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Jüdische Rundschau · 1933-12-08 · Heft 98 (8.12.1933) · p. Seite 917

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 98 (8.12.1933)
Date
1933-12-08
Page
Seite 917 (sequence 1)
Language
German
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1a i er ׳7 > Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bmigaprei# Hei der Expedition monatlich X ~ RM, vierteljährlich 5,75 RM. Bei Nichteracheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anaprucb auf Nachlieferung oder Rückerstattung der Bezugsgehühxen. — Auslandsabonnementa werden in der Währung der einzelnen Länder ber#1phru*t. Anzeigenpreis: Achtgespaltene Millimeter- *eile 030 RM. Strllnneesuche 045 RM. Einzel •Anreigen nur gegen Vorauszahlung Redaktion, Verlag und Anzeigen - Verwaltung: Jüdische Rundschsu G. m. b. H״ Berlin W15, Meinekestr. IO. Telefon; J1 Bismarck 7165-70. Anx«i|*n Annahme: Montag bli Fr.it.g «1 9 —3 Uhr. Anzeigenschluß: Dienstag . Nummer: Freitag nachmittags 3 Uhr Aus dem Inhalt: Tagung desMacDonald-Komitees lichkeiten — Sind die Juden am Geburtenrückgang schuld? — Musik und Tanz in Palästina — Der jüdische Lichtbildner Nummer 98 | Berlin, 8. XII. 1933 Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. כ׳ כסלו תרצ״ד | xxxvm. Jahrg. Der Zionismus erstreb» für das Jüdisch• Volk dl« ■ Schaffung einer dffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm.“ Einzelnummer RM 0,23 Beilagen: Liieraiurblait / Jüdische Schule / Sport / Jüd. Berlin / Jüd. Leben im Reich JÜDISCHE RUNDSCHAU * ssentheorie und Judenfr396 I a In der Umformung des deutschen Lebens und im Aufbau des Dritten Reiches ist für uns Juden die völkischweltanschauliche Grundlegung zweifellos dasjenige, was unsere Interessen am nächsten berührt. Man wird sich also nicht wundern, wenn wir jeder Acußerung maßgebender Persönlichkeiten des neuen Reiches über die Rassenfrage mit besonderer Aufmerksamkeit gegenübertreten. Die Durchführung des Rassenprinzips auf allen Gebieten des Volkslebens und seine Einführung in das kodifizierte Recht sind Neuerungen von geradezu umstürzender Tragweite. Niemand bestreitet, daß sie uns Juden am stärksten treffen, weil wir als zerstreutes Volk unter allen Völkern leben. Aber es wäre ein Irrtum anzu nehmen, daß die Rassenfrage sich lediglich in der Judenfrage erschöpft. Sie ist von viel allgemeinerer Be- (ieutung und wirft Probleme auf, die nicht nur das Zusammenleben von Völkern und ihre gegenseitige Ein- Schätzung betreffen, sondern auch die Bewertung der Weltgeschichte und Kulturgeschichte der Menschheit mitumfassen. Die Rassentheorie des neuen Deutschland hat in der ganzen Welt Resonanz gefunden, um so mehr als sie keineswegs als eine lediglich Nutzerwägungen entspringende Maßnahme gegen das Judentum auftrat, sondern als eine prinzipielle Stellungnahme. Reichsinnenminister I)r. Fr ick hat sich veranlaßt gesehen, durch ein Intervievv, das durch W. T. B. weiteste Publizität erlangte, sich über die Pläne der Reichsregierung in der Rassenfrage zu äußern. Diese Kundgebung ist zwar nicht an die Juden gerichtet, aber es liegt im Wesen der Sache, daß wir Juden, die ja nach der ausdrücklichen Erklärung des Ministers in erster Linie betroffen sind, bei jeder derartigen Darlegung aufhorchen. Die Veranlassung zu dem Interview des Reichsinnenministers wird folgendermaßen dargestellt: ,,Infolge unrichtiger Meldungen ist in den Landern des Femen Ostens in den letzten ■Wochen i!1 der Tat eine gewisse Beunruhigung über die Pläne der Rcichsregierung in der Rassenfrage entstanden. Insbesondere ist in diesem Zusammenhang in der Presse Japans und Indiens die Befiircbtung zum Ausdruck gekommen, daß in Deutschland die Absicht bestehe, die Angehörigen fremder Rassen zu deklassieren und sie gegenüber den Angehörigen Ider eigenen Rasse allgemein ztirnckzusetzeii. Namens der Rcichsregierung kann ich feststellen, daß derartige Nachrichten jeglicher Grundlage enthehren. Die nationalsozialistische Rassengesetzgebung gellt von dem Gedanken aus, daß die Reiner Haltung der Rasse für die Zukunft des deutschen Volkes von entscheidender Bedeutung ist. Entsprechende Gedanken sind ¬וlieh in den Bestrebungen anderer Völker, insbesondere Asiens, zum Ausdruck gekommen.“ Ms fremde Rasse, so heißt es weiter, sei in Deutschland 'm stärksten das Judentum vertreten. ״Obwohl der zahlenmäßige Anteil der Juden in Deutschland nur 1,5 vom Hundert beträgt, hatten sie doch in den letzten Jahrzehnten, besonders aber seit 1918, durch den Zuström von Juden aus dem naben Osten, einen ungeheuren Einfluß auf wirtschaftlichem, finanziellem und politischem Gebiete erlangt.“ ‘Venn im Anschluß daran die Prozentzahl der jüdischen Rechtsanwälte, Notare und Hochschulprofessoren ange- 1ihrt wird, so muß freilich in Betracht gezogen werden, laß gerade unter diesen einflußreichen Kreisen Juden ms dem Osten, die seit 1918 eingewandert sind, nicht >der nur in Ausnahme fällen zu finden sein dürften. Aber ׳)lehc Erwägungen treten in ihrer Bedeutung weit zurück ־01־ dem Grundsätzlichen. Dazu sagt der Minister: ״Dieser übermäßigen Ueberfremdung Einhalt zu tun, War für das deutsche Volk eine Lebensfrage geworden, so daß seine Rasseiigeset/gehung mir einen Akt der Notwehr und n i c 111 des I I a s s e s (larstellt. Darüber hinaus ist cs das Ziel der Rcichsregierung, das Rassengut des deutschen Volkes zu pflegen und seine Reincrlialtung sichrrzitsteHen. Mit diesen Bestrebungen will die Rcichsrcgiermig in keiner Weise ein Wert- Urteil über andere Rassen fällen. Sie ist sich I durchaus bewußt, d,1(i viele vom deutschen Volk rassisch verschiedene ץ ö! k c r c i n e a 11 e und hohe K 111 - tur vertreten. Diese 11 er a b z u s ct z e 11, liegt der Rcichsregierung und dem deutschen Volke f e r n.“ her wird mit Entschiedenheit nicht nur der Rassenhaß, uidern jede Diffamierung anderer Rassen nd Völker ab gelehnt. Diese Haltung ergibt sich 1 auch konsequent aus der Anerkennung der ״Volks- 1rns“-ldee. Bei der letzten Führertagung des ״Volkslindes für das Deutschtum im Ausland“ sagte der ührer dieses Bundes, Dr. Steinacker, das grunditzlich Neue am deutschen Umbruch sei darin zu suchen, ' daß der Staat zu seiner tiefsten Verwurzelung im Volkstums-Bcgriff zurückgefunden hat. ״Erst vom Volkstum her erhalte der Staat seine Hoheit, Würde, Kraft und Aufgabe, und gerade deshalb könne der neue Staat den in seinem Bezirk wohnenden Minderheiten größere Freiheit lassen als der liberalistische. Wenn Adolf Hitler in seiner Rcichstagsredc vom 17. Mai jede Assimilation fremden Volkstums abgclchnt habe, so drücke das aus, daß aus der Bindung im eigenen Volkstum sich die Achtung vor dem fremden ergibt, eine Auffassung, die auf sittliebem Boden europäisches Prinzip werden könne.“ Wir Juden — wenigstens der Teil der Juden, für den die ״Jüdische Rundschau“ spricht — sind nicht so blind, um nicht einzusehen, daß eine Judenfrage besteht ZU CHANUKKAH Die nächste Nummer der ״Jüdischen Rundschau12.12) ״.) erscheint als CHANUKKAH-״NUMMER in verstärktem Umfang, mit einer Chanuklcah-BeSlage und vielen interessanten Beiträgen. Derselben Nummer wird auch die neue Ausgabe der Palästina-Bilderbcilage beigefügt sein, mit neuesten Aufnahmen aus dem Leben des Heiligen Landes. (Inseratensdilufj für diese Nummer heute, Freitag, 8. d. M, 3 Uhr nachmittag.) Als *wette Chanukkahnummer erscheint die ״Jüdische Rundschau' am Freitag, den 15. Dezember. Diese Ausgabe wird die Kinderbeilage in verstärktem Umfang enthalten. (Schlufe der Inseratcnannahme 12. d. M.). Die Chanukkahnummern eignen sich in besonderem Mafte zur Propaganda. Jeder Leser möge noch vor dem Beginn des neuen Jahrganges einen neuen Abonnenten werben. und daß sich aus unserem Verhältnis zu den Völkern, in deren Mitte w׳ir leben, allerhand praktische Probleme ergeben. Aber wir glauben, daß es siel! hier uni einen objektiven, geschichtlich gewordenen Sachverhalt handelt, der nicht mit Affekten und Werturteilen belastet werden sollte. Kein praktischer oder materieller Nachteil ist für uns Juden so schwer zu tragen wie das Bewußtsein, daß unser Volkstum nicht die Achtung genießt, auf die es Anspruch hat. Wenn es eine Ebene gäbe, wo wir uns bei aller Anerkennung unserer Andersartigkeit in gegenseitiger Achtung begegnen könnten, dann würde viel zur Lösung der Judenfrage geschehen sein. Wir Juden glauben, daß auch wir zu den von Minister Frick erwähnten Völkern gehören, die ״eine alte und hohe Kultur“ besitzen. Das jüdische Volk hätte sich nicht bis auf den heutigen Tag erhalten können, wenn nicht eine eigenartige schöpferische Substanz, in ihm wäre, die schon einmal, in den Anfangsstadien seines Volkstums, zu großartigen Werken geführt hat. Für uns deutsehe Juden wäre es bitter kränkend, wenn z. B. in den deutschen Schulen, die gewiß in erster Linie dem deutsehen Volksgedanken zu dienen haben, die Werke der jüdischen Kultur oder das Wesen der jüdischen Gemeinschaff geringschätzig behandelt würden. Die gewaltigen Kulturtaten des deut sehen Geistes werden von aller Welt bewundert, aber daneben ist — wie Minister Frick ausführt — Raum genug für die positive und gerechte Einschätzung der Leistungen anderer Völker und Rassen. Die von manchen unverantwortlichen Theoretikern vertretene Ansicht, daß nur die nordische Rasse überall in der Welt schöpferisch war, hat bekanntlich zu Miß- Verständnissen nicht nur bei fernöstlichen Völkern geführt, sondern z. B. auch in Italien, wo — ohne Beschwe* rung des in Italien nicht geltenden blutmäßigen Rassemoments — die Leistung der ״Mittelmeer-Rasse“ und des ״lateinischen“ Menschen auf Gleichwertigkeit Anspruch erhebt. Die Erklärungen des Ministers Frick mit ihrer Ablehnung von Werturteilen über andere Rassen weisen einen Weg aus zahlreichen Schwierigkeiten. Besonders wichtig zur Beurteilung der gcgcnwiirtigen Situation ist für uns Juden der Schlußabsatz des Interviews. Hier heißt es: ״Es kann ni.-ht wiuulenichmeti, daß bei der großen Bedeutung, die die Rassenfrage für die Zukunft unseres Volkes hat, und hei Her ieideiiselialtlichen Anteilnahme, die die Bevölkerung diesen Dingen cm gegen bringt, von d c n v erst h i e d e n s t e 11 Sei 1 e 11 A!! r e g u 11 g e n und Won sehe wegen gesei/gcberischer Regelung des gesamten Rassenprohlenis, unter anderem auch zur Frage der m i s c 11 b! 111 i ״e 11 E 11 c 11, au die Rcichsregierung herangetragen werden. Wenn daraufhin im Auslände alarmierende Gerüchte über die deutsche Rassen ge wt/ge!111ng verbreitet werden, so handelt es sieh 11111 Frrtmner oder absichtliche Entstelhingen. Fs werden dabei besteheiHle Vorschriften unrichtig ausgelegt oder b I o ß e Anregn 11 g e n, _ vielfach 11 111 er V e 1׳ d r e 11 11 n g i h r e s w a 11 r e n S i n 11 e s, als s c 11 o n 1׳ o I 1 z o g e n e 0 d e r!1 a 11 e bevorstehende Tatsachen b c!1 a!1 d e i t.“ Aus dieser Erklärung geht hervor, daß die Rassengesetzgebun g noch keineswegs abgeschlossen ist. Die verschiedenen Vorschläge über Verbot der Mischehe lind über strafgesetzliche Ahndung der ״Rassenschände“ bzw. des ״Rasseverrates“ sind, wie sich hieraus ergibt, lediglich private Anre״ ti 11 g e n, aber keineswegs als Oesetzcsvorschriften zu betrachten, auch nicht als ״nahe bevorstehende“. Unter diesen Umständen ist die von uns kürzlich erhobene Forderung, daß die Reichs Vertretung der de 11 f s ch e 11 Juden rechtzeitig in geeigneter Form den jüdischen Gesichtspunkt in dieser Frage zu Gehör bringt, mit allem Nachdruck ZU wiederholen. Die Aenßeningen des Innenministers beziehen sich freilich anscheinend nur auf die Frage der biologischen Gesetzgebung und nicht auf Verfassiingsfragen, Wendet er sich doch in erster Linie an Fremdrassige, die Angehörige fremder Staaten sind. Die deutschen Juden aber sind Angehörige des Deutsche 11 Reiches, dessen Verfassung sich im Umbau befindet. In der maßgebenden Literatur ist vorgescblagen, daß mir ״Volksgenossen deutschen Blutes“ künftig das ״Reichsvolk“ bilden und nur ihnen das Reichsbiirgerrecht verliehen werden kann, während für die ״fremclstämmigcn Reichsangcdiörigen“ ein Sonderrecht vorgesehen ist׳). Abgesehen aber von juristischen Fragen ist die geistige Seite der Sache von größter Bedeutung. Fs handelt sich um die Klärung der den Staat und das ganze deutsche Volksleben erfüllenden völkischen Ideologie in ihren Beziehungen zu anderen Völkern und Rassen, zu denen auch das jüdische Volk gehört. Wir sind der LVber/euguiig, daß auch die Frage der Beziehungen des völkischen Deutscht um s zu Juden 1111 d Judentum noch nicht endgültig geklärt ist; wir sehen, daß sich allmählich immer mehr die Anschauung Balm bricht, daß gerade der völ k i s c he Mensch dem Andersartigen unbefangen und ohne Haß gcgeiüibertreten kann, weil er keine Vermischung, keine ״Zersetzung“ zu befürchten braucht. Er will keine ״Assimilation“, sondern so wie er sich zu seinen eigenen Wurzeln bekennt, versteht er auch den anderen, der dasselbe tut. Wenn jeder der BetciligTen sich seiner Abstammung und s e i n e r Gemein- Schaftszugehörigkeit bewußt ist, dann kann ein Zusammenleben von verschiedenartigen Menschen sogar gewisse Reize haben und braucht nicht mit Unduldsamkeit oder Diffamierung vermengt zu sein. Für uns Juden in Deutschland gibt es mir diesen Weg, um uns mit der gegenwärtigen Situation auseinanderzusetzen. Pie Aeußerung des Ministers Frick weist in dieser Richtung. Die deutsche Welt sieht vielleicht diese Möglichkeit noch nicht klar, weil die Juden selbst sie nicht sehen und nicht in der entsprechenden Intention an die Dinge herangehen. So seltsam es auch klingen mag, wir Juden können viel zur Erleichterung der deutschen Judenfrage beitragen, freilich nicht durch Polemik, sondern durch unsere eigene Haltung, durch Selbsterzichuiig zu einem selhstbcwußten Judentum. *) Vgl. z. B. die von uns bereits mehrfach besprochenen Werke ״Die neue Stellung des Reiches“ von Staatssekretär im Reichsministerium des Innern, Geh. Regicrungsrat Hans Pfundtner, Verlag Spaeth ft Linde, Berlin 1033, ferner ״Grundlagen der kommenden Verfassung“ von Dr, Helmut Nicolai, Regicrungspräsident, derzeit ins Innenministerium berufen, Vep* lag Reimar Hobbing, Berlin 1933,

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