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Jüdische Rundschau · 1933-11-21 · Heft 93 (21.11.1933) · p. Seite 838

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 93 (21.11.1933)
Date
1933-11-21
Page
Seite 838 (sequence 6)
Language
German
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Seite 836 jodische Rundschau Nr. 93. 21. XI. 1933 Der Gestaliwandel des Judentums Zur Entwicklung des modernen jüdischen Denkens Eine Aufsatzreihe van Hans Kohn Wir bringen heute die in Nr. 79/80, 81/82 und 86 begonnene Aufsatzreihe zum Abschluß, die den Wandel des jüdischen Denkens innerhalb der letzten SOJahre an repräsentativen Persönlichkeiten aufzeigen will. Wir verweisen hierbei auf die Vorbemerkung, die wir dem ersten dieser Aufsätze vorangeschickt haben. Wir haben dort auf die Veränderungen hingewiesen, die sich im 19. Jahrhundert durdi die Wirkung allgemeiner Ideen wie des Liberalismus und des Nationalismus im jüdischen Leben vollzogen haben, und fügten hinzu: ״Nur aus diesem Gestaltwandel heraus kann die wichtigste moderne jüdische Bewegung, der Zionismus, verstanden werden. Viele unserer Leser, die erst jetzt mit dem lebendigen Judentum in Berührung kamen und sich nun auch für den Zionismus interessieren, sind nicht vertraut mit der Ges dachte des bewußtjüdischen Denkens, wie es sich im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. vollzogen hat und ohne dessen Kenntnis vieles m der zionistischen Entwicklung unverständlich bleiben muß." Wir glauben, einem entstandenen Bedürfnis entgegenzukommen, wenn wir wenigstens in kurzen Abrissen etwas aus der Gedankenwelt der Persönlichkeiten des neuen Judentums übermitteln. Nachdem diese Aufsatzreihe abgesefdossen ist, werden weitere Serien über bestimmte Gebiete folgen. Red A. D. üordon Aehad Haara hatte den gedanklichen Inhalt der jüdischen N'ationalbewegung im Geistigen verankert, in der vielhundertjrihrigen Erbschaft des Judentums, die ihren Höhepunkt in der sifliieben!.ehre der Propheten gefunden hatte. Demgegenüber hatton Berdvc/eevski und die ״Jungen“ die Revolte des ״Lebens״ proklamiert, die die jüdische Nationalbewegung auf die binden vitalen Kr,alte jüdischer Fa.xistenz basieren wollte. In Pal.aslina versuchte A. I). (iorilon die Synthese?wischen den nach Lirneuereng ringenden Kräften der angestrebten Lebensfülle und der Erbschaft jüdischer sittlicher Aufgabe. In ihm vereinigten sich Tenden/en der Aufklärung und des Chassidisnnis zu einer neuen Wirklichkeit Hier wurden sie ins Lehen uiiigcsct/t, hier wurden verschiedene gedankliche Strömungen der jüdischen Ncttirmalbewegung Aus ihrer Abstraktheit und Vercin/elting in die Unmittelbarkeit eines persönlich gelebten Lebens vereinigt. Wie hei Aehad Haam und bei Martin Ruber steht auch bei A. I). Gordnn der sittliche M e 11 s c!1 im .Mittelpunkte seines Nationalismus. ״Die Erlosuug des Volkes kann nur durch die Erlösung des Fi11/f!nen kommen.“ Und diese Erlösung des Fiii.'daen durch die F r 1! e u e r 1111 g des Menschen. Der .Mensch muH ״neu werden“, ein neues Leben beginnen, dann wird sich ihm eine neue Welt eröffnen, eine neue Erde und ein neuer Himmel. Das Mittel der Erneuerung für den Menschen ist die Arbeit. A. I). (iorilon ist im Judentum des zwanzigsten Jahrhunderts der Prophet des Adels der Arbeit. Arbeit war iiun kein ״Mittel'1 zur Produktivierun״ eines Volkes, sondern Arbeit war ihm Erfüllung des Menschentums, Daher verlicrrlicht er nicht jede Arbeit, sondern die Arbeit, die im rechten Geiste geschieht, in der Natur und an der Erde, die den Menschen gegeben ist. In dieser Arbeit gibt es keine Treunung zwischen Mensch und Natur, zwischen Mensch und Mensch, zwischen Klasse und Klasse, zwischen Volk und Volk. Aus dein Roden und aus der Arbeit am Boden erwächst der neue Mensch, wie Gordon auch aus der etymologischen Ableitung des hebräischen Wortes ״Adam“ (Mensch) aus ״Adnmaii“ (Erde) zu erweisen sucht. In der gemeinsamen Arbeit am Boden, der die Grundlage alles menschlichen Lebens ist, weitet sich das!.eben des Einzelner! über seine Enge und über den Rahmen des Volkstums hinaus ins Allmensc'nliche und ins Kosm i s e 11 e Die Erneuerung des Lebens war der für Gordon grundlegende Begriff.!Diese Erneuerung kann nur in der immittelbaren persönlichen Tat des Menschen vollzogen werden. Leben ist nur sinnvoll als Kultur, als eine lebendige Kultur, die das ganze Wesen des Meiiwhea erfüllt Sie wird zur Totalität der i.ebensgeMaltiing, zum I eben des Menschen aus seinem ganzen Wesen heraus, zu einer Aufgabe der Persönlichkeit, die sich in jeder Aeußcrung des Alltags kumlgibt. Lebendige Kultur ist für Gordon wie für den Chassidismus Heiligung des Alltags, Weihe jeder Tat. ״Eine lilHiidige Kultur umfaßt das ganze Leben. Alles, was das Leben um des Lehens willen schafft, ist Kultur. Erdarbeit, ILiuscrbau. alle Arten von Bauten, Siraßenanlcgung usw., jede Arbeit, jedes Werk, jede Tat ist Kultur, das heißt die Basis der Kultur, ilire Materie •.. Alles, was wir in Palästina wünschen, bestellt darin, daß wir mit unseren eigenen Händen tun, was das!.eben ausmacht: daß wir eigenhändig alle Arbeiteil, Werke und Taten vollbringen, angefangen von den gelehrtesten, feinsten und leichtesten bis zu den gröbsten, verachtlichstcn und sch veersten; da IS wir alles fühlen, denken und er- ](dien, was der diese Arbeiten verrichtende Arbeiter fühlt, denkt und erlebt. Dann werden wir eine Kultur haben, denn dann werden wir Leben haben,“ Aus dieser f ehre des Lebens heraus tritt Gordon gegen d i c R a t i o n I i s i e r u 11 g u n d 1111 e 11 e k t u a I i s i e r u 11 g auf. Er kam! nicht darin des! Fortschritt sehen, daß die .Menscheu von der Herrschaft der Natur befreit werden und der Herrschaft des Menschen und der Maschine verfallen, Die Natur erscheint ihm als der wahrhafte Quell alles Lebens. Es gilt die Hingabe an die Natur und an ihre schöpferischen Kräfte. Die moderne Kultur hat es dahin gebracht, daß der Mensch nicht nur die Natur beherrschen will, sondern der Mensch den ,Mitmenschen, eine Klasse die andere, ein Volk das andere. Hier ist die Wurzel aller Hebel des modernen Lebens. Sie liegt nicht in äußeren Umständen, sondern in uns selbst, in unserem Streben nach Macht, nach Reichtum, nach Herrschaft, in unserem Wunsche, möglichst mächtig und bequem zu leben. Die Inanspruchnahme von wirtschaftlichen Giifern über das Maß dessen hinaus, was man zum Leben braucht, dessen was man braucht, um aus sich alles lierzugeben, was zu geben man fähig ist, das heißt bereits über andere herrschen. ״Herrschaft bleibt stets Herrschaft, stets schwer zu ertragen für einen wahrhaft freien Geist, stets schädlich in ihrer Wurzel, stets führt sie schließlich zu ganz gewöhnlicher Herrschaft mit allen ihren Nachwirkungen für andere: Abhängigkeit, Knecht- Schaft, Armut.“ Nur der im Schoße der Natur lebende Mensch kann durch seine Arbeit frei leben. Nur der Arbeitende lebt kein ,,Parasitcnlcbcn“, nur er schafft wirklich, nur er beutet nicht aus. Aber der Begriff der Freiheit und Ausbeutung gewann bei Gordon einen tieferen und menschlicheren Sinn: nur der arbeitet, der nicht andere beherrscht; das gilt von der Herrschaft über die Natur ebenso, wie von der Herrschaft über Klassen oder über Völker. Ob wir aber herrschen, hängt von uns ab, von unseren Begierden, die 01t tief in uns verborgen sind. Hier liegt die Möglichkeit unserer wahren Freiheit. Kapitalismus, Krieg, Regierung, Macht sind bös«, aber sie sind nicht böse in sich, sondern sie sind böse, weil wir selber nach ihnen begehren. Es ging Gordon wie Aehad Haam vor allem um die Erneuerung des Herzens und des Lebens aus dem Herzen, um die schöpferische, sittliche Kraft im Menschen, und wie der Nationalismus von Aehad Haam war auch der!eine ein Nationalismus der Menschlichkeit. Seinem Begriffe des Menschen entsprach auch sein Volksbegriff. Auch hier geht er über Aehad Haam hinaus. Er geht bei seiner Lehre vom Volke nicht aus von dem Gedanken des Kampfes um das Dasein, des Kampfes um die Selbstbehauptung des Volkes oder des Menschen im Kampfe gegen andere Völker oder gegen andere Menschen. Dem Gedanken des Kampfes, der Macht, der Eroberung stellt er den der Verbundenheit, der Solidarität entgegen. Volk ist ihm kein nach außen errichteter, von außen bestimmter politisch er Begriff, ebensowenig wie der Begriff Mensch, sondern beide sind Selbste ntfaltung aus dem tiefsten Lebensgrundc. Wie innerhalb des Volkes zwischen den Menschen Solidarität und Gemeinscliaft herrschen soll, so auch zwischen den Völkern, die alle wie Menschen nebeneinander leben sollen. ״Die Nation lebt, so gut wie der Einzelne, nicht nur für sich selbst, sie hat wie der Einzelne, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die übrige Welt zu sorgen und zu arbeiten. Das, was man nationale Interessen, nationale Ideale nennt, ist nicht iri den Grenzen egoistisch-nationalen Lebens cingeschlossen, — nationale Interessen und Ideale umfassen das ganze Leben des Menschen, die ganze Menschlichkeit, die ganze Welt. ... Wenn wirklich einmal eine Zeit kommen soll, in der Kriege unmöglich sind, so kann das nur auf dem Wege eines großen, menschlich-kosmischen Nationalismus geschehen. Nur darin wird ein Volk nicht das Schwert gegen das andere erheben, wenn nicht nur Menschen die Pflicht haben, aufrichtig zu sein, sondern wenn Völker die Verpflichtung fühlen, aufrichtig zu sein, wenn nicht nur Men• scheu einen Willen haben, groß zu sein und zu leben, sondern wenn Völker nach Größe, nach menschlich-kosmischer Größe streben, wenn ein Volk des anderen Seele fühlen wird, wenn es seine eigene Seele• so tief als möglich zu fiihlen vermag.“ Das wahre Volk ist das ,,Mensch-Volk“ (״Am־Ada!n“), das in seinen Menschen erneuerte Volk, das in seinen Beziehungen zu anderen Völkern sich ״wie ein Mensch zum Nebenmenschen“ von sittlichen Forderungen leiten läßt. ״Das Volk ist nicht nur eine eigene Persönlichkeit, sondern ein schöpferischer Organismus. Das Volk ist die Kraft, welche unser Verhältnis von Mensch zai Mensch erfüllt. Der neue Mensch ist noch nicht da, auch das neue Volk nicht, ein Volk wie ein Mensch. So wie ein Einzclmensch Träger von Verantwortung und Rechten ist, so auch das Volk. Der Mensch ist von der Vollkommenheit noch sehr weit entfeint. Trotzdem ist bei ihm eine gewisse Tendenz da, vollkommen zu werden. Aber beim Volk merken wir nicht einmal diese Tendenz. Wir brauchen eine geistige Erneuerung, und an fangen muß es damit, daß inan hingeht und arbeitet. Wenn heute die Menschen einen Wald pflanzen, fragen sie nicht nach seinem natürlichen Sinn und nach seiner Schönheit, sondern nach dem Profit. Wir müssen anders arbeitcn. Das Land wartet auf uns.“ Gordon hofft, das neue menschliehe Volk, das in inniger Verbundenheit mit der Natur und auf Grund seiner Arbeit ohne jede parasitäre Ausbeutung anderer Menschen oder anderer Völker lebt, solle in Palästina entstehen. Gordon erblickte die Aufgabe des Zionismus in der Er- 11 cuerung des jüdischen Menschen durch seine Hingabe an den Boden und an die Natur. Dies kann nur aus den eigenen Kräften des Volkes erfolgen, aus eigener Hingabe, nicht aber im Vertrauen aut die Hilfe fremder Völker oder Regierungen. Gordon hat so klar, wie wenige andere erkannt, daß nicht durch Politik und nicht im lauten Lärm, sondern durch schöpferische Arbeit, in der Stille, in der Wahrhaftigkeit, der Zionismus diesen Sinn erfüllen kann. Zionismus war ihm Aufbau der jüdischen Seele und das heißt Aufbau der menschlichen Seele. Sein Nationalisraus und Sozialismus waren nicht ein äußerlicher gesellschaftlicher Kampf, sondern ein innerer Kampf, die Erobcrung neuer Bezirke in der Seele des Einzelnen. Hier gilt es einzugreifen, will man die richtige Befreiung der Menschen. Es gilt, den tief in uns verborgenen Herrschertrieb in seinen Winkeln auszuspüren, den geistigen, verkappten, den Machitrieb der Partei, der Zeitung, der ölfentliehen Meinung. Es gilt, die Unmittelbarkeit der Einstellung zum Leben wieder zu bringen. Nur dies kann der Sinn dar Erziehung sein: den Menschen auf sich selbst zu stellen, ihn ״zu befreien von dem geistigen Imperialismus und Kapitalismus, von der gesellschaftlichen und persönlichen Hypnose, ihn ln aller liürze Nach der offiziellen Statistik sind in den ersten acht Monaten des Jahres 1933 14 905 Juden zu dauerndem Aufenthalt nach Palästina gekommen. Im Jahre 1932 waren im ganzen 3841, im Jahre 1931 3049 Juden nach Palästina eingewandert. Die Gesamtzahl der jüdischen Einwanderer seit Kriegsende beläuft sich auf 132 930. Die neu ernannte rumänische Regierung beabsichtigt, die vom Ministerpräsidenten I. O. Du ca angekündigten Maßnahmen Regen die rechtsradikalen antisemitischen Organisationen bereits in nächster Zeit durchzuführen. Man rechnet mit einem V erbot der von Professor A. C. Cuza geführten Liga für nationale!!östliche Verteidigung und der Eisernen Garde des Präfektcnmörders Corneliu Codreanu. Auch eine Reihe anderer antisemitischer Organisationen, die erst in letzter Zeit entstanden sind, soll aufgelöst werde n• Das durch den Tod des früheren bulgarischen Minister- Präsidenten Liapt sc lief f erledigte Parlamenismaiulat wurde dein Präsidenten des Zentralkonsistoriums der Juden Bulgariens Hain! Farchv als Vertreter der Partei der demokratischen Entente übertragen. Der neugewählte Abgeordnete wurde durch den Oberrabbiner von Sofia Dr. Ascher Hananel vor versammelteiri Hause vereidigt. Auf Grund einer Interpellation des Abgeordneten der Jüd isehen Partei, I)r. Arigelo O 0 1 d s t c i n, im Parlament hat das tschechoslowakische Justizministerium die Beschlagnahme der ganzen Auflage des .,Zrcadlo Zydu“ (Judenspiegel) verfügt. — jenseits der Herrschaft des geistigen und körperlichen ,Kapitals‘, das unterwirft und knechtet — dem Leben des Kosmos zu öffnen, dieser Quelle, die jedem Menschen offensteht, die bereit ist, jeden Menschen zu speisen und zu bereichern, in jenem Maße, als er bereit ist, aus ihr zu schöpfen“. Alle Erlösung also bedeutet für Gordon: den Menschen zu jenem Stande zu erheben, wo er, als einzelner und als Volksgenosse, selbständig denkt, handelt und schallt. Gordon hat mit größter Schärfe Stellung gegen die im Weltkrieg entstandene jüdische Legionsbewegung genommen, gegen die Schomrim- und Kampfromantik des Jiscliuws. Er begnügt sich nicht damit, festzustellen, daß ״diese Bcgeistcrung für Kampf und Blutvergießen im vollständigen Gegensatz zu unseren nationalen und menschlichen Idealen und zu u.nserer Arbeit in Palästina steht“, daß diese ganze Bewegung nur zeigte, wie leicht wir geneigt sind, ״uns und unsere Be- Strebungen zu vergessen und zu verraten, wenn andere uns auch nur zulächeln“. Er begnügt sich auch nicht damit, zu schreiben: ״Ich dachte in meiner Einfalt, daß wir danach streben, ein ehrliches Mensch-Volk zu schaffen, ein Volk, das verantwortlich ist für alles, wofür ein Einzelner verantwörtlich ist, ein Volk, das nicht aufgebaut werden will durch die Zerstörung anderer Völker, ein Volk, aut dessen Fahne nicht geschrieben steht: ,In Blut und Feuer wird Juda auferstehen‘ (Walilspruch der Wächterorganisation ״Haschomer“), sondern: ,Lin Volk wird nicht wider das andere das Schwert erheben‘ (Jesaja 2,4). Kann denn ein einzelner Mensch noch, Mensch sein, solange sein Volk ein wildes Tier ist? Liegt nicht darin, daß man dem Volk erlaubt hat, ein wildes Tier zu sein, die Quelle aller Widersprüche, aller Lügen und Häßlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens? ich dachte, wir suchten in Palästina neue Wege, um uns und unser Leben zu erneuern . . So sang A. D. Gordon das Hohe Lied der schöpferischen Arbeit und der Liebe zum Boden. Er liebte das Land mit allen seinen Eigentümlichkeiten, mit seinen Schwierigkeiten, seiner Vergangenheit und seiner Gegenwart, seinen verschicdenen Bewohnern mit ihren mannigfaltigen Sitten. ,,Durch Leben, durch Arbeit und durch schöpferische Tat werden wir unsere historischen Rechte auf dieses Land erkaufen oder bekräftigen. Darin liegt auch das Richtmaß unseres Verhältnisses zu den Arabern in dieser Beziehung. Die Araber sind auf dem Boden ansässig und wir können nicht ihre Rechte mindern und sie verdrängen. Doch sind auch sie außerstande, uns unsere Rechte auf denjenigen Boden zu entziehen, den wir bewohnen und bearbeiten. Zwar sind wir eine Minderheit, doch derjenige Boden, den wir durch unsere eigene Arbeit erkauft haben, gehört uns, und keine Mehrheit in der Welt könnte uns unser Recht darauf strittig machen und unseren Händen etwas rauben, was wir durch die Kraft unserer Arbeit und unseres Schaffens erworben haben. Der Kernpunkt des Problems ist die Expansion: Wer wohl ein größeres Recht darauf hat, sich auf jenem Boden zu verbreiten, der noch nicht durch Arbeit und Schaffen erkauft ist. Hier spielt nicht die Zahl, sondern die Qualität eine Hauptrolle: Die Lebens- und Entfaltungskraft, die Kraft der Arbeit und des Schaffens und daneben auch die Macht der seelischen Hingabe. Wer mehr arbeiten, mehr schaffen, sich mehr aufopfern wird, wird auch ein größeres sittliches Recht und einen stärkeren vitalen Anspruch auf das Land erwerben.“ ״Bei alledem müssen wir dennoch in unserem Verhältnis׳ zu den Arabern sehr vorsichtig sein, besonders bei Bodenkaufen u. dg!., um nicht im mindesten ihre menschlichen Rechte zu verletzen, um wirklich Arbeitenden nicht den Boden zu entreißen usw. Es ist besser, wenn uns der Boden das Doppelte und Dreifache seines Wertes kostet, wenn wir die tatsächlichen Herren des Bodens, die ihn bewohnen und bebauen, auf jede Art und Weise begütigen, mag auch eine solche Genugtuung noch so schwer sein und uns noch so viel Mühe kosten, indem wir ihnen etwa anderweitig Boden zur Verfügung stellen usw., denn das ist besser, als ihre Rechte irgendwie zu verletzen, (m allgemeinen i<t es unsere Pflicht, menschliche Beziehungen zu den Arabern einzuleiten, sie nicht bloß ihren negativen Seiten nach zu behandeln, wie etwa die Antisemiten uns nach unseren Schattenseiten behaudein. Die gegenseitigen Beziehungen müssen immer und unter allen Umständen menschlich sein, selbst wenn es aut der anderen Seite nicht ganz nach unser!» Wünschen bestellt sein sollte. Dann sollen sie von uns lernen und nicht wir von ihnen. Dies sollte auf unseren Versammlungen mit mehr Sorgfalt besprochen werden, als alle anderen politischen Dinge. Denn diese Angelegenheit geht u 11s u n m i f t c I b a r an. Wir stellen hier einerseits vor tatsächlichen politischen und gesellschaftlichen Interessen und andererseits haben wir hier eine grolle Lehre, ja mehr als das, ein großes Lebensmoment, die erste unmittelbare Unterrichts- und Uebungsstunde eines brüderlichen Zusammenlebens zweier Völker. Doch liegt hier das Hauptinteresse i!n Leben und in uns, an jedem von uns, in uns allein. Wenn wir streben werden, menschlicher und lebensgetreuer zu sein, so werden wir das richtige Verhältnis zum Menschen und zu den Völkern im allgemeinen und zu den Arabern im besonderen finden.“ So wollte A. D. Gordon einen konstruktiven Nationalismus und einen konstruktiven Sozialismus als die Grundlage der jüdischen Erneuerung aus dem Geiste des Judentums Ichreu. Er wollte diese zwei großen Mächte, die den Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts beherrschen, läutern in dem Leben des umgewandelten, auf sich selbst stehenden einzelnen und einen Weg weisen, der über den Rahmen des jüdischen Volkes hinaus die zwei tragenden Kräfte dieser Zeit, den Nationalismus und den Sozialismus, zu den Grundlagen eines volleren Lebens, neuer Formen des menschlichen Zusammenlebeits gestalten sollte.

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