emigranten in die Wirtschaft verschiedener Lander au־gearbeitet werden. Darüber werde der Hochkommissar Besprechungen mit einer Reihe von Regnernngen und Organisationen abhalten. Mit den interessierten Privatorgaiii-'ationen müsse ein sehr eriger Kontakt aufrechterliaiten werden. 111 den Verhandlungen mit den Regierungen würden vor allem Fragen der Zuteilung von Ausweispapierfii, vermogcnsrcehtlichc Fragen, Bedingungen der N i c d c 1׳ l a s s u 11 g usw. erörtert werden. Besondere Aufmerksamkeit werde der Schaffung von Einwandcrungsnuiglichkeiteii zugewandt werden. Palästina habe bereits eine beträchtliche Zahl von Emigrant e n aus Deutschland absorbieren können und es sei zu hoffen, daß auch rindere Regierungen in der Frage der Zulassung von Einwanderern großzügig Vorgehen würden. Den Vorsitz hei den Verhandlungen des Verwaltungsrats führte der Vertreter der englischen Regierung, Lord Ce eil. Er erklärte jedoch, er könne sich nur provisorisch bereit erklären, dieses Amt zu führen und hoffe, daß ein ander« Mitgiied des Verwaltungsrats endgültig zum Vorsitzenden gewählt werden müsse. Von den jüdischen Organisationen hatten die Jewisli Agency, das Comite des DeRgations Juives, die 1CA, das Joint Distribution Committee und die Vereinigten Organisation en für W'andererfürsorge HIAS-JCA-EMIGDf RECT (HJCEM) Vertreter entsandt. Für die Jewish Agency war Dr. Chaiin W e i 2 111 a ת n, für das Comite des Delegations Juives Dr. Nahum Gold mann, für die JCA Direktor O u n g r e, für das Joint Distribution Committee dessen europäischer Direktor Dr. Bernhard Kahn und Sekretär Josesh C. Hy man, für HJCEM Herr Bernstein erschienen. Nach der Rede Lord Cecils begrüßten u. a. die oben genannten jüdischen Vertreter namens der jüdischen Organisationen die Tagung. Sodann berichtete Dr. Weizmann in einem einstündigen Exposä über die Ergebnisse der Londoner Hilfskonferenz vom 30. Oktober, welche für sämtliehe jüdischen Organisationen repräsentativ gewesen sei. Weizmann behandelte das gesamte Judenproblem und legte dar, daß eine großzügige Judenauswanderung aus verschiedeneu!.ändern, in denen große Teile der Juden, insbesondere der heran wachsenden Jugend, keine Existenz mehr finden könne, sich als notwendig erweisen wird. Besonders nachdrücklich schilderte Weizmann die Lage der Jugend. Die größten Möglichkeiten biete das Jüdische Nationallleim in Palästina; weltere Ansiedlungsmöglichkeiten, die erörtert werden müssen, könnten Nordamerika, Südamerika, die französischen Kolonlen, verschiedene Mandatsländer usw. bieten. Weizmann berichtete bei dieser Gelegenheit über eine Besprechung, die er vor kurzem mit dem englischen Dominienminister Thomas gehabt hat; er habe daraus den Eindruck empfangen, daß Aussichten für Einwanderung und Ansiedlung deutscher Juden auch in manchen britischen Dominien vorhanden sind. Belgische Regiernngskommission zum Stadium der Judeneinwanderung Brüssel, 3, Dezember. (J.T.A.) Die von der belgischen Regierung zur Untersuchung der Lage der aus Deutschland nach Belgien eingewanderten Juden eingesetzte Kommission hat ihre erste Sitzung abgehalten. Außer dem Vertreter des Außenministeriums gehören der Kommission noch ein Ministerialdirektor im Ministerium für Industrie und Arbeit, der Präsident des jüdischen Flüclitlingshilfskomitecs Max Gottschalk und der Direktor des öffentlichen Sicherheitswesens an. Die Kommission hat drei Hauptaufgaben: 1. Zahl und Lage der Immigranten festzustellen. 2. Das Unterstützungswesen für die Einwanderer und die Maßnahmen aufbauender Wirtschaftshilfe für sie zu regeln und 3. die Frage des Niederlassungsrechtes zu klären. Der vom Völkerbund eingesetzte Hochkommissar für Emigrantenwesen, James J. MacDonald, hat sich in der letzten Woche in Brüssel aufgehalten, wo er Besprechungen mit den Kommissionsmitgliedern über die Organisierung des Emigrantenhilfswerks in Belgien abhielt. ♦ SchwcdischeWissenschaftler haben sich bereit erklärt, freiwillig auf einen Teil ihres Einkommens zu verzichten, um mehreren nichtarischen Wissenschaft« lern, die ihre Lehrstühle in Deutschland verloren haben, die Möglichkeit zu gehen, in Schweden ihre Studien fortzusetzen. Das Serafiin-Lazarett in Stockholm hat 12 deutsche Medizinstudierende und Aerzte aufgenommen. Neue Unterhaasanfrage Ober die PaiSstinaeinwandernog London, i. Dezember. (J.T.A.) Iin Unterhaus fragte am 5. Dezember der konservative Abgeordnete Generalmajor Sir Alfred K!1 0 x den Minister für die Kolonien, ob er mitteilen könne, wie hoch die Quote der in den ersten sechs Monaten lßil nach Palästina zuzulassenden Einwanderer sei. Sir Philip (, 11111 i f f e, - L i s t e r erwiderte, die Quoten, die Arbeite!schcdulen genannt werden, würden jeweils im Oktober und April festgesetzt. Die im Oktober festgesetzte Quote bei!'סייס; die nächste .Arbeiteicinwanderuugsquote werde j;n April *1JÜ bekaimtgegebcn werden. Ist der Kuli!;ileimiiiiister sicher, daß mit Rücksicht auf die vorhan.leue Bevölkerung diese Quote für die Aufnahmefahigkeit des Lau des nicht zu hoch ist? fragte Sir Alfred weiter. Ich halie wiederholt erklärt, antwortete Sir Philip, daß cs die konsequente Politik des Regierung und des High (ßoininissioiier Kt, die Quote genauestens der Aufti a h!11 e f a 11 1 g k eit d e s Landes anzupassen. Will der Minister für die Kolonien auch die Tatsache in Betracht ziehen, warf Abgeordneter Bamett Jänner ein, das Palästina ein prosperierendes Land ist und daß es die Einwanderer sind, die diese Prosperität herbeigeführt haben? Es mag wollt ein prosperierendes Land sein, antwortete Sir Philip, aber cs wäre kein solches, wenn wir die Einwanderung nicht entsprechend der Aufnahmefähigkeit regeln würden. Das Urteil im Jerusalemer Aufruhrprozeß Jerusalem, 5. Dezember. (J.T.A.) Das Jerusalemer Gericht hat nunmehr das Ausmaß der Strafen für die im Prozeß wegen der Araberuriruhen am 13. Oktober verurteilten arabischen Führer festgesetzt. Der Sekretär des Obersten Mosletnifisclien Rates Dschemal el Hussein!, ein Vetter des Großmufti, und Edmond Roch, einer der christlichen Führer der christlich-mohammedanischen Vereinigung, wurden zu je einem Monat Gefängnis verurteilt. Der dritte Angeklagte, Scheich Abdul Kader Muzzafar, ein Mitgiied der Arabischen Exekutive, mußte eine Kaution von 100 Pfund hinterlegen, für weitere KW Pfund muß eine dritte Person Bürgschaft leisten. ln der am 6. Dezember in Jaffa beginnenden Verbandlung gegen die Führer der arabischen Unruhen in Jaffa am 27. Oktober werden sich die drei Verurteilten abermals wegen desselben Vergehens zu verantworten haben. Im Jaffaer Prozeß stehen insgesamt 20 arabische Führer unter Anklage, unter ihnen der Führer der Istaklalpartei und Sekretär der Arabischen Exekutive, Auni Bey Abdul Hadi, und der Vorsitzende des arabischen Jugendverbandes, Jacob Bey AI Ghusscin. Das Mitglied der Exekutive der Jewish Agency, Grünbäum, ist aus Polen in Palästina cingetroffen und bat die Leitung der Einwanderungsabteilung der Palästina-Exekutive übernommen. Dr. Werner Senator ist nach Deutschland abgereist. Der Rektor des vatikanischen Propagandakollegs, Msgr. Torquato Tini, ist zum Apostolischen Delegaten von Palästina, Aegypten und Arabien ernannt worden. Beginn der Untersuchung Ober die Unruhen Jerusalem, 5. Dezember. (J.T.A.) Am 5, Dezember hat die zur Untersuchung der Araberunruhen im Oktober eingesetzte Kommission, deren Leiter Sir William Murison am Sonntag in Palästina cingetroffen ist, ihre erste Sitzung abgehahen. Der Kommission gehört außer Sir William nur noch der Generalstaatsanwalt von Palästina, Trusted, an. Die Kommission, die dem Wortlaut des Ernennungsdekrets zufolge ״den genauen Verlauf und die Art der Ereignisse in der Zeit vom 13. Oktober bis zum 3. November sowie die Zahl der Todesfälle und die Beschädigung von Eigentum, die mit ihnen im Zusammenhang standen״ festzustellen hat, wurde von der Arabischen Exekutive Palästinas abgelehnt, die eine Mißtraucnsresolution gegen die Kornmission faßte und beschloß, Mitte Januar anläßlich des Id- Al-Fitr oder id-AFSighir (Fastenschlußfest) Kundgebungen im ganzen Lande zu veranstalten. Die Führung bei diesen Kundgebungen sollen Mitglieder der Exekutive und Führer anderer nationaler Organisationen übernehmen. Ferner wurde beschlossen, am 9. Dezember, dem Jahrestag der Besetzung Jerusalems durch die Engländer, Versammlungen zum Gedächtnis der ״Märtyrer*‘ der letzten Kundgebungen zu veranstalten. Presseschau Im Anschluß an die palästinensischen Unruhen hat im ״Manchester Guardian“ eine Auseinandersetzung über die illegale Einwanderung nach Palästina stattgefunden, die, wie es in der englischen Presse üblich ist, ohne Stellungnahme der Redaktion durch Zuschriften von Lesern sich abwickelte. Von besonderem Interesse ist die anonyme Einsendung eines Eng-!anders, der als ״returned traveller“ zeichnet, ln dieser Zuschritt wird die Zahl der illegalen Einwanderer mit etwa 10000 geschätzt: der Einsender erklärt, daß ihm ein ״proniinenter Zionist“ die Ziffer von 7030 genannt habe. Der Einsender macht der britischen Verwaltung den Vorwurf, die Touristeneinwanderung unkontrolliert zugelassen zu haben. Eine unkontrollierte Zuwanderung von einigen tausend Personen in ein relativ kleines Land wie Palästina zerstöre natürlich jede Regulierung der Beschäftigung, wie sie die Mau- •datsverwaltung angeblich erstrebe. Er empfiehlt als Abhilfe in der nun einmal sehr schwierig gewordenen Situation ״beide Nationen (Juden und Araber) in einer gemeinsamen Arbeit zusarnmenzubringen, jeder von ihnen wesentliche Vorteile anzubicten, wenn sie zur Zusammenarbeit bereit ist, und sie zu verweigern, wenn sie nicht will“. Er denkt an rin System von Krankheits- oder Arbeitslosenversicherung, gemeinsame Siedlung, Invalidenversicherung, technische Hochschulen — alles in gemeinsamen jüdisch-arabischen Institutionen unter Oberaufsicht der Verwaltung. Einige Tage später erwidert Israel Cohen, der vor allem daraut hinweist, daß eine illegale Einwanderung nicht entstanden wäre, wenn die englische Verwaltung die legale Einwanderung in ausreichendem Maße gestattet hätte, und daß alle diese Touristen-Ein Wanderer ohne Schwierigkeiten von der palästinensischen Wirtschaft aufgenommen worden sind. In der Zeitschrift ״Bodenreform“, Berlin, vom 26. No• veinber erschien ein Artikel über das Bodenproblem in Palästina, worin unter Zitate aus der ״Jüdischen Rundschau“ die Gefahren der großen Steigerung der Bodenpreise beleuchtet werden. »f Das Land der I unbegrenzten Möglichkeiten" Die Stellung der Juden In den VereinlgtenStaaten ist für uns von besonderem Interesse nicht nur, ■weil dort heute mehr Juden leben als in irgendeinem anderen Staat, und weil Wirtschaftskraft und politischer Einfluß dieser viereinhalb Millionen für das Gesamtjudentum von größter Bedeutung sind, — sondern nicht minder wegen der s 0 z io I o g i s c h e n Ein« zigartigkeit unseres amerikanischen Experimentes. Wenn ein berühmter französischer Soziologe, der um die Jahrhundertwende die Union bereiste, immer wieder davon verblüfft war, wie ganz anders, ״terriblement autre“, dort alles sei als in Westeuropa, — wie fremd und verloren mußten sich dann erst jene Hunderttausende von orthodoxen, meist kleinstädtisehen Ostjuden Vorkommen, von galizischen Schankwirten und polnischen Hausierern, von Schneidern, Schustern, Schnorrern und ״Luftmenschen“, die während des letzten Menschenalters vor dem Kriege mit jedem Jahre neu in die Steinwiisten, das Völkerchaos und das wilde Geschäfts!eben New Yorks oder Bostons hineingeweht wurden! Welch einzigartiges Assimilationsproblem! Und welche ganz neuen Entwicklungsmöglichkeiten für den Antisemitismus und die Judenfrage! Tatsächlich ist Amerika seinem Ruf als Land der unbegrenzten Möglichkeiten auch hier treu geblieben. Oder wo in aller Weit wäre cs sonst denkbar, daß Juden zwar Botschafter, Gouverneure und Minister werden können und in nicht unerheb• licher Zahl auch wirklich werden, —■ aber zur gleichen Zeit als gesellschaftlich durchaus minderwertig gelten?! Dem euro• päischen Juden erscheint schon dieses Nebeneinander von absoluter politischer Gleichberechtigung und sozialer Diffamierang als so seltsam, daß er daran verzweifeln möchte, die amerikanische Judenfrage zu verstehen. Und doch erkennt der soziologisch geschulte Blick die einzigartige Gestaltung der Judenfrage als notwendiges Produkt allgemeinerer Faktoren des amerikanischen Lebens. Ein kluger Franzose, M a r k - E 1 i R a v a g e, veröffentlichte kürzlich (Nr. v. 28. XI.) im ״Petit Parisien“, dem politisch in letzter Zeit leider mit Recht verrufenen Blatte, einen langen und höchst interessanten Aufsatz ״Le Racisme ä l’amcricaine“. Er erblickt eine der Grundtatsachen des amerikanischen Lebens in dem Fehlen jeder überlieferten Gesellschafts• ordnung, jeder Klassenscheidung, jeder organisch gewachsenen Aristokratie. Das begünstige jene komischen Versuche reicher Parvenüs, sich eine vornehme Ahnenreihe zuzulegen, und in keinem Lande der Welt sei die Genealogie eine so blühende Industrie, der Stammbaum eine so wohlgepflegte Pflanze wie in der Union. Dem gleichen Bedürfnis nach Unter- Scheidung entsprängen auch die zahllosen geheimnisvoll tuenden ״Brüderschaften“, Klubs, Orden usw. Auch die in Amerika besonders grassierende Sucht nach akademischen Titeln (selbst wenn sie noch so wertlos sind), stamme daher. Vor allem aber verbinde sich das Selbstgefühl des Amerikaners mit seiner angestammten Nationalität. Zu einer alteingesessenen protestantischen F'amiüe angelsächsischer Herkunft zu gehören, sei weitaus am feinsten. Alle anderen rangierten um so weiter hinter dieser Aristokratie, je später ihre Vorfahren, oder gar erst sie selbst, ins Land gekommen seien, und je weiter sie, der Abstammung und Religion nach, von dem angelsächsisch-protestantischen Idealtypus entfernt seien. Die Skandinavier und Deutschen kämen ziemlich bald nach den Angelsachsen, dann in erheblichem Abstande (wegen ihres Katholizismus) die Iren, viel später die Italiener, sonstigen Südeuropäer und Slawen — nicht zu reden von den Negern. Diese kuriose Rangordnung habe schließlich sogar, wenn auch in verhüllter Form, die letzteil Einwandcrungs-Quotcngesetze bestimmt. — Bei alledem handle es sich aber nicht, wie jetzt in Deutschland, um Bewertungen biologischer Rassenunterschiede, sondern sozusagen um Klassenunterschiede auf Grund der Nationalität. Dies zeigte sich am klarsten in der Lage der Juden. Von dem klassischen Antisemitismus politischer, religiöser oder wirtschaftlicher Art gebe es weder in der öffentlichen Meinung noch in der Gesetzgebung eine Spur. Niemand boykottiere die großen Kaufhäuser, die Theater oder Lichtspiele, die meist in jüdischen Händen seien. Man glaube auch nicht an die Märchen von den ״Weisen von Zion“, zumal man aus der letzten Banken- Enquete über das ״arische“ Bankhaus Morgan hinreichend Bescheid wisse. Jüdische Beamte ständen mit an hochster Stelle, und die Vereinigten Staaten hätten früher mehrfach gegen antisemitische Verfolgungen in Ländern wie Rußland und Rumänien protestiert. Aber dessen ungeachtet, werde an den Universitäten stillschweigend ein numerus clausus gegen die Juden, und nur gegen sie, durchgeführt, nähmen die großen Klubs und sonstigen vornehmen Vereine keine jüdischen Mitglieder auf, und fänden die jüdischen Arbeitnehmer ungemein schwer Stellung. Frage man nach dem Grund für diese letzterwähnte, wichtigste Zurücksetzung, so heiße es: die anderen Arbeitnehmer würden sich durch die schlechten Manieren der Juden gestört fühlen! Aber die seltsamste Erscheinung des amerikanischen Antisemitismus sei vielleicht, daß ein Jude zwar in der Stadt jederzeit im vornehmsten Hotel speisen oder wohnen könne, — aber keineswegs in der Sommerfrische! Dort erkläre der Wirt regelmäßig, er würde sofort seine christlichen Gäste verscheuchen, wenn er an Juden vermiete. Denn ita der Sommerfrische wolle man sich doch wohlfühlen, wie zu Hause, und müsse sicher sein, auf dem Tennisplatz oder im Ballsaal nur Seinesgleichen zu treffen, und nicht die gesellschaftlich nicht ebenbürtigen Juden! Nun könne man gewiß fragen, warum all diese Diskriminierungen nur gegen die Juden gerichtet würden. Wahrscheinlich sei der Orund, daß die anderen als unvornehm geltenden Nationalitäten (Italiener, Polen u. dgl.) im allgemeinen gar nicht den Versuch machten, in großer Zahl zu studieren, in die vornehmen Vereine aufgenommen zu werden, usw. — bei den Juden aber sei das in besonders hohem Maße der Fall, so daß eine besondere Abwehrtaktik notwendig erscheine. Welch ein krasses Mißverhältnis herrsche z. B. in New York zwischen den jüdischen und den italienischen Studenten, — obwohl diese beiden Nationalitäten ungefähr den gleichen Bruchteil der Einwohnerschaft bildeten! — Im Laufe der letzten zweitausend Jahre, so schließt der Aufsatz, habe man die Juden mit einer unendlichen Fülle von Vorwürfen und Zurücksetzungen bedacht; man habe sie wegen ihres Materialismus und ihres Idealismus, ihrer kapitalistischen und ihrer sozialistischen oder bolschewistischen Gesinnung verfolgt, wegen ihres engen Stammesbewußtseins und wegen ihres uferlosen Internationalismus, — aber den Juden als sozial minderwertig zu behandeln, das sei den Vereinigten Staaten Vorbehalten geblieben! — Nach alledem scheint es uns fast, als sei das Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht so sehr Amerika als ־— die Judenfrage! A. R.

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