Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 93 (21.11.1933)
- Date
- 1933-11-21
- Page
- Seite 834 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 832 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 93, 21. XI. 1933 geringe Zahl von Einwuncierungserlaubiiissen noch weiter beschuhte, besonders wo der Arbeitermangel in der jüdischen Wirtschaft täglich stärker spürbar wird. Audi in der Frage der Boden kaufe dürften keine grundsätzlichen Neuerungen zu erwarten sein. Denn die bestehenden Bestimmungen sichern ohnedies eine über• aus weitreichende Kontrolle der Regierungsorgane, und ein Pauschalverbot für Bodenkäufe würde überhaupt nicht funktionieren. Bleibt die Frage des Gesetz gebenden Rates. Seit einigen Tagen beschäftigt sich die arabische Presse lebhaft mit diesem Punkt. Es werden verschiedenartige Gerüchte verbreitet. Sie alle haben das eine gemeinsam, daß die Regierung einen Vorschlag für die Bildung eines Gesetzgebenden Rates ausarbeite und daß er weiter gehe als die früheren. Der Vorschlag von 1922 sah eine zum Teil gewählte, zum Teil von der Regierung ernannte Körperschaft vor, die relativ beschränkte Befugnisse hatte. (Keine Beschluß* fähigkeit über Budgetfragen usw.) Nach den von der arabischen Presse verbreiteten Gerüchten soll der zurzeit vom Oberkommissariat bearbeitete Vorschlag anders aussehen. Das Beschlußrecht in Budgetfragen soll dem Kate zustehen (freilich hat der High Comrnissioner ein Vetorecht) und es wird weiter berichtet, daß die Leiter d er «Regier 11 n gsdeparte m e 1116 Araber tt n d Juden sein sollen, von denen jeder einen englischen Berater (,,Adviser") zur Seite hat. Es ist klar, daß alle diese Gerüchte mit größter Vorsicht aufzti* nehmen sind. Man daif ruhig annehrnen, daß bei einer Reihe dieser Nachrichten der Wunsch der Vater des Gedaukens ist und daß Beispiele aus andern Ländern englischer Verwaltung (vor allem aus Irak, das ja den palastinen..;scheu Arabern sehr nahe liegt) sich hier auswirken. Dennoch ist es wahrscheinlich, daß die Frage des Gesetzgebenden Rates in irgendeiner Form von neuem aktuell wird. Die jüdischen!«stanzen haben bekauntlicl! sich auf eine Politik schärfster Gegner* s e h a i t g e g e 11 jede Verfassungsänderung festgelegt. Iti der h e b r ä i s c i! e n Pres s e ist es zu einer Diskussion der politischen Fragen bisher kaum gekommen. 111 diesem Punkte wie auch in manchen andern unterscheidet sich damit die Stimmung gründlich von der von 1929, wo den Unruhen eine lange und erregte Auseinandersetzung und ein starkes Interesse für die Be- Ziehungen zwischen Juden und Arabern folgte. 111 der letzten Nummer des ״Fiapoe! Hazair“, der Wochenschrift der Arbeiterpartei, klagt der Redakteur Lofban bitter über diesen Mangel politischer Aktivität. Er weist eindringlieh darauf hin, daß wir trotz langjähriger Erfahrungen noch immer kein Sprachrohr geschaffen haben, durch das wir direkt zu den Arabern sprechen könnten, d, h., daß noch immer die oft in Aussicht genommene Schaffung einer jüdischen Zeitung in arabischer Sprache keinen Schritt vorwärtsgekommen sei. Er weist darauf hin, daß die Juden zu Zeiten, wo cs im Lande ruhig ist, sich mit der Frage der Beziehungen zu den Arabern nicht befassen, weil sie es nicht nötig zu haben glaubten, Und dann plötzlich mit dein Ausbruch von Unruhen vor einem fait accompli stehen, wie der Mann, der sein Dach nicht flickt, solange die Sonne scheint, hilflos dasteht, wenn es ihm in die Zimmer regnet. Die Erfahrungen des letzten Jahrzehnts müssen jeden Beobachter davon überzeugen, daß Lofban mit diesen Klagen und Ermahnungen recht hat. Gerade jetzt wäre eine breite Aufrollung der Frage der jüdisch-arabischen Beziehungen in der jüdischen Oe ff ent* lichkcit bitter notwendig. Es gibt gerade heute Tausende und Tausende in Palästina, die neu hergekornmen sind, von den Dingen wenig oder niclils wissen und eine gründliche und aufrichtige Belehrung brauchten, uin sich in dem Labyrinth der palästinensischen Politik zurechtzufiiidcn. Fs soll keineswegs behauptet werden, daß die Lösung der politischen und nationalen Fragen mit einem Schlage herbeigeführt werden kann. Aber wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß man diesen Dingen ins Auge sehen muß, so haben ihn die Ereignisse der letzten Wochen genügend erbracht. Und es sieht leider wieder so aus, als ob die jüdische OeffentlichkeÜt nicht sofort daran geht, ihr Dach zu flicken, nachdem sich das Unwetter gelegt hat. Man wird sich dann auch nicht wundern dürfen, wenn es bei nächster Gelegenheit von neuen! ln die Zimmer regnet. Der Antisemitismus in Oesterreich Anfrage im englischen Unterhaus London, 16. November. (J.T. A.) Im Unterhaus richtete Colonel Wedgwood an den Außenminister die Frage, ob er bekanntgeben wolle, welche Erklärung zu der Mitteilung der österreichischen Regierung an die Regierung Seiner Majestät betreffend die in Oesterreich geplanten an t isemitischen Notverordnungen abgegeben worden sei. Sir John Simon antwortete, daß die Regierung Seiner Majestät keine Mitteilung der österreichischen Regierung zu dem erwähntere Gegenstand erhalten habe. ״Weiches Recht hat die Regierung Seiner Majestät, irgendwie einzugreifenV“ wari Abgeordneter Peter MacDonald ein. Die Frage des Abgeordneten MacDonald blieb unbeantwortet. Erklärungen des Wiener amerikanischen Gesandten Der neue Gesandte der Vereinigten Staaten in Wien George Earie hat nach einer zu in Studium der Möglichkeit einer Verstärkung des amerikanische 11 Tonriste 11 Verkehrs nach Oesterreich unternommenen Reise durch die österreichischen Kurorte eine Erklärung abgegeben, die allgemeine Aufmerksamkeit findet, Gesandter E a r I e ist voll des Lohes über die landschaftliehen Schönheiten Oesterreichs, die eine starke Änziehungskraft aut den Fremdenverkehr ausüben und verspricht, sich nachdrücklich dafür eirezusetzen, daß amerikanische Touristen nach Oesterreich kommen. ״Ich habe auf meiner Reise“, erklärt der Gesandte weiter, ״im Hinblick auf die mir genau bekannte Stimmung des amerikanischen Publikums besonders darauf geachtet, festzustellen, ob in den einzelnen Gegenden A 111 i s e - mitisr!j!1s herrscht, da dieser der amerikanischen Mentalität entgegengesetzt ist. Fs liegt in Oesterreiclis Interesse, so zu handeln, daß es sich die Sympathien Amerikas nicht verscherzt, Sympathien, die nur dort gezeigt werden, wo es keine Zurücksetzung aus Gründen der Rassen- oder Religionszugehörigkeit gibt. Ich selbst, fügt Gesandter Earie hinzu, bin nordischer Rasse uml habe kein «11 T ropf e n jüdischen Blutes in mir. Ich entstamm« einer seit langer Zeit in Amerika ansässigen Familie preußischen Ur- Sprungs.“ Die Warnung des amerikanischen Gesandten Earie vor dem Antisemitismus hat mit Rücksicht darauf, daß sie die erste derartige Erklärung eines ausländischen Diplomaten darstellt, in ganz Oesterreich tiefen Färnlrtick gemacht. Der Gesandte hat jode Einmengung in innere A n g c 1 < g e n h e i - ten Oesterreichs vermieden und sch darauf beschränkt, die Stimmung der a m crikanischen Kreise wiederzitgeben, die Anspruch darauf haben, über die Verhältnisse der Gegenden, in denen sie ihren Urlaub zubringen wollen, im klaren zu sein. Der Gesandte hat auch eine Rundfrage an die Bürgermeister der bedeutender e ת Provinzen Oesterreichs betreffend etwaige antisemitische Strömungen gerichtet. Alle Bürgermeister haben erklärt, daß in ihren Ortschaften kein Antisemitismus herrsche. — Die gesamte Presse, darunter auch die amtliehe ,,Wiener Zeitung“, veröffentlicht die Erklärungen des amerikanischen Gesandten, nur die extrem antisemitischen Blätter bringen die Erklärung nicht. Gleichzeitig kommen freilich Meldungen über neue Terrorakte radikaler antisemitischer Gruppen. Vor kurzem hat die vandalische Schändung des jüdischen Friedhofes in Hohenau, wo zahlreiche Grabsteine unigestürzt worden waren, im Ausland schärfste Mißbilligung befunden. Die Londoner ״Times“ brachte darüber einen ausführlichen Bericht. Kürzlich wurden in Wien in das jüdische Restaurant Tonello lind in das Heim der revisionistischen Vereinigung Brith Hachaji! Tränengasbomben geworfen. Er&Uoang des Frankfurter Lehrhanses Wie uns aus Frankfurt a. M. berichtet wird, fand dort am Sonntag im überfüllten Saal der Frankfurt-Loge die feierliehe Eröffnung des jüdischen f. ehrhauses statt. Der 1, Vorsitzende der israelitischen Gernrinde, Justizrat Dr. Blau, gedachte in seiner Eröffnungsrede des verstorbenen Gründers des Jüdischen Lehrhauses, Franz Ro senzweig. Nach Jahren des Schattendaseins habe die 1920 gegründete Gesellschaft für Jüdische Volksbildung jetzt, nachdem den Juden das Wirken i!1 der allgemeinen Öffentlichkeit — wahrscheinlich für lange Zeit — verwehrt worden ist, Martin Bub t r als Leiter des Lehrhauses gewonnen. Sodann ergriff!Martin Bub er, voll starkem Beifall begrüßt, das Wort zu seinem Vortrag über die ,,Aufgabe» jüdischer Volkserhebung“, über den wir noch ausführlicher berichten werden. Der Verwaliungsübersdiulj in Palästina Jerusalem, 15. November. (J.T.A.) Wie aus einer in der letzten Nummer der ״Palestlnc Gazette" veröffentlichten Statistik hervorgeht, hat die Palästina-Regierung in den Monaten April bis September 1933 einen V er waltu 11 gs- Überschuß von 593.595 Pfund erzielt; im September 1933 allein betrug der Ueberscbuß fast 85.009 Pfund. Die Einnahmen betrugen 1.774.052, die Ausgaben 1.180.457 Pfund. Die Zolleinnahmen allein erreichten in diesen sechs Monaten 818.400 Pfund. Der größte Ausgabenposten war der für Polizei und Gefängnisse, Iransjordanisches (irenzkorps und Verteidigung. Für dhsen letzten Zweck wurden in der ersten Hälfte de• Finanzjahres 59.000 Pfund ausgegeben. Bei glcichbleibenden Fhanzverhiiltnissen ist also damit zu rechnen, daß Ende März bei Schluß des Finanzjahres ein V erwaltungs- Überschuß von einer Million Pfund erreicht sein wird. Der Umfang der Kapitaleinfuhr nach Palästina ist daraus zu ersehen, daß im Monat September 452 Einwanderer der Klasse A, die ein Eigenvermögen von mindestens 1001) Pfund haben müssen, nach Palästina gekommen sind. Von diesen Einwanderern waren zwei Christen, alle übrigen Juden. Der jüdische Kapitalimport betrug in diesem Monat somit mindestens 450.000 Pfund. Unter Berücksichtigung der von Handwerkern, Mittelstandssicdlern, Arbeilereimvanderern und Studenten ins Land gebrachten kleineren Betrüge wird man bei vorsichtiger Schätzung auf eine Gesamteinfuhr von mindestens 600.000 Pfund in einem Monat rechnen können. Das Erbe Motzkins Wir erhalten nachstehendes Communiquif: Am 15. November 1933 fand in Paris eine Sitzung der Exekutive des ״Comite des Delegation« J u i v e s" statt, an der alle in Paris befindlichen Mitglieder der Exeku• tive sowie Herr Izchak Grünbaum tcilnahmen. Die Sitzung war in ihrem ersten Teil dem Andenken Leo Motzkins gewid• inet, dessen en'.szheidende Verdienste und historische Luisfun• gen im Zusammenhang mit der Gründung und Leitung des Comite des Delegations Juivcs Herr Grünbauin würdigte. Alle Mitglieder der Exekutive brachten ihre Entschlossenheit zum Ausdruck, die Arbeiten des Comite des Delegations Juivcs im Sinne und im Geiste von Leo Motzkin weiterzuführen. Es wurden das Programm sowie die oreaiiDatorisclien Formen der weiteren Arbeit des Comite des Delegations Juivcs fesfgclcgt. Auf Antrag der Herren J. Grün bäum und J. Jefroykin und mit Zustimmung der auswärtigen Mitgliedcr der Exekutive, die auf telegraphischem Wege ihr Ein- Verständnis zum Ausdruck gebracht hatten, wurde Dr. Naclium Gold mann mit der Leitung des Comite des Delegation• Juivcs bis zum Zusammentritt des Jüdischere Weltkongresses betraut. Es wurde ferner ein engerer Ausschuß gewählt, um mit Dr. Goldmann die tägliche Arbeit zu dirigieren. Diesem Ausschuß gehören die Herren Robert Ho) lack, Dr. V. Jacobson, Israel Jefroykin und Isaac N a i d i t s c h an. Es wurde ferner beschlrs-en, für alle wichtigeren Länder ständige Korrespondenten des Comite des DUeiyaiions Juives zu bestimmen, die fortlaufend über die jüdische Lage in ihren Ländern berichten und die Aktionen des Komitees unterstützen sollen. Weitere Beschlüsse behandeln das Programm der Arbeit der nächsten Monate sowie die Sicherung der Finanzierung für die Zeit bis zum Zusammentritt des jüdischen Welt• kongresse», _ Obstbau im judäischen Bergland Jerusalem, 12. November. (J.T.A.) In einzelnen Ge■ bieten des jiidiiischcn Berglandes wurde aut Initiative des Landwirtschaftsdepartements der P a 1 ä s t i 11 a ־ R e g i e r u n g mit der Terrassierung der Abhänge zwecks Anlage von O b s t p 1 a n t a g e 11 durch a r a b i s c 11 e Bauern begoti■ nen. An einzelnen Stellen wurden schon Weingärten angelegt und Apfel-, Nuß- und Aprikosenbäume gepflanzt. Stecklinge wurden den Bauern teilweise von den Behörden geliefert, teilweise wurden sie von den Arabern jn Jüdischen Baumschulen in Moza, Kirjath Anawiin, Benjamina usw. geiouft. Für die Weingärten wurden phyllazerafeste Reben geliefert. Leo Baeck and die ״Jüdische Rundschau“ Dfe Redaktion der ״Jüdischen Rundschau" hat sich an den Vorsitzenden der Reichsvertretung der deutschen Juden, Rabbiner Leo Baeck, mit der Bitte gewandt, in regelmüßigen Zeiträumen durch die ״Jüdische Rundschau" zum deutschen Judentum zu sprechen. Herr Dr, Baeck hat sich bereit erklärt, diesen Wunsch zu erfüllen. Wir veröffentliehen heute den ersten seiner Beiträge. Weitere Beitrüge werden folgen. Wir sind überzeugt, daß unsere Leser es mit besonderer Befriedigung begrüßen werden, daß wir einen Mann, der nicht nur ein hohes Amt in der deutschen Judenheit bekleidet, sondern einer der anerkanntesten geistigen Führer unserer Gemeinschaft ist, als ständigen Mitarbeiter gewonnen haben. Tel״Aw1w in fünfzig Jahren Eine aktuelle Revue des ״Mataieh״ gl. Tel-Awlw, Anfang November 1933. Wir schütteln alle etwas verwirrt die Köpfe, denn bei der Ausdehnung der Stadt Tel-Awiw vergeht jedem der Atem. Dali man noch durch die Straßen kann, bei dieser Enge und diesem Verkehr, ist ein reines Wunder. Und daß es noch liier und da eine Ecke gibt, wo man auch etwas anderes finden, kann als Baulärm und Betonstaub, ist kaum zu fassen. Wieviel Einwohner diese Stadt bat, weiß kein Mensch. Denn die Zahlen von heute sind morgen ganz bestimmt veraltet. Es springt in die Höhe nach Hunderten und nach Tausenden. Wi« lange noch und die Stadt ist die größte des Landes... Man fragt sich ratlos vor Erstaunen, wie das hier wohl in fünfzig Jahren aussehen wird? Und die Antwort gibt eine Revue der hebrä• isclien Kleinkunstbühne ״Hamataten“ (Der Besen). Zwei Stunden lang sieht man in bunten Bildern die Stadt nach fünfzig Jahren, bic ist in den Himmel gewachsen und kennt nur noch Wolkenkratzer. Sie Bat keinen Platz mehr gefunden, und man Iiat auf Meilen hinaus das Meer zugeschüttet, um Baugrund zu haben. Und man gelangt an den Strand von der Stadt aus im Aeropfan oder in der Untergrundbahn ... Es wimmelt nur so von Hotels, Cafds, Tanzklubs und Kabaretts; alle Zeichen der Entwicklung ins Mondäne und Komfortable, ins Riesige und ״Europäische“ sind ins Giganten* hafte gewachsen. Ueber diese Darstellung, die von Humor und Witz funkelt, die immer wieder überrascht durch erfindungsreiche strahlend farbige Dekorationen, ist die ganze gesunde S el fc « t ve r spojjiuig der Tcl-Awiwer ausgegossen. Dieses ,Wachstum macht ihnen Spaß, und dabei scheu sie doch ganz gut, wie ihnen die Wellen des Wachstums über dem Kopf zusammenschlagen. Der ״Matateh“ läßt in diesem Tel-Awiw von nach fünfzig Jahren noch zwei ״Chainzim“ auftauclien. Es sind zwei uralte wacklige Leutchen, sie jn Rock und Arbeitsbluse, er in kurzen Hosen — ein gerade^n überwältigend komisches Bild — und die sitzen im Klub der hebräischen Schriftsteller, wo man nur noch dadaistische Kunst betreib! und Modegedickte fabriziert. Dem! hier im Klub sind noch ein paar letzte hebräische Bücher aufbewahrl geblieben, und da finden sie noch ein paar Gedichte von Bialik, die überall anderswo vergessen sind; Oneg Schabbath, der Versuch, dem Ruhetag durch Vortrage über jüdische Themata einen kulturell-jüdisehen Anstrich zu geben, ist in einen Tanzklub umgewandelt worden, und nur die Hobimah spielt auch noch int Jahre 1983 dasselbe, was sie frei Jahre 1933 spielte, nämlich den Dybuk. Aber wenigstens hat sie ihre Darstellung umgewandelt und spielt ihn jetzt Ultramodem... So, in einer klugen, witzigen und harmlosen Persiflage, zeigt sich das hebräische Kabarett. Freilich ist der Ausdruck ״Kabarett“ nicht ganz zutreffend. Denn diese Vorstellungen sind auf ganz weite Kreise zugeschnitten. Sie werden in den größten Sälen aufgeführt, es kommen jedesmal Tausende von Leuten aus allen, aber auch allen Schichten des Publikums, von! jemenitischen Lastträger bis 211m amerikanischen Rentier und Bankdirektor, und jeder von diesen Tausenden weiß ganz genau Bescheid, kennt alle Witze, versteht die Anzüglichkeiten, bejubelt politische Pointen und die Persiflage prominenter Persönlichkeiten. In dieser Kleinkunstbühne, di« schon jahre- Jang existiert, aus dem Nichts heraus angefangen hat und ohne große Ansprüche einfach versucht hat, aus dem täglichen Leben des jüdischen Palästina zu schöpfen, ist das vielleicht Beste entstanden, was bisher von künstlerischen Dingen auf palästinensischem Boden gewachsen ist. Es hat eine originelle Note, es greift wirklich auf die lebendigen Vorgänge zurück, es erfaßt das Publikum an der Stelle die es am meisten int er• esslert, nämlich an dem, was täglich vorgeht und was jede! kennt, und es packt die Dinge mit einem gesunden Spot( an, der sowohl den Darstellern als auch dem Publikum glänzend bekommt. Anstatt die große Trompete zu blasen und die Sachen furchtbar ernst zu nehmen, werden sie hier vor! der komischen Seite gepackt, die Juden — sit venia verbo — ziehen sich sozusagen seihst durch den Kakao. Sie lachen über den Bürgermeister von Tel-Awiw, der nur viermal im fahre in der Stadt ist — einmal um die Preise bei der Makkabiade zu verteilen, einmal um die Ausstellung zu eröffnen, einmal zu Chanukkah und einmal zu Purim, wen« er zu Pferde an der Spitze des Karnevals reitet. Sie lachen über die Jemejiitin, die sich europäisiert und nicht mehr Ziporah, sondern Florencc heißen will, sie amüsieren sich über die Parodie ihrer Zeitungen, ihrer öffentlichen Einrichtungen, über die ganze Neigung zu Komfort und Eleganz, Neben dieser Urwüchsigkeit, dem Geistreichtum und der Leichtigkeit der Erlindung spielen technische Mängel eine ganz geringe Rolle. Es macht nicht viel aus, wenn dies und das nicht gelungen ist. wenn die ״modernen“ Tänze etwas daneben geraten und ähnliches. Denn nicht nur Erfindung ist da und Witz, sondern auch erstaunlich viel unverdorbenes schauspielerisches Talent und Temperament, von den schon erwähnten köstlichen Dekorationen ganz zu schweigen. Wenn man aus der Vorstellung kommt, ist man gar nicht mehr so wütend über das unerträgliche Hupen der Autos und den schrecklichen Lärm auf den Straßen, denn — wie wird erst Tel-Awiw in 50 Jahren aussehen?