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Jüdische Rundschau · 1933-11-28 · Heft 95 (28.11.1933) · p. Seite 867

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 95 (28.11.1933)
Date
1933-11-28
Page
Seite 867 (sequence 3)
Language
German
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33 ׳! כו ס ךs ctte rund'sch a u Seite 865 Fr. 95, 28 XI, 1933 liehen neue Pern der it geld da aber 1 d er! dem te ein Prin- Hohl-;Panicht >t; geerster dieses,;11 wart r jiidionzenht ein Stande, zu behritten risch Disuden, r b en. ltig e nicht l,sonusende wo sie!ich und als ein liedert. e Annun g kann ische sitzt, ith, der Lebens, inz aus t eines heraus zeß das mlsrnus diesen I vie ein j iele ge- I ג bilden nd sich wie une heute n, ganz Ile Bauen vielung der is Land e innere her mtt c früher die nach;ab die;er Hin- 1s Land, :h in ein Aufgabe die wirt- »alästina re auch, ■m deufn Realiht die ebe n s. t. Jeder sen, daß 1t. Diese haftliche st), sonche. Die iie Aufperipheluth aufes und e t z e n-!we Zion;sunterein Lfmles jüdie r un g : Lebens burt des rnd kann ganisieres Menewaltige rien, die endieren, en, wenn eher Art 1 wissen, ikters, 11t wird,;inzelnen ra t i o n tieg, der bens der tukunfts- K. L. C Z. Klötzel! Ein Freund spricht zu uns Jerusalem, Mitte November. Kann man es sich vorstellen, daß Schmarjahu Levin in Erez Israel einen Vortrag halten will — und keine Zeitung nimmt ein Inserat darüber auf? Einen Vortrag, zu dem Hunderte kommen, obwohl es nicht möglich war, ihn an den Anschlagsäulen Tel-Awiws zu plakatieren, an denen jeder Kitschfilm in riesigen Lettern angezeigd werden kann? Nein, das werden die Juden in Europa sich nicht vorstellen können. Und doch ist es hier geschehen, und das Sonderbarste dabei ist, daß Schmarjahu Levin selbst es als ganz natürlich empfindet, ja, daß er empört gewesen wäre, wenn dieser Bann nicht auf ihm gelegen hätte. Denn Schmarjahu Levin tat etwas, ■was man in Erez Israel nicht tun darf: er hat vor einem öffentliehen Forum in einer anderen Sprache gesprochen, als in Hebräisch. Er sprach deutsch zu den Neuangekommenen aus Deutschland. Diese Tatsache wirft ein helles Licht auf einen bestimmteil Ausschnitt der Situation in Palästina. Es zeigt ein Dilemma, in dem das Land sich uns gegenüber befindet. Das Land spricht hebräisch und wir verstellen cs nicht. Zuerst bestand sehr slark die Absicht, überhaupt keine Konzessionen zu machen. ,,Wenn sie uns verstehen wollen, mögen sie Hebräisch lernen!“ Diese Parole wird offiziell auch heute noch vertreten, aber sie hat sich, wie so viele anderen, als praktisch undurchführbar erwiesen. Wenn das Interesse am gegenseitigen Verstehen nur hei den Neuen läge, wäre die Sache einfach. Aber die ״Hehräer“ haben ein mindestens so großes Interesse, verstanden 2u werden. Das gilt vor allem im Privatleben, wo der Kaufmann zu seinem Kunden nicht nach den Grundsätzen natio- Haler Disziplin, sondern nach denen des Geschäftsinteresses han- «lelt. Es gilt aber kaum weniger im öffentlichen Leben, obwohl hier wenigstens die Form viel strenger gewahrt wird. Es herrscht bei allen Parteien und Organisationen ein leblaftes Interesse, die Einwanderer aus Deutschland auch geistig — in erster Linie politisch — dem Lande einzuordnen. Die Ungeduld ist hier weit größer auf seiten des Landes als auf seiten der Emigranten. Es ist in diesem Falle das Land, das nicht warten will und nicht warten kann, bis das Ohr des Ncugckommenen empfänglich ist für hebräische Laute. Und darum beginnt das Land — mit starken Vorbehalten und mit einem deutlich zur Schau getragenen bösen Gewissen, mit uns deutsch zu reden. Das ist kein Vorwurf, denn es ist eine sachliche Notwendigkeit, und der Widerwillen, mit dem man sich ihr beugt, spricht für das starke nationalkulturelle Gewissen Erez Israels. Und darum war dieser Vortrag Schmarjahu Levins so bezeichiiend. Indem er deutsch zu uns sprach — er, der geehrte und geliebte Vorkämpfer des Hebräischen — sanktionierte er so- Zusagen die schweigende Uebereinkunft, die neue deutsche Alijab als eine ״k'wuzath hama’avvar“ zu betrachten, als eine Uebergangsgmpjie, für die gewisse Uebergangsbestimmungen für befristete Zeit Geltung haben sollen. Und wenn er darauf verzichtete, die üblichen Wege der Propaganda durch Zeitung und Säulenanschlag zu gehen, so lag es gewiß nicht nur an (len Gründungsstahrten des Saales ״Ohet Sehern“ (Zelt Sems), in dem der Vortrag stattfand. Dieser Saal ist dem von Bialik eingerichteten ״Oneg Schabbath“ gewidmet, den Feierstunden vor Sabbatausgang, die zu den schönsten Emanationen des hebräischen Lebens gehören, und sitzungsgemäß darf dort öffentlieh kein Wort in einer fremden Sprache gesprochen werden. Aber nicht nur darum hat Schmarjahu Levin seinen Abend den Charakter einer ״privaten“ Aussprache gegeben. Im Familienkreis darf man die Sprache des heimgekehrten Sohnes sprechen, der so lange in der Fremde war, daß er die Muttersprache vergaß. In der Oeffentlichkeit wird man sich dessen mit Recht schämen . . . Wie groß immer das Opfer gewesen sein mag, das Schmarjahu Levin brachte, als er deutsch zu uns sprach, es ist sicher nicht umsonst gewesen. Denn dieser Abend brachte uns etwas, was uns bitter nottut und wonach wir uns seit langem gesehnt haben: ein Hinausführen und Zurückführen zu den Quellen des Zionismus. Der Einwanderer, hier wie überall, ist völlig verstrickt in die tausend banalen Notwendigkeiten und Sorgen des Alltags. Unsere Gespräche bewegen sich in einem engen Zirkel um Wohnungsfrage und Broterwerb, Berufswahl und Nahrungssorgen. Wenn wir vom ״Lande“ sprechen, so meinen wir vorläufig nur Bauplätze und Pardessim, ״Aufbau“ bedeutet für uns Gründung der eigenen Existenz, oft, zu oft im engsten Sinne des Wortes das ״Aufbauen“ des eigenen Hauses. Von ״Kultur“ sprechen viele von uns nur dann, wenn sie den Mangel an manchen zweifelhaften Segnungen jener Zivilisation beklagen, die wir hinter uns gelassen haben und die, wie es scheint, mit Siebenmeileristiefeln hinter uns herläuft. Und das Wort ״Zionismus“ haben die meisten von uns zum ietzenrnal in Deutschland gehört, — ehe Schmarjahu Levin es uns wieder ins Gedächtnis rief. Er sprach zu uns als ein Bruder. Wir hören hier sehr oft den Ausspruch: ״Die deutschen Juden sind ganz tüchtige Kerfe, aber es muß ihnen hier in Erez Israel erst einmal recht dreckig gehen, wenn etwas aus ihnen werden soll!“ Nichts von dieser Elendstheorie bei Schmarjahu Levin.. ״Es soll Euch ailen gut gehen im Lande,“ rief er 1ms zu, ״ich wünsche von ganzem Herzen, Ihr sollt hier glücklich sein!“ Aber nicht dazu allein, so fügte er hinzu, kommt man nach Palästina. Man ist hier nicht glücklich, nur weil es einem gut geht. Man wird nicht durch Palästina gerettet, wenn man nichts retten will, als sein eigenes kleines Ich. DaB man nichts ist für sich allein — daß man alles ist nur durch die Schicksaisgruppe, der die Vorschung uns zugefeilt hat, das ist die harte, bittere, aber gleichzeitig erlösende Erkenntnis, die die Geschichte dem Judentum der Welt am Beispiel der deutschen Juden zukommen läßt. Und dann folgte eine von jenen herrlichen Reden Schmarjahu Levins, wie wir sie so oft in Deutschland gehört haben. Er sprach deutsch — aber er redete aus der Tiefe der jüdischen Seele. Er sprach von der jahrhundertealten Schande des jti-!fischen Lebens im Galuth, von jenem Leben aus zweiter Hand —- im ״targum seheni“, wie er es nannte. Er sprach von jener Weltweiten jüdischen Assimilation, die zu neunzig Prozent eine Assimilation nicht an ein nichtjüdisches Original war, sondern an die zehn Prozent Juden, die in jedem Lande schon ״vorher“ da waren. ״Wer von den Miliionen Juden, die nach Amerika gegangen sind, hat sich an die ,Yankees‘ assimiliert? Unter Hunderten hat kaum einer von ihnen je mit einem echten Yankcc gesprochen. Assimiliert haben sie sich an die paar Juden, die schon vor der großen Wanderwelle in Amerika waren. Assimilation kann nie das Original erreichen, in unserem Fall aber bleibt sie immer Kopie von einer Kopie.“ Das ist der fundamentale Unterschied zwischen der Lage der Juden, die jetzt nach Erez Israel kommen und denen, die in andere Länder auswandern. Eller wie dort verlangt man ein« ״Assimilation“, eine Ent-Fremdung, ein Auf gehen. Aber draußen ersetzt man ein Fremdes durch ein anderes, entfernt man sich noch mehr von sich selbst. Der Jude in Palästina aber, der sich dem jüdischen Lande assimiliert und der hebräischen Sprache, ist wie ein altes, koslbares Gemälde, das im Lauf« der Zeit immer wieder übermalt wurde. In Erez Israel blättert der fremde Firnis ab, die fremde Farbe wird heruntergewaschen, man assimiliert sich zu sich selbst — man kommt im wahren Sinne des Wortes zu sich. Aber man kann nicht zu sich kommen, es sei denn durch sein Volk. ״Einordnen“ — dieses mcistgchrauchtc palastinensische Schlagwort — bedeutet nicht nur eine Wohnung finden und einen Broterwerb. Es bedeutet, sich als ein Glied in der Kette fühlen, die die Vergangenheit mit der Zukunft verbindet Es bedeutet, sich freiwillig und freudig in die Hitze des Sehmelztiegels begeben, der Palästina heißt, und der aus Bindestrich-Juden aller Art schon in der nächsten. Generation ein jüdisches Volk schaffen soll. Es heißt die Verpflichtungen mit übernehmen, — die moralischen wie die materiellen —die eine Nation im Aufbau von sich selbst verlangen muß. ״In spätestens zwei Jahren“ — so kündigte Schmarjahu Levin uns an — ״werde ich zu Eucli nur noch Eiebriiisdh sprechen!“ Es war das ein Versprechen, nicht etwa eine Drohung. Denn Schmarjahu Levin hält rid von der neuen deutsehen Alija.l1: ״Ich kenne Euch docii lauge, ich weiß «loch, Ihr seid brave Juden, Ihr habt dem Zionismus viel gegeben! Ihr werdet auch Erez Israel viel geben! Wir brauchen Euch, wir wollen Euch, wir werden Euch helfe 11, wie Dir uns helfen werdet!“ So klang dieser Abend aus, a!1 dessen Ende kaum mehr als ein Wort gesprochen werden mußte über seinen cigentliehen Zweck: Werbung für den Keren iiajessod. Die deutsche Alijah mag manche Fehler haben, aber sie verstellt die Not- Wendigkeiten einer Organisation, die alles aus eigener Kraft schaffen muß. Es ist etil guter Gedanke, daß man die diesjährige Keren Hajessod-Aktion in Palästina nach Kreisen organisiert. Die deutsche Alijah ist einer dieser Kreise. Und niemand zweifelt, daß sie ihre Pflicht vorbildlieh erfüllen wird. Der Vortrag Schmarjahu Levins war weniger ein uotwendiger Ansporn — als eine vorweggenommene Belohnung. Der Antisemitismus in den USA Die amerikanische Monatsschrift ״H aipers Magoz i!1 e“ bringt einen langen Aufsatz von Johan Smertenko ״Hitlerism cornes to America“, der neben vielen skeptisch aufzunchmendcn Behauptungen über angebliche nationalsozülistische Propaganda in den USA doch auch manches Intercssante und Glaubwürdige enthält. Der Verfasser meint, alle diejenigen deutschen Nationalsozialisten, die glaubten, in den Vereinigten Staaten gebe es einen dem deutschen vergleichbaren Antisemitismus, der sich in der Einwanderungsgesetzgebung, den gesellschaftliche™ Schranken und der wiitschaltliehen Benachteiligung gegenüber den Juden zeige, seien durchaus falsch unterrichtet; denn in Amerika gebe es zwar ein starkes Vorurteil gegen die Juden (anti-j«wish prejtidic«), eine instinktive Abneigung, —- aber das sei noch lange kein Antisemitismus, — keine organisierte politische Bewegung וחit festem Programm. Freilich habe schon jene instinktive Judenfeindschaft schwerwiegende Folgen; sei es doch kein Geheimnis, daß die Juden sehr schwer Zugang zu den höheren Lehranstalten und Universitäten fänden, daß insbesondere ihr Fortkommen in der medizinischen und juristisehen Laufbahn außerordentlich schwierig sei, daß sie ini Eankfach, ebenso wie als Lehrer oder Ingenieure, überhaupt kaum ankämen, usw. Aber trotzdem sei das kein ״Antisemitisimis“ in unserem Sinne, sondern es handle sich teils um die Auswirkung jenes Vorurteils, teils um die Folgen einer wirtscliaftliehen Entwicklung, die beute die USA nicht mehr als Land der unbegrenzten wirtschaftlichen Möglichkeiten erscheinen lasse, sondern als voll erschlossenes Land, in dem 11m jeden Arbeitsplatz gekämpft werde. Organisierter politischer Antisemitismus habe bisher nur zweimal vorübergehend in den USA existiert: einmal zur Zeit d«r antisemitischen Kampagne Henry Fords, der in seinem weitverbreiteten Blatt ״Dearborn Independent“ schon ausgiebig die (bekannlich gefälschten) ״Protokolle der Weisen von Zion‘1 ausgebetifet und mit seiner Hetze Wirkungen erzielt habe, die natürlich auch durch Fords spätere Absage an den Antisemitismus nicht wieder ausgelöscht werden konnten; zum zweitenmal durch den Ku Khix Klan, eine besonders in den Südstaaten der Union In der ersten, Nachkriegszeit mächtige chauvinistische Organisation, die vor allem die Neger bekämpfte, aber ebenfalls später zusammenbrach, weil die geheimnisvoll-phantastische Aufmachung dieses ״Ordens“ nllmrilüieh lächerlich wirkte, und vor allem, weil die Rückkehr der Prosperität nach der Wirtschaftskrise f!)2l> '11 die Amerikaner zufrieden und für politische Romantik 11 nenipfäuglieli machte. - ) et 7 t aber, da zu in drittenmal org.mlsici'ler Ant isrmitisimi« m den USA um sich greife, werde■ er von der furchtbarsten Krise begiinstigt. Schon gehe es einheimische Organisationen, die antisemitische Propagamia triebe!!; die Imitislrial Defense Association Ine,, eine ,mtiboKehewis li •che, li.mpfs.üdilicli von Unternehmern unterstützte, vor allen in den industriellen Nell-!׳ ngl,und-Staateil a rheiiemle < )11־;:!!!Kation, die «len Bolschewisüius als ״jüdL־in.״,-׳ I'eiifebsverk ii-.w. him-ddle. Noch wichtiger seien aber dir von W. I>. Peiiev, einem Mann von bewegter Vergangenheit, gegrümie Uu .Nilberiieiniieii“ ״ die heute schon an ab (KM I -Mitgliedern butten. Aus der langet! Schilde! un:.;, die Smertenko der Aktiv hat dieser׳ Organisation widmet, Lilien uns vor allein zwei Zuge ais typisch’ amerikanisch auf: einmal die innige Verbindung des Antisemitismus mit dem religiösen Sh kteiiweseu, ()kkulfPinus usve., dann aber die gerissenen Gewhäftsmetliodcii. mit dem. 11 die Organisatoren, zu ihrem eigenen Nutze״, gen Anhängern das Geld aus der I asclie ziehen, — so/usagei! ein Anliseniifisnuis auf Aktien' Das Propagandamateri.il dieser Bewegungen — voll hemmungsloser Verleumdungen und absurder Geschichten — ist aut Ignoranz, Aberglauben und Verzweiflung der untersten Schicht berechnet, und wahrscheinlich gerade deswegen in dieser Notzeit höchst wirkungsvoll, Wenn nun der Verfasser weiter behauptet, es werde auch von Deutschland aus in Amerika eine planmäßige und intensive antisemitische Propaganda entfaltet, so ist es relativ gleichgültig, ob das wirklich in dieser Form ziitrifft oder ob die Amerikaner Gespenster sehen. Denn es ist vollkommen klar, daß in einem Lande, in dem viele ,Millionen Bürger deutscher Abstammung sind und z. T. die ,Verbindung mit der alten Heimat pflegen, schon das deutsche Beispiel und die deutschen Theorien wirket! müssen. Es ist deshalb nur allzu wahrscheinlich, daß der amerikanische Anfisemitismus sielt in nächster Zeit verschärfen wird, falls nicht etwa die sehr kühnen Wirtschaftsexperimente des Präsidenten Roosevelt — unter dessen wichtigsten Mitarbeitern sich Juden wie Henry Mergenthau befinden — zu durchgreifenden Erfolgen führen und die Suche nach Sündenböcken'überflüssig machen sollte. J a. P. Englisch-jüdische Reisebriefe Von Dr. Ernst Simon, Haifa, z. Zt. London Erster Briefs Von der Herrschaft des Bürgertums England und Englands Juden Ich soll in diesen Briefen von der englischen Judcnlieit erzählen, und zwar als einer, der Deutschland und Palästina gut kennt und dessen Beobachtungen liier natürlich unter einem bestimmten Gesichtspunkt stehen. Gerade deshalb aber müssen zunächst einige allgemeine Bemerkungen über das nR'htjfldischc England vorausgesehickt werden. Das Doppelgeheimnis der jüdischen Existenz in dea verschiedensten Wohnländern, das immer zwischen den Polen der vollständigen Assimilation und der vollständigen jüdischen Integrität in irgendeiner lebendigen Milte liegt, verlangt die, wenigstens umrißhafte Kenntnis der jeweiligen Umwelt, um die Er- Kenntnis der jeweiligen Judcnheit zu ermöglichen. Dahci erheben unsere bescheidenen Bemerkungen keinerlei Anspruch auf Originalität; man wird nicht viel Neues in ihnen finden; hoffentlich ist das Alte, das wir bestätigt sahen, wenigstens auch richtig. Die Insel in Unruhe Jedermann weiß, daß England eine Insel ist: nicht nur geographisch, sondern auch politisch und sweialpsychologisch. Die Jahrhunderte, in denen kein Feind Englands Boden betreten hat, haben dem englischen Charakter jenen cigent Umliehen Zug der Unabhängigkeit gegeben, der jedem Fremden sofort auffällt. Und die Möglichkeit, weile koloniale Herrschaftsgebiete der ״wirtschaftlichen Erschließung“ durch Engliindcr zu unterwerfen, hat die Klassengegensätze innerhalb des Volkes erheblich abgem ildort, weil all«, wenn auch nicht alle im gleichen Maße, wirtschaftlich an der Fortdauer der Weltherrschaft interessiert sind. Waren das einige der Hauptbudingungen der bisherigen englischen Existenz, so muH man heule rcststellen, daß gerade sie von Tag zu Tag fragwürdiger werden. England ist keine Insel nielir, seitdem die Luftwaffe zu einer der stärksten Offensivmittel künftiger Kriege geworden ist. Und was das englische Imperium nnbetriil't, so verwandelt es sich immer mehr in einen freiwilligen Stnatcnhund, dessen Bhidekraft zwar gerade in dieser Freiwilligkeit bestehen mag und «loch Jahrhunderte anhaltcn kann, dessen Charakter sieh aber — man denke nur an Irland! — doch grundsätzlich gewandelt hat. Das Merkwürdige ist nun, daß die Eigenschaften, die von der englischen Gesellschaft und ihren. Einzelgliedern auf Grund jener heute problematisch gewordener! Voraussetzungen ausgehildct wurden, großenteils noch heme Fortdauern. Der Fremde in Englund erhält also einen Eindruck, dessen Sv mp tonn 11 ik eigciillieä einer bereits vergehenden Epoche angehör(, und er muß «t\v״s scharfe Ohren haben, um dieses Gras wuchsen zu hören. Schon jetzt sei bemerkt, daß die englischen Juden, in Ermangelung einer eigenen voll suisgebi ldeten Gesellschaft und. damit in Ermangelung ihrer eigenen historischen Zeit, «och anachronislisiher sind als die eigentlichen Engländer, und die allmählich notwendigen Veränderungen mit als die letzten durchführen werden. Die Herrschaft der Bourgeoisie England war eines der ersten Länder, in dem das Bürgertum zur I lerrschafl kam, und es scheint eines der letzten zu sein, in dem diese Herrschaft sich behaupten kann. Es ist für den MittcleuropSer oder Palästinenser ein beinahe erschulterndes Erlebnis., die fast ungebrochene Macht dieser Bourgeoisie zu spüren. Alles ist Liier sozusagen ,,vorkriegsmäßig‘‘: der etwas all modische Komfort der 1 liiuscr, ebenso w ie die gesellschalt! iclien Schichtungen; dieselben Familien geben den Ton an wie schon seit Jahrzehnten und von Emporkömmliugen spürt man wenig. Natürlich gibt es Jas alles, und Engländer betonen sogar gesprächsweise sehr stark die Slrukturvvandiungen, die sich, z. It. in den gesellschaftlichen Sitten und Begriffen, in den letzten Jahren hier vollzogen lialien, ober der Fremde sieht, und wohl mit liecht, vor allem den ungeheuer tradilionalislischcn und konservativ eaGrundzug. Das hat auch seine geistigen und sittlichen Ausdrucksformen. Man könnte zuge,spitzt sagen: Engländer glauben einem alles, denn sie hatten keine Inflation. Die ungcfieure Erschütterung aller 'Wertmaßstäbe der bürgerlichen Gesellschaft, die mit dem Schwinden des täglichen Geldes einsetzte und die, wohl noch nicht genug gewürdigten, wahrhaft revolutionären Veränderungen in Moralbegriffen und Denkformen, die es mit sich brachte, blieben England vollkommen erspart. Hei aller politischen Unruhe, die dem bedrohten Inselehuniktcr der Insel gilt, ist das wirtschaftliche Vertrauen felsenfest geblieben. Der beste Beweis dafür ist das Verhallen des englischen Bürgers heim Fallen des Pfundes, das auch der scharfe französische Kritiker der modernen englischen Wirtschaft, Andre Siegfried, begeistert anerkennt: Keine Spur einer Panik, keinerlei Flucht in den — damals noch goldsicheren — Dollar, sondern ruhige Fortführung der Geschäfte.

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